»Nicht das Sein gibt die Erkenntnis, nur das Werden birgt das Rätsel.«

Eine Einführung in die Gedankenwelt des »Triumph des Unsterblichkeitwillens« von Mathilde Ludendorff anläßlich des Erscheinens der »Erweiterten Inhaltsangabe« zu Teil 2 dieses Werkes: »Wie die Vernunft es sah.«

Von L. Berger

Grundsätzliches zur Beschäftigung mit der Philosophie M. Ludendorffs

Unter dem oben zitierten Leitsatz Mathilde Ludendorffs aus ihrem ersten philosophischen Werk »Triumph des Unsterblichkeitwillens« legt der Verlag Hohe Warte eine erweiterte Inhaltsangabe dieser 1921 erschienenen Grundlegung einer neuen Philosophie vor. Das Büchlein ist ein zweckdienliches Arbeitsmittel, um sich erstmals oder erneut in dieses Werk einzulesen und sich mit seinem erstaunlichen Inhalt vertraut zu machen. Es kann als Leitfaden und als Erinnerungshilfe dienen und ein rasches Nachsuchen zu bestimmten Themen erleichtern. Die dort zu findende dichte Folge der wesentlichsten Lebensfragen des Menschen gibt unmittelbaren Anstoß zum Lesen des Buches und zur geistigen Erarbeitung der darin ausgeführten philosophischen Grundidee Mathilde Ludendorffs und der daraus entwickelten Einsichten und Antworten.

Sie haben einen weitreichenden Fortschritt in der Erkenntnis der Wirklichkeit gebracht und erklären in einem umfassenden Zusammenhang die den Menschen am meisten betreffende und bewegende Frage nach dem Sinn seines Lebens und seines unweigerlichen Sterbens, dem kein Lebender entrinnen kann. In ihrem Werk »Triumph des Unsterblichkeitwillens« legt Mathilde Ludendorff die kühne Deutung vor, daß der Lebenswille des einzelnen, der ewiges Verbleiben im Dasein d.h. Unsterblichkeit ersehnt, jedoch unrettbar dem Todesmuß unterworfen ist, in einer Vergeistigung des Seelenlebens seine Unsterblichkeitssehnsucht erfüllen kann und auf diese Weise über den Tod erhaben wird.

Wegen der auch heute noch ungewöhnlichen Ideenwelt ist es vorrangig, sich ohne Vorbehalte erst einmal die philosophische Aussage zu erschließen und die dafür verwendeten Begriffe sinngerecht zu verstehen. Erst dann kann eine fruchtbare geistige Auseinandersetzung mit den philosophischen Setzungen folgen. Das ist deswegen nicht so einfach, weil es sich um ideelle Inhalte handelt und nicht um die physikalische Welt. Erst bei zutreffendem Verständnis des Wesensgehaltes der ludendorffschen Begriffswelt kann eine fruchtbare geistige Auseinandersetzung folgen, z.B. was ist der philosophische Gehalt des ludendorffschen Sinnfeldes »Wille«: »Wille Gottes zur Bewußtheit«, »göttliche Willenserscheinung in der Entstehungsgeschichte von Welt und Leben«, Auftauchen »göttlicher Willen in der Menschenseele«. Wille ist hier ein Grenzbegriff, eine Hilfsbezeichnung für etwas Jenseitiges, was - vielleicht analog energetischen Feldern der Physik - zwar schon in die Erscheinung getreten ist, aber nur im Geringstmaß in den Raum, die Zeit und die Ursächlichkeit eingeordnet ist. Die Stimmigkeit des Gesamtentwurfs über Welt und Mensch und die inhaltstiefen Antworten zu allen grundsätzlichen Fragen des Einzellebens und des menschlichen Gemeinschaftslebens führen dazu, dem Leser überhaupt philosophisches Fragen zu eröffnen und ihn erkennen lassen, daß er hier seine ureigenste Fragestellung dem Leben und dem Geschichtegeschehen gegenüber vorfindet, und daß das Buch »Triumph des Unsterblichkeitwillens« ihm tragfähige sittliche und moralische Maßstäbe für die eigene Deutung und Erfüllung des Lebens bereitstellt.

Die nötigen Deduktionen und die Überprüfung an der Wirklichkeit sind vornehmlich eine fachwissenschaftliche Aufgabe, und diese erfordert ein Zusammenspiel der verschiedensten geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Disziplinen. Diese schwierige Aufgabe steht noch weitgehend aus - aus bekannten Gründen. Fruchtbare Ergebnisse einer kritischen Betrachtung und die Aufstellung von Leitlinien der Forschung vom Stand der neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aus sind bereits in den Arbeiten von H. Leupold (in: »Die Deutsche Volkshochschule« und dem noch im Jahr 2000 erscheinenden Aufsatzband: »Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft«) zu finden, hinter die nicht mehr zurückgegangen werden kann.

