»Neue Erkenntnis schafft neue Verantwortung«

Wege zur Gesundung der Völker

Von Gunther Duda


»... so trage auf starken, göttlich unbeugsamen Schultern
der Verantwortung stolze, doch schwere Bürde für all deine
Worte und all dein Tun.«         Mathilde Ludendorff

Verantwortung

     Die Worte unserer Muttersprache entstammen unserem Inneren, seinem Denken und Erleben. Wahrnehmung und Vernunft schufen Bezeichnungen wie Berg oder Gebäude und das Erleben gab ihnen den Gehalt, durch Namen wie schön, erhaben, großartig. Zugleich aber erschließen die Worte der Muttersprache unser Gemütserleben und wecken bereichernd unser Denken und Fühlen. Sie könnten es, müssen es aber nicht! Das liegt an der jeweiligen Aufgeschlossenheit, die mit dem selbstbestimmten Wert eines Menschen zusammenhängt. Deshalb beeinflußt oft auch der jeweilige Zeitgeist den Tiefgang oder die Entartung einer Sprache, ihrer Kulturworte. Es liegt am Einzelnen welchen Seelengehalt er dem Wort gibt.

     Das Wort »Verantwortung« ist dafür ein treffliches Beispiel. Aus dem ursprünglichen »antworten« des 15. Jahrhunderts reifte es im Sinn des Wortes nicht nur zu einem neuen »Grundwort des Deutschen", sondern zu einem der wesentlichsten Grundwerte der Menschenseele. Immer klarer kristallisierte sich sein Gehalt, sein Wesen heraus, das mit ihm bezeichnete Werterlebnis und die von ihm getragene innere Haltung. Würde und Freiheit, göttliches Erleben, »antworten« hier, im »Sich- Rechtfertigen", im »Für- etwas- Geradestehen«, im »Eintreten« für Wahrheit, Gerechtigkeit, für das Gute, Schöne und Edle, für Volk, Heimat und Natur, in der Abwehr des Schlechten und aller Gefahren.

     In der das Wort »Verantwortung« tragenden Gesinnung fand schließlich das im Laufe der Zeiten geahnte und dann klar erkannte hohe »Amt des Menschen« seine treffende Bezeichnung. Der »Gottesstolz« der Seele des Menschen wurde dank der Philosophie als »ernste Würde und tiefe Verantwortung« für das göttliche Schöpfungsziel bewußt.

     Otto v. Bismarck, der größte deutsche Staatsmann, sagte einmal: »Es gibt keine Handlung für die niemand verantwortlich wäre.« Er war es, der das Reich einte und sein Wort in seiner Grabstätte im Sachsenwald bezeugt seine tiefe Verantwortung für unser Volk:

     »Ich habe vom Anfang meiner Laufbahn an nur den einen Leitstern gehabt: Durch welche Mittel und auf welchem Wege kann ich Deutschland zu einer Einigung bringen - und, so weit dies erreicht ist: Wie kann ich diese Einigung festigen, befördern und so gestalten, daß sie aus freiem Willen aller Deutschen dauernd erhalten bleibt«.

     Gewiß ist es kein Zufall, wenn Johannes Schwartländer in einer Untersuchung zu dem Schluß kam, daß dieses Wort Verantwortung »seit dem ersten Weltkrieg ein solches Gewicht und eine solche Vertiefung gewonnen hat, daß wir mit Recht von ihm als einem neuen Grundwort unserer Sprache reden«.

     Es war die in das Bewußtsein wirkende unterbewußte Volksseele, ihre deutschen Erbtugenden, die in der Gefahr des Ausrottungskrieges und der Nachkriegsjahre neue Werte setzte und ältere vertiefte. Verantwortung für Volk und Reich, dafür stritt und starb man. Verantwortung war auch das Ergebnis der soldatischen Erziehung und Führung, die den in Selbstverantwortung entscheidenden, aber trotzdem geführten, »Einzelkämpfer« schuf, an der Front und im Ringen um die »Volksschöpfung«.

