Von Gerd Rühle
Spätestens seit der kürzlichen »Übernahmeschlacht« zwischen Mannesmann und Vodafone, den Verlusten von BMW mit Rover ist der Begriff »Globalisierung« in aller Munde, doch welche Bedeutung und Folgen die wirtschaftliche Globalisierung tatsächlich hat, bleibt eine schwierige Frage, denn bereits bei der Beschreibung der Phänomene, erst recht bei ihrer Folgenabschätzung gibt es unterschiedliche, ja unvereinbare Deutungen. Im folgenden soll ein Buch von Zeitler und Ritter zum Thema besprochen und sollen dessen Thesen bedacht werden, wobei bereits unterschiedliche Auffassungen erkennbar werden.
Die beiden Autoren kennen sich in der kommunalen bzw. staatlichen Verwaltung aus - Zeitler war 22 Jahre lang Oberbürgermeister von Würzburg, Ritter ist Regierungsdirektor in der bayerischen Staatsverwaltung. Sie versuchen in offensichtlicher Sorge um ihr Land, sich von Denkklischees zur Globalisierung der Wirtschaft freizuhalten, wie sie in der öffentlichen Meinung zum Thema zu hören sind; beide sind aber in der Darstellung der angesprochenen Probleme nicht immer genau genug, was Folgen hat für die Lösungsvorschläge; trotzdem kann das Buch gerade Laien in Wirtschaftsfragen zum Nachdenken und zur Suche nach weiteren Informationen anregen.
Zunächst die Thesen des Buches: Die Globalisierung der Wirtschaft bringe den Hochlohnländern Verderben, weil es die modernen Fertigungsmethoden erlauben, Massenprodukte durch ungelernte Arbeitskräfte herstellen zu lassen; anders als zur Zeit der Erfindung des Fließbandes suchen die großen Unternehmen diese Arbeitskräfte wegen der hohen Lohnkosten nicht mehr in Industrieländern, sondern »Multis« rekrutieren sie in Billiglohnländern, wodurch in den (alten) Industrieländern Arbeitsplätze verschwinden; von 1991 - 1997 verlor Deutschland z. B. 3 Mio. Arbeitsplätze, die in Niedriglohnländer abwanderten.
John Gray, einst Chef-Theoretiker der Regierung Thatcher, der von Zeitler zustimmend zitiert wird, fürchtet, diese durch Großbetriebe ausgelöste und vorangetriebene Globalisierung werde in den bisherigen Industrieländern zu Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau und Aushöhlung der demokratischen Gemeinwesen führen, denn die wachsende Zahl der Arbeitslosen bringe Steuerausfälle, die den Staat bei den notwendigen Gegenmaßnahmen auf die Globalisierungsfolgen immer unbeweglicher mache: Er müßte die Unternehmenssteuern senken, Investitionen durch Niedrigsteuern ins Land holen usw., um die Konkurrenz im billig produzierenden Ausland zu schwächen, doch verzichtet er damit um so mehr auf Steuereinnahmen. »Mit neoliberaler Freihandelspolitik geraten die Hochlohnländer unvermeidbar in die ,Globalisierungsfalle'. Sinkende Steuereinnahmen und steigende Staatsverschuldung erhöhen ihre Hilflosigkeit« (S.24). Dagegen gelingt es vielleicht weltweit tätigen Unternehmen, Gewinne, egal in welchem Land sie gemacht wurden, vor allem in den Ländern mit Niedrigsteuersätzen zu versteuern.
