Von Gudrun Matthies
Aristoteles
Aristoteles' Wort hat vor mehr als 2000 Jahren die philosophische Richtung eingeleitet, die im Werk Mathilde Ludendorffs Grundlage und Sinngebung gefunden hat.
Was uns Menschen wie selbstverständlich erscheint, liegt meist im Strom der Zeit und umfließt das Leben. Es schafft weder besondere Aufmerksamkeit noch wird es ständig wahrgenommen: nämlich Wachen und Schlafen, Essen und Trinken. Tätigsein und Wirken regeln das Sein und formen Bewußtsein. Wie Herkunft und Veranlagung das Bild des Menschen prägt, so entwickelt sich Wissen und Können nach den Gegebenheiten, die das Dasein bietet. Einer gemütvollen Seele, ja einer besonderen Geisteskraft verdankt die Welt des Menschen auch Außerordentliches. Wo Geist und Seele die Seinsweisen erklingen lassen, sprudelt wahres Leben, das den Menschen innerlich erfaßt und bewegt.
Die Wege des Menschen kreuzt unterschiedlichstes Geschehen; ob immer Gründe erfragt werden oder Neugier obsiegt, liegt im Ermessen des einzelnen. Bemerkenswert in dem Zusammenhang ist ein Interview mit dem Generalmusikdirektor der Deutschen Oper in Berlin: »Mich regt auf, daß wir in der Kulturpolitik von ideologischen Zirkeln beherrscht werden. Das widerspricht ganz und gar meinem Lebensgefühl und mittlerweile auch dem der meisten Menschen in unserem Land, die von sehr freiheitlicher Gesinnung sind. Nur in der Kulturpolitik beherrschen einige Betonköpfe das Feld ... Wenn ein deutscher Musiker sich in Deutschland auf die eigene Musiktradition besinnt, dann ist das in Deutschland bedenklich ...« (Die Welt, 16.6.99)
Das Urteil wirft ein bezeichnendes Licht auf die »freiheitlich« genannten Verhältnisse in unserem Land. Zumeist sind diese jedoch den Meinungsbildnern eigen. Wer z. B. Partei ergreift, heißt eine bestimmte Richtung gut und wählt diese auch per Stimmzettel. Das große Ganze aber, das Wohl des Volkes, steht dabei kaum im Vordergrund. Schiller wußte davon: »Wo Parteien entstehen, hält jeder sich hüben wie drüben. Viele Jahre vergehen, ehe die Mitte sie vereint.«
Heute gibt es ideologische Zirkel, die genügend Einfluß in Gruppen und Verbänden zu gewinnen wissen. In der Öffentlichkeit aber hört der Bürger von der »Gesellschaft« reden. Medialer Einfluß leistet dabei unbemerkte Hilfe. In Vergessenheit geraten ist, wie »Gesellschaft« den Volksbegriff mittels ideologischer Beeinflussung ersetzt hat. »Volk« ist nämlich mehr als nur die Summe seiner Teile. Der Begriff scheint für die Deutschen mehr oder weniger zu einem tabu geworden zu sein, seitdem Tür und Tor gegenüber den Fremden offen stehen. Angeblicher Fremdenhaß oder sogenannte Ausländerfeindlichkeit bilden sanfte Fallstricke, die Widersetzlichkeit im Zaun hält, aber vor Unruhe nicht immer zu schützen vermag.
Was politisch bewegt wird, macht sich mitunter auf der Straße bemerkbar: Aufstände in der Öffentlichkeit, Gruppendenken in gewissen Kreisen und die Masse schaut gleichgültig zu. Dabei wünscht sich die Mehrheit der Bevölkerung Auskommen und Gerechtigkeit, findet aber meist kein Echo. Dafür wirbst das Zauberwort »Globalisierung« um Gehör, obwohl es den Bürger kaum anspricht. Ihm bleibt immer nur das Ergebis einer Wahl, welche Richtung über alles entscheiden wird.