     Kulturell- geschichtliche Epochen sollten nach ihren hervorstechenden Merkmalen gewertet werden. Wer aus kleiner Seele nur Kleines sucht, mit falschem Maßstab, der sieht nun einmal nur Schlechtes. Denn in den Völkern lebt eben viel Unvereinbares zusammen. So stark Verantwortung in Zahllosen wuchs, so sehr verloren zu viele in der Not der Zeit diese innere Haltung. Schon 1850 litt Bismarck unter der »Krankheit seiner Zeit«, der »Scheu vor der Verantwortung«. Die angezüchtete religiöse Willensschwäche forderte ihren Sold.

     Und wenn in unserer Zeit ideologischer und religiöser Terrorismus weltweit heimtückisch-feige Mordanschläge ungerührt »verantwortet«, dann ist damit ein Tiefpunkt menschlicher, vor allem deutscher Verkommenheit erreicht. Adolf Helbok, der Vorgeschichtsforscher, hatte in den sechziger Jahren geschrieben:

     »Germanentum ist vom Geiste innerer Freiheit des vollwertigen Mannes (und natürlich auch der Frau) erfüllt, die sich aber verantwortlich an die Ganzheit gebunden fühlen«.

     Als einziger aber nur wenig entlastender Milderungsgrund für die genannte Verantwortungslosigkeit muß hier die erfolgreiche wachhypnotische Dressur durch die ideologischen und fundamentalistischen Wahnlehren und ihr zielstrebiges Einüben genannt werden. Sittliches Verantwortungsgefühl, wie es Otto v. Bismarck und später noch stärker Erich Ludendorff lebte, für Mensch, Volk, Staat und alle Völker, ist hier kaum mehr zu finden.

Erkenntnis

     Das Wort »Erkenntnis« mag auf den ersten Blick nicht mit dem für »Verantwortung« vergleichbar sein. Doch er irrt. Denn »Erkenntnis«, auf den Ursprung zurückgeführt, wurzelt im Willen zur Wahrheit, ja auch der Verantwortung. Dieser Wahrheitswille in der Menschenseele gelangt jedoch auf völlig verschiedenen Wegen zur Erkenntnis. Zum einen erforscht die Vernunft im Laufe der Jahrtausende die Erscheinungswelt, die Gesetze des Weltalls. Das Ich der Menschenseele dagegen erschaut und erkennt Gott auf völlig andere Weise. Die Eigenart des Erkennens ist somit je nach der Quelle, also durch Vernunftarbeit oder Gotterleben, und nach dem Ziel, das heißt Schöpfung und Gott als ihr Wesen, verschieden.

     Da mit dieser Einsicht in die Natur der beiden Erkenntniskräfte des Menschen erkenntnisphilosophisch völliges Neuland betreten wurde, sei darauf etwas näher eingegangen. In ihrem »Wegweiser zum Werk« schrieb Mathilde Ludendorff 1931:

     »Unsere Sinnesorgane geben uns Bilder der Erscheinungen, und diese Bilder werden uns von der Vernunft geordnet. Sie kann sie räumlich, zeitlich und nach ihren Ursachen und Wirkungen hin sichten und überprüfen, kann sich Vorstellungen und Begriffe bilden und diese zu Urteilen und Schlüssen verwerten, und kann all dieses ,Erfahrene‘ in ihrem Gedächtnis treu bewahren. Auf diese Weise gelangt sie zu einem immer besseren Begreifen und Verstehen der Erscheinungen der Umwelt und aller ihrer Gesetze...

     Je planmäßiger diese Vernunftarbeit für die Erkenntnis der ,äußeren Seite‘ der Welt um uns ist, um so mehr kann sie auch dazu gelangen, alle die Kräfte, die die Naturerscheinungen äußern, in ihren ursächlichen Zusammenhängen zu überschauen. Es entsteht so eine sichere gefestigte Naturerkenntnis und allmählich ein Gesamtbau der Naturwissenschaft.

     Durch das Erforschen der Kräfte, die aus diesen Erscheinungen heraus auf die Umwelt wirken, berührt die Vernunft hier das andere Erkenntnisgebiet, das die zweite, ,innere Seite‘ der Welt, das Wesen aller Erscheinung, erkennen will. Hierfür verfügt die Menschenseele ebenfalls über ein Erkenntnis-Instrument, nämlich das bewußte Erleben des ,Ichs‘. Dieses Ich in der Menschenseele erlebt das Wesen der Erscheinung, erlebt das Göttliche, das die Kräfte aus allen Erscheinungen des Weltalls ausstrahlen läßt. So kann das Ich durch ureigenstes Erleben und auch angeregt durch Menschenworte, Taten und Kunstwerke und vor allem durch die Wahrnehmung der Natur und ihrer Gesetze das göttliche Wesen aller Erscheinung kennenlernen. Auch diese Erfahrung kann durch Worte, Werke und Taten den Mitlebenden und kommen Geschlechtern übermittelt werden, aber nur im Gleichnis, im Bilde, das dem anderen Erkenntnisinstrument, der Vernunft, entlehnt ist, sobald wir es in Worte fassen.

