Nach einem Vortrag von James E. Akins, ehemaliger amerikanischer Botschafter in Nahen Osten1)
Von Nora Seligmann
Die bislang nie offiziell eingestandene Wahrheit über das Schicksal des Schiffes »USS Liberty« der amerikanischen Kriegsmarine ist bezeichnend für die Machtstellung, über die Israel in Nordamerika verfügt.
Am 8. Juni 1967, also während des 6-Tages Krieges, den Israel gegen seine Nachbarn führte, wurde das Schiff im Mittelmeer von israelischen Streitkräften angegriffen. 34 Amerikaner mußten ihr Leben lassen, 171 wurden zum Teil schwer verwundet. Die Überlebenden und Angehörigen der Opfer versuchen seit jetzt über 32 Jahren, von ihrer Regierung die Sache öffentlich aufklären zu lassen.
Es fehlt nicht an gesicherten Erkenntnissen über den Hergang. Die USS-Liberty war ein Spähschiff und befand sich seinerzeit in internationalen Gewässern. Die Aufklärung bestand im Abfangen von Funksprüchen und sollte der amerikanischen Führung unabhängige Einsicht in die Entwicklung der Krise in Nahost vermitteln.
Das Schiff wurde gegen Ende Mai 1967 aufgrund der Zuspitzung des Verhältnisses zwischen Israel und Ägypten in das östliche Mittelmeer geschickt. Es war dort angekommen, als Israel am 5. Juni Ägypten angriff und als erstes dessen Luftwaffe auf dem Boden zerstörte. Der Kommandant der USS-Liberty forderte einen Zerstörer als Schutzgeleit an, der auch als zusätzliches Kommunikationszentrum dienen konnte.
Am nächsten Tag erhielt er einen ablehnenden Bescheid mit der Begründung, daß die Liberty ja nicht am Krieg teilnehme, deutlich sichtbar als amerikanisches Schiff ausgezeichnet sei und sich in internationalem Gewässer befinde. Es brauche daher mit keinerlei Bedrohung zu rechnen.
Gegen Abend des 7. Juni lag die Liberty 13 Meilen vor der Küste von Gaza, also in internationalem Gewässer. Der Pentagon entschied in dem Moment, es doch sicherheitshalber auf 20 Meilen Entfernung von der Küste zurückzunehmen. Diese Anweisung erreichte die Liberty aber nicht, wovon der Pentagon aber zunächst nichts erfuhr; die Nachricht war irrtümlicher Weise an die Flottenführung in den Philippinen gegangen.
Seltsamerweise erreichte auch eine weitere Anweisung, auf 100 Meilen Abstand zu gehen, die Liberty nicht: Nachdem das Schiff den Erhalt der ersten Anweisung nicht bestätigt hatte, ließ der Pentagon jetzt seinen Befehl direkt - nicht mehr über die Admiralität - an die Liberty gehen. Der Befehl war aber als »Top Secret« eingestuft und das Schiff war so nicht in der Lage, ihn zu erhalten. Der Kommandant blieb somit auf seinem ursprünglichen Kurs Richtung Gaza, verließ aber nicht internationales Gewässer.
Um neun Uhr morgens näherte sich ein Flugzeug, dessen Kennzeichnung nicht sichtbar war; es drehte dann ab in Richtung Gaza. Um zehn Uhr kamen zwei Kampfflugzeuge so dicht heran, daß Offiziere der Liberty mit Fernstechern die Anzahl der Raketen unter den Tragflächen zählen konnten. Wieder aber war keine Kennzeichnung sichtbar. Die beiden Maschinen umflogen das Schiff dreimal und mußten dabei seine Kennzeichnung und die große amerikanische Flagge deutlich gesehen haben.
Um 10:30 umflog eine Drohne langsam das Schiff, so daß dessen Pilot auch die Kennzeichnung des Schiffes deutlich erkannt haben mußte. Sie kam auf 600 Meter herab und die Schiffsbesatzung konnte in dem Fall die israelische Kennzeichung sehen. Der Vorgang wiederholte sich um 11:00 und um 11:30.
Die Liberty setzte in langsamer Fahrt die Patrouille fort, als um 14:00 zwei Mirage-Düsenjäger direkt auf das Schiff zukamen. Sie trugen keine Kennzeichnung, die Schiffsbesatzung nahm jetzt aber an, daß es sich um Israelis handelte. Es wurden daher keinerlei Sicherheitsvorkehrungen getroffen; im übrigen war das Schiff ja auch nicht auf Verteidigung ausgelegt. Die beiden Maschinen beschossen die Liberty ungehindert und verursachten erheblichen Schaden.