Europäische Länder mit ihrer Tradition der starken sozialen Absicherung können diesen Wettlauf um die Gunst der Investoren um so weniger gewinnen, je stärker der Umversteilungsanteil des Staates am Bruttosozialprodukt ist; vor allem zeigen die Zahlen für Deutschland, daß deutsche Firmen sehr viel mehr im Ausland investieren als ausländische Firmen hier anlegen. »Die Globalisierung hat also nicht mehr das Geringste mit fairem Wettbewerb zu tun, sondern ist eine Kampfansage des internationalen Kapitals an die Arbeitnehmer in den Hochlohnländern. Man akzeptiert offenbar seitens des Kapitals nicht mehr die in Jahrzehnten gewachsene Wirtschafts- und Wohlstandsordnung in den Hochlohnländern, die auch dem kleinen Mann einen fairen Anteil am Wohlstandskuchen gesichert hat. Er soll, zusammen mit seinen gewerkschaftlichen Vertretern, in die Knie gezwungen werden und sich mit dem bescheidenen asiatischen Lohnniveau begnügen. Im Ergebnis soll er sich also mit dem Existenzminimum zufriedengeben. Wer dann allerdings noch die vielen produzierten (Wohlstands-)güter kaufen soll, wird wohl das Geheimnis der ,global players' bleiben. Oder sollten etwa unter den Drahtziehern der Globalisierung gar versteckte Marxisten sein, die genau jene Verhältnisse schaffen wollen, die ihr geistiger Vater als notwendige Voraussetzung für die Weltrevolution beschrieben hat?« (S. 60) Im vorletzten Satz, (über den letzten wird noch zu sprechen sein), wird auf einen Sachverhalt verwiesen, welcher indirekt der These von der drohenden Verarmung der traditionellen Industrieländer widerspricht, denn Massenproduktion und Massenkonsum bedingen einander je nach Land mehr oder weniger stark, und wenn nicht mehr genügend Kaufkraft vorhanden ist, dann kann es auch keine Massenproduktion mehr geben, wenn nicht in gleichem Maß, wie der Inlandskonsum verlorengeht ein Ausgleich durch Exporte stattfindet. Andernfalls würde der Mechanismus der »global players«, der ihnen ihren Gewinn sichert, nicht mehr funktionieren! Die aufstrebenden (Niedriglohn-)Länder konsumieren vergleichsweise einen geringeren Teil des Erwirtschafteten als die Hochlohnländer, sie investieren prozentual mehr, um noch konkurrenzfähiger exportieren und mehr erwirtschaften zu können; sie sind vor allem als Absatzmärkte von Konsumgütern für die Zukunft interessant.
Die obige Anspielung (versteckte Marxisten) an ein womöglich in langfristiger Zielsetzung vereinigtes Großkapital erinnert etwas an die Vision von W. Rathenau zu Beginn des Massenkonsums und des Aufstiegs des internationalen Kapitals, nämlich die von den wenigen Hundert Familien, in deren Händen zukünftig das Geld und die Macht liegen werde. Gerade die weltweit starke Zunahme der Fusionen von großen Unternehmen, »global players«, ist Beleg für das Bestreben, durch immer größere wirtschaftliche Einheiten den von der Globalisierung ausgehenden Konkurrenzdruck zu bestehen, sie bestätigt die Vision vom Anfang des Massenzeitalters. Wie weit die Einflüsse dieser Konzentrationsprozesse von Kapital auf die Staaten reichen und reichen werden, ist auch aufgrund geringer Information schwer abzuschätzen; doch gegenwärtig ist unstrittig, daß gerade die amerikanischen »global players« erfolgreich auf die Herausforderungen der wirtschaftlichen Globalisierung reagieren. Sie haben beim geringen Exportanteil der amerikanischen Wirtschaft vom steigenden Inlandskonsum profitiert. Dieser geht teilweise auf die vorausschauende Steuerpolitik zur Reagan-Zeit zurück, denn niedrigere Steuern sollten die Eigenvorsorge bzw. Sparneigung des Bürgers begünstigen. Das in den USA weitverbreitete Sparen in Aktienanlagen erhöhte mit wachsenden Aktienkursen das Sparkapital breiter Bevölkerungsgruppen, das wiederum den Konsum anregt. Die hohen amerikanischen Investitionen in moderne Industrien - wiederum begünstigt und verstärkt durch steigende Aktienkurse - verbesserten deren Konkurrenzfähigkeit. So greifen die Mechanismen ineinander, es ergeben sich sich selbst verstärkende Prozesse: Während die USA nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion militärisch zur einzig verbleibenden Weltmacht, zur planetarischen Macht wurden, wuchs in den letzten zehn Jahren mit den rechtzeitig vorgenommenen Basisinvestitionen für die Zukunftsindustrien Informationstechnik und Gentechnologie die Bedeutung der amerikanischen Wirtschaft, welche die Herausforderungen der Globalisierung besser besteht als die europäische, u. a. weil sie bei den genannten Basisinvestitionen hinterherhinkt. So trifft denn das von den beiden Autoren über Probleme und Nachteile der Globalisierung Gesagte vor allem auf Europa zu, nicht aber auf die USA; diese bleiben leider in der Betrachtung ausgespart.
