Von Dietmar Lange
Am 20. Juli 2000 jährt sich zum 110. Mal der Geburtstag einer überragenden Persönlichkeit, deren Lebenswerk einen kulturgeschichtlichen Rang einnimmt, der durch die Geistesverwandtschaft mit Ulrich von Hutten, mit Friedrich Schiller oder dem aufrechten Demokraten Johannes Scherr bestimmt wird. Sowohl dieser Jubiläumsgeburtstag als auch der 35. Todestag am 11.10.2000 geben Veranlassung, an die unvergleichlichen Verdienste des einstigen engen Mitarbeiters General Ludendorffs zu erinnern, an Walter Löhde.
Als genialer Schriftsteller und erfolgreicher Schriftleiter von Ludendorffs Halbmonatsschrift »Am Heiligen Quell Deutscher Kraft« und später der Nachfolgezeitschrift »Der Quell« gehörte Walter Löhde ohne Frage zu den hervorragenden Köpfen der Ludendorff-Bewegung, vom Gegner respektiert wie kaum ein anderer. Die hohe Wertschätzung durch den Feldherrn fand Ausdruck in den ehrenden Worten, die am Ende eines handschriftlichen Briefes standen, der Löhde am Sterbelager Erich Ludendorffs ausgehändigt wurde:
»Ich danke Ihnen Ihre Treue!«
Der Literaturhistoriker und vielseitig akademisch gebildete Historiker Walter Löhde, dessen Philosophie-Lehrer einst Prof. Wilhelm Capelle gewesen ist, galt mit Recht als der profilierteste, auf der Grundlage gesicherten umfangreichen Wissens wirkende und zu außergewöhnlichen Leistungen befähigte Mitkämpfer Erich und Mathilde Ludendorffs.1)
Walter Löhde wurde am 20. Juli 1890 in Hamburg geboren als Sohn des Goldschmiedemeisters Harry Löhde und seiner Ehefrau Bertha, geb. von der Cammer.2) Nach dem Realschulabschluß begann er 1906 eine Ausbildung an der »Kgl. Zeichenakademie und Fachschule für Edelmetallindustrie« in Hanau a. M., der Stadt der Goldschmiede. Es war nämlich der Wunsch des Vaters, daß sein einziger Sohn das aus kleinsten Anfängen zu einem angesehenen Juweliergeschäft am Hamburger Rathausmarkt entwickelte Unternehmen fortführte. So trat der junge Walter Löhde nach Beendigung einer mehrjährigen theoretischen und praktischen Berufsausbildung in das väterliche Geschäft ein.
Doch seit frühester Jugend folgte der intellektuell Begabte mit wachsender Liebe und zunehmendem Eifer seinen literarischen und künstlerischen Neigungen, und die fanden in dem eher aufgenötigten Beruf des Juweliers keine Befriedigung. Der materielle Vorteil reichte dem nach geistiger Betätigung strebenden jungen Mann nicht aus. Er verstand es, im stillen die liebgewordenen Studien fortzusetzen und Verbindungen zu Künstlern, Dichtern und Schauspielern aufzunehmen. Bald war der Entschluß gefaßt, nach entsprechendem Studium und praktischer Bühnenerfahrung die Laufbahn eines Dramaturgen einzuschlagen.
Der im August 1914 ausgebrochene Weltkrieg vereitelte jedoch diese Pläne. Walter Löhde wurde nach verschiedenen Gestellungen zunächst als Freiwilliger ausgemustert und dem »Landsturm« überwiesen. Anfang 1915 als Angehöriger des »ungedienten Landsturms« eingezogen, wurde er dann zur Ausbildung der »Garde-Ersatz-Brigade« auf dem Truppenübungsplatz Döberitz zugeteilt. Nach dreimonatiger Ausbildung zog er mit seiner Kompanie ins Feld.
Löhdes Frontsoldatenzeit bei verschiedenen Formationen, zuletzt in der Division des Generals Maerker, war geprägt durch die Teilnahme an den Kämpfen zwischen Maas und Mosel, vor Verdun, an der Somme, durch die Tankschlacht bei Cambrai, die Offensive an der Lys und am Kemmel in Flandern, d. h. er diente seinem Vaterland an den entscheidenden Brennpunkten der Westfront. Im Feuer der Materialschlachten wurde dem jungen Löhde das Widersinnige der Christenlehre so recht bewußt, denn jede Seite betete zu demselben »Herrgott« um den Sieg (»Gott mit uns«).