Bei der Auseinandersetzung mit dem Werk »Triumph des Unsterblichkeitwillens« sollte es in erster Linie um die philosophische Grundaussage gehen. Das ist ein philosophisches Unterfangen und nicht eines, wofür die Denklogik der Vernunft beweisfähig ist. »Sein« läßt sich nicht beweisen, nur feststellen, daß es ist und daß es einen allgemeinen Sinnzusammenhang erkennen läßt. Der Grundgehalt dieser Philosophie besteht in der Erkenntnis eines transzendenten Seins und seiner Erscheinung in einigen wenigen Willens- und Wesenszügen in dem bestehenden Weltall. Es geht um die Sinndeutung dieser Schöpfung aus einer jenseitigen Uranfänglichkeit: Ihr Sinn ist das bewußte Erleben dieses jenseitigen (»göttlichen«) Seins durch ein für solches Erleben begabtes Geschöpf.

Auch die neueste naturwissenschaftliche Erforschung der Grundkräfte der Welt und des Lebens und des menschlichen Bewußtseins bewegen sich in Richtung grundsätzlicher Grenzen der Erkenntnis, an denen nur noch mit Hilfe von komplizierten, langwierigen Hilfs- und Rechenverfahren Ergebnisse erzielt werden können. Die philosophische Erkenntnis wie die naturwissenschaftliche Erklärung der Erscheinungswelt stehen aufs Neue vor dem rätselhaften »Ding an sich«, dem für den menschlichen Geist nicht weiter rückführbaren Wesen der Erscheinung. Die Grenze des Erkennbaren hat sich nur im Vergleich zu Kants Zeit hinausgeschoben. Mathilde Ludendorff hat sie für das philosophische Erkennen hinausgeschoben (Erkenntnis des jenseitigen Wesens und Wollens, das sich in den Erscheinungen offenbart), die Naturwissenschaften für das Vernunfterkennen (Erkenntnis über die Erscheinungen, ihre Erscheinungsformen, Grundkräfte und Gesetze).

Die Philosophie Mathilde Ludendorffs wagt den kühnen Schritt einer Sinndeutung, verbunden mit der Überzeugung, daß ihre philosophische Erkenntnis nirgends im Widerspruch zu den Vernunfterkenntnissen aus Natur- und Erfahrungswissenschaften steht. Ein Beispiel: In welch unendlich geringem Maße »das Göttliche« sich in die Formen der Erscheinung Raum, Zeit und Ursächlichkeit eingeordnet hat, wie M. Ludendorff behauptet, beweist die heutige Forschung laufend aufs Neue in staunenerregender Weise, man denke an die Teilchenforschung, die Theorie der Nichtgleichgewichtssysteme mit Phasensprüngen oder die neuen Kosmologien (Theorien über den Kosmos und seine Entstehung), nicht zuletzt denke man an die ungeheure Geschwindigkeit und Komplexität der Hirnvorgänge.

Bei der kritischen Überprüfung dieser vor 80 Jahren entstandenen Philosophie ist es wichtig, sich nicht an dem damaligen Wissensstand Mathilde Ludendorffs, z.B. ihrem Verständnis des Darwinismus und seiner Gleichsetzung mit Materialismus, festzubeißen. Der heutige gesicherte und damit zustimmungspflichtige Wissensstand beantwortet schon vieles mit hohen Wahrscheinlichkeitsgraden, was bei Mathilde Ludendorff philosophisch erschlossen ist, und was sie noch unbefriedigend mit heute nicht mehr zutreffenden Daten aus der Forschung zu belegen suchte. Mathilde Ludendorff hat selbst ausdrücklich ihre philosophischen Einsichten unabhängig gesehen von naturwissenschaftlichen Beweisen, weil es um transzendentes Sein geht. Sie dürften nur nicht in Widerspruch stehen zu gesicherten Erkenntnissen über die physikalische Welt und ihre Kräfte.