Der Kommandant informierte sofort die Führung der Kriegsmarine und forderte sofortigen Beistand an. Derweil hatte mindestens ein Mitglied der Besatzung beobachtet, wie ein U-Boot sein Periskop im Fahrwasser der Liberty zeigte und wie sich später herausstellten, den ganzen Hergang gefilmt hatte. Dieser Umstand wurde später von drei anderen Personen, die darüber Bescheid wissen mußten, bestätigt.
Der Angriff dauerte etwa fünf Minuten. Ein paar Minuten später kamen drei Kampfflugzeuge vom Typ Super-Mystère, griffen mit Napalm an und feuerten Dutzende von Raketen ab. Nach einer kurzen Pause tauchten noch zwei Mirages auf, auch diese ohne Kennzeichnung, und griffen an. Das ganze dauerte an die 22 Minuten.
Während dieser Zeit versuchte das Schiff Kontakt mit der Führung seines Flottenteils aufzunehmen; die israelischen Flugzeuge kannten aber die Frequenzen der Übertragung und konnten erfolgreich die Sendung stören, außer in den Augenblicken, in denen Raketen abgingen. In diesen Sekunden gelang es dem Funker, Kontakt zu bekommen.
Das erste Schiff, das seinen Funkspruch auffing, war der Flugzeugträger »Saratoga«, der sofort 12 Maschinen vom Typ F-4 und vier Auftanker Richtung Liberty schickte. Das Flaggschiff der 6. Flotte, das den Funkspruch auch aufgefangen hatte, und die Liberty wurden von der Saratoga benachrichtigt, daß Hilfe auf dem Wege sei.
Sie kam aber niemals an: Der seinerzeitige Verteidigungsminister, Robert McNamara, schaltete sich persönlich ein und ordnete an, die 6. Flotte solle die Flugzeuge sofort zurückrufen. Die Anordnung kam über und wurde ausgeführt.
In späteren Auseinandersetzungen über diese Sache im Weißen Haus hieß es, die Israelis hätten zu dem Zeitpunkt ihren »Irrtum« zugegeben, ihren Angriff abgeblasen und versichert, sie würden der Mannschaft die nötige Hilfe leisten.
Neun Besatzungsmitglieder waren inzwischen tot und ungefähr 60 verwundet. Die meisten der Rettungsboote wurden beim ersten Angriff zerstört, das Schiff konnte aber drei leichte Boote zu Wasser lassen. Diese wurden sofort von israelischen Torpedobooten beschossen, zwei wurden zerstört und das dritte von ihnen aufgefischt.
Die Israelis schossen Torpedos, von denen eines das Schiff in Höhe der Wasserlinie traf, und beschossen das Deck mit Artillerie in der offensichtlichen Absicht, es zu versenken. Die Opferzahl an Bord stieg; es waren inzwischen 34 Besatzungsmitglieder tot und 171 mehr oder weniger schwer verwundet.
Nachdem der Angriff zwei Stunden gedauert hatte und das Schiff immer noch nicht untergegangen war, boten die Angreifer den Überlebenden Hilfe an, die diese nun zurückwiesen. Das Schiff konnte aus eigener Kraft noch bis Malta kommen. Dort wurden 821 Torpedoeinschläge und über 3.000 Einschläge von panzerdurchschlagenden Kugeln gezählt.
In späteren »Erklärungen« brachten die Israelis vor, sie hätten das Schiff für das ägyptische Schiff Al-Qusair gehalten; die beiden Schiffe weisen jedoch nicht die geringste Ähnlichkeit auf. Allein von der Wasserverdrängung her ist die Liberty fünfmal größer als die Al-Qusair.
Im übrigen war die Kennzeichnung der USS-Liberty klar sichtbar und auch die amerikanische Flagge. Die Israelis gaben keine Antwort auf die Frage, wie sie Kenntnis von der Wellenlänge des Schiffsfunks erhalten hatten und warum sie die Übertragung blockierten. Der Funk des ägyptischen Schiffes benutzte eine ganz andere Wellenlängen.
Schließlich und vor allem hatten die Israelis keine Antwort auf die Frage, wieso ihre Flugzeuge keine Kennzeichnung trugen.
Für die amerikanische Besatzung begann - und endete vorläufig - das Nachspiel des höllischen Erlebnisses in Malta. Sie wurden von Konteradmiral Isaac Kidd einzeln genau nach dem Hergang ausgefragt, wobei er darauf bestand, die ganze Wahrheit zu hören. Er unterstrich dies mit der Geste, seine Rangabzeichen vor dem Gespräch abzunehmen.
Nachdem alles gesagt war, heftete er sie ebenso theatralisch wieder an und erklärte: »Jetzt spreche ich in offizieller Eigenschaft; Sie werden niemals, ich wiederhole, niemals - über diese Sache mit irgend jemand wieder sprechen, auch nicht mit Ihrer Ehefrau. Wer es doch tun sollte, wird vors Militärgericht gestellt und wird den Rest seines Lebens im Gefängnis zubringen - oder ein schlimmeres Ende finden.« Jahrelang wagte keiner den Mund aufzumachen. Die jetzt noch Lebenden, die erreichbar waren, haben nun keine Hemmungen mehr Aussagen zu machen.
George Ball, US-Außenminister unter John F.Kennedy und Lyndon B. Johnson, schreibt in seinem Buch »The Passionate Attachment« (die leidenschaftliche Zuneigung Amerikas gegenüber Israel) über das Schicksal der USS-Liberty: »Die Gegenwart der ,Liberty‘ und ihre Aufgabe waren der israelischen Führung bekannt. Es ist anzunehmen, daß diese es für lebenswichtig hielt, Washington im Dunkeln zu lassen über ihr Vorhaben, jede Waffenstillstandsfrist so lange zu ignorieren, bis die Golanhöhen erobert waren. Ihre Mittel zu dem Zweck waren brutal und direkt ... Nachdem die Führung der amerikanischen Marine von verschiedenen Seiten über diese Absicht Israels unterrichtet worden war, sah sie sich in einer heiklen Situation. Einerseits war sie für die amerikanische Schiffsbesatzung verantwortlich und hätte vom Außenministerium verlangen müssen, daß dieses Israel eine klare Warnung zukommen ließ. Gleichzeitig hätte die Führung der Marine die Liberty von der Gefahr unterrichten und umgehend Schiffe oder Flugzeuge zu ihrem Schutz abkommandieren müssen. Nichts dergleichen geschah zum gegebenen Zeitpunkt.« George Ball bekleidete 1967 ein hohes Amt im Außenministerium.
Über die nachträgliche Reaktion in Washington schreibt Ball: »Das Nachspiel war unerquicklich. Die Regierung tat alles, um die ganze Sache herunterzuspielen. Sie konnte zwar die Mannschaft zum Schweigen verdammen, die Verluste unter der Besatzung und der Schaden am Schiff konnten aber nicht verborgen bleiben. So wurde eine umständliche Geschichte erfunden: Die Liberty, wurde behauptet, sei nicht klar gekennzeichnet gewesen und habe wie ein arabisches Schiff ausgesehen - was absolut nicht stimmte... Letzten Endes ließen sich die Israelis zu einer plumpen Entschuldigung herab... Die leidige Geschichte ist noch nicht zu den Akten gelegt. Eine Vereinigung von aufrechten Überlebenden hat sie über all die Jahre nicht vergessen lassen, indem sie einen Rundbrief zu dem Thema druckte und ihre Treffen in den Medien bekanntmachten.«
Erst gegen Ende 1991 schrieb ein beka nnter amerikanischer Journalist (Rowland Evans) unparteiisch über den Fall. Der seinerzeitige amerikanische Botschafter im Libanon sagte ihm dazu, daß der CIA-Beamte in Beirut ihm zur Zeit des Angriffs oder kurz danach den Text von abgefangenen israelischen Funksprüchen gezeigt habe. Es war der Befehl des israelischen Oberkommandos an einen Piloten, die Liberty anzugreifen, und die Erwiderung des Piloten, es sei doch ein amerikanisches Schiff. Es wurde ihm wiederholt, das Schiff anzugreifen. Er schien noch nicht ganz begriffen zu haben und sprach von der klar erkennbaren amerikanischen Flagge: der Befehl wurde noch einmal und jetzt schrill wiederholt - und befolgt.
Weitere Enthüllungen erreichten den Journalisten: Ein US-gebürtiger Israeli, der zur Zeit des Angriffs im Hauptquartier in Tel Aviv Dienst tat, sagte ihm als zurückgekehrter US-Bürger, daß seinerzeit alle im Raum überzeugt waren, daß es sich um ein amerikanisches Schiff handelte, um die USS-Liberty, wobei die Kennzeichnung und die Beflaggung erwähnt wurden.
Die erste offizielle Initiative zur öffentlichen Richtigstellung erfolgte im Parlament des Staates Wisconsin. Im Herbst 1999 wurde der Vorschlag eines Beschlusses angenommen, mit dem der Kongreß aufgefordert würde, den Angriff auf die Liberty gründlich aufzuklären.