Nach der Rückkehr in die Heimat 1918 mußte sich Walter Löhde zunächst um das väterliche Geschäft kümmern, das unter der beginnenden Geldentwertung, der späteren Inflation, infolge unersetzbaren Bestandsverlustes schwer geschädigt worden war. Aber zugleich nahm er die literarischen und philosophischen Studien an der neugegründeten Hamburger Universität wieder auf. Als Werkstudent hegte er weiter die Hoffnung, doch einmal auf literarisch-künstlerischem Gebiet tätig werden zu können.
Aber auch die politische Entwicklung in Deutschland nach dem Ende des Weltkrieges bedeutete eine zusätzliche Herausforderung. Der Vater Harry Löhde war ein deutschgesinnter und begeisterter Anhänger Bismarcks. Beide Eltern hatten als junge Menschen den Weg zur deutschen Einheit miterlebt und die Reichsgründung aus tiefem Herzen begrüßt. Durch seine Mutter war Walter Löhde bereits im Knabenalter über das Wirken der Jesuiten und die Religion aufgeklärt worden. Die Mutter war es auch, die in ihm ihre eigene Begeisterung für die Dichtung Friedrich Schillers geweckt hatte. Später trugen die eindrucksvollen Inszenierungen der Dramen Schillers im neuerrichteten »Deutschen Schauspielhaus« in Hamburg unter der Regie v. Bergers wesentlich dazu bei, die Kenntnisse über diesen Freiheitsdichter zu vertiefen.3)
Der ehemalige Frontsoldat hatte die »Kriegserinnerungen« General Erich Ludendorffs bereits im Erscheinungsjahr 1919 gelesen. Tief beeindruckt und von Freunden auf weitere Veröffentlichungen des Feldherrn Mitte der zwanziger Jahre hingewiesen, erschloß sich Walter Löhde allmählich die Gedankenwelt des Hauses Ludendorff, zumal er bereits 1922 seinen Austritt aus der evangelischen Kirche vollzogen hatte. Das Studium der philosophichen Grundlagen Schopenhauers und Kants, die Kenntnis der Gedankenwelt Nietzsches und anderer Dichter und Denker seit der Antike stellten eine solide Vorbereitung dar.
1931 veranlaßten die unsachlichen Angriffe von theologischer Seite auf Mathilde Ludendorffs Enthüllungswerk »Erlösung von Jesu Christo« Walter Löhde, eine literarische Verteidigung der Verfasserin zu publizieren. Mit der Schrift »ECCE HOMO« (1932) begann der Autor die umfangreiche, am Ende viele Bände füllende Reihe seiner Veröffentlichungen. Die Bibliographie sämtlicher Veröffentlichungen einschließlich der Zeitschriftenaufsätze umfaßt beachtliche 28 Seiten.4) 1934 erschien, zusammengestellt von W. v. d. Cammer, die aufklärende Sammlung »Von Tacitus bis Nietzsche - Die gedanklichen Grundlagen des Kulturkampfes in Aussprüchen und Meinungen aus zwei Jahrtausenden« im Düsseldorfer Nordland-Verlag. Den Schriftstellernamen von der Cammer wählte Löhde nach dem Geburtsnamen seiner Mutter, um das väterliche Geschäft nicht zu belasten.
Auf die literarische Begabung schon 1934 aufmerksam geworden (»Dieser Herr von der Cammer ist doch ein ausgezeichneter Schriftsteller«), berief General Ludendorff Herrn Löhde bald darauf hauptberuflich nach München, um ihm die Leitung der »Schriftenreihe« des Ludendorff Verlages und kurze Zeit später die Schriftleitung der Halbmonatszeitschrift »Am Heiligen Quell Deutscher Kraft« zu übertragen. Die Zusammenarbeit mit dem Feldherrn Ludendorff verlief bis zu dessen Tod am 20.12.1937 ohne jede Mißhelligkeit, wobei jener abweichende Ansichten, begründet dargelegt, durchaus gelten ließ. So sprach sich, bei allem Verständnis für General Ludendorffs schwerwiegende Gründe, Walter Löhde 1937 entschieden gegen dessen Aussprache mit dem Reichskanzler Adolf Hitler aus.5) Aber noch am 25.8.1937 sah sich Erich Ludendorff veranlaßt, Propagandaminister Goebbels in einem Schreiben aufzufordern, dafür Sorge zu tragen, daß »dem Schriftsteller Walter Löhde nicht wieder neue ungerechtfertigte Vorwürfe gemacht werden und er in der Ausübung seines Berufes, den er mit größter Hingabe wahrnimmt, beschränkt werden könnte.« 6)
Als grundsätzlicher Gegner der nationalsozialistischen Diktatur begrüßte Walter Löhde in Kenntnis der Zusammenarbeit katholisch-klerikaler Kreise mit Hitler ganz besonders die klare Haltung des Hauses Ludendorff gegenüber dem Nationalsozialismus. Walter Löhde gehörte zu den wenigen Zeitzeugen, die aus persönlicher Erinnerung von Ludendorffs Telegramm an den Reichspräsidenten v. Hindenburg wußten (»Sie haben durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler einem der größten Demagogen aller Zeiten unser heiliges deutsches Vaterland ausgeliefert....«)7) Als im Zuge ihrer Recherchen für den verleumderischen SPIEGEL-Artikel vom 17. Februar 1960 Reporter auch Herrn Löhde interviewten, wies dieser sie ausdrücklich auf jenes Dokument hin mit den Worten: »Wenn Sie das nicht erwähnen, sind Sie Lumpen!«8) Entgegen aller Polemik hat der SPIEGEL damals das Telegramm tatsächlich im vollen Wortlaut wiedergegeben.