Für den philosophisch Interessierten, der sich mit den Werken Mathilde Ludendorffs befaßt, ist als Wahrheitskriterium vor allem wichtig, inwieweit diese Philosophie ihm sinnvolle und lebenstragende Antworten auf seine zentralen Lebensfragen geben kann, und inwieweit sie mehr und tiefer erklärt als andere philosophische Systeme, z.B. was der Mensch ist und wozu er lebt und wie das Weltall sich erklärt und was es an sich ist, d.h. - ontologisch - dem Sein nach ist. Neben der Abgleichung, ob die ludendorffsche Philosophie Wirklichkeit richtig und zusammenhängend abbildet, ist entscheidend für den einzelnen, wie fruchtbar die Anwendung ihrer Grundaussagen für alle Lebensbereiche ist, sowohl für das Erkennen von Mensch und Welt als auch für das Wollen und Handeln, und zwar zur Erhaltung und menschenwürdigen Gestaltung des Einzellebens und des Gemeinschaftslebens, zur Erhaltung von Natur, Kulturen und Völkern.

Die philosophische Grundidee

Die Antworten, die Mathilde Ludendorff im »Triumph des Unsterblichkeitwillens« gibt, gründen sich auf folgende Gewißheiten (beziehungsweise Axiome): Das Weltall von seinen Anfängen an bis zum bewußten Menschen und seinem Seelenleben ist göttlicher Wille in der Erscheinung. Das Wesen der Erscheinungen ist immateriell und zeitlos, ein »Sein« - ein Existierendes - jenseits des Ursache-Wirkung-Gesetzes. Ein göttlicher Wille zur Bewußtheit war Ursprung und Ziel für das Eingehen des Jenseits der Erscheinungswelt in die Erscheinung und in die Formen der Erscheinung. Die Unterscheidung zweier wesensverschiedener Wirklichkeiten ist begründend (konstitutiv) für diese Philosophie, z.B. werden unterschieden: Wesen der Erscheinung und Erscheinung, Jenseits und Diesseits der Erscheinungswelt, seelisches Jenseitserleben und physiologisches Geschehen im Gehirn bei ein und demselben Bewußtseinsvorgang. Aus der Transzendenz, dem »Zustand« des Nichterscheinungseins, beziehungsweise der Vollkommenheit an sich, der Unbedingtheit oder der Freiheit von den Formen der Erscheinung (Raum, Zeit, Ursächlichkeit) entstand ursachlos ein »Wille zur Bewußtheit« als Keim und Träger dieses Weltalls: »Am Anfang war der Wille Gottes zur Bewußtheit«.

Für den transzendenten Wesens- und Willensgehalt der Erscheinungen verwendet die Autorin überwiegend den alten Begriff »Gott« oder »das Göttliche«, um nicht als Materialismus mißdeutet zu werden.

Bewußtes Erleben des in allen Erscheinungen dieser Welt innewohnenden jenseitigen Wesens ist der Sinn und das Ziel der Welt und des Lebens und damit auch des Menschenlebens.

Dieses göttliche Schöpfungsziel trieb die Entwicklung an und ließ im Menschen ein Lebewesen entstehen, das mit wachem Bewußtsein ausgestattet ist, mit Bewußtsein seiner selbst, mit dem Wissen vom Todesmuß sowie mit Freiheitsgraden für Erleben und Handeln. Außerdem besitzt dieses bewußte Lebewesen in seinem Ich schöpferische seelische Entfaltungsmöglichkeiten. Der Mensch mit seinem höheren Seelenleben ist fähig, das Wesen aller Erscheinungen, das transzendente Sein oder »das Göttliche«, zu erleben und auf individuelle Weise zu erfüllen. Göttliche Inhalte zu erleben und in einer Ichentfaltung als Wille und als Bewußtsein in seinem Erleben, Wollen und Handeln zu verwirklichen, ist der Sinn des menschlichen Daseins. Aus dem Sinn des Lebens ergibt sich folgerichtig ein unbedingter Wertmaßstab für menschliches Wollen und Verhalten und für die Gemeinschaftsordnung.