     Im Unterschied zur Wissenschaft, die die Vernunft gewinnt, ist also diese Erkenntnis über das Wesen der Erscheinung niemals erlernbar, kann niemals durch Belehrung allein erworben werden. Das eigene Erlebnis erst ist ausschlaggebend, und so muß diese Erkenntnis denn in jedem einzelnen Menschen selbst durch Erlebnis erworben werden. Im Gegensatz zur Wissenschaft über die Erscheinungen und ihre Gesetze ist andererseits dieses Erleben ganz unabhängig von jedweder Belehrung, jedem Menschen an sich möglich, und wird durch Belehrung oder Kunst und Naturanregung nur gefördert und gestärkt. Der ,Ungebildetste‘ kann es erfahren, während wissenschaftliche Erkenntnisse Wissensbelehrung voraussetzt, falls nicht jeder Mensch wieder mit der Steinzeit anfangen will.«

     Der Wille zur Wahrheit im Menschen ist ein göttlicher. Doch ist er mit dem Göttlichen inniger verwoben, wenn das Ich das Wesen der Erscheinungswelt dank seines Sehnens umsinnt. Und das erklärt die Wesensverwandtschaft von Erkenntnis und Verantwortung:

     Denn »innig ist der göttliche Wille zur Erkenntnis der Wahrheit über Gott mit dem Amt verwoben, das einzige Gottesbewußtsein des Weltalls zu werden«.

     Die Erkenntnis dieses Amtes, des Schöpfungszieles, »birgt in sich etwas über die Verpflichtung hoch Erhabenes, mit Gottes Würde Vereinbares, und das ist das Erleben der Verantwortung mit dem göttlichen Sinn unseres Seins im Einklang zu stehen«.

     Dieses »Amt des Menschen«, mit ihm ist der »Gottesstolz« angesprochen, den das »Ich als Bewußtsein« ahnt und erlebt:

     »Der Gottesstolz ist das Ahnen des hohen Amtes des Menschen. Der Vollkommene, der den Gottesstolz in Reinheit und Unverzerrtheit in sich erlebt, weiß um das hehre Amt des Menschen, Träger der Gottesbewußtheit zu sein. Er weiß, daß Gott sich in ihm bewußt erlebt, und ist erfüllt von der hohen Verantwortung seines Amtes, ohne je eine Beimischung des Hochmutes, der Überhebung und Eitelkeit in sich zu dulden.

     Der reine Gottesstolz ist am besten gekennzeichnet durch die Worte: Erhabene Würde und ernste Verantwortung.«

     Das Erleben des Amtes als Mensch ist Erkenntnis wie Antwort auf In- und Umwelt und das durch Tun und Unterlassen, aber auch Fühlen Gesinnung und Haltung der Seele gewinnen ihren Gehalt. Frei entscheidet hier das Ich, das »Jenseitsgut der Seele«. Diese Freiheit, die dem Menschen gegebene moralische Willensfreiheit, wählt, erhaben über alle Nachteile, das innerste Sehnen nach Wahrheit und Gutsein... Oder es sind Bequemlichkeit, Angst, Stumpfheit: zum Beispiel einem Zwang folgen oder verweigern oder neu erkannter Tatsächlichkeit kühn ins Auge zu blicken. In seinen Briefen der »ästhetischen Erziehung«, der Erziehung zum Schönen, zur Harmonie, hat Friedrich Schiller vor mehr als zweihundert Jahren über das merkwürdige seelische Verhalten der Vielzuvielen großartig philosophiert: Wir können ihn zu tiefst verstehen:

     »Wenn die Wahrheit im Streit mit Kräften den Sieg erhalten soll, so muß sie selbst erst zu Kraft werden und zu ihrem Sachführer im Reich der Erscheinung einen Trieb aufstellen; denn Triebe sind die einzigen bewegenden Kräfte in der empfindenden Welt. Hat sie bis jetzt ihre siegende Kraft noch so wenig bewiesen, so liegt dies nicht an dem Verstande, der sie nicht zu entschleiern wußte, sondern an dem Herzen, das sich ihr verschloß, und an dem Triebe, der nicht für sie handelte.«

     Denn woher diese noch so allgemeine Herrschaft der Vorurteile und diese Verfinsterung der Köpfe bei allem Licht, das Philosophie und Erfahrung aufsteckten? Das Zeitalter ist aufgeklärt, das heißt die Kenntnisse sind gefunden und öffentlich preisgegeben, welche hinreichen würden, wenigstens unsere praktischen Grundsätze zu berichtigen. Der Geist der freien Untersuchung hat die Wahnbegriffe zerstreut, welche lange Zeit den Zugang zu der Wahrheit verwehrten, und den Grund unterwühlt, auf welchem Fanatismus und Betrug ihren Thron erbauten. Die Vernunft hat sich von den Täuschungen der Sinne und einer betrüglichen Sophistik (Spitzfindigkeiten) gereinigt, und die Philosophie selbst, welche uns zuerst von ihr abtrünnig machte, ruft uns laut und dringend in den Schoß der Natur zurück - woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?

     Es muß also, weil es nicht in den Dingen liegt, in den Gemütern der Menschen etwas vorhanden sein, was der Aufnahme der Wahrheit, auch wenn sie noch so hell leuchtet, und der Annahme derselben, auch wenn sie noch so lebendig überzeugte, im Wege steht. Ein alter Weiser (Horaz, Episteln 1, 2,40) hat es empfunden, und es liegt im dem vielbedeutenden Ausdruck versteckt: sapere aude!

     Erkühne dich, weise zu sein. Energie des Mutes gehört dazu, die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur als die Feigheit des Herzens der Belehrung entgegensetzen. Nicht ohne Bedeutung läßt der alte Mythus die Göttin der Weisheit in voller Rüstung aus Jupiters Haupte steigen; denn schon ihre erste Verrichtung ist kriegerisch. Schon in der Geburt hat sie einen harten Kampf mit den Sinnen zu bestehen, die aus ihrer süßen Ruhe nicht gerissen sein wollen. Der zahlreichste Teil der Menschen wird durch den Kampf mit der Not viel zu sehr ermüdet und angespannt, als daß er sich zu einem neuen härteren Kampf mit dem Irrtum aufraffen sollte. Zufrieden, wenn er selbst der sauren Mühe des Denkens entgeht, läßt er andere gern über seine Begriffe die Vormundschaft führen, so ergreift er mit durstigem Glauben die Formeln, welcher der Staat und das Priestertum für diesen Fall in Bereitschaft halten...

     Nicht genug also, daß alle Aufklärung des Verstandes nur insofern Achtung verdient, als sie auf den Charakter zurückfließt; sie geht auch gewissenhaft von dem Charakter aus, weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz muß geöffnet werden. Ausbildung des Empfindungsvermögens ist also das dringende Bedürfnis der Zeit, nicht bloß weil sie ein Mittel wird, die verbesserte Einsicht für das Leben wirksam zu machen, sondern weil sie zur Verbesserung der Einsicht erweckt...

     »Alle Verbesserung im politischen soll von der Veredelung des Charakters ausgehen.« (1793)

     Wie wahr sah der Dichterphilosoph! Man muß nur statt »Herz« von »Ich« sprechen. Denn hier entspringt der Ruf »Erkühne dich weise zu sein!« Und, umgekehrt schafft der lusthörige Lebenswille des Bewußtseins Feigheit wie Glücksgier. Deshalb fragte die Philosophin auch in einer Einführungsschrift:

     »Was wollt ihr? Wollt ihr Scheintrost für alle Glückssehnsucht, Scheintrost, all das Unglück, das euch trifft, oder aber wollt ihr Wahrheit? ... Sehnt ihr euch nach Erkenntnis der Wahrheit und seid ihr entschlossen, ihr die Seele weit zu öffnen, und seien auch die Tatsachen des Lebens noch so ernst und müßten euch auch liebgewordene Scheintröstungen verblassen, weil sie unwahr sind, und müßtet ihr auch von Stunde ab ernste Verantwortung für das Volk auf eure Schulter nehmen, von denen euch die Religionen, wie das auch so angenehm war, verschont haben?«

