Von Studienrat Rasehorn
| Vorbemerkung der Schriftleitung: |
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Im November 1938 sandte Otto Rasehorn, ein zwischenzeitlich verstorbener Anhänger und Förderer der Philosophie Mathilde Ludendorffs, ein Vortragsmanuskript an die Schriftleitung des »Am Heiligen Quell Deutscher Kraft«. Er begründete die Wahl seines Themas, »... weil ich immer mehr Gewißheit darüber erhielt, daß die Deutsche Lebenskunde Unterrichtenden die Werke selbst nicht, ober nur teilweise und oberflächlich kennen. Man liest nur die kleineren leichten Schriften, und hält sich nun nach ,Lehrerart' für sehr klug anderen Menschen gegenüber. Aus diesem erschütternden Mißstand heraus ist dieser Vortrag entstanden. ... Beiliegenden Vortrag über Kant möchte ich gelegentlich auch außerhalb der Lehrerkreise halten können. Derartige für Deutsche Gotterkenntnis mehr vorbereitende Vorträge halte ich für dringend erforderlich, da nach meinem Dafürhalten naturphilosophische Aufsätze im Quell zu kurz kommen. Bei aller Anerkennung des ,Geschichtlich' Gebotenen müßten die naturphilosophischen Grundlagen Deutscher Gotterkenntnis mehr Berücksichtigung finden, auch wenn Sie den Herren Schriftleitern nicht ebenso gut liegen wie das Geschichtliche. ... Ich bitte Sie, mich nicht falsch zu verstehen, wenn ich gelegentlich Ihnen gegenüber meine Ansicht zum Ausdruck bringe. Wir wollen ja alle nur den besten Weg suchen und finden.« Herr Karl v. Unruh als damals amtierender Schriftleiter hat dieses Manuskript der Philosophin zur persönlichen Durchsicht vorgelegt. Glücklicherweise sind uns die handschriftlichen Korrekturen sowohl der Philosophin als auch des Schriftleiters überliefert. Mathilde Ludendorff wünschte, daß »...dieser Vortrag in einem Lehrkursus für Lehrer und Lehrfreunde als erster Vortrag, dann ein zweiter über Schopenhauer und darnach vier oder mehr Vorträge über Mathilde Ludendorff gehalten werden. Keinesfalls darf der Vortrag in einem anderen Rahmen stattfinden.« Warum dieses Projekt letztlich nicht zur Durchführung kam, läßt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Wir geben die Anmerkungen der Philosophin [M. L.: ...] und des Schriftleiters [v. U.: ...] unseren Lesern wieder. Hierdurch wird das bisher unveröffentlichte Manuskript zu einem Dokument, das uns nicht nur die Denkungsart der Anhänger des Hauses Ludendorff am Vorabend des »II. Weltkrieges« wiedergibt, sondern auch einen Einblick in den schriftstellerischen Werkstatt-Alltag früherer Tage unserer Bewegung vermittelt. |
Immanuel Kant und Mathilde Ludendorff sind Philosophen und Naturwissenschaftler zugleich.
Die von Galilei geschaffene naturwissenschaftliche Forschungsmethode geht vom Tatsächlichen, vom Experiment aus und sucht durch deduktives Denken zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, deren Gültigkeit wieder an der Tatsächlichkeit, durch das Experiment, geprüft wird, sobald sich die Möglichkeit dazu bietet. Das Wissen um das Wesen dieses Erkenntnisweges schützt den Forscher vor Verirrungen in uferlose Denkabstraktionen, die fernab vom Wege der Wahrheit liegen.
Schopenhauer und Nietzsche standen den Naturwissenschaften fern und das ist wohl ein mitbestimmender Grund dafür, daß ihre Erkenntnisse [M. L.: letztlich] in Folgerungen ausliefen, die mit der Tatsächlichkeit in auflösbaren Widerspruch stehen.
Frau Dr. Mathilde Ludendorff hatte sich als Studentin der Medicin mit Biologie, Chemie und Physik zu beschäftigen. Diese naturwissenschaftlichen besonders die biologischen Studien setzte sie an der Seite ihres ersten Gatten, Dr. Gustav Adolf von Kemnitz, mit großem Eifer und Erfolg fort. Je tiefer unser Vernunfterkennen in die Wunderwelt der naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten eindringt, um so größer wird in der wachen Menschenseele der leidenschaftliche Wunsch, die letzten Fragen des Lebens zu umsinnen. Den Sinn des Lebens zu ergründen, den ihr das Christentum nicht hatte geben können, das wurde wohl auf diesem Wege Lebensziel. Sie wurde [M. L.: lange nach Ablegung der medizin. Examen und fachärztlicher, nämlich psychiatrischer Tätigkeit und Abfassung psycholog. U. medizinischer Werke] Philosophin und erkannte bald, daß nur der Einklang zwischen Philosophie und Naturerkennen zur Weltdeutung führen können. Aufbauend auf den philosophischen Grundlagen eines Kant und Schopenhauer, wohl gewappnet mit dem Rüstzeug der bedeutenden naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse des letzten Jahrhunderts, schritt sie zur Synthese von Vernunfterkennen und Gotterleben und gab Gesamterkenntnis über die großen Grundfragen des Menschenlebens.
Auch Kant war zuerst Naturforscher. Während der Okkupation Königsbergs im 7jährigen Krieg las er ein Kolleg über Mathematik und physische Geographie für das dort stationierte russischer Offizierskorps. Der Schöpfung der kritischen Philosophie gingen eine Reihe von naturwissenschaftlichen Arbeiten voraus. Kant erkannte, daß die Achsendrehung der Erde durch die entgegengesetzte Bewegung der Flutwelle eine allmähliche Verlangsamung erleiden müsse und berechnete den Betrag der Verzögerung, eine Arbeit, die hundert Jahre später von der astronomischen Wissenschaft anerkannt wurde. Kant sprach auch zuerst das durch die Drehung der Erde begründete Drehungsgesetz der Winde aus, d.h. die Ablenkung der durch das Luftdruckgefälle bestimmten Windrichtung nach rechts im Sinne des Uhrzeigers. Als 31jähriger schrieb er sein naturwissenschaftliches Hauptwerk: »Die allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels.« Den Newton'schen Erkenntnissen folgend, schildert er in dieser Schrift den mechanischen Aufbau der Welt. Seine Hypothese über den Ursprüng des Sonnensystems wurde durch Laplace anerkannt und erneuert. Sein Forschergeist drang in den Weltenraum ein und er schaut wieder Philosoph und Wahrheitssucher Giordano Bruno im Voraus eine Gestaltung des Weltalls, die ihre Bestätigung durch die beobachtende Astronomie fand. »Gebt mir Materie und ich will eine Welt daraus bauen«, so rief der in schöpferischer Begeisterung aus. War Newton Kants Führer durch die phsysische Welt, so wird ihm Führer durch die sittliche Welt der Franzose J. J. Rousseau, der im Zeitalter der Aufklärung die Gleichheit der Menschen verkündet und von der nüchternen Verstandesforschung dieser Zeit den Weg zu den Herzen der Menschen sucht, der von der Zivilisation zur Natur zurück will. Zu Rousseau hat sich Kant dankbar bekannt: »Ich bin selbst aus Neigung Forscher«, erklärt er, »und fühle den ganzen Frust nach Erkenntnis. Es war eine Zeit, da ich glaubte, dies alles könne die Ehre der Menschheit ausmachen und ich verachtete den Pöbel, der von nichts weiß. Rousseau hat mich zurecht gebracht. Dieser verblendende Vorzug verschwindet und ich lerne die Menschen ehren.«
Wenn wir von Kant sprechen, so ist es wesentlich hervorzuheben, daß er als Zeitgenosse des großen Königs lebte, forschte und wirkte. Sein Zeitalter bezeichnete er selbst als das »Jahrhundert Friedrichs«. Als die heroische Zeit des großen Königs erlosch, hatte auch Kant sein unsterbliches Werk im wesentlichen vollendet. Diese beiden Großen, die auch innerlich zusammen gehören, drücken ihrem Zeitalter den Stempel auf, wenn auch Kants Bedeutung zunächst erst von wenigen erkannt wurde. In einem Reskribt des großen Königs aus dem Jahre 1766 wird »der geschickte und durch seine Schriften berühmt gemachte Magister Kant« genannt. Friedrichs Ausspruch: »Es ist nicht notwendig, daß ich lebe, wohl aber, daß ich meine Pflicht tue«, könnte auch in der praktischen Vernunft Kants stehen. Friedrichs christlich-okkulter Nachfolger, Friedrich Wilhelm, trat Kant feindlich gegenüber, er erklärte, »mit Kantens schädlichen Schriften muß es nicht länger fortgehen«. In einer Kabinettsordre vom Oktober 1794 wird Kant »der Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren des Christentums« beschuldigt, »unangenehme Verfügungen bei fortgesetzter Renitens« werden angedroht. Ohne seine Erkenntnisse zu verleugnen oder zu widerrufen, konnte er sich dieser obrigkeitlichen Verfolgung nur durch die Verpflichtung entziehen, zu schweigen, so lange der König regieren würde. Kants eigentliche Zeit ist und bleibt die Zeit des großen Friedrichs.