Willensfreiheit - moralische Freiheit

Ihre Grundeinsicht führte Mathilde Ludendorff zu weiteren Erkenntnissen. Wesentliches hat sie über die Willensfreiheit des Menschen geklärt. Vor allem geht es ihr um die moralische Freiheit der Menschenseele zur Erfüllung des Schöpfungszieles. Da das Göttliche seinem Wesen nach Freiheit ist - unbedingte Freiheit jenseits aller Formen der Erscheinung - ist die Freiheit zur Seelenentwicklung und Selbstgestaltung unabdingbare Voraussetzung für die Erfüllung des Schöpfungszieles und ist deswegen bei der Aufwärtsentwicklung der Lebewesen in immer höherem Maße entstanden. Die Freiheitsmöglichkeit des Menschen im Wollen und Handeln macht nun nicht nur die Erfüllung des göttlichen Sinns des Menschenlebens möglich, sondern ist auch der Ursprung für alles Schreckliche, »das Böse«, das von Menschen vollführt wird. So tief sie die entsetzlichen Auswirkungen gottfernen und gottfeindlichen menschlichen Handelns erleidet und verabscheut - Mathilde Ludendorff erklärt diese vermeintliche »Unvollkommenheit« in der vollkommenen Schöpfung aus der Wesenstiefe des Göttlichen und erkennt in der Freiheit zu gottgeeintem, gottfernem oder gottfeindlichem Leben den göttlichen Sinn der Janusköpfigkeit der menschlichen Fähigkeiten zum Guten oder zum Bösen.

Sieg über die Vergänglichkeit durch Vergeistigung des Unsterblichkeitwillens

Eine unerhörte neue Deutung gab Mathilde Ludendorff dem Todesmuß. Und das bewegte sie auch zu der paradoxen Aussage eines »Triumphes des Unsterblichkeitwillens« in der Menschenseele über den Tod, wohingegen sie nachdrücklich darlegt, daß und warum der gesetzliche Alterstod in die Welt kam. Das Sterbenmüssen ist die für den Menschen unerklärlichste und schrecklichste Tatsache, gegen die sein Lebenswille wie in jedem anderen Lebewesen rebelliert und gegen die er doch verliert. Mathilde Ludendorff hebt den Lebenstrieb im Menschen als ein besonderes Sinnfeld heraus. Sie zeigt ihn als Selbsterhaltungswillen, der immerwährend im Leben verbleiben will, und faßt diesen Trieb begrifflich neu als Unsterblichkeitssehnen des Selbsterhaltungswillens, als »Unsterblichkeitwille«. Gegen die Wirklichkeit des Todes als dem endgültigen Ende des Lebens mitsamt dem Ich und all seinem Seelenleben setzt sie die aufsehenerregende Vorstellung eines Triumphes des Lebenswillens über die Sterblichkeit: Entgegen den verschiedensten jahrhunderte- und jahrtausendelang herrschenden Religionen und Glaubenslehren, die ein ewiges Leben nach dem Tode versprachen und die Angst vor dem Tode zu eigenen Machtzwecken mißbrauchten, verlegt Mathilde Ludendorff Unsterblichkeit aus der Transzendenz in die Immanenz, aus dem ewigen Verbleiben im Jenseits nach dem Tode in die zu Lebzeiten mögliche Erhebung der Seele aus den Bedingungen des Diesseits, aus der Fesselung an Zeit, Ursächlichkeit und Zwecke usw. in die zeitlose, unbedingte Freiheit des Jenseits der Erscheinung, in das Erleben des Wesens der Erscheinung. In diesem erhabenen Erleben hat der Unsterblichkeitswille in der Zeitlichkeit Anteil an der »Ewigkeit« und findet in solcher Vergeistigung seine Erfüllung und Erlösung. Damit gewinnt der Mensch seinsmäßig einen absoluten Wert und wird von der Fessel der Todesangst befreit, wird frei von Angst und Hoffnung auf göttlichen Lohn bzw. Strafe für Gut- oder Bösesein nach seinem Ableben.

Das tatsächliche, leibliche Leben im Diesseits erhält durch diese Möglichkeit einen heiligen Wert, und der Tod kann den Menschen gemahnen, die geschenkte Lebenszeit dem göttlichen Sinn zu widmen. Die Möglichkeit, in seinem vergänglichen Dasein aus freiem Entscheid erhabene Inhalte zu erleben, gibt dem Menschen nicht nur seine Würde, sondern weckt in ihm auch die Verantwortung für die Erfüllung des Schöpfungszieles: Bewußtsein Gottes zu verwirklichen. Dann wird er geleitet von dem Wollen, daß dieser Sinn auch weiterhin von Menschen erfüllt werden kann und daß die Möglichkeit freier Seelenentfaltung zu Gott hin in der Menschenwelt gewährleistet bleibt. Dadurch erhalten Arbeit und Einsatz für die Erhaltung des Lebens, für Kultur und Gotterleben ihren immateriellen Wert und ihre Würde.

Unterscheidung von Sittengesetz und Moral

Eine weitere außerordentliche Geistestat Mathilde Ludendorffs in ihrem ersten philosophischen Werk ist die Unterscheidung zweier wesensverschiedener Bereiche des guten Verhaltens. Sie klärt die Grenze zwischen Notwendigkeit und Freiheit in der gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit.