     Dieses Sehnen ist letztlich der Wunsch des Kerns der Seele nach Göttlichem, nach der Wahrheit. Hier mag die Ursache dafür liegen, daß auch Irrtum und Wahn im gleißenden Gewand der »letzten Wahrheit« auftreten. Gerade auf religiösem Gebiete ist das der Fall, und es gibt wohl nichts in der Geschichte der Völker, wo soviel Frevel begangen wurden und wird. Auch das gehört zur Erkenntnis wie zur Verantwortung:

»Gott wollte freie Wahl in den Menschenseelen, um bewußtes göttliches Erleben möglich zu machen. Und wahrlich, die unermeßlich große Auswirkung einer solchen Freiheit, wie sie sich vor unseren Blicken auf den verkommenen und den vollkommenen Menschen zeigt, ist eine Offenbarung der Unermeßlichkeit der Auswirkung des heiligen Geschenks der Freiheit der Wahl für oder wider Gott.«

     Wir wissen heute klar, so wir die Werke M. Ludendorffs aufgenommen haben, um was es geht:

»Auf dem Gebiete der letzten und tiefsten Rätsel des Lebens gibt nur erforschte Tatsächlichkeit das, was ,seelischer Halt` und ,sittlicher Halt` genannt werden dürfte, aber auch das, was den einzelnen und sein Volk wirklich helfen kann, dem göttlichen Sinn des Menschenlebens und der Volkserhaltung heiliger Hüter zu werden...

     Die Wahrheit über das Menschenleben und seinen Sinn gibt nicht nur allem Leid die Weihe, sondern auch Kraft für sinnvolle Lebensgestaltung.«

     Ähnlich wie Schiller, der von der »Verbesserung im Politischen«, also des Volkslebens sprach, aber nur schärfer mußte die Erkenntnis sprechen:

     »Nur enthüllte Wirklichkeit« - eben Erkenntnis - »nicht aber Scheintröstungen werden unser Volk und die Völker dieses Sternes vor dem Untergang retten.«

     Es geht um die von dem Menschen nur selbst in Freiheit aufzunehmende Gotterkenntnis, um die Sinnerfüllung des Menschen- und Völkerlebens. »Eine Wahrheit in dieser vollkommenen Schöpfung erkennen, bedeutet immer zugleich eine Gottoffenbarung.«

Grundfragen des Lebens

     Irgendwie trägt jeder Mensch Verantwortung, der Architekt, der Arzt, der Bauer, der Handwerker, der Erzieher, der Nachrichtenvermittler, der Denker der Politiker, ...

     Als erkannt war, Asbest oder bestimmte Holzschutzmittel sind schädlich, durften diese Stoffe nicht mehr verwandt werden. Arzt und Arzneimittelhersteller müssen Keimschäden vermeiden und der Erzieher hätte sich die Gesetze der Seelenschädigung zu eigen machen müssen, genauso wie der Politiker von der Volksseele wissen sollte, um, wie heilig beschworen, Schaden vom eigenen Volk wenden zu können. Auch der Forscher, beispielsweise bei der Arbeit mit menschlichem Erbgut, hat sich unter das Gebot der sittlichen Verantwortung zu stellen. Verantwortlich ist auch jeder Bürger, für seine Sippe, sein Volk, seinen Staat, seine Heimat, die Umwelt.

     Hier schafft die Vernunfterkenntnis vorrangig neue Verantwortung, auch dann, wenn die Moral mit einfließt, z. B. Wahrheitswille und Gutsein. Verantwortungslosigkeit, verursacht durch die Unvollkommenheit des menschlichen Bewußtseins, wird in gesunden Völkern durch Sitte und Gesetz im Zaum halten.

     Etwas anderes ist es mit der dem gotterlebenden Ich entstammenden Verantwortung. Sie erwächst nur in völliger Freiheit, nicht weniger als die Erkenntnis oder Schau auf metaphysischem Gebiet. Sie schenkt Antworten auf die ewigen Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Sinn des Todes, dem Wesen der Kultur, der Erotik, der Erziehung...