Trotz zunehmender Behinderungen und Maßregelungen durch das Reichspropagandaministerium führte Walter Löhde die Schriftleitung des »Am Heiligen Quell« bis zum Kriegsausbruch weiter, als die Zeitschrift ihr Erscheinen einstellen mußte, und blieb verantwortlich für die Verlagsgeschäfte und die Herausgabe der Schriftenreihe bis zum Mai 1945.
Im Januar 1945 wurde das Ehepaar Löhde bei einem Luftangriff auf München total »ausgebombt«, wie man damals sagte. Nach vorübergehender Aufnahme im Hause Ludendorff in Tutzing bezogen Löhdes in Jenhausen, 15 km südlich von Tutzing, ein Notquartier. Nach der sogenannten »Befreiung« durch plündernde Franzosen schwer mißhandelt und der letzten Barmittel beraubt, fristete Walter Löhde sein Leben durch Wald- und Feldarbeit. Als später die US-Militärregierung wieder die Verwaltungsarbeit deutscher Behörden in Gang setzte, erhielt das Ehepaar Löhde eine Fürsorge-Unterstützung von monatlich 75 Mark.
Im Winter 1945/46 nahmen die aufgrund des Entnazifizierungsgesetzes der Besatzungsmächte eingerichteten Spruchkammern ihre Tätigkeit auf. Auch der NS-Gegner Walter Löhde mußte sich als Mitarbeiter des »belasteten« Feldherrn Erich Ludendorff vor der Spruchkammer verantworten. Da er infolge der totalen Ausbombung keine Entlastungszeugnisse beibringen konnte, sah er sich auf Anraten seines Anwalts genötigt, den Spielregeln eines Zeitgeistes der Heuchelei Tribut zu zollen und seinen Eintritt in die evangelische Kirche zu erklären. Er glaubte diesen Schritt in derartig existenzieller Not sich selbst (und den nicht immer Verständnis aufbringenden »Freunden«) zumuten zu müssen, weil das Gesetz vorsah, daß im Falle seiner Einstufung als »Belasteter« auch seine kleine Altersrente entfiele. Es herrschten schlimme Zustände, da christliche Unduldsamkeit einen mittellosen Schriftsteller dazu zwingen konnte, jenen »Notschritt Luther gegenüber«, wie Frau Dr. Ludendorff es später nannte, um der bloßen Existenz willen auf sich zu nehmen. Nach dreijähriger Verfahrensdauer 1949 von der Hauptspruchkammer München als »Nichtbelasteter« freigesprochen, trat Löhde selbstverständlich wieder aus der Kirche aus, denn an seiner Überzeugung hatte sich nichts geändert.
In der Zeit von 1945 bis 1950 blieb Walter Löhde schriftstellerisch jedoch nicht untätig. Trotz der zum Lebensunterhalt notwendigen Wald- und Feldarbeit fand er immer noch Zeit zu Geschichts- und Literaturstudien, so daß eine stattliche Reihe von Manuskripten entstehen konnte. Damit wurde die Grundlage geschaffen für die spätere Leistung bewunderungswürdiger Bücher, Schriften und Abhandlungen in der seit 1949 vom Verlag Hohe Warte unter Leitung von Frhrn. Franz Karg von Bebenburg herausgegebenen Zeitschrift »Der Quell«. Für die ersten Nachkriegsveröffentlichungen wurde der Schriftstellername Lothar Wedel verwendet, später auf Wunsch des Verlegers das Pseudonym Heinrich Fechter. Im »Quell« startete Löhde eine literarische Glanzleistung unter den satirischen Titeln »Spruchkammer-Verhandlung 1. Instanz im Jenseits«, »Auszüge aus stenographischen Protokollen«, »Entnazifizierung des Dichters Johann Wolfgang v. Goethe«.