Die wirtschaftliche Globalisierung enthalte sozialen Sprengstoff, denn sie werde die (in vielen Industrieländern geringer gewordenen) Unterschiede zwischen Reich und Arm wieder vergrößern. »Die ,bürgerliche Welt' droht nun der Globalisierung zum Opfer zu fallen. Die wirtschaftlichen Konzentrationsprozesse im Gefolge der Globalisierung vernichten immer mehr kleinere und mittlere selbständige Existenzen. Sie lassen auch immer weniger Angestellte mit gehobenem Einkommensniveau übrig. Dieser soziale Abstieg bedroht auch die Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes aufgrund sinkender Staatseinnahmen.« (S. 111). Dienstleistungsberufe haben selbstverständlich nur eine Chance in Verbindung mit dem produzierenden Gewerbe, das gilt auch dann, wenn der größte Teil der Arbeitnehmer in Dienstleistungsberufen arbeitet, denn Voraussetzung bleibt die hohe Produktivität des sekundären Sektors. Zweifellos greifen die einzelnen Wirtschaftssektoren (primärer: Landwirtschaft, Bergbau; sekundärer: Industrie; tertiärer: Dienstleistungen, z. B. Handel) eng ineinander, ihre Verzahnung ist eine Bedingung des Wohlstandes.
»Unsere politische Stabilität beruht auf dem Massenwohlstand. Wer ihn beseitigt, legt die Axt an die Wurzeln unserer Demokratien.« (S. 12) Denn dieser Wohlstand stelle - wie es anderer Stelle heißt - eine wichtige Bindekraft des Bürgers an den Staat dar; wenn also jeder sein Eigeninteresse am Funktionieren einer Volkswirtschaft, der Demokratie eines Landes hat, dann wird er auch für die Erhaltung des Ganzen eintreten wollen. Allerdings, das sei hinzugefügt, sollte das Interesse des Einzelnen weiter reichen, denn ein Staat, der nur funktioniert, weil alle verdienen und zu Wohlstand kommen wollen, hat längerfristig wohl nicht genug innere Substanz und Bindekräfte.
Als rettenden Weg aus der drohenden Verarmung traditioneller Industrieländer sehen die Verfasser die Schaffung von großräumigen Schutzzollzonen an, etwa im Rahmen der EU; die Zollschranken dürften aber nicht so hoch sein, daß dadurch die Innovationskraft verloren werden könnte. Damit beginnt der Streit darüber, wo und in welchem Umfang durch die Staaten steuernd in den Globalisierungsprozeß eingegriffen werden müsse, von welchem Punkt an der Wille, neue Produkte zu entwickeln, geschwächt werde.