Zum einen definiert sie den Geltungsbereich des Sittengesetzes. Sittengesetz ist die vernünftige Gemeinschaftsordnung mit verpflichtenden Geboten und Verboten und dem Ausgangsmaßstab der Würde des Lebens und der Person. Das Sittengesetz - man vergleiche die modernen Staatsverfassungen - gibt Vorschriften für das Leben im Diesseits. Die sittliche Gemeinschaftsordnung soll als Ersatz für die dem Menschen fehlenden tierischen Instinkte das Leben des einzelnen und seiner Überlebensgemeinschaft und dementsprechend das Leben der Völker erhalten und menschenwürdige Bedingungen gewährleisten - alles Voraussetzung für eine Verwirklichung des Schöpfungszieles. Sie ist deswegen, wie ein Lebensgesetz, zwingend vorgeschrieben. Zum anderen definiert Mathilde Ludendorff den Geltungsbereich der Moral oder Ethik: die Anwendung von allem göttlichen Wünschen, das in der Seele vorherrscht, in der Wirklichkeit, also die Anwendung des zweckfreien Wunsches zum Guten auf die einzelnen Willensentscheidungen der Person. Es ist die geistige Welt des Jenseitserlebens der Seele und all das Schaffen und Wirken, das aus göttlichem Wollen des Ichs erwächst, wie Kultur; Gutsein; Persönlichkeitsentfaltung. Es tritt innerseelisch im Wunsch zum Guten, Schönen, Wahren und in der Menschen- und Gottesliebe in Erscheinung, umfaßt aber weit mehr, als mit diesen Begriffen benannt werden kann. Für das Verwirklichen dieses höchsten Werterlebens muß Freiheit von jedem Zwang herrschen, denn das Wesen des Göttlichen ist Freiheit an sich. Die Entscheidungsfreiheit des Ichs für oder wider Gott (Moral) und das werthaltige Seelenleben und Gestalten des Menschen (»Gotterleben«) sind unantastbar.

Mit gleichem Ernst wird in dieser Philosophie die Verantwortlichkeit des Menschen für sein gesamtes Tun und Lassen festgestellt. Das betrifft die Verantwortlichkeit für das Leben im Diesseits, und es betrifft die Verantwortlichkeit für die eigene innerseelische Entwicklung und die freiwillige moralische Tat: die Übernahme von Verantwortung für die Erhaltung des Gottesbewußtseins in der Welt oder das Verantworten wertfeindlichen Tuns. Auch Fehlverhalten und Schuld müssen persönlich verantwortet werden. Schuld kann nicht ausgelöscht werden, sie muß vom einzelnen getragen werden. Er kann nur eine moralische Antwort darauf finden.

Mathilde Ludendorff hat in ihrer Philosophie dem Menschen und dem Leben ihre transzendente Wertigkeit zurückgegeben, die sie durch Unmoral, Gottlosigkeit und weltüberziehende Verbrechen in Todesgefahr sah. Sie erlöst mit ihren Erkenntnissen von falscher Schuld (z.B. von der Lehre der Erbsünde), von falscher Moral (Unterstellen des Wunsches zum Guten unter Zwang, Lohn- und Strafeverheißung für Gut und Böse), sie erlöst vom irrigen Glauben an ein Leben nach dem Tode, von den wertezerstörenden Lehren des Materialismus und des Nihilismus. Sie zeigt die Befreiung des Menschen von der Fesselung an Lust, Leid, Angst und unsittliches Machtstreben und ebenso die Befreiung von gottfernen Wertungen und Glaubenslehren - allein durch die Hingabe an das göttliche Erleben der Seele und ihre selbstgewollte Entfaltung zur Einheit mit dem Absoluten. Es bedarf zur Erlösung des Unsterblichkeitwillens und der Sehnsucht der Seele nach dem Gleichklang mit dem Göttlichen nur solcher inneren Hingabe, dem ehrfurchtsvollen Staunen vor der Existenz und der Vollkommenheit und Erhabenheit des göttlichen Wesens der Wirklichkeit. Der Mensch muß nichts Vorgezeichnetes erfüllen, um sich zu heiligen, um sein angeborenes inneres Sehnen nach dem wahren Sein zu erlösen. Er kann sich getrost ohne ständige Selbstüberwachung den Aufgaben widmen, die das Leben an ihn stellt und die er selbst aus freiwilliger Verantwortung übernimmt. Die Erfüllung des Unsterblichkeitwillens hebt spontan an und erweckt zuverlässig die innere Gewißheit, daß sich Sinn erfüllt.