Jedes Leitalter hat eine bestimmte Prägung erfahren. Geschichtliche Ereignisse oder neue Ideen wirken maßgebend mit, wecken Aufmerksamkeit, verkünden Neues oder bewirken Umbrüche. In unserer Zeit steht, wie wir wissen, die Philosophie Mathilde Ludendorffs als das non plus ultra im Raume. Wie ein Licht, das nicht verlöschen kann, hat diese Schau als ein »Heiliger Quell deutscher Kraft« ihren Weg in die Öffentlichkeit beschritten, stetig und unbeugsam trotz Verunglimpfung oder Verbot.
Diese geniale Schau beleuchtet, wie das Sein mit der Tatsächlichkeit des Lebens zu harmonieren vermag, nämlich den Sinn des Menschenlebens und des Todesmuß zu überdenken, den Sinn der Unvollkommenheit der Menschenseele, den Sinn der Rassereinheit und Erhaltung völkischer Eigenart zu achten, den Sinn der Freiheit und ihrer sittlichen Grenzen zu schützen und schließlich die Lebensgefahren zu erkennen, die dem einzelnen und den Völkern drohen können.
Die Zeitschrift »Mensch und Maß« hütet gleichsam das Erbe des Hauses Ludendorff. Das Heft erinnert in regelmäßig erscheinenden Folgen an das große Werk der Philosophin.
Achten wir nun weiterhin auf die Kunde, warum denn das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile. Hilfreich ist dabei ein Blick in die Natur. Sie ist und bietet Ganzheit, die in langer Zeit gewachsen ist. An der Entwicklung der Lebewesen, der Pflanzen und Tiere, läßt sich der Werdegang nachvollziehen. In der Menschwerdung findet er seinen Abschluß, der von der Möglichkeit des menschlichen Geistes überstrahlt wird, mit dem Äther wieder eins zu werden, z. B. mittels Kunst und Wissenschaft.
Insofern erweist sich unser Wirken im Rahmen des philosophischen Werkes Mathilde Ludendorffs als ein Schritt hin zum Durchbruch einer natürlichen Weltsicht, nämlich Wesen und Erscheinung zu erkennen und göttliches Erleben zu achten.
Der verbreitet ideologische Einfluß von heute wird sich erst mindern, wenn Geist und Wille des Menschen der eigenen Kraft Herr wird und Fremdes z. B. nicht mehr zu dulden bereit ist, sofern es heimische Lebensqualität berührt oder zu beschränken droht.
Seitdem der Deutsche nicht mehr völlig Herr im eigenen Hause ist, verlaufen sich seine Interessen im Gemenge demokratischer Gegebenheit. Nicht jedem kann man es recht machen, sagt der Volksmund; aber jedem Fremden in unserem Land muß geholfen werden, sagen die Demokraten.
Was dabei herauskommt, kennzeichnet die Lage in unserer Zeit: Wo einst Heimatliebe und treue zum Volk die Wurzeln für Vaterlandsliebe bildeten, baut heute »Multiethnisches« bzw. »Multikultur« auf die Vorteile, die »Gesellschaft« angeblich bietet. Öffentlich-rechtliche Organe verwenden diesen Begriff mit Vorliebe. »Gesellschaften« aber finden sich rein zufällig oder aus gegebenem Anlaß. Der Volksbegriff stellt indes etwas in sich Geschlossenes dar, das sich von anderen Völkern z. B. durch Sprache, Kultur und Weltanschauung abhebt. Das deutsche Volk einer Gesellschaft gleichzusetzen, verunglimpft ja die nationale Persönlichkeit, die Jedes Volk im Grunde auszeichnet.