Im Jahre 1955 übertrug Frau Dr. Mathilde Ludendorff dem bewährten, seinen Gegnern geistig stets überlegenen Schriftsteller die Leitung des »Quell«, der bis zum verfassungswidrigen Verbot (in Folge 10 vom 23.5.1961 erschien noch sein Artikel »Jesuiten in der Schweiz«) durch ihn sein unverwechselbares Gepräge erhielt. Nicht eine einzige Zeile aus Löhdes Feder konnte zur Begründung des Verbotes angeführt werden, eine angesichts der Summe von Veröffentlichungen äußerst bemerkenswerte Tatsache!
Neben der Fülle wissenschaftlich fundierter Aufsätze und Gedenkartikel sind es vor allem Löhdes hervorragend recherchierte Bücher, die sein literarisches Vermächtnis dokumentieren.
Waren bereits im Nordland-Verlag erschienen »Von Tacitus bis Nietzsche« (1934), »Für Gewissens- und Glaubensfreiheit« (1934) und »Wider Kreuz und Krummstab« (1936), so veröffentlichte Löhde im Ludendorffs Verlag (außer seinen ersten Schriften) den kleinen Band »Erich Ludendorffs Kindheit und Elternhaus« (138 Seiten) 1938, »Der Papst amüsiert sich« (140 Seiten) 1939 sowie »Ein Kaiserschwindel der ,hohen‘ Politik« (418 Seiten) im Kriegsjahr 1941. In diesem Werk geht es um die merkwürdige Errichtung des mexikanischen Kaiserreiches durch Napoleon III., so daß zunächst die nicht minder bemerkenswerten Tatsachen im Zusammenhang mit der Entstehung des französischen Kaiserreiches dargestellt werden. Das fesselnd und abwechslungsreich geschriebene Buch deckt gerade jene Zusammenhänge auf, die meistens bei den historischen Darstellungen unberücksichtigt bleiben, die aber für die geschichtliche Entwicklung bestimmend und entscheidend gewesen sind. Wie alle Bücher Löhdes enthält auch der »Kaiserschwindel« selbstverständlich ein ausführliches Verzeichnis nicht nur deutschsprachiger Quellen und Literatur, dazu viele Abbildungen.
Im Verlag Hohe Warte erschien dann 1954 »Ulrich von Hutten - Ein Leben für die Freiheit« von Heinrich Fechter (Walter Löhde), ein Buch von 544 Seiten einschließlich wissenschaftlichen Anmerkungsapparates, das die dichterischen Qualitäten des Autors und seine außerordentliche sprachliche Ausdruckskraft und dramaturgische Gestaltungsfähigkeit zeigt, aber auch die Fähigkeit zu einfühlsamen Schilderungen von Landschaften, Personen und Situationen. Übersetzungen aus dem Lateinischen bereichern die Darstellung ebenso wie Beispielssätze authentischer niederdeutscher Sprache im norddeutschen Raum (Mecklenburg) bei der Wiedergabe von Dialogen. Dennoch, das Buch ist mehr als ein »historischer Roman« im üblichen Sinne. Folgen wir dazu dem Klappentext des Schutzumschlages in Löhdes eigener Sprachgebung:
»Vor rund 200 Jahren rief der deutsche Dichter und Theologe Joh. Gottfr. Herder dazu auf, dem deutschen Volk die Gestalt Ulrichs von Hutten näher zu bringen. Huttens Schriften sind zwar inzwischen gesammelt. Sie sind aber in lateinischer, bzw. altertümlich-deutscher Sprache verfaßt und somit für die meisten Deutschen heute unverständlich. In diesem Buche wird nun die Gestalt Huttens in der bewegten Umwelt der Reformationszeit lebendig. Hier ist Hutten redend, handelnd und wirkend dargestellt. Seine Abenteuer, Erlebnisse und Schicksale sind in diesem Buche zu einem spannenden Tatsachenbericht zusammengefaßt. Die packenden und eindrucksvollen Darstellungen beruhen auf einwandfreien geschichtlichen Unterlagen. Die Worte, die Hutten und seine Zeitgenossen in diesen Schilderungen sprechen, sind ihren Schriften, Briefen und anderen Urkunden entnommen. Der Leser vernimmt also Hutten, seine Mitkämpfer und Gegner selbst. In diesem Buche tritt dem Leser somit kein erdichteter, sondern der geschichtliche Hutten entgegen. Der Leser nimmt teil an jenen umwälzenden revolutionären Ereignissen der so überaus bewegten Reformationszeit. [...] Im Rahmen jener politischen Unruhen, der religiösen und kirchlichen Bewegungen, die mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts ausbrachen, verfolgt der Leser das äußere Leben und die geistige Entwicklung Ulrichs von Hutten. Er begleitet den Jüngling bei seiner Flucht aus dem Kloster, den Studenten auf seinen mühseligen Wanderungen durch Deutschland und Italien, er sieht seine Not und sieht den Verfolgten das Leben auf der Insel Ufenau beschließen. Das Buch schildert einen der bedeutendsten Abschnitte deutscher Geschichte und das ergreifende Schicksal eines edlen, uneigennützigen und unerschütterlichen Kämpfers für Freiheit, Wahrheit und Recht. [...] Ein Mann, der gerade heute wieder so ungewöhnlich zeitgemäß erscheint.«