     Während die Denk- und Urteilskraft sich in der Regel leicht neue Vernunfteinsichten zu eigen machen kann, ist das bei erkenntnisphilosophischen Fragen etwas anderes. Nicht allein die Vernunft soll sich hier überzeugen, sondern vor allem die Seele, eben das gotterlebende Ich, das Erkenntnisorgan des Menschen für alles Göttliche.

     Einsichten über Wesenszüge Gottes, die a priori nur erlebt werden können und die sich den Gesetzen der Vernunft entziehen, stoßen nur zu oft auf innere Blockierungen: Und sie sind die Lustversklavung des unvollkommenen Lebenswillens des Bewußtseins, die Prägung durch religiös- ideologische Irrlehren, die bisherige Lebensvergeudung und die damit verbundene Unreife, das heißt die fehlende seelische Entfaltung zu den wahren Werten des Lebens hin.

     »Gleiches wird nur von Gleichem verstanden«, wußten schon die alten Griechen. Und das heißt, daß Menschenwürde, Wahrheitswille, Schönheitssinn, Güte, eben echte Werte und Tugenden, dann noch nicht erstickt sein dürfen und durch Gotterkenntnis geweckt und gestärkt werden können. Die neu erkannte Wahrheit muß also irgendwie ein »Tor« im Mitmenschen finden, ein »Tor«, das sich nach Göttlichem sehnt.

     In einem Vortrag, der immer nur anregen soll, können stets nur Grundaussagen der Gott-Erkenntnis angesprochen werden. An vorderster Stelle ist vor allem der Sinn des Menschenlebens zu nennen. Während die Religion diesen in der Regel auf die Zeit nach dem Tode verlegen und damit den Menschen um die Erfüllung seines Lebenssinnes, hier und nun, betrügen, weiß die Erkenntnis, daß alles seelische Leben mit dem Tod endgültig erlischt. Einzig allein vor ihm kann deshalb der Sinn unseres Daseins erfüllt werden. Das Seelenleben ist nun einmal an die Tätigkeit der Zellen und Organe des menschlichen Körpers gebunden.

     »Das Bewußtsein erlischt für immer, wenn dieser Zellstaat im natürlichen Tod wieder zur anorganischen Substanz, zur nichtbewußten Erscheinung abgebaut wird. Nicht einmal das stumpfe Erleben des Einzellers ist noch möglich.« Die Erscheinungsform, die »Ich« genannt wird, ist für immer erloschen. Das ihm innewohnende Wissen der Unsterblichkeit erfüllt sich nicht im ewigen Sein, sondern im vergeistigten Erleben des Ewiggöttlichen, als »Triumph des Unsterblichkeitwillens«, als Lebenssinn.

     Man möge sich einmal in das religiöse Weltbild eines Christen oder das eines Okkultgläubigen mit all den wahnhaften Vorstellungen von Himmel und Hölle, Teufeln und Heiligen, Lohn und Strafe, Sünde und Hilferufen vorstellen, um ermessen zu können, wie befreiend die Erkenntnis der Tatsächlichkeit ist, sein könnte. In wenigen Sätzen stellt sie fest:

     »Das Weltall ist durchseelt von göttlichem Wesen aller Erscheinung, das sich in ihnen als Willen (Kraft) kundtut, im Menschen aber überdies noch bewußt erlebt wird.

     Frei aber ist das Weltall von Teufeln, Engeln und Dämonen, und frei ist es auch von persönlichen Göttern oder einem persönlichen Gotte, der es außerhalb des Weltalls lenkt. Alle Gottesbegriffe sind nichts anders als unselige Fehlgriffe der menschlichen Vernunft. Vorstellen und begreifen läßt sich das Wesen aller Erscheinung (Gott) überhaupt nicht, denn unsere Vernunft kann sich nur etwas vorstellen, was Erscheinung ist und nur etwas begreifen, das wie die Erscheinungen in Raum und Zeit und Ursächlichkeit eingeordnet ist.«

     Der Mensch in seiner Bewußtheit ward das Ziel der Entwicklungsgeschichte.

     »Was aber war durch diese Bewußtheit, durch diesen hohen Grad seelischer Wachheit erreicht und das durch den ursprünglichen Willen Gottes zur Bewußtheit?«

     »Der Mensch, als das seelisch wachste Lebewesen, ist auch das einzige, das das