Kant war sich bewußt, daß seine im christlichen Dogmatismus befangene Zeit ihm nicht sofort werde folgen können. Im Jahr 1797 sagte er voraus, daß man erst nach hundert Jahren seine Schriften recht verstehen und dann seine Bücher aufs neue studieren und gelten lassen werde. Wieder war es ein berühmter Naturforscher, Helmholtz, der als erster schon 1855 aussprach, daß Kants Ideen noch leben und sich immer reicher entfalten. Die Naturwissenschaft sah sich in ihren philosophischen Fragen an Kant verwiesen als den letzten Philosophen, der zugleich Naturforscher war.
Im Juli des Jahres 1781 erschien Kants unsterbliches Werk: »Kritik der reinen Vernunft«. In diesem so bedeutungsvollen Jahr für die Deutsche Geisteswissenschaft fand im Januar die Erstaufführung der »Räuber« von Friedrich Schiller statt; im Februar dieses Jahres starb Lessing plötzlich im besten Mannesalter, der wenige Monate vorher in der Liste der Freimaurer gestrichen worden war und von dem »die Ärzte den Grund seiner Krankheit nicht erraten konnten.« [M. L.: - Die große Gefahr für Occultlehren, Lessings hellblickender Geist, war gebannt. Doch die weit größere Gefahr, Kants Erkenntnis, zog zugleich herauf.]
Nicht im Schreibtisch, sondern auf Spaziergängen, so berichtet der Philosoph, reifte die neue Erkenntnis heran. Auch bei Kant die nahe Verbundenheit mit der gottdurchseelten Natur, die in ihm den Willen zum Wahren schöpferisch gestaltet. Sein Geisteswerk ist nach seinen eigenen Worten auf die Fragen abgezielt, welche die Natur der Seele, die Zukunft und den Ursprung der Dinge betreffen. Er glaubte »pedantisch« und »subtil« vorgehen zu müssen, um die Wissenschaft des Mittelalters, die Metaphysik, zu widerlegen, die durch Vernunfterkennen in das Reich des Übersinnlichen [M. L.: Nichtwahrnehmbaren] eindringen wollte. Seine Gründlichkeit und sein hohes Verantwortungsbewußtsein macht die Form seiner Werke weitschweifig und schwerfällig, die den Leser nicht gerade für sich einnimmt. Aber kristallklar bleibt trotz allem die Folgerichtigkeit seiner Gedankengänge. Die Titel seiner großen philosophischen Werke sind:
»Kritik der reinen Vernunft«. »Kritik der praktischen Vernunft.« »Kritik der Urteilskraft.«
In den »Prolegomena« hat er nochmal den Zweck seiner Philosophie und deren Ergebnisse zusammengefaßt. Wer die lichte, klare Form und die sprachlichen Schönheiten der Ludendorff-Werke kennt, der muß Frau Dr. M. L. schon recht geben, wenn sie diejenigen, die ihre Werke nicht einfach genug gestaltet finden, auf die Grenzen der Wortgestaltung philosophischer Werke überhaupt und auf die Werke anderer Philosophen hinweist.
Aber nicht dieser Umstand allein war es, der der kritischen Philosophie Kants, die die Grundlagen aller von Menschen erdachten Religionssysteme erschütterte und stürzte, zunächst jede Auswirkung nahm, und sie in die Gelehrtenstuben und Universitäten bannte. Auch das Wesen dieser kritisierenden Philosophie hatte nach außen hin weniger Anziehendes an sich als die in raschem Aufblühen begriffene Naturwissenschaft. Diese bereicherte offensichtlich das menschliche Leben, die Philosophie, war nicht eigentlich forschend, sondern mehr die Erkenntnisse beurteilend und daher kritisch. Die sokratische [v. U.: Ist doch wohl Platos? Er sprach seine Antworten oft Sokrates zu.] Erkenntnis des Nichtwissens hätte die Menschen die ersten Schritte zu einer Selbstkritik ihrer Erkenntnisse führen können. Die kritische Philosophie sollte die Vernunft zur Selbstkritik bringen. Müßte für diese Aufgabe nicht eine höhere Vernunft den Vorsitz übernehmen, um über den menschlichen Verstand richten zu können? Oder soll die Vernunft in eigener Sache Richter und Partei zugleich sein? Loke [v. U.: nach Alois Riehl, Philosophie der Gegenwart], ein englischer Philosoph und Vorläufer Kants, vergleicht den Verstand mit dem Auge, das sich selbst nicht sieht, obwohl es alle Gegenstände uns sichtbar macht. Nur im Spiegel könnte es sich selbst sehen. In dem gleichen Bestreben soll die Vernunft wie in einem Spiegel sich selbst und die Grenzen ihrer Fähigkeiten erkennen.
Noch ein historisches Beispiel möge uns die Bedeutung und Notwendigkeit einer Kritik der Grenzen unseres Vernunfterkennens dartun. Loke unterhielt sich mit den berühmtesten Wissenschaftlern seines Landes über Fragen der geoffenbarten Religion. Doch ohne Erfolg, die Schwierigkeiten wurden immer größer, die Lösung rückte in immer weitere Ferne. Da blitzte in Loke der Gedanke auf, daß man diese Sache am falschen Ende begonnen habe. Man müsse zuvor die Fähigkeiten des menschlichen Verstandes prüfen, um zu erkennen, ob dieser für so entlegene Dinge auch eingerichtet sei. Damit hatte Loke als Erster die Frage nach den Erkenntnisgrenzen unserer Vernunft aufgeworfen. In seinem Werk: »Über den menschlichen Verstand« verfolgte Loke dieselbe Absicht, die Kant später mit der Kritik der reinen Vernunft im Sinne hatte.