»Die Vorstellung aus früheren Jahren, daß Arbeitsplätze durch immer neue Produktionsschübe an dem Ort wettgemacht werden könnten, an dem sie verschwanden, paßt nicht mehr in unser globalisiertes Zeitalter, in dem die Produzenten weltweit nach dem billigsten Produktionsstandort suchen. Weder angebots- noch nachfrageorientierte Wirtschaftstheorien noch linke oder rechte Politik bieten für diese Problematik brauchbare Lösungen. Deshalb wird (...) (im) Bericht des ,Club of Rome' ein ,Mehrschichten-Modell von Arbeit' entwickelt. Es soll die in immer geringerem Umfang vorhandene Arbeit gerechter verteilen.«(S. 47)
Aber stimmt es denn gegenwärtig überhaupt so pauschal, daß den Industrieländern die Arbeit ausgeht? Das gilt auf den ersten Blick für die Industrieländer Europas, es gilt aber zumindest gegenwärtig nicht für die USA; gerade bei uns ist die Arbeit zu teuer und wird deshalb nicht nachgefragt! Während in Deutschland Arbeitsplätze verschwinden, die Massenarbeitslosigkeit in diesem Jahr und in der nächsten Zukunft nur deshalb zurückgeht, weil entsprechend der Überalterung unserer Bevölkerung ein hoher Anteil der Arbeitskräfte sich in den Ruhestand verabschiedet, gibt es in den USA Vollbeschäftigung (nämlich weniger als 5% Arbeitslosigkeit, und 5% nennt man bereits Vollbeschäftigung), eine überschäumende Nachfrage nach Arbeit (und nicht nur Billigjobs!) und Gütern, kurz: ein so hohes Wirtschaftswachstum, daß es von seiten der amerikanischen Notenbank gebremst wird. Die von Ritter und Zeitler beschriebenen Phänomene treffen eben nicht auf alle Industrieländer zu, sie stimmen für Europa, also kann nicht alles, was die Autoren der Globalisierung zuschreiben, auf deren Rechnung gehen.
Die Arbeit wird bei uns nur deshalb knapp, weil sie zu teuer ist, wäre sie preiswerter, würde sie stärker nachgefragt. Vielleicht müßte die Arbeitszeit (in manchen Berufen) bei gleichbleibendem Lohn erheblich ausgeweitet werden, denn wenn ein Arbeiter bei VW nur 28 Wochenstunden arbeitet, schafft er nur gut die Hälfte der Wochenarbeitszeit eines Autowerkers in Südkorea, - der dann allerdings billigere Autos herstellt und übrigens, gemessen an der Kaufkraft in seinem Land, durchaus einen guten Lohn erhält; außerdem: Der VW-Arbeiter arbeitet auch wesentlich weniger als es seine Kinder in der Schule müßten, wollten sie eine möglichst gute Ausbildung bekommen. Dieser Spagat zwischen geringer Eltern- und hoher Kinderarbeit kann nicht gutgehen, (von der Lernökonomie empfiehlt sich die sechs-Tage-Woche, aber ein Samstagunterricht ist nicht machbar, wenn samstags scheinbar niemand arbeitet). So wundert es nicht, wenn die Ausbildung in den deutschen Schulen in vielen Bereichen inzwischen nicht mehr als vorbildlich gelten kann, weil eben auch hier zu wenig gearbeitet (gelernt) wird.
Zu Beginn dieses Jahrhunderts besaß Deutschland gerade in den Naturwissenschaften eine Spitzenstellung in der Welt und damit die besten Voraussetzungen für technische Neuentwicklungen; inzwischen nehmen wir bei der Ausbildung in diesem Bereich nur noch einen Mittelplatz ein, und dies, weil wir uns aufgrund einer gleichheitsverliebten und damit leistungsfeindlichen Ideologie (alle sollen nicht nur gleiche Ausbildungschancen haben, sondern möglichst auch die gleiche Ausbildung durchlaufen) einen Schultyp leisten, der zu wenig leistet, nämlich den weitverbreiteten Gesamtschultyp. (Nach 13 Jahren Schulzeit sind die Kinder gegenüber der Ausbildung im normalen Gymnasium etwa drei Jahre zurück!) Bei schlechter Ausbildung kann man die Konkurrenz mit anderen Ländern längerfristig nicht bestehen.
Wenn man Informationstechniker nun gerade aus Entwicklungsländern wie Indien anwerben möchte, weil man nicht selbst genug hat und die dadurch deutlich werdenden Versäumnisse in der öffentlichen Diskussion aber nur auf die Punkte reduziert, daß erstens der frühere Ministerpräsident von Niedersachsen, Herr Schröder, die Ausbildungsrichtung Informationstechnik in Hildesheim vor Jahren schließen ließ, weil seiner Meinung nach zu wenig Bedarf da sei, und daß zweitens der auf schwere Versäumnisse in der Familienpolitik gemünzte Spruch »Kinder statt Inder« gleich als »fremdenfeindlich« verdächtigt wird, und wenn gerade in dieser Diskussion nicht die Versäumnisse vieler Jahre im Bildungssystem angesprochen werden, dann weiß man, daß sich an der Misere in absehbarer Zeit nichts ändern kann. Es müßte eine umfassende öffentliche Auseinandersetzung um Ausbildung und deren Versäumnisse und Schwächen geben.
