Von Dieter Volmer-Neudorf
In welchem Volk gab und gibt nicht Streit und Hader? Und das vor allem dann, wenn alleinseligmachende religiöse Groß- und Kleinsekten ihre »Götter« herrschen lassen wollen, ja müssen. Warum soll es also bei »Jakob«, dem verkörperten Israeliten »wie er wirklich war« (Bertholet/Goldammer), je anders gewesen sein? Der jüngste Streit jedoch schlägt nicht nur weltweit Wellen, er trifft in das Herz des in den USA zu einer »Zivilreligion« erhobenen »Holocaust-Kultes«.
Es sind zwei Bücher jüdisch-amerikanischer Hochschullehrer, die durch ihre »überzeugende kritische Aufklärung« (Criticón) nicht nur für Aufruhr unter den Israeliten sorgten, sondern ebenso für »öffentliche Aufmerksamkeit«. Hierzu gehörte auch die »öffentliche Bereitschaft« von Nichtjuden, ihren Inhalt »sofort glauben zu wollen«. »Warum wohl?«, fragte darob Salomon Korn vom Zentralrat der Juden in Deutschland.
Peter Novick, emeritierter Professor der Universität von Chicago, Mitglied ihres Komitees für Jüdische Studien und liberaler Jude, veröffentlichte 1999 im Verlag Hougthon Mifflin Company, Boston und New York, ISBN 0-39584009-0 sein 373 Seiten umfassendes Buch: »The Holocaust in America«. Anders als Daniel Goldhagens Buchschlager wurde es auch ein Jahr nach seinem Erscheinen noch nicht übersetzt. Der Verfasser bricht nämlich mit seiner gründlich belegten Untersuchung der in den USA entwickelten Mustern des Holocaust-Gedenkens ein sorgsam gehütetes und nun verteidigtes Tabu. In seiner »Historisierung der Erinnerungsformen« geht es ihm vor allem um die politischen Absichten, die zur heutigen Gestaltung des öffentlichen Umgangs mit den Judenmorden führten.
Die Untersuchung des bisher entwickelten und »längst sakralisierten und mythisierten Holocaust« in Presse, Film und Fernsehen zeigt auf, daß dieser in den Kriegs- und Nachkriegsjahren kaum beachtet worden war. Als eigentliches NS-Opfer galt der politische NS-Gegner. Die KZs sah man als Mittel politischer Unterdrückung, keineswegs aber als Orte rassistischen Völkermordes an. Auch Erinnerungen der Überlebenden spielten keine besondere Rolle. Vertreter des Zionismus zweifelten sogar deren seelische Verfassung an, nach Israel einwandern zu können.
Erst das Jerusalemer Eichmann-Verfahren, die Nahostkriege und politische Einflüsse aus Tel Aviv schufen die »jüdische Opferrolle« und wandelten geschichtliche Ereignisse in eine »unverzichtbare ideologische Waffe«. (Finkelstein) Hinzu trat die Vorstellung von Israel als Zuflucht der Holocaust-Opfer vor einer neuen drohenden Vernichtung. Dieser religiös-politische Einfluß, dem gerade auch Clinton schon früh erlag, machte Amerika zur Schutzmacht des zionistischen Staates. Nicht zuletzt diente der NS-Judenmord angesichts des drohenden Untergangs des amerikanischen Judentums (Assimilation, Identitätsverlust) seiner Selbstbehauptung.
Das Buch »The Holocaust Industry - Reflexions on the Exploitation of Jewish Suffering«, (Verso, London und New York), aus der Feder des Goldhagenkritikers Professor Norman G. Finkelstein (47) von der New Yorker Universität, erschien Ende Juli 2000. Durch Auszüge aus seinem Buch im linksliberalen britischen »Guardian« erregte es schon zuvor die Gemüter. In dieser, dem Titel nach an Walsers Rede gemahnenden Veröffentlichung wirft Finkelstein vor allem den jüdischen Organisationen in den USA vor, den Holocaust auszubeuten. Er beklagt, die Zahl der Überleben werde übertrieben und die Entschädigungen würden zweckentfremdet. Ähnlich Novick befand er, daß die »Sakralisierung« des Holocaust dazu diene, »die Juden« gegen Kritik zu feien. Auf die Gesamtzahl der umgekommenen Landsleuten geht er offensichtlich nicht ein.