In einem erstaunlich kurzen Zeitraum von nur knapp 12 Wochen schuf Löhde sein nächstes Buch, »Friedrich Schiller ein deutscher Revolutionär«, das rechtzeitig im Schillerjahr 1955, zur 150. Wiederkehr seines Todesjahres, erscheinen konnte. (317 Seiten). »Schillers große Persönlichkeit, sein überragender Geist, seine unabdingbare Forderung nach Freiheit, seine erhabene Weltanschauung und die damit verknüpften hohen sittlichen Forderungen an die Menschheit« sind nach Ansicht des Autors Ursache dafür, daß wohl an keinem Dichter so viel genörgelt und gelobt worden ist wie an Friedrich Schiller. Wohl kennt man allgemein (bei der heutigen Schulbildung nicht unbedingt) den Dramendichter. Aber damit ist nach Walter Löhdes Feststellung »weder Schillers Wirken und Schaffen noch seine Jahrhunderte überragende Bedeutung erschöpft.« Er wollte mit diesem Buch den unbekannten Politiker und Staatsmann darstellen, dessen Beruf Schiller nicht praktisch ausüben konnte, da er nicht berufen wurde bzw. vor seiner Berufung nach Berlin plötzlich und unerwartet starb. Der Dichter kommt darin mit Briefen, Schriften und Dichtungen zu Wort, die dem literaturgeschichtlich unbewanderten Leser völlig unbekannt geblieben sind. Aus politischen Gründen hatte der Dichter selbst davon manches verändert oder gänzlich unterdrückt. »Somit spricht«, heißt es weiter im Klappentext, »hier der Revolutionär Schiller, der sich nicht nur gegen seinen Landesherrn empörte, sondern den Zeitgenossen und darüber hinaus den Menschen kommender Jahrhunderte die Freiheit erkämpfen wollte.«
Wie alle Löhde-Bücher erwies sich der Band mit der Fülle an treffenden Zitaten auch aus der Sekundärliteratur als eine wahre Fundgrube. Anhand solcher Zitate kam es dem Autor immer wieder darauf an, die Übereinstimmung Schillerscher Gedanken mit grundlegenden Einsichten der Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs zu belegen:
»Wogegen sich aber Schiller mit all der ihm verfügbaren Kraft und auch Schärfe wandte, das war das Bestreben, ... die Religion dazu zu benützen, um die Menschen zu beherrschen. Daher seine Angriffe auf die Kirche, das Priestertum, geistliche Ordensgemeinschaften und Freimaurerei, wenn diese über ihr eigentliches Gebiet griffen. Aus keinem anderen Grunde aber tat Schiller dies, als weil er so stark erfühlte und erlebte, daß es jetzt darauf ankomme, daß jeder einzelne Mensch sich selbst führen und leiten müsse, aber einer Bevormundung nicht mehr bedürfe, die seiner unwürdig sei. Die Anlage zur Gottheit fand er ja in jedem Menschen; sie auszubilden hielt er als Forderung der kommenden Zeit an jeden einzelnen Menschen gerichtet. Ihr zur Verwirklichung zu helfen, das war sein Dienst an der Menschheit. [...] Und an diesem Geisteskampfe Schillers wird die kommende Schiller-Forschung auch nicht mehr mit Stillschweigen vorübergehen können, denn gerade hier offenbart sich ja ganz eminent Schillers Denken: gegen seine Zeit im Dienste der kommenden Zeit.«9)
1959 brachte der Verlag Hohe Warte gleich zwei Löhde-Bücher auf einmal heraus, denn wieder handelte es sich um ein Schillerjahr: Wiederkehr des 200. Geburtstages. Für Walter Löhde stellte es einen besonderen Höhepunkt seines erfolgreichen Wirkens dar, denn er berichtete in einem Brief:
»Unsere Schiller-Folge des Quell ist sehr gut verkauft worden. Der Verlag hatte eine höhere Auflage drucken müssen. Zumal bei meinem Vortrag in Stuttgart wurde die Folge gut abgesetzt. Das Buch war ja leider noch nicht greifbar. Der Vortrag hat sehr gut gewirkt. Der größte Saal der Stadt - über 2000 Plätze - war ausverkauft. Dreimal wurde ich von Beifallskundgebungen unterbrochen. Man sieht also wieder einmal, wie wichtig es ist, Hinweise auf das Geschehen heutiger Zeit in solche Themen einzuflechten. [...]