In dieser Kritik untersucht Kant zunächst die Bedingungen und Voraussetzungen, unter denen unsere Sinneswahrnehmung [v. U.: wahrnehmung] von den Dingen der Welt Erkenntnis werden kann, um dann an Hand der gefundenen Ergebnisse die metaphysischen Wissenschaften, u. a. Kosmologie und Theologie, vor den Richterstuhl der Vernunft zu fordern.
Durch unsere Sinne nehmen wir die uns umgebenden Gegenstände »wahr«: wir sehen, hören, fühlen [v. U.: tasten], riechen, schmecken und erhalten durch diese Fähigkeiten unserer Sinne Sinneseindrücke. Unsere Sinne nehmen »wahr«, könnte bedeuten, unsere Sinne geben uns absolute Wahrheit von der Welt der Erscheinungen, oder müssen wir uns unseren Sinneseindrücken schon kritisch gegenüberstellen?
Wir sehen im Laufe eines Tages sich die Sonne von Osten nach Westen bewegen, und da wir von der Bewegung der Erde keinen unmittelbaren Sinneseindruck erhalten, müßten wir für wahr halten, wenn wir unseren Sinneseindrücken vertrauen, daß sich die Sonne um die Erde bewegt, eine Vorstellung, die die Menschen lange Zeit hindurch für tatsächlich hielten. Erst durch Denkschlüsse unserer Vernunft wurde erkannt, daß diese Vorstellung falsch ist und sich die Erde um die Sonne bewegt. Also unsere Sinneseindrücke können uns täuschen! [M. L.: richtiger gesagt, wir können uns täuschen durch irrige Schlußfolgerungen aus der Art, wie Sinneswahrnehmungen räumlich oder zeitlich geordnet von unseren Sinnesorganen aufgenommen werden. Wir werden uns in Unkenntnis von Schall- und Lichtfortpflanzung täuschen und glauben, der Donner sei später als der Blitz erzeugt, weil wir ihn später hören als den Blitz eines vom Orte entfernten Gewitters.]
Wir sprechen von der wahren Größe und der wahren Gestalt der Sonne und wissen, daß diese Größe und Gestalt nie von unserem Auge wahrgenommen werden. Erst durch Berechnungen und Schlußfolgerungen aus weiteren Beobachtungen kommen wir zur Kenntnis der wahren Größe und Gestalt der Sonne.
Unsere Sinne geben uns durch Wahrnehmung allein keine Erkenntnis, wir können nur sagen, die Gegenstände verursachen durch unsere Sinne Eindrücke durch die wir die Gegenstände wahrnehmen. Von den Gegenständen selbst bis zu den von ihnen bewirkten Wahrnehmungen in unserem Bewußtsein aber ist ein weiter Weg. Die Physiologie, die Lehre von den Funktionen des menschlichen Körpers, beschreibt den sehr verwickelten Vorgang, der sich abspielt zwischen den Dingen im Raume, unseren Sinnesorganen und der Erregung der Großhirnrinde, die erst bewußte Wahrnehmung in uns auslöst.
Eine angestrichene Geigensaite geräte in Schwingungen, diese setzen die umgebende Luft in rhythmische Bewegungen und erzeugen Schallwellen, die an unser Gehörorgan gelangen und dort Reize auslösen. Diese werden durch die Sinnesnerven zu den primären Sinneszentren geleitet und von da zur Großhirnrinde. Es ist unschwer einzusehen, daß auf diesem weiten und verschlungenen Wege zwischen der äußeren Ursache einer Wahrnehmung, dem Objekt, und der Wahrnehmung selbst tiefgreifende Wandlungen vor sich gehen können. Die Art der bewußten Wahrnehmung hängt offenbar von ihrer Ursache, dem Objekt, ab, aber auch von dem die Wahrnehmung vermittelnden »Instrument«, unseren Sinnesorganen, ab. Hinzu kommt noch, daß unsere Sinnesorgane imstande sind, uns nur eine bestimmte Auswahl unter den Erscheinungen zu übermitteln. Die kleinsten Teile eines Stoffes heißen Atome, die aus einem Atomkern bestehen, der von elektrisch geladenen Teilchen, den Elektronen, umkreist wird, so lehrt die Physik. Würde uns das Auge diese Bewegung zeigen, so würden wir beim Betrachten eines Tisches einen Wirrwar von Bewegungen sehen, aber unser Auge sieht nur einen festen ruhenden Körper. Für manche Erscheinungen versagen unsere Sinnesorgane ganz und gar, z. B. für Töne, deren Schwingungszahlen oberhalb oder unterhalb einer bestimmten Grenze liegen. Ebenso werden die den Raum durchdringenden Ätherwellen nicht wahrgenommen, erst wenn diese im Radio-Apparat akustische Luftwellen auslösen, ist Wahrnehmung als Geräusch oder Ton möglich. In dem Werk: »Des Menschen Seele«, im Abschnitte »Wahrnehmung«, zeigt uns Mathilde Ludendorff den tiefen Sinn, der dieser Auswahl der Wahrnehmungen zu Grunde liegt: [M. L.: sie bricht mit dem noch zu Kants Zeit herrschenden Irrtum, daß die Sinne trügen und beweist in ihren Werken, daß sie uns zwar nicht wahllose Wirklichkeit übermitteln, sondern sinnvoll ausgewählte und zwar so ausgewählt, daß wir zugleich alles für den Daseinskampf wichtige, aber auch alles, was uns das Wesen aller Erscheinung: Gott weit mehr enthüllt als Übermittlung wahlloser Wirklichkeit. Damit ist natürlich auch die Behauptung von Helmholtz völlig widerlegt, es handelt sich eben nicht um »Zeichen«.]
»In der Schöpfungsgeschichte haben wir uns das Bild des Weltalls, wie es tatsächlich ist, schon einmal vor Augen geführt und es an Stelle jenes Weltalls gesetzt, welches das Auge und der Tastsinn uns vortäuschen. Wenn wir die Vollkommenheit der Auswahl der Wahrnehmungen durch das Auge ahnen wollen, müssen wir uns diesen Vergleich noch einmal veranschaulichen und ihm unsere volle Aufmerksamkeit widmen.
Die Wissenschaft weiß schon eine geraume Weile, wie sehr uns das Auge über unsere Umwelt ,täuscht'. Sie weiß, daß alle Erscheinungen, ob sie nun ,Gegenstände' oder ,Lebewesen' genannt werden, ob es nun kleine, kaum sichtbare Dinge oder Sonnensysteme am Sternenhimmel sind, ebenso wie die Luft, die uns umgibt, aus ,Atomen' bestehen, deren Bestandteile unsichtbar kleine Sternensysteme bildende, mit Flintenkugelgeschwindigkeit um einen Atomkern tosen. So wäre ein unübersehbares Gewimmel unzähliger Teilchen der einzige Eindruck der Umgebung, der der Wirklichkeit entspräche. Da die Farbe, die wir sehen, diesen Atomen gar nicht anhaftet, sondern nur durch das Zurückwerfen der Lichtstrahlen vorgetäuscht wird, so würde die Wirklichkeit uns ferner nur farblos, tosende, kleinste Teilchen (Moleküle und in ihnen Atome) zu zeigen haben.