Volksgefühl und Staatsbewußtheit läßt sich wohl kaum innerhalb einer Parteienherrschaft entwickeln. Beides gedeiht mehr aus dem Treueverhältnis des Menschen zum Land, nicht nur zu einer Partei. Auch ein gewisses Vertrauen in die Führung wäre bedeutsam. Maßgebliche politische Ziele und weltanschauliche Freiheit regeln, was Volk und Staat tragfähig macht; ein weites Feld also, welches zu seinem Wohle beackert werden sollte. Parteien vertreten stets ihre Interessen, stehen sich gegenüber oder bekämpfen sich, wobei dem Großen und Ganzen, dem Volk, eher eine nachgeordnete Rolle zugemessen wird.
Völkisches Bewußtsein und sein Anliegen sind entschieden Merkmale des philosophischen Gedankengutes Mathilde Ludendorffs. Es vermittelt darüber hinaus die Zusammenhänge zwischen der Entstehung des Lebens und der Daseinswirklichkeit. In wissenschaftlich einwandfreier Weise hat sich um den Volksbegriff eine Weltsicht ergeben, die den Blick für das Sein und Werden öffnet, unabhängig von allem Einfluß; einzig intuitives Schauen führte die Feder.
Vornehmlich umkreisen die Gedanken der Philosophin den Sinn der menschlichen Unvollkommenheit in einem Weltall, das seinen Sinn vollkommen erfüllt. Die »Unvollkommenheit« des Menschen aber hat Mathilde Ludendorff als unweigerliche Voraussetzung für das Schöpfungsziel erkannt. Eine besondere Note hebt das Werk aus dem üblichen Rahmen philosophischer Gedanken heraus, nämlich daß Wesenszüge des Göttlichen bewußt erlebt werden und in Worten, Taten und Werken zum Ausdruck kommen können.
Diese Note bildet das seelische Element im Werk der Philosophin; ein herausragendes Merkmal also, das wie ein Eisberg umgeben von christlich-ideologischer Weltkälte allen geistlichen Richtungen Widerstand entgegengesetzt hat. Die Erläuterungen der seelischen Fähigkeiten des Menschen erscheinen vor dem Hintergrund der Entwicklung des Lebens von den Anfängen her. Niedere Wesen, wie Einzeller und Vielzeller haben kein Bewußtsein; höhere Wesen, die Tiere, verfügen über unterbewußte Fähigkeiten, womit sie ausreichend gerüstet sind. Der bewußte Mensch stellt das letzte Glied der Entwicklung des Lebens dar.
Das Wissen um den erschauten Welt- und Lebenssinn erweitert nicht nur den geistigen Horizont sondern wird einmal abhängige Ideologien und Religionsvorstellungen auf Nebengleise der Weltgeschichte rücken.
Seit Ende der sechziger Jahre verläuft in Deutschland Bildung und Schulung z. T. eingleisiger, denn das Erziehungssystem ist mit mehr oder weniger Vordergründigkeit beladen; oft werden Techniken und Materialien eingesetzt und mit sog. Problemlösungs- und Verhaltenstrategien versehen. Charakterformung und Persönlichkeitsbildung kommen dabei leicht zu kurz. Hier spricht die Erfahrung auf dem Gebiet der Verbrechensbekämpfung eine deutliche Sprache. Es zeigt sich überdies, wie wichtig seelischer Rückhalt für labil veranlagte Jugendliche wäre. Dem Erziehungswesen sind offensichtlich die Folgen der »Reeducation« nicht immer zum Segen geraten. Gäbe es sonst bei uns so viele haltlose Jugendliche?
Und gäbe es sonst die zahlreichen Fragen, wie z. B. um Souveränität, um Grenzangelegenheiten, um die »schlimme Schuld« aus deutscher Vergangenheit? Der Geschäftsführer eines Berliner Radiosenders unterstellt den Gegnern und Kritikern des geplanten Mahnmals in Berlin jeweils redliche Motive, fragt aber dennoch, ob es denn niemals einen Schlußstrich unter die Vergangenheit geben dürfe. (Die Welt,29.6.9)
So offensichtlich gezielt Deutschland nach 1945 wieder Ordnung, Fleiß, Stabilität und Wirtschaftlichkeit in Gang gebracht hat, so viel schwerer wird den Deutschen der Umgang mit der Geschichte gemacht. Sie bleibt zumeist ausgeblendet. Dafür regelt die internationale Politik den Verkehr auf den nationalen Wegen, z. B. über finanzielle Auflagen für Europa.