Mit guter Ausbildung ist die Wahrscheinlichkeit, einen Arbeitsplatz zu bekommen, nicht nur gut, sondern es steigt auch die Wahrscheinlichkeit, sehr viel mehr arbeiten zu müssen als es einer Arbeitskraft mit einfacher Qualifikation abverlangt wird. Die Arbeitszeitverkürzung der letzten dreißig Jahre hat sich vor allem bei Berufen mit einfacher Ausbildung ausgewirkt, Spezialisten und viele in (hoch-)qualifizierten Berufen haben an Arbeitszeitverkürzung nicht oder wenig teilgenommen; so haben z. B. meine Nachbarn und Bekannten, die ihre Qualifikation durchaus nicht tiefstapelnd der »mittleren Managementebene« zuordnen, nämlich Laborleiter in der medizinischen Forschung, der Konstrukteur in einem Großbetrieb, der Hochschullehrer, der Landwirt und der Handwerker, so viel zu tun, daß ihre Freizeit oft gegen Null tendiert; denn es muß das, was an Arbeit ansteht, möglichst umgehend geschafft werden.
Sie verdienen, vom Landwirt abgesehen, überdurchschnittlich, aber haben oft keine Zeit, den Verdienst auch zu konsumieren - im Gegensatz zu manch anderen, die ihre Freizeit dem Konsum weihen.
Die moderne Konsumwelt verlangt, wenn sie sich richtig entfalten soll, eine Masse von Menschen, die in Muße konsumieren; die massenhaft produzierende Industrie braucht den in seiner Freizeit massenhaft Konsumierenden. Die Arbeitszeitverkürzung in der modernen Industriewelt ist also nicht nur eine Folge der Arbeitsplatzverluste durch Abwanderung in Niedriglohnländer, sie ist älter und hängt wesentlich mit dem Mechanismus von Massenkonsum und Massenproduktion zusammen. Doch an der Arbeitszeitverkürzung und der Umverteilung von Arbeit können nicht alle Berufsgruppen in gleicher Weise teilnehmen - man kann z. B. nicht auf einer halben Stelle medizinische Forschung betreiben, sondern nur mit ganzer Arbeitskraft und ganzem Zeiteinsatz. Die anspruchsvolleren Berufe und das sind gerade die, auf welche die moderne Industrie angewiesen ist, weil von ihnen die innovative Kraft für neue Produkte ausgeht, fordern den vollen (Zeit-)Einsatz. Doch die Gleichheitsideologie - wie sie in Deutschland und im übrigen Europa weit verbreitet ist - will, daß die Einkommensunterschiede möglichst gering seien und darum wird bei der Steuerprogression nicht gefragt, ob einer einen vollen Arbeitsplatz mit nur 28 Stunden oder ob er einen mit 50, 60 oder mehr Stunden hat, einen, wo Überstunden nicht gezählt werden. (Menschen in anspruchsvollen Berufen werden in den USA ungleich besser bezahlt und niedriger besteuert als in Deutschland, weshalb gerade in solchen Berufen bei uns Auswanderung stattfindet.) Als der Schauspieler-Präsident Reagan weit vorausschauend die Steuern senkte, die Steuerprogression schwächte, vergrößerte er eben nicht nur die Unterschiede zwischen Arm und Reich, (ohne daß der soziale Friede dadurch gefährdet wurde), sondern, und das ist entscheidend, er fand die richtige Antwort auf die Herausforderung durch die beginnende Globalisierung - von der die USA längst nicht so stark herausgefordert sind, wie das Exportland Deutschland.
Die echten Leistungseliten müssen wesentlich mehr als der Durchschnitt arbeiten, denn nur so sind Innovationen zu schaffen; deshalb sollte man auch in Europa aufhören, dem aus der Gleichheitsideologie erwachsenden Neidkomplex zu frönen und den Tüchtigen durch Steuerbestrafung die Leistungsbereitschaft austreiben (z. B. sind Konstrukteure, die ihre Erfindungen finanziell umsetzen wollen steuerlich eher benachteiligt). Doch Ideologien versperren leider den pragmatischen Blick auf die Wirklichkeit.