In diesem Gewirr würden wir bestenfalls allmählich feststellen können, daß große oder kleine Gruppen dieser Moleküle die gleiche Geschwindigkeit ihrer Bewegungen einhalten und sich nicht voneinander trennen. So könnten wir solche Sternensysteme gemeinsam ,Gegenstände' nennen. Wir würden aber auch gleichmäßig zusammen verharrende Sternensysteme entdecken, die in ihrer Gesamtheit den Ort im Raume verändern, und könnten sie ,Lebewesen' heißen. Daneben würden wir aber auch tosende Molekülgruppen sehen, die, soweit als Raum verfügbar ist, auseinanderzustreben trachten: die ,Gase', und endlich solche, die zwar nicht auseinandertrieben, aber dennoch die Gesamtform der Molekülsysteme nicht innehalten, die ,flüssigen Substanzen'.
Wir müssen uns in dies unerhörte Gewirr der farblosen Sternensysteme eine ganze Weile hineindenken, um zum erstenmal vollbewußt die herrliche Auswahl der Wahrnehmung unserer Augen zu erleben. Diese auserwählte Art des Sehens, die uns eine Unmenge wirklicher Erscheinung vorenthält und uns eine Unmenge wirklicher Erscheinung vorenthällt und uns die Welt in ihrer Herrlichkeit hierdurch erst schafft, wissen wir nun zu würdigen. Das Auge läßt uns nur ein en Teil des Tatsächlichen wahrnehmen. Durch die weise Auslese dessen, was es uns vermittelt und was es nicht sieht, erhält dieser Kosmos für uns eine scheinbar königliche Ruhe.
Wer die Welt, wie sie wirklich ist, vergleicht mit der, die das Auge uns bietet, der weiß ein für allemal, daß die Auslese uns in Schönheit schwelgen läßt und dennoch - gerade das ist das Meisterhafte - gleichzeitig alles wahrnimmt, was die Unterscheidung der Umwelt erleichtert und was für unseren Daseinskampf notwendig ist. Die unheimlich wimmelnde Welt der Ionen und der Moleküle wird vom Auge nicht gesehen. Das Auge überläßt es der Vernunft der Forscher, die Tatsache eines Tages zu erkennen. Es befreit den Menschen von dem entsetzlichen Schicksal, die ununterbrochene Bewegung der kleinsten Teile der Erscheinung bewußt wahrzunehmen! Ebenso befreit das Auge uns auch von dem Toben der Sternensysteme im Weltall. Mag die Vernunft die Geschwindigkeit der Sterne eines Tages errechnen, das Auge aber nimmt sie nicht wahr. Hierdurch erhält die Welt eine scheinbare Ruhe, welche die Bildung klarer Vorstellung und Begriffe erleichtert und eine Erlösung für den Menschen ist.« 1) (S. 123/24, 56 Zeilen)
Unsere Sinne übermitteln uns die Außenwelt nicht so wie sie ist. Ihre Wahrnehmung ist nur möglich durch die Stetigkeit und Ausnahmelosigkeit der in den Erscheinungen liegenden Ursachen. »Die Sinneseindrücke sind nicht wahrheitsgetreue Bilder der Objekte, sondern nur Zeichen derselben«, so sagt Helmholtz. Wir erhalten Eindrücke von den Erscheinungen der Dinge, aber nicht von den Dingen selbst, oder nach Kant: von »den Dingen an sich.«
Das wunderbarste der Sinnes-»Instrumente«, das Auge, übermittelt uns die Wahrnehmung von der räumlischen Ausdehnung und Gestalt der Dinge und ihrer räumlichen Entfernung von unserem Standort, es unterscheidet das räumliche Nahen und Entfernen eines Objektes [v. U.: zu und] von uns. Unser Auge nimmt die Erscheinungen der Dinge im Raum wahr, aber ohne den Raum selbst wahrzunehmen. Der Raum könnte als Kleid der Dinge angesehen werden, in dem sie sich unserem Auge darbieten. Dieses Raum-Kleid können wir von den Dingen nicht trennen und die Dinge gleichsam nackt und den Raum für sich wahrnehmen. Zwangsläufig erscheinen uns die Dinge der Welt in dieser räumlichen Form.
Das Gehör ist für die Aufnahme der Schallwellen geeignet, die es uns als Geräusche oder Töne überträgt. Die Harmonie der Töne nehmen wir als Musik wahr, die von einem bestimmten Takt oder Rythmus begleitet ist. Der im Ohr liegende Rythmus ist aber gleichbedeutend mit der Wahrnehmung einer bestimmten zeitlichen Folge der Töne. Die durch die Musik erhaltenen Sinneseindrücke müssen in einer bestimmten zeitlichen Ordnung erfolgen, um von uns als Harmonien wahrgenommen zu werden. Einer zeitlichen Ordnung sind auch alle Sprachverständigungen von Mensch zu Mensch unterworfen. Auch der Gesang unserer Singvögel erfolgt [v. U.: klingt] in einer für jeden Vogel andersartigen, aber immer wiederkehrenden zeitlichen Folge [v. U.: von einzelnen Tönen]. Die zeitliche Aufeinanderfolge der unseren Sinnen sich darbietenden Erscheinungen ist die unerläßliche Voraussetzung für jede bewußte Wahrnehmung.
Im Wesen unserer Sinnesorgane liegt des begründet, die Dinge zwangsläufig in räumlicher und zeitlicher Folge wahrzunehmen. Diese einfache, selbstverständlich erscheinende Erkenntnis Kants ist von weitreichender Bedeutung für die weitere Analyse unseres Vernunfterkennens und konnte wohl nur deshalb dem menschlichen Erkennen [v. U.: lange] verborgen bleiben, weil die anderen in Erscheinung tretenden Eigenschaften der Dinge diese zarten zeitlichen und räumlichen Kleider überlagern und verdecken.
Wir erkennen: Alle Erscheinungen im Weltall ordnet sich den Formen Raum und Zeit ein, durch diese Einordnung in Raum und Zeit ist die Erscheinung der Dinge erst möglich, die Erscheinungsformen Raum und Zeit sind im Weltall überall mit jeder Erscheinung verbunden.
Es ist gewiß, daß unsere Sinne uns wohl das Tor zu der Welt der Erscheinungen öffnen, aber uns täuschen und daher [v. U.: gestrichen von Frau Dr. L. »täuschen ist falsch«, s. Des Menschen Seele] allein noch nicht Erkenntnis der Erscheinungswelt geben können. Es muß unseren Sinnesorganen noch ein andersgeartetes Erkenntnisorgan zu Hilfe kommen: unser Denkvermögen, das die [v. U.: einzelnen] Sinneswahrnehmungen ordnet und verbindet und zu Vorstellungen in unserem Bewußtsein umformt. So erhalten wir erst den vollständigen »Webstuhl, auf welchem menschliche Erkenntnisse gewebt werden.« Oder: »es geht ein Urteil (Denkakt, d. V.) voran, ehe aus Wahrnehmung Erfahrung werden kann.« (Kant) Die Bedinungen, unter denen überhaupt erst Erkenntnis möglich ist, sind also:
Unsere Sinneswerkzeuge ordnen die Erscheinungen im Weltall nach Raum und Zeit, in diesen Formen kann nur Wahrnehmung erfolgen. Unser Vernunftdenken, das die Wahrnehmung zur Erkenntnis gestalten soll, unterliegt dem gleichen Gesetz, nach dem unsere Sinne arbeiten müssen. Ob wir wollen oder nicht, auch das Denken muß die Wahrnehmungen den gleichen Formen: Raum und Zeit einordnen. Mit aller Erscheinung verbinden wir von uns aus räumliche und zeitliche Vorstellungen. Wir müssen notwendig von uns aus Raum und Zeit im absoluten Sinne voraussetzen, um zur Erkenntnis der Dinge zu kommen, denn Lagen und Gestalten der Dinge sind Teile des Raumes, wie Dauer und Folge der Dinge Teile der Zeit sind. Raum und Zeit sind die gesetzmäßigen Formen, die sowohl unserer Wahrnehmung wie unserem Denken zu Grunde liegen. In die Formen Raum und Zeit kleiden wir jede Wahrnehmung ein, damit sie zur Erfahrung werden kann.