Dieser Erfolg war darum so bemerkenswert, weil in Stuttgart während einer ganzen Woche vorher Schiller-Vorträge gehalten worden waren. Diese waren indessen zu akademisch und erhielten nur Achtungserfolge. Schon der lebhafte Besuch meines Vortrages und dessen Wirkung ist für unsere Bewegung erfreulich. Denn jemand von uns beschloß auf diese Weise die Stuttgarter Schiller-Woche. Am Vormittag hatte Zuckmayer in Marbach gesprochen und - wie mir die Leute vom Schillerbund sagten - sehr enttäuscht. Ein berühmter Name ist eben noch kein Ersatz für einen guten Schiller-Vortrag.«10)
Bei dem kurze Zeit später erschienenen Buch handelte es sich um das 396 Seiten umfassende Werk »Friedrich Schiller im politischen Geschehen seiner Zeit« von Walter Löhde.11) Diesmal kam es dem Autor darauf an, dem Leser vor allem die politischen und sozialen Verhältnisse jener Zeit zu verdeutlichen. Schiller erlebte die folgenreichste Revolution in Europa, die französische Revolution von 1789, und den Aufstieg Napoleons I. Er war zum Ehrenbürger der neuen Republik ernannt worden, nahm infolgedessen regen Anteil an der politischen Entwicklung in Frankreich und überblickte deren Folgen für Deutschland. »Seine Kritik der Ereignisse, seine aufbauenden politischen und sozialen Gedanken weisen weit über seine Zeit hinaus .... Im engsten Zusammenhang mit den politischen Umwälzungen steht das weitverzweigte und mannigfach verschachtelte Geheimordenswesen des 18. Jahrhunderts. Da dies aus dem politischen und kulturellen Geschehen nicht wegzudenken ist, da die äußeren Begebenheiten sonst unverständlich bleiben würden, ist diesem Buch, im Zusammenhang mit Schillers Aufklärungsroman ,Der Geisterseher‘, ein besonderer Abschnitt gewidmet, der dieses Geheimordenswesen mit Bezug auf die Politik und auf Schillers Persönlichkeit entwirrt.«12)
Und das zweite 1959 vom Hohe Warte Verlag veröffentlichte Buch Walter Löhdes trägt den vielsagenden, in der Aktualität recht zeitgemäßen Titel »Die Deutschen sind an allem schuld!« - Bismarck und der Weg zur deutschen Einheit (327 Seiten).13)
Ausgehend von der Tatsache, daß die geschichtlichen und politischen Auseinandersetzungen in unserer Zeit eine gründliche Kenntnis der Ereignisse des 19. Jahrhunderts erfordern, setzt sich das Buch mit den historisch-politischen Vorgängen auseinander, die zur Reichsgründung 1871 geführt haben. Da Politik sich zu keiner Zeit in äußerlichen Erscheinungen oder Machtfragen erschöpft, sondern von geistigen Kräften, die im Hintergrund wirken, wesentlich bestimmt wird, Kräfte, die die politischen Bestrebungen der Machthaber nach ihren eigenen Fernzielen zu leiten versuchen, dürfte es unerläßlich sein, diesen Kräften ebenfalls Aufmerksamkeit zu schenken. Deshalb bietet dieses Buch eine reichhaltige Dokumentation, die an Aktualität wirklich nichts einbebüßt hat: »Die heute immer wieder angestellten Versuche, den Deutschen alle Schuld an den Kriegen des 19. Jahrhunderts zuzuschieben und sie für alle politischen Verwicklungen verantwortlich zu machen, werden durch ein unwiderlegbares Tatsachenmaterial und die Zeugnisse der Zeitgenossen ein für alle Mal als Irrtum oder Böswilligkeit nachgewiesen. Zumal die preußisch-französischen Auseinandersetzungen, die schließlich zu dem deutsch-französischen Krieg von 1870 führten und die Gründung des Deutschen Reiches bewirkten, erhalten die richtige Beleuchtung. Durch die Äußerungen französischer Politiker aus der Zeit werden die Unwahrheiten der heutigen Propaganda, die Deutschen