Das Ludendorff'sche Weltbild wird weder bezweifelt noch verworfen; es erschüttert aber die herrschenden Religionen .Im Grunde verhält es sich ebenso mit der Weltraumforschung, die religiöse Auffassungen zu irritieren vermag.
Den Kern der philosophischen Schau beansprucht die Darstellung der seelischen Fähigkeiten, gewonnen aus einem geistigen Akt, der sich einer Deutung entzieht, vergleichbar etwa einem musikalischen Erleben, wenn es in einen schöpferischen Akt mündet oder instrumental begeistert.
Was Mathilde Ludendorff in ihrem Werk »Des Menschen Seele« darlegt, offenbart die Möglichkeit des Menschen, sich auch unabhängig vom Wort zu äußern. Gebärde oder Körpersprache unterstützt manchmal Absicht und Ausdruck, formt also Daseinswirklichkeit mit Hilfe von Bewegung. So trifft gedanklicher Reichtum unsere Sinne, vermag gleichsam Brücken zum Jenseits zu bilden, die uns manchmal einen Hauch Unsterblichkeit verspüren lassen. Ideologisch-kirchliche Wege werden unnötig, ja überwunden, besinnt sich der Mensch seiner eigenen Denk- und Betrachtungsweise.
Die Ethnologen wissen im allgemeinen um diesen Reichtum der Völker. Dieser geht vor allem aus dem jeweiligen Gefühl der Zusammengehörigkeit hervor. Das Weltbild Mathilde Ludendorffs überzeugt den Betrachter darüberhinaus, wie gesagt, mit der Erkenntnis aus der Entwicklungsgeschichte, wie eine stets höhere Wachheit der Lebewesen allmählich von unbewußten über unterbewußte Lebewesen bis hin zum bewußten Menschen geführt hat. Wesentlich ist dabei der geistige Standort:
Denn für Mathilde Ludendorff ist das Weltall gottdurchseelt, also frei von persönlichen Göttern, Teufeln und Dämonen, ein erhabener Gedanke, der jede religiös-kirchliche Vorstellung vergessen macht; er führt den Menschen näher an seine »Doppelaufgabe«, nämlich seinem Volke gegenüber treu zu sein und von Zeit zu Zeit einmal Innigkeit des Gefühls und Erlebens zu verspüren. Mathilde Ludendorff nennt es »göttlich«.
Ein Blick in die heutige Welt lehrt uns, wie z. B. das anerkannt Gute in der »Gesellschaft« kaum mehr obenan steht, ja, wie die »Veränderungspropheten« Sprache, Geschichte, Abstammung oder Künste sozusagen hinter sich lassen, d. h. die Identität einer Kulturnation als etwas Überholtes ansehen. Ob sich der Standpunkt weiterhin durchsetzen wird, hängt z. T. an der Haltbarkeit der Fäden, die einst die Umerziehung in unser Wertesystem geflochten hat. Wahrheitsliebe, Treue oder Zuverlässigkeit u. ä. Tugenden scheinen verstrickt zu sein; die Straffälligkeit bei Jugendlichen wirkt besorgniserregend. Ohne Rückhalt im Wachstum verkümmern bekanntlich Muskeln und Gelenke. Ohne Rückhalt im Geistig-Seelischen, z. B. durch Begeisterung, Ansporn und Willensimpulse, kommt es zu Trägheit oder Mutlosigkeit, ja auch zu Verzweiflung.
Tier- und Pflanzenzüchter wissen um den Erfolg im Umgang mit ihren Geschöpfen und sorgen zeitig für Pflege und Stützung. Der heranwachsende junge Mensch aber wird stets früher (Wahlalter!) mehr oder weniger sich selbst überlassen trotz noch kaum erfahrener Selbstkontrolle.