Diese klaren Erkenntnisse Kants gehören zu den unumstößlichen Wahrheiten, die einmal gefunden und begründet, der Wissenschaft nicht mehr verloren gehen können. Wegen ihrer Einfachheit und Zwangsläufigkeit blieben sie der Forschung lange verborgen. Kants Genie erschloß sich diese Erkenntnis, weil er das große Staunen vor der Wunderwelt der Erscheinungen und ihrer erhabenen Gesetze nicht verlernt hatte.
Damit aus Sinneswahrnehmung Erkenntnis werde, muß das Vernunftdenken noch weitere Hilfe leisten!
Wenn eine Schiffsirene durch auströmenden Dampf in Tätigkeit gesetzt wird, so sehen wir, aus einiger Entfernung, zuerst den ausströmenden Dampf und nach Verlauf von Sekunden hören wir erst das Pfeifen der Sirene. Offenbare Sinnestäuschung! Unser Denken verbessert die zeitliche Aufeinanderfolge der Sinneseindrücke und schenkt uns die Erkenntnis, daß das Ausströmen des Dampfes und das Tönen der Pfeife zu gleicher Zeit erfolgen muß. Nur durch Denken wissen wir:
Frau Dr. M. L. sagt in ihrer schönen einfachen Sprache in dem Abschnitt »Denken« in »Des Menschen Seele«: »Hierbei wendet es (das Denken) noch eine dritte, ihm allein eigene Form an, die ganz ebenso wie die Wahrnehmung der Gestalt und Farbe durch das Auge, der Harmonie und Klangfarbe durch das Ohr dem Daseinskampf in vollkommener Weise nützt, dabei aber auch den göttlichen Wünschen Erfüllung schenkt. Das Denken weiß nämlich um das Grundgesetz aller Erscheinung: das ,Kausalitätsgesetz', und wendet es zur Erkenntnis an: Aller Erscheinungswandel hat Ursache, und gleiche Ursache hat unter gleichen Bedingungen gleiche Wirkung.
Schon der Verstand des unterbewußten Tieres arbeitet unterbewußt nach diesem Gesetz. In der bewußten Seele aber, die alles Geschehen auf das Ich bezieht, die alles Vergangene und Zukünftige ebenfalls diesem Gesetz einordnet, kann nun hierdurch Verstand zu Vernunft werden. Durch die unerbittliche Anwendung dieses Kausalitätsgesetzes auf alle Erscheinung2) wird es dem Menschen möglich, die Vorstellungen zu Begriffen zu ordnen, nach den Gesetzen der Logik Urteile zu bilden und Schlüsse zu ziehen. Nur wegen der ausnahmslosen Gültigkeit der Naturgesetze ist es der menschlichen Vernunft möglich, zur Erkenntnis der Umwelt zu gelangen. Wenn nicht das Wasser jedesmal unter den gleichen Druck- und Temperaturverhältnissen zu Eis fröre, so könnten wir keine Begriffe darüber bilden. Wenn es dem Wasser, wie es sich in der Natur als Gemisch des gewöhnlichen Wasser-Moleküls und des sogenannten ,schweren Wassers' vorfindet, ebenso möglich wäre, unter gleichen Bedingungen das Frieren zu unterlassen, so könnten wir nicht das Kausalitätsgesetz anwenden: Weil die Luft kälter als null Grad wurde, ist das Wasser gefroren, wenn sie null Grad übersteigt, wird das Eis ganz wie zuvor wieder flüssiges Wasser sein.
Die Menschen, die so oft und gern an ,Wunder', das heißt: willkürliche Aufhebung eines Naturgesetzes, glauben möchten, wissen nicht, daß sie dazu verdammt wären, statt im Kosmos geordneter Erscheinungen in unbegreiflichem Chaos zu leben, wenn es tatsächlich solche Willkür, ,Wunder', gäbe. Sie wissen nicht, daß wir die herrliche Möglichkeit aller Erkenntnis nur der Unerbittlichkeit der herrschenden Naturgesetze danken.
Wir setzen die dritte Form des Denkens: die Anwendung des Kausalitätsgesetzes nach den Gesetzen der Logik, jenem wunderbaren Wahrnehmungsvermögen der Sinneswerkzeuge gleich, die uns das Schwelgen in dem Wunsch der Schönheit gewähren, denn auch sie gewährt einem göttlichen Wunsch Erfüllung. Das göttliche Wollen, das das Denken überstrahlt, nannten wir wiederholt ,den Wunsch der Wahrheit'. Er wird in vollendeter Weise durch die Formen des Denkens erstrebt und erreicht.
Wahrhaft ist die Übereinstimmung des Vorgestellten oder Erlebten mit dem Tatsächlichen. Sie ist durch die Gesetze der Logik des Denkens erfüllt wie der Wille zum Schönen durch die Wahrnehmung.