hätten i. J. 1870 Frankreich 'überfallen', richtig gestellt. Aber man erkennt auch, daß nicht die Völker ... diesen größten und folgenreichsten europäischen Krieg gewollt und herbeigeführt haben, sondern täuschende und getäuschte Politiker, die wiederum ahnungslos von internationalen, geistigen Mächten beeinflußt wurden, während sie meinten, nationale Interessen wahrzunehmen. Da sich in Frankreich diese Erkenntnis immer mehr durchsetzt, wird das Buch zu einem wichtigen Beitrag zu einer deutsch-französischen Verständigung.«14)
Ein Beispiel für die Aktualitätsbezüge erkannte Löhde u. a. auch im Fall der die Öffentlichkeit schockierenden Hakenkreuzschmierereien an der Kölner Synagoge 1959. Daß diese Untat ein »Werk« östlicher Geheimdienste gewesen ist, wie wir heute wissen, konnte auch Herr Löhde damals nicht ahnen. Überrascht hätte ihn diese Mitteilung nicht:
»Wenn Sie wissen wollen, welchem Zweck die Schmierereien an der Synagoge dienen sollen, lesen Sie in meinem Bismarck-Buch die Seiten 30-34 und Sie werden im Bilde sein. Die Karlsbader Beschlüsse werden bald die Bonner Beschlüsse eingeholt haben. Es metternichtet bei uns, und es wird hinsichtlich der Geistesfreiheit bald mitternächtig.«15)
Und so kam es auch, beginnend mit dem polemischen SPIEGEL-Artikel vom 17.2.1960 in seiner eindeutig diffamierenden Tendenz. Es folgte schließlich das Verbot durch die Innenminister der Länder vom Mai 1961, das nach 16jährigem Rechtsstreit als verfassungswidrig aufgehoben werden mußte. Diesen Erfolg hat Walter Löhde nicht mehr miterlebt, aber zunächst war seine klare Prognose (Hinweis auf Metternich) erst einmal eingetreten.
So hart die wider Recht und Gesetz erfolgte Verbotsmaßnahme den Schriftsteller Walter Löhde und seine tapfere Frau Käthe wirtschaftlich auch traf, seine unermüdliche Schaffenskraft blieb davon unbeeinträchtigt, obwohl gesundheitliche Probleme sich zunehmend erschwerender auswirkten. Das Manuskript seines nächsten Buches blieb dem Zugriff der sechs Kriminalbeamten, die Löhdes Wohnung durchsuchten, allerdings verborgen. An Drucklegung war jedoch vorerst nicht zu denken.
Für den in historischen Daten denkenden Mann bot sich das Jahr 1962 zu einer weiteren Arbeit an. Es entstand das 127 Schreibmaschinenseiten (dazu 4 Seiten Literaturangaben) umfassende Typoskript »1812 - Eine europäische Schicksalswende vor 150 Jahren«. Die spannend verfaßte Darstellung behandelt den Rußlandfeldzug Napoleons I.16)
Eine Genugtuung bedeutete Walter Löhde das Erscheinen seines den Kulturkampf der Bismarckzeit behandelnden Buches, das 1964 der Pfeiffer Verlag in Hannover auf den Markt brachte und das den Titel trägt »Das päpstliche Rom und das Deutsche Reich. Eine einzigartige, zeitnahe und aufschlußreiche Dokumentation.« (261 Seiten).17) Das Buch fand vielfache Beachtung. So urteilte die »Hochschule für Politische Wissenschaften« in München:
»Diese das Verhältnis des Vatikans zum Deutschen Reich von 1870/71 bis 1888 aus liberaler Grundeinstellung behandelnde Publikation bringt eine Fülle entsprechenden Dokumentenmaterials, das durch verbindende Texte erläutert bzw. untermauert wird.[...] Das Schlußkapitel bringt eine Gesamtwürdigung mit einem Rückblick in die jüngste Vergangenheit.«
Die »Heilbronner Stimme« schrieb am 6.6.1964 u. a.:
»Der Kulturkampf Bismarcks erscheint in einem völlig neuen Licht. Wenn diese Zusammenstellung auch nicht gerade den ungeteilten Beifall der katholischen Geistlichkeit finden dürfte - an ihrem Wahrheitsgehalt ist kaum zu zweifeln.«