Mathilde Ludendorff erläutert den Zusammenhang, der die Gesetze der Menschenseele bindet; denn »Freiheit und Zwang, Pflicht und Freiwilligkeit, Recht und Unrecht, Arbeit und Ruhe, persönlicher Besitz und Allgemeingut« 1) müssen allemal sinnvoll im Volke abgegrenzt sein. Staat und Regierung sollten darin ihre vornehmste Aufgabe sehen und Wertungen von ideologischem Einfluß fernzuhalten suchen.
Eine gewiß ideale Vorstellung, die ihrer Zeit vorauseilt; sie liegt dennoch im Bereich des Möglichen, sollte einmal der Erkenntnis der Philosophie Mathilde Ludendorffs den Geist der Menschen und den Raum der Welt gewinnen.
Ist das Ganze mehr als sich aus der Vielheit seiner Teile zeigt, dann kommt es dem Menschen auch gelegentlich in den Sinn, einmal den Gedanken und ihrem Vermögen nachzugehen; welche Ursachen ihnen zugrunde liegen, oder wie Wege und Ziele im Hinblick auf die eingeborene Unvollkommenheit des Menschen gedanklich bewältigt werden. Es gibt keine schlichtere Antwort, als sich einmal in das philosophische Werk zu vertiefen. In ihm findet der Leser das A und 0 des Seins auf dieser Welt. Das Werk macht keiner Weltanschauung den Rang streitig, aber es beschreitet Wege, die jenseits der üblichen religiösen bzw. weltanschaulich besetzten Richtungen verlaufen. Seither lassen sich viele Türen öffnen, wohin der religionsfreie Mensch seine Schritte aus dem Gestrüpp von Denk- und Meinungsschablonen lenken kann.
Die Wahrheit über das Menschenleben und seinen Sinn gibt nicht nur allem Leid die Weihe sondern auch die Kraft für eine sinnvolle Lebensgestaltung
Vielseitig bietet sich dem Menschen die künstlerische Welt. Geformte, gemalte oder erdichtete Werke der Kunst wecken im Menschen häufig die Frage nach Ursache oder Sinn dessen, was Mathilde Ludendorff »unsterblich« nennt. Ihr grundlegendes Werk »Triumph des Unsterblichkeitswillens« hat das Tor ihrer philosophischen Arbeit geöffnet. Die Summe der gedanklichen Schau umschließt die Erfahrungen aus Forschung und Wissenschaft, ja überhöht diese sogar.
Infolge der Übereinstimmung von Philosophie und Seinswirklichkeit erübrigt sich eine wissenschaftliche Prüfung. Wünschenswert wäre eine solche allerdings des Triumphes wegen, einer philosophischen Leistung Anerkennung zu zollen, die die sogenannten Rätsel des Seins gelöst, d. h. das Ganze in der Summe seiner Teile erforscht und erkannt zu haben. Mit anderen Worten: Neben Natur und Umwelt bietet die Welt des Menschen immer wieder Entdeckenswertes im kleinen wie im großen. Dafür bewegt sein Geist, was in Forschung und Wissenschaft geordnet und festgehalten wird. Stets findet sich Neues, Unbekanntes, das beleuchtet und untersucht wird, ja auch die Phantasie in Schwung zu bringen vermag. Es entwickeln sich Fähigkeiten, die als Wille, Gefühl oder Empfindung Grenzen oder Hindernisse scheinbar überwinden. Wo seelische Kräfte ihre Schwingen öffnen, durchströmt E r l e b e n den Menschen und beflügelt Geist und Sinne, eine Erscheinung, die über Zeit und Raum erhaben ist, schwingt sie ins Jenseits aller Welt und allen Seins.