Es hat sich daher wahrlich verlohnt, das Denkvermögen zu durchforschen. Da der große Kant dies in so meisterhafter Weise vor uns getan, so hieße es Eulen nach Athen tragen, wollten wir dies noch einmal wiederholen. Man glaube aber nicht, etwa ein Bild der Seelenlehre zu haben, wenn man den Wunderbau der Vernunfterkenntnis einer Betrachtung entweder gar nicht würdigt oder es versäumt, zu dem Forscher hinzuschreiten, der dies wunderbare Können der Seele in dem Geist betrachtet hat, dem allein sich Erkenntnis erschließt, nämlich mit dem großen Staunen über all das, was der Stumpfe als selbstverständlich, weil gewohnt, hinnimmt. Kants ,Kritik der reinen Vernunft' wird immer unersetzliche Vorkenntnis für jeden bleiben, der die bewußte Seele in allen ihren Fähigkeiten erfassen möchte. Er hat kein Vermögen des Denkens übergangen und hat die Grenzen des Vernunfterkennens mit einer Klarheit geschaut, die jeden, der sie nun mit ihm teilt, nicht nur über die menschliche Vernunft belehrt, sondern demselben auch Reife zur Forschung auf dem Gebiet geben kann, auf dem wir uns hier bewegen.«3) (S. 128/130, 58 Zeilen)
Nur in einem tieferen Bewußtseinsgrad, dem Traum, kann es geschehen, daß die dort sich abspielenden Ereignisse sich nicht den Denkformen Raum, Zeit und Kausalität einordnen. Traum, Tiefschlaf, Bewußtlosigkeit und Tode werden von der Philosophin als abfallende Bewußtseinsgrade gewertet, doch hören wir sie selbst: »Der Tagesrest, verdrängte Wünsche und die ganze Fülle jener wiederholungsbereiten Inhalte der Übergangszone zum Unterbewußtsein bilden also den Inhalt des Traumes, der ein um so mannigfaltigerer sein kann, als er sich ja wenig um Raum, Zeit und Kausalität kümmert, werden doch z. B. wie wir wissen, Ereignisse, die sich über Stunden, ja über Wochen hinziehen müßten, in einigen Augenblicken im Traum erlebt. Von der Umwelt und dem eigenen körperlichen Verhalten wird dieser Trauminhalt nicht immer, aber doch zeitweise in gesetzlicher Art beeinflußt. Da im Traum keine völlige Unempfänglichkeit für die Eindrücke der Sinneswerkzeuge besteht, wie in den tieferen Graden des Bewußtseins, so werden diese Wahrnehmungen im Sinn des Trauminhaltes umgedichtet. So sorgt der umfallende Stuhl für den Kanonendonner der Schlacht oder für ein Gewitter, das Umdrehen des Schlafenden auf die andere Seite wird zum Bergsturz oder Fall von der Treppe, das Hinabgleiten in die wärmende Decke gibt Anlaß zu einer Skitour bei empfindlicher Kälte u.s.w.«4) (S. 179, »des Menschen Seele«, 16 Zeilen)
Wir haben erkannt, daß wir zwei »Instrumente« notwendig anwenden müssen, um Erkenntnis zu gewinnen:
Wie nun aber, wenn die Vernunft mit ihrem Denken das Reich der Erscheinungswelt verläßt, sich nicht mehr begnügt mit der Verknüpfung von Sinneswahrnehmungen, sondern die Grenzen dieses Reiches überspringt und nun in der Welt des Über-Sinnlichen [M. L.: Nichtwahrnehmbaren] lustig mit den nur für die Sinneswelt passenden Denkformen Unfug treibt? Weil noch niemand einen Teufel gesehen, gehört oder geroche hat, so erwählt sich gerade diesen Burschen unsere Vernunft zum Spielgefährten, begleitet ihn durch die Räume des Weltalls hindurch in die Hölle, treibt sich dort eine Zeit lang mit ihm herum und sieht belustigt zu, wie der Teufel Tausend von Heiden bratet, weil diese auf ihrer Erdenlaufbahn den jüdischen Gott Jahweh verspottet haben. Mitten in dieser lehrreichen Unterhaltung merkt unsere liebe Vernunft ihren verbrecherischen Grenzübertritt und kehrt reumütig zurück. Sie hatte ja jeden festen Boden unter sich verlorten, wohl nur geträumt, spintisiert und fantasiert, als ob sie jedes Verantwortungsbewußtsein für Wahrheit verloren hätte.
Aber immer von neuem läßt sich die Vernunft von den Vernunftträgern verleiten, die Grenzen ihres Reiches zu überschreiten, um dort unheilvolle Fantasie-Gebäude aufzubauen, die die Menschen dann Religionen nennen, bis Kant ihr unsinniges Treiben aufdeckte, sie zur Verantwortung vor ihren eigenen Richterstuhl forderte. Ihr tiefer, aber heilsamer Sturz war die für alle Zeiten unwiderrufliche Folge.
Solange sich unsere Vernunft mit Ihren Denkformen Raum, Zeit und Ursächlichkeit auf das Gebiet der Welt der Erscheinungen beschränkt, solange kann sie uns Erkenntnisse schenken, die mit der Tatsächlichkeit übereinstimmen. Die Erscheinungen haben wir als [v. U.: etwas] Ursächliches der Dinge erkannt. Dieses Ursächliche [v. U.: selbst], das Wesen der Dinge oder nach Kant »die Dinge ansich« [M. L.: muß an Hand von Beispielen etwas erklärlich werden, was unter diesem »Ding an sich« gemeint ist. v. U.: siehe Preisinger: Was ist Deutsche Gotterkenntnis?] können wir mit der Vernunft weder erfassen noch begreifen. Daher muß die Vernunft mit absoluter Sicherheit im Irrtum landen, wenn sie sich an die Aufgabe heranmacht, auf das Wesen der Dinge, auf das Über-Sinnliche [M. L.: Der Ausdruck »übersinnlich« ist besser zu vermeiden, da er für Occultes allerwärts mißbraucht ist und auch das Raumwort »über« obendrein noch den Wahnlehren entstammt], ihre nur für die Sinnenwelt geeigneten Denkformen zur Anwendung zu bringen. Dann überschreitet sie das Gebiet der sinnlichen Erfahrung und täuscht Erkenntnisse vor, die unheilvoller Irrtum sind. Und wenn der Menschen Vernunft die geheimnisvoll in und um uns waltende Kraft, das Wesen aller Erscheinung, erdenken, erkennen und begreifen will, dann erstehen und sind erstanden Religion-Systeme, die der Menschen Seele morden. »Kant bewahrte die Menschen vor diesem Seelentode«, Worte Mathilde Ludendorffs, so gewaltig groß sieht die Philosophin Kants göttliche Tat.
Nun möge einmal Kant selbst zu Worte kommen, um Ihnen zu zeigen, mit welchem Ernst und Kampfeseifer er den metaphysischen Gedankengebäuden zu Leibe ging und sie zum Einsturz brachte:
»Daher haben auch die reinen Verstandesbegriffe (Kausalität, d. V.) ganz und gar keine Bedeutung, wenn sie von Gegenständen der Erfahrung abgehen und auf Dinge an sich bezogen werden wollen. Sie dienen gleichsam nur, Erscheinungen zu buchstabieren, um sie als Erfahrung lesen zu können; die Grundsätze, die aus der Beziehung derselben auf die Sinnenwelt entspringen, dienen nur unserem Verstande zum Erfahrungsgebrauch; weiter hinaus sind sie willkürliche Verbindungen, ohne objektive Realität.
Dogmatische Denker haben sich es niemals einfallen lassen, daß das Ziel ihrer Bemühungen so kurz sollte gesteckt werden, und selbst diejenigen nicht, die, trotzig auf ihre vermeinte gefundene Vernunft, mit zwar rechtmäßigen und natürlichen, aber zum bloßen Erfahrungsgebrauch bestimmten Begriffen und Grundsätzen der reinen Vernunft auf Einsichten ausgingen, für die sie keine bestimmten Grenzen kannten, noch kennen konnten, weil sie über die Natur und selbst die Möglichkeit eines solchen reinen Verstandes niemals entweder nachgedacht hatten oder nachzudenken vermochten.