Der Österreichische Rundfunk, Studio Klagenfurt, meinte am 25.7.1964:
»Gegenüber den meist verschwommenen, allgemeinen Vorstellungen davon (vom Kulturkampf) gibt dieses Buch in seinen einzelnen Abschnitten und durch die Fülle seiner Zitate eine durchaus sachgebundene Schilderung, die den Umfang des gesamten Problems sichtbar macht und sich nicht in einigen wenigen Feststellungen apodiktischer Art oder in vagen Thesen verliert. Interessenten sei daher diese wertvolle Dokumentation empfohlen.«
In der Schweiz urteilte das »Luzerner Tageblatt« vom 9.5.1964:
»...Löhde schildert dem Leser diese Zeitepoche des Kulturkampfes in seinem sehr gut dokumentierten Werk sehr anschaulich. Auch wenn man mit dem Verfasser in seinen Folgerungen nicht immer einig geht, so liest man doch sein wohlfundiertes Buch mit großem Interesse.«
Abschließend sei noch das »Flensburger Tageblatt« vom 23.4.1964 zitiert:
»...Von bleibender Wirkung war die Einführung der Zivilehe. ... Ein hochinteressantes Kapitel und eine hochinteressante Zusammenstellung von Quellentexten.«18)
Handschriftlicher Brief Walter Löhdes anläßlich des Erscheinens von »Rom und Reich« mit dem Hinweis auf die Arbeit am letzten Buch, das den Titel erhielt »Vatikan und Kreml - Ein Kampf um die Macht durch fünf Jahrhunderte«. Das Erscheinen dieses ca. 400 Seiten starken Werkes hat der Autor nicht mehr erlebt.
Unter dem Pseudonym Wilhelm Leonhardt veröffentlichte der Hans Pfeiffer Verlag Löhdes letztes Werk, wenige Wochen, nachdem am 11. Oktober 1965 der Tod seinem schaffensreichen Leben ein Ende gesetzt hatte.
In diesem mit gewohnter Sorgfalt und großer Quellenkenntnis erarbeiteten Buch wird nachgewiesen, mit welcher Zielstrebigkeit der Vatikan immer wieder versucht hat »und trotz der derzeitigen fast aussichtslosen Lage für ihn noch immer versucht, der Glaubensüberzeugung in Rußland eine andere Richtung zu geben.« (aus dem Klappentext). Es beginnt, schreibt Löhde, mit dem Demetrius-Schwindel und endet beim Konzil von 1962. Seit dem Ende der Sowjetunion ergeben sich teilweise völlig neue Perspektiven, so daß man die Gestaltung der Beziehungen zwischen Vatikan und Kreml auf der Grundlage des reichhaltigen Quellenmaterials mit geschärftem Blick wahrzunehmen in der Lage ist.
Am Ende seines schaffensreichen Lebens waren auch diesem großartigen Verfechter von Geistesfreiheit und Wahrheit »die Bürde des Alters«, wie er selbst einmal schrieb, Krankheit und seelisches Leid nicht erspart geblieben.
Seinen 75. Geburtstag mußte er, »recht getrübt« durch das Befinden seiner lieben Frau, »soweit und solange es die Krankenhausordnung zuließ«, an ihrem Krankenbett verbringen. Aber »Licht in diesen trüben Tag brachte eine wahre Hochflut von Telegrammen, Briefen, Blumen und Karten, mit denen man mir die Anerkennung meiner 35jährigen Tätigkeit oft mit begeisterten Worten zum Ausdruck brachte. Ich werde wochenlang zu tun haben, um allen diesen treuen Menschen zu antworten.«19)
Löhdes unbestechlicher Wahrheitswille ließ ihn sicher gelegentlich unbequem erscheinen. Seine Fähigkeit zu realistischen Einschätzungen in bestimmten Situationen wurde mitunter als Mangel an Mut fehlinterpretiert. Uneingeschränkte Bewunderung fanden seine schriftstellerischen Fähigkeiten, sein phänomenales Gedächtnis, sein Kenntnisreichtum, sein fundiertes Fachwissen.
In seinen Büchern, Schriften und Aufsätzen lebt Walter Löhde weiter. Seine Verdienste im Geisteskampf für Freiheit, Wahrheit und Menschenwürde bleiben unvergessen.