Die Kindheit des Verfassers, dessen Eltern die einzigen Überlebenden seiner Familie des Warschauer Ghettos und der KZ waren, sei durch den »Nazi-Holocaust« nicht behelligt worden:
»Das war kein respektvolles Schweigen. Es war Desinteresse. Unter diesen Umständen kann man nur skeptisch sein, was die Eruptionen des Zorns späterer Dekaden angeht, als die Holocaust-Industrie Fuß gefaßt hatte. Manchmal denke ich, daß die Entdeckung' des Nazi-Holocaust durch die amerikanische Judenschaft schlimmer war als das Vergessen. Natürlich brüteten meine Eltern privat darüber; die Leiden, die sie durchgemacht hatten, wurden nicht öffentlich gewürdigt. Aber war das nicht besser als die heutige krasse Ausbeutung jüdischen Märtyrertums? Bevor der Nazi-Holocaust der Holocaust wurde, waren darüber nur wenige wissenschaftliche Studien (von Raul Hilberg, Viktor Frankl und Ella Lingen-Reiner) erschienen.
Diese schmale Sammlung von Preziosen war besser als die vielen Regalmeter des Zeugs, das heute Büchereien und Buchläden verstopft... Als die Widergabe des Holocaust immer absurdere Formen annahm, zitierte meine Mutter gerne Henry Ford: Geschichte ist Quatsch.' Die Erzählungen von Holocaust'-Überlebenden - alle KZ-Insassen, alles Helden des Widerstands - waren eine besondere Quelle sarkastischen Vergnügens bei uns zu Hause.
Meine Eltern fragten sich oft, warum ich so wütend wurde über die Fälschungen und Ausbeutung des Nazi-Völkermordes. Die Antwort ist: Weil er benutzt wurde, um kriminelle Praktiken des israelischen Staates zu rechtfertigen und weil die USA diese Praktiken unterstützten... Da ist allerdings ein persönliches Motiv. Mir bedeutete die Erinnerung an die Verfolgung meiner Eltern viel. Die derzeitige Kampagne der Holocaust-Industrie, im Namen bedürftiger Holocaust-Opfer' aus Europa Geld herauszuquetschen, hat die moralische Statur ihres Leidens auf das Format eines Monte-Carlo-Kasinos schrumpfen lassen.