Sicherlich hat der Satz »je höher die Qualifikation, desto höher die Arbeitsbelastung« seine Ausnahmen, doch im allgemeinen trifft er zu, und dies hat mit einem Punkt zu tun, der von den beiden Autoren nicht beachtet wird: Durch Verlagerung von Produktion in Niedriglohnländer sind zwar die alten Industrieländer prinzipiell verwundbar geworden, sie können viele Industrieprodukte nicht mehr zu extremen (Monopolisten-)preisen in die wirtschaftlich weniger entwickelten Länder verkaufen, doch bei den technisch neuen Produkten geht das weiterhin. Deshalb z. B., weil er lange genug Monopolist war und mit neuen Produkten einen Markt eroberte, konnte der Computerspezialist Bill Gates mit der Firma Microsoft in weniger als einer Generation von einfachen Anfängen zum reichsten Mann der Welt werden.
Ein Industrieprodukt durchläuft in Phasen einen Produktzyklus (vgl. Abb.); bei Entwicklung und Einführung fallen teilweise sehr hohe Kosten an, die in den Phasen II (Wachstum) und III (Reife) mehr als nur hereingeholt werden müssen, in der Phase IV (Schrumpfung) lohnt die Produktion oft kaum noch, weil (früher oder später) in weniger entwickelten Ländern mit niedrigem Lohnniveau eine Produktnachahmung zu einem konkurrenzlos niedrigen Preis erfolgt.
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Im schlimmsten Fall, wie beim älteren Beispiel der deutschen Fotokameras, ahmt das niedriger entwickelte Land nicht nur nach und produziert billiger, sondern - im Falle Japans - es entwickelt schließlich selbst weiter, wird zum Konkurrenten bei Innovation und Qualität und entzieht in dem bis dahin führenden älteren Produzentenland einem ganzen Industriezweig die Existenzgrundlage. Es kann dahin kommen, daß Industriezweige nach und nach in immer geringer entwickelte Länder abwandern, so haben z. B. die europäischen Werften immer weniger mit den japanischen konkurrieren können, bis diese dann ihrerseits Konkurrenz durch die billigeren koreanischen bekamen; ähnliche Entwicklungen gibt es z. B. in der Autoindustrie. Der Konkurrenzdruck durch Globalisierung erzeugt einen bislang einmaligen Innovationsdruck: Um konkurrieren zu können, muß das jeweilige Produkt technisch verbessert werden; oft (Autoindustrie) geht es dabei nur um Moden, Schnickschnack, Optisches, aber in einer Konsumgesellschaft ist auch das wichtig, denn sie ist eine Überflußgesellschaft (und kann sich dies leisten).
Vor einigen Jahren einigten sich japanische Hersteller von Elektrogeräten für den Inlandsmarkt darauf, ihre optischen Aufpolierungsrhythmen für ihre Geräte zu strecken, damit eine modern denkende japanische Hausfrau ein »gutes Gewissen« haben darf, wenn sie ihre Küchenmaschinen, sagen wir mal, nur noch alle zwei Jahre durch modischere ersetzt. Jeder kennt den hierzulande verbreiteten Wunsch vieler technisch interessierten Männer nach dem neuesten Automodell, das sich nur optisch, nicht technisch vom alten unterscheiden muß, (wegen dieses Dranges nach dem Neuen sind die Jahreswagen vergleichsweise billig). Oft werden Dinge gekauft, die gar nicht gebraucht werden; vor 40 Jahren war dies jener billige Plastikreif, den man schwungvoll um die Mitte des Körpers kreisen lassen sollte, die heutige Spielerei für viele ist etwas aufwendiger, es ist das Handy; nur ein Teil der Käufer benötigt es in der Praxis, für viele andere ist es Statussymbol - wenn es benutzt wird. Aber wenn inzwischen alle Narren eines haben und überall auf der Straße damit herummachen, ist es auch kein Statussymbol mehr; konnte der Handybesitzer vor Jahren noch neugierige Blicke ernten, wenn sein Ding an einem öffentlichen Ort (Cafe, Restaurant, Theater) klingelte, so nervt es inzwischen jeden; es ist nicht mehr elitär, sondern inflationär; wer ein Handy öffentlich benutzt, zählt offensichtlich zu den Angebern oder doch zu den unwichtigen Leuten, die immer erreichbar sein müssen. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da fanden Autotelephonattrappen reißenden Absatz bei Leuten, die gerne an der Ampel bei Rot wichtig tun wollten. Ein Angeber muß sich da heute etwas anderes einfallen lassen; überhaupt ist er der Liebling der Konsumindustrie, ihre Lieblinge und sie ergänzen einander in Beweglichkeit, der Suche nach Statussymbolen und dem, was in die Augen springt.
Der Konsummuffel macht nicht jede Mode mit, gäbe es viele seiner Gattung, dann würde die Typenvielfalt zurückgehen, die Ressourcenverschwendung abnehmen. Gerade der Modemuffel im umfassenden Sinne ist es, der am ehesten umweltfreundlich lebt; er nutzt die Langlebigkeit der Produkte, denkt sogar an die Möglichkeit von Reparaturen.
Ein umweltfreundliches Bewußtsein leistet insofern mehr als Verordnungen, die eine Langlebigkeit von Produkten garantieren sollen, woran die beiden Autoren ganz ohne Differenzierung denken. Sie haben übersehen, daß der Innovationsdruck nicht nur das weite Feld der Eitelkeiten bedient, sondern auch technische Revolutionen vorantreibt, die dann wieder Vorräte schonen. Das beste Beispiel der letzten Jahre gibt die Entwicklung der Computer, sie sind in unglaublich kurzer Zeit Jahr für Jahr leistungsfähiger und zugleich billiger geworden, denn es wurden neue Einsatzgebiete eröffnet, mehr Geräte abgesetzt, was sie verbilligte und damit wieder neue Käuferschichten erschloß. Die Geräte wurden schneller und auch kleiner, die Miniaturisierung vielfältiger technischer Entwicklungen bedeutet Ressourceneinsparung. Gerade die moderne Technik kann helfen Ressourcen zu sparen, wenn sie nur richtig eingesetzt wird. (Beispiele: dezentrale Blockkraftwerke mit Wärmekopplung, Brennstoffzelle, Glasfaser- statt Kupferleitungen, elektrische Nutzung von Sonnenenergie mit immer besserer Ausbeute, bessere Isolierung der Häuser, sparsame Motoren usw.). Denkt man daran und nicht an Konsummoden, dann begreift man, daß es kurzsichtig ist, pauschal durch Verordnungen die Langlebigkeit von technischen Produkten zu fordern, (man denke nur an die ersten klobigen Energiesparlampen, die zwar immer noch ihren Dienst zu tun in der Lage sind, aber mit ihren Nachfolgern, die sofort hell brennen, nicht konkurrieren können). Denn die Verordnung von Langlebigkeit behindert gerade auf den Gebieten der profitabelsten Neuerungen (z. B. verdoppelt sich die Speicherfähigkeit eines Chips alle 12 Monate) die Innovationskraft und untergräbt damit wirksam die Absatzchancen (veralteter) Produkte. Die gleiche Wirkung haben die von den Verfassern pauschal geforderten Zölle; sie müssen allerdings nicht erst eingeführt werden, denn im Rahmen der EU gibt es genügend Zollschranken nach außen. Wenn man einen Blick auf die USA wirft, erkennt man, daß sich Zölle am besten aus derPosition der Stärke durchsetzen lassen; im Handelsaustausch mit den USA sind es leider diese, die gegenüber der EU über jene beneidenswerte Position verfügen. Die Gründe dafür sind vielfältig; die Autoren beklagen zu recht die Vasallenrolle der Europäer, diese Rolle wird man aber nicht los, wenn man Innovationskräfte schwächt (schlechte Ausbildung, zu kurze Arbeitszeiten, zu hohe Löhne, nachlassende Disziplin, sozialistische Gleichheitsideologie).