Erfüllt vom Dienst an der Wahrheit und im Einklang mit der Tatsächlichkeit klärt das philosophische Werk auf über die seelische Kraft in ihrer Wirkung auf das Leben des Menschen. Der Sinn des Daseins entspringt meist eigenen Willensentscheidungen, erwächst aber auch aus einer gewissen Bindung des Menschen an sein Volk. Im Wesen spiegelt sich sein geistig-seelisches Volumen. Es versetzt das unvollkommen geborene Lebewesen »Mensch« in die Lage, sich selbst anzunehmen, vielleicht sogar über sich hinaus zu wachsen. Alsdann fällt ihm ein Urteil leicht, Unwesentliches oder Sinnwidriges im eigenen bzw. im Leben des Volkes auszumachen. Der Mensch wächst ja bekanntlich mit seinen höheren Zwecken.
Stets verläuft das Leben nach dem Gesetz dessen, was man gut und richtig heißt bzw. was ungeeignet oder sich nachteilig auswirken könnte. Seitdem die Umerziehung Einzug gehalten hat, fehlt es zumeist an jenem volkserhaltenden Rückhalt. »Mit der Revolution von 1968 begann die Herrschaft der Beliebigkeit im Klassenzimmer, Regeln und Normen galt es zu sprengen, den Bildungskanon loszuwerden. Nachdem uns ... weisgemacht wurde, es gebe nur noch Texte, keine Meisterwerke oder Glanzstücke, und alle Texte, ob ,Coriolan' oder Kochbuch, seien gleich gut, zog Mittelmaß nicht nur in die Literaturseminare ein, sondern auch in die Schulen. Statt die Schüler am Einmaligen auszubilden, analysierten sie ,Bild'.« (Die Welt, 2.10.99)
Ein junger Sozialarbeiter aus Guinea schreibt nach längerem Aufenthalt in Deutschland: »Die Menschen sind sehr tüchtig, sie arbeiten den ganzen Tag und erreichen sehr viel, aber sie lachen selten ... Die Deutschen haben verlernt, ihre Seele zu pflegen.« (Die Welt,12.4.99)
Wenn Demokraten häufig von Freiheit reden, »leidet« gleichsam der Sinn der Freiheit. Vor allem, wenn sittliche Grenzen stets brüchiger werden. Selbst die Weltreligionen scheinen da machtlos zu sein, trotz des Inbrunstes, mit welcher die Prediger ihren angeblichen Weltenherrn lobpreisen. »Nicht Gott oder dunkle oder ewige Mächte lenken in Weisheit, Strenge und Güte die Geschicke des einzelnen und des Volkes. ... Die für die Welterhaltung notwendigen, ausnahmslos gültigen Naturgesetze schaffen einen teil unseres Geschicks. Zum anderen aber wird es geschaffen durch Menschen von gar unterschiedlicher seelischer Beschaffenheit. Edle, unedle, ja völlig entartete, bewußt uns liebende und bewußt uns hassende, unbewußt uns schädigende oder fördernde Menschen, sie alle gestalten an den Ereignissen, die uns als unser Schicksal entgegentreten. Die Notwendigkeit der Naturgesetze einsehend, setzen wir ihnen nur in einer Beziehung Widerstand entgegen, als wir sie erforschen und mehr und mehr verwerten. Dadurch können wir in vielen Fällen Unheil verhüten, in anderen es lindern. Den an unserem Schicksal gestaltenden Menschen aber setzen wir überall da Widerstand entgegen, wo ihr Wirken mit den göttlichen Wünschen und der Volkserhaltung nicht im Einklang steht.« 2)
Das Denken beginnt im Kleinen; es wächst allmählich durch Wissen und Erfahrung, stößt gar auch einmal auf Widerstand oder Ablehnung; aber stets kommt Bewegung auf oder Reibung, und das Denken ändert Richtung oder die Zielvorstellung. Erst mit der nötigen geistigen Reife stellt sich aus der Summe vieler Teile eine erhabene Schau ein, die das Denken mit Würde paart, also Achtung erwartet, denn »nichts, was groß ist auf dieser Welt, ist dem Menschen geschenkt worden; alles muß bitter schwer erkämpft werden.«