Der Holocaust hat sich als unverzichtbare ideologische Waffe entpuppt. Mit seinem Einsatz hat sich eine der formidabelsten Militärmächte - deren Menschenrechtskatalog erschreckend ist - zum Opferstaat' stilisiert; genauso hat die erfolgreichste ethnische Gruppe der USA Opferstatus erworben. Als Holocaust-Opfer' wurden ursprünglich diejenigen bezeichnet, die das einzigartige Trauma der jüdischen Gettos, KZs und Sklavenarbeitslager durchleiden mußten, oft hintereinander. Ihre Zahl wurde bei Kriegsende auf rund 1oo ooo geschätzt. Von diesen Überlebenden können heute nicht mehr als ein Viertel nach am Leben sein. Weil jedoch das Überleben in den Lagern zur Krönung des Martyriums wurde, präsentierten sich viele Juden, die den Krieg woanders verbracht hatten, nachträglich als Lager-Überlebende. Für die Verfälschung gab es auch ein starkes materielles Motiv. Die deutsche Nachkriegs-Regierung zahlte den Juden aus den Gettos und den Lagern Entschädigung. Viele Juden fälschten ihre Vergangenheit, um dieses Auswahlkriterium zu erfüllen. Wenn jeder angeblich Überlebende tatsächlich einer ist' pflegte meine Mutter zu sagen, wen hat Hitler dann umgebracht?'.« Seit den früheren 50er Jahren zahlte Deutschland bisher rund 60 Milliarden Dollar an Entschädigungen. Auch handelte es mit der »Claims Conference« finanzielle Vereinbarungen aus. Dieser Dachverband jüdischer Organisationen sollte rund 1 Milliarde Dollar nach heutigem Wert den bisher zu kurz gekommenen Opfern auszahlen. Die Mutter des Verfassers gehörte zu diesen; sie erhielt lediglich 3.500 Dollar. Andere Opfer, die es manchmal gar nicht waren, erhielten dagegen lebenslange Renten, die schließlich 1ootausende von Dollar ausmachten. Vor allem dienten die Gelder aber der »Rehabilitierung jüdischer Gemeinschaften'«. (Die Woche, 28.7.2000)Aufschlußreich sind wieder einmal die Antworten auf die beiden Ketzerwerke. Das gilt vor allem für das streitbare Finkelsteinbuch, das jedoch meist noch gar nicht gelesen sein konnte. Da seine Vorwürfe oft »polemisch« wirkten, wurde ihm rasch »jüdischer Selbsthaß« u. a. vorgeworfen. Die von der »Die Woche« von namhaften Juden erbetene Stellungnahme zu Finkelsteins Thesen ergaben Zustimmungen, meist aber Ablehnung. Diese wurde bestimmt von »Betriebsblindheit«, aber auch von Sorgen vor einem Herunterspielen des Holocaust, vor neuen antisemitischen Vorurteilen, einer Ermunterung der Geschichtsrevisionisten und Neonazis. Die Unterstellung der Geschäftemacherei fehlte natürlich nicht. Eine Widerlegung fehlte.
In Deutschland erntete »Die Woche« Schelte, weil sie dem Streit eine Plattform bot. Sie erhielt wie wohl selten Absagen über Absagen, das Tabu-Thema zu erörtern. Es kam bei den meisten Angesprochenen zu einer regelrechten »Schreibblockade«. Besonders schwer taten sich deutsche Nichtjuden, von denen zwar mancher am Telefon Finkelsteins Kritik zustimmte, dies aber nicht öffentlich tun mochte.
Grundsätzlich ist die Auseinandersetzung mit den beiden Untersuchungen aus Amerika zu begrüßen. Dazu ist aber ihre Übersetzung in Deutsche notwendig. Es geht allein um die Wahrheit, denn alles andere kann sich irgendwie und überall rächen. Wenn heute der Großteil der Israelis Frieden mit den Arabern und dem Islam wünscht, dann sollte auch der »Mythos vom Juden als ewiges Opfer« (David Großmann (46), israelischer Schriftsteller), als neue Art des Auserwähltheitsglaubens durch Erkenntnis ersetzt werden.
In diesem Sinne schließt auch der Auszug in der »Woche-Debatte« über das »Kasino der Entschädigung« mit Finkelsteins Feststellung:
»Die Herausforderung ist heute, den Nazi-Holocaust wieder zu einem rationalen Gegenstand der Untersuchung zu machen. Nur dann können wir wirklich von ihm lernen. Die Anormalität des Nazi-Holocaust resultiert nicht aus dem Ereignis selbst, sondern aus der ausbeuterischen Industrie, die um ihn herum gewachsen ist.
Die Holocaust-Industrie war schon immer bankrott. Was noch aussteht, ist diesen Bankrott offen zu erklären. Die Zeit ist reif, dieses Geschäft zu beenden. Die nobelste Geste gegenüber den Verstorbenen wäre, die Erinnerung an sie zu bewahren, von ihren Leiden zu lernen und sie endlich in Frieden ruhen zu lassen.«