Mancher Naturalist der reinen Vernunft (darunter ich den verstehe, welcher sich zutraut, ohne alle Wissenschaft in Sachen der Metaphysik zu entscheiden) möchte wohl vorgeben, er habe das, was hier mit so viel Zurichtung oder, wenn er lieber will, mit weitschweifigem pedanitschem Pompe vorgetragen worden, schon längst durch den Wahrsagergeist seiner gefundenen Vernunft nicht bloß vermutet, sondern auch gewußt und eingesehen: daß wir nämlich mit aller unserer Vernunft über das Feld der Erfahrungen nie hinauskommen können, und selbst er, dieser Aspekt der gefundenen Vernunft, ist so sicher nicht, ungeachtet aller seiner angemaßten wohlfeil erworbenen Weisheit, unvermerkt über Gegenstände der Erfahrung hinaus in das Feld der Hingespinste zu geraten.«
In dem Abschnitt: »Von der Grenzbestimmung der reinen Vernunft« gibt Kant eine klare Widerlegung jedes Gottes-Begriffes, doch hören wir ihn selbst:
»Nach den allerklarsten Beweisen, die wir oben gegeben haben, würde es eine Ungereimtheit sein, wenn wir von irgend einem Gegenstande mehr zu erkennen hofften, als zur möglichen Erfahrung desselben gehört, oder auch von irgend einem Dinge, wovon wir annehmen, es sei nicht Gegenstand möglicher Erfahrung, nur auf das mindeste Erkenntnis Anspruch machten, es nach seiner Beschaffenheit, wie es an sich selbst ist, zu bestimmten; denn wodurch wollen wir diese Bestimmung verrichten, da Raum, Zeit und alle Verstandesbegriffe, vielmehr aber noch die durch empirische Anschauung oder Wahrnehmung in der Sinnenwelt, gezogenen Begriffe keinen anderen Gebrauch haben, noch haben können, als bloß Erfahrung möglich machen, und lassen wir selbst von den reinen Verstandesbegriffen diese Bedingung weg, sie alsdann ganz und gar kein Objekt bestimmen und überall keine Bedeutung haben.
Es ist wahr: wir können über alle mögliche Erfahrung hinaus von dem, was Dinge an sich selbst sein mögen, keinen bestimmten Begriff geben. Wir wollen ein Beispiel vom Begriffe des höchsten Wesens hernehmen.
Der deïstische Begriff ist ein ganz reiner Vernunftbegriff, welcher aber nur ein Ding, das alle Realität enthält, vorstellt, ohne deren eine einzige bestimmen zu können, weil dazu das Beispiel aus der Sinnenwelt entlehnt werden müßte, in welchem Falle ich es immer nurmit einem Gegenstande der Sinne, nicht aber mit etwas ungleichartigem, was garnicht ein Gegenstand der Sinne sein kann, zu tun haben würde. Denn ich würde ihm z.B. Verstand beilegen; ich habe aber keinen Begriff von einem Verstande, als dem, der so ist, wie der meinige, nämlich ein solcher, dem durch Sinne Anschauungen müssen gegeben werden, und der sich damit beschäftigt, sie unter Regeln der Einheit des Bewußtseins zu bringen. Aber alsdann würden die Elemente meines Begriffs immer in der Erscheinung liegen; ich wurde aber eben durch die Unzulänglichkeit der Erscheinungen genötigt, über dieselbe hinaus, zum Begriffe eines Wesens zu gehen, was gar nicht von Erscheinungen abhängig, oder damit, als Bedinungen seiner Bestimmung verflochten ist. [M. L.: Dies ist Irrtum! Wille ist nicht wie Vernunfterkennen auf Erscheinung angewiesen. »Elemente« des Willens können auf Erscheinungen liegen, müssen es keineswegs! »Dem höchsten Wesen« aber ist schon... (unleserlich) v. U.: Frau Dr. L. korrigiert hier einen schweren Irrtum Kants.] Eben das widerfährt mir auch, wenn ich dem höchsten Wesen einen Willen beilege.«
Trotz der schwerfälligen, die Klarheit seiner Gedanken oft verschleierden Sprache Kants, erkennen sie die Sicherheit und Gewissenhaftigkeit seiner Beweisführung. Seine Erkenntnis über die Grenzen der Vernunft ist unumstößlich und bildet die Grundlage für die Befreiung der Menschheit von suggestiven Wahnlehren. Wenn auch im vorigen Jahrhundert eine Auswirkung dieser revolutionären Erkenntnis kaum erkennbar wurde, so wirkte sie doch wohl schon durch ihr bloßes Dasein, Unsicherheit werfend in die dogmatische Theologie, die ihrerseits sofort ihre Gefährlichkeit erkannt hatte.
Im letzten Oktober-Heft des »Am Heiligen Quell« dieses Jahres, in dem das Zeitgeschehen schildernden Aufsatz: »Erschütterndes Geschehen« sagt Frau Dr. M. L. über die Gesetze der Ausbreitung der Wahrheit: »So steht es um die Gesetze der Wahrheit, daß wenn immer sie von der Philosophie erkannt wurden, sie auch so weit Grundlage des Handelns werden können, daß die alten Mächte mit ihren Wahnlehren sich nicht mehr allsiegend durchsetzen.«
In dem Werke: »Des Menschen Seele«, in dem Abschnitt: »Denken« schildert die Schöpferin Deutscher Gotterkenntnis die Seelengefahren, die die Übergriffe der Vernunft bei den Menschen und Völkern wirken, die unsterblichen Verdienste Kants rühmend: »Eine unheimliche Gefahr der Seele, Torheit und Wahn werden nach wie vor geglaubt.« (S. 135/36, 41 Zeilen)
Im »Triumph des Unsterblichkeitwillens«, im Abschnitt »Eine neue Religion?« faßt die Philosophin die Lehre Kants in folgende Worte zusammen: »Kants ,Kritik der reinen Vernunft' hat uns in die zwei Welten, die die indische Intuition von Anbeginn ahnte, die Welt der Erscheinung, der Kausalität, Zeit und Raum eingeordnet, und jene unsichtbare Welt des unerforschlichen Dinges an sich so wunderbar getrennt, daß wir ein sehr verfeinertes Gefühl dafür haben, ob sich in die religiösen Vorstellungen Kausalzusammenhänge einschmuggeln.« Diese beiden Welten bestimmten auch die Gliederung des oben genannten grundlegenden großen Werkes: »Wie die Seele es erlebte«, »Wie die Vernunft es sah.«
Durch die klare Bestimmung der Grenzen des Vernunfterkennens hat Kant die Welt der Erscheinungen kristallklar geschieden von den »Dingen an sich«, dem Wesen aller Erscheinung, das sich im Gottahnen aller Menschen und Völker zu allen Zeiten offenbare, das jeder gottwache Mensch in sich erleben kann.
Der große Deutsche Denker, dessen unantastbare Erkenntnis allein die Welt der Erscheinungen umfaßt, ahnt und erlebt die andere unsichtbare Welt in seiner Seele und gibt diesem zweifachen Erkennen, seinem Gotterleben, in ergreifender Tiefe und Erhabenheit Ausdruck: [M. L.: Es ward ihm aber ein zweites Erkenntnisorgan der Seele, das uns Dr. M. Ludendorff nachwies: Das Gott erlebende Ich nicht erkenntlich, daher konnten die Pfaffen noch einmal siegen.]
»Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das motalische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten, ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz.«
In der »Kritik der praktischen Vernunft« führen Kant rein moralische Gründe zur »Idee« der Gottheit, zur »Gottesidee«. Die »Unsterblichkeit der Seele« kennzeichnet er in diesem Zusammenhange als »Postulat«, (Forderung). Die Gedankenkreise Platos und Kants berühren sich hier. [v. U.: Aber] wir müssen es gestehen, Kant überschreitet hier die von ihm selbst gesetzten haarscharfen Grenzen des Vernunfterkennens. Es scheint so, als ober aus den christlichen Suggestionen heraus nach einem Ausweg sucht, der unserem Denken noch einen Gott gestattet, wenn auch nur in der »Idee«. Diese Ideen werden [v. U.: bei ihm] für die Glaubensobjekte wieder zu Erkenntnisbegriffen. Wenn auch Ideen nicht etwas Reales sind, wie Plato meinte, Ideen können keiner Wahrnehmung entsprechen so meint Kant, sie könnten durch »Realitäten« begründet werden. Eine Idee, der wir nachjagen, ist aber nur etwas Erstrebenswertes in unendlicher Ferne [v. U.: liegend], eine an uns gestellte Forderung, ein »Postulat«. Durch die Ideen sucht Kant Glaubenssätze zu begründen, deren Grundlagen also mittelbar in der Welt der Erscheinungen entnommen sind [v. U.: ruhen].
Es kann daher nicht klar und oft genug betont werden, daß in »der reinen Vernunft« die Lehre Kants jeden Begriff von Gott durch die Vernunft als Erkenntnis-Irrtum verwirft. Die Unmöglichkeit irgend einer Beweisführung der Existenz Gottes [M. L.: mittels der Vernunft] ist hier ebenso eindeutig erkannt wie die Möglichkeit der Konstruktion eines Perpetuum mobile oder der Quadratur des Kreises durch naturwissenschaftliche und mathematische Beweise widerlegt ist.
Im Christentum ist Gott eine außerweltliche Person, von der Willenskundgeb[M. L.: entscheid]ungen ausgehen [M. L.: in das Weltgeschehen durch Taten eingreifend]. Gestalt und Ewigkeit, die Qualitäten der [v. U.: christlichen] Gottesperson, sind aber den Formen Raum und Zeit unterworfen; persönliche Willenskundgebungen müssen aber nach Ursache und Wirkung geordnet erfolgen. Raum, Zeit und Ursächlichkeit sind indes Formen unserer Vernunfterkenntnis, die nur auf die Welt der Erscheinungen angewandt, wahre Erkenntnis geben. Daher ist jeder durch unsere Vernunft aufgestellte Gottesbegriff ein Widerspruch in sich.
Schiller erkannte die Tiefe der gewaltigen Geisteswerkes Kants, sah aber auch das Bedenkliche in der Stützung der christlichen Religion durch Philosophie, er hat Kant im Verdacht, das Vorhandene nicht wegwerfen zu wollen, um es zu veredeln, und so könnte den Gegnern eine willkommene Hilfe werden. »So hat Kant denn nichts weiter getan, als das morsche Gebäude der Dummheit geflickt.«
Wenn Chamberlain aussprach: »Erst Kant hat Jahwe auf immer gestürzt, was die Welt noch nicht weiß, aber nach und nach erfahren wird«, so meint er den Jahwe des alten Testaments der Vater des Jesu von Nazareth ist.
Es liegt wohlbegründet im Wesensunterschied beider Geschlechter, daß ein Mann für die Welt der Erscheinungen in den Gesetzen des Vernunfterkennens durch Bestimmung seiner Grenzen segensreiche Wahrheit gegeben hat, während eine deutsche Frau uns in des Menschen Seele, in unserem Ich-Bewußtsein die zweite Welt erschloß und dem deutschen Volke deutsche Gotterkenntnis schenkte. Mannesart liegt mehr das Verstandesmäßige, durch das er in der äußeren Welt der Erscheinungen bis zu den Grenzen der Erkenntnis vorzudringen sucht. [M. L.: Das rein »verstandesmäßige« wurde bis zu den Grenzen der Erkenntnis aber auch in meinen Werken zum ersten Mal gegeben.] Frauengemüt erschließt sich lichter das Innenleben, das Seelische, das dem Blut inniger verwoben ist.
Der Reichsleiter Alfred Rosenberg hielt bei der feierlichen Eröffnung des Wintersemesters an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eine Festrede über das Thema »Weltanschauung und Glaubenslehre«, und nahm darin scharf Stellung gegenüber metaphysischen Behauptungen und konfessionell bestimmten Dogmen.
Der metaphysische Gottesbegriff, der in den seelenmordenen Dogmen seine festeste Stütze hat, der den Gottesbegriff des alten und neuen Testaments umfaßt, ist heute und für alle Zeiten als Begriff der menschlichen Vernunft durch Imanuel Kant gestürzt und durch das Haus Ludendorff als politischer Machtbegriff überstaatlicher Gewalten enthüllt und gekennzeichnet worden.
Der Philosophin Dr. M. L. unsterbliche Tat ist es, den Katheder-Philosophen die Ewigkeitswerte der Kant'schen Philosophie entrissen und die volksrettende Tat des Weisen von Königsberg [M. L.: weitergeführt und] zu überreicher Vollendung gestaltet zu haben. Die Deutsche Gotterkenntnis zieht die klaren Folgerungen aus der kritischen Philosophie! Als fester Untergrund für die Deutsche Gotterkenntnis werden Kants Erkenntnisse und Kant selbst dem Deutschen Volke neu geschenkt! [M. L.: Die Deutsche Gotterkenntnis zieht die klaren Folgerungen aus der kritischen Philosophie und gibt in intuitiver Schau die Erkenntnisse, die Kant verborgen blieben, aber in besonderer Würdigung der Tat Kants schenkt sie Kant selbst dem Deutschen Volke neu!]
Am Ende des Vortrags möge die Philosophin selbst noch einmal zu uns sprechen:
»Auf Kants Kritik der reinen Vernunft bauen sich meine Werke auf. Die Denkformen von Raum, Zeit und Kausalität werden von mir nur auf das Gebiet der Erscheinungen des Weltalls angewendet. Die Natur ist nicht gleich Gott, sondern sie ist ein für uns wahrnehmbarer Ausdruck des Göttlichen, Erscheinung des ,Dinges an sich', des Wesens aller Erscheinung. Die Vernunft kann uns nur Wissen über diese Erscheinungen und ihre Kräftegesetze übermitteln und kann uns so die Erscheinungswelt begreifen lassen. Über das Wesen der Erscheinung kann sie uns keinen Aufschluß geben, hierfür hat der Mensch ein anderes Erkenntnisorgan, und das ist das bewußte Icherleben. Dank den göttlichen Wünschen und dem Gottesstolz kann dieses Ich zunächst unvollkommen und, nach seiner Selbstschöpfung zur Vollkommenheit, das Wesen aller Erscheinung vollkommen erleben. Dieses Erleben kann nur das Wissen über die Erscheinungen, das die Vernunft uns gibt, verwerten, um den göttlichen Sinn des Lebens, des Todesmuß, des Weltwerdens und des Menschwerdens, den Sinn der angeborenen Unvollkommenheit und der Seelengesetze im einzelnen zu enthüllen. Dies ist in meinen Werken denn auch geschehen.
Gerade deshalb, weil in ihnen auf der Erkenntnis Kants und seines Nachfilgers Schopenhauer als der Grundlage aufgebaut ist, gerade deshalb konnten so weite Wege von diesen Grundlagen aus weitergegangen und alle die Fragen beantwortet werden, für die jene beiden Philosophen, erst recht aber der Pantheismus selbstverständlich gar keine Antwort finden konnte.«5) (Quell, Folge 1, 9.4.32, »Der Irrtum des Pantheismus und seiner Moral« S. 6, 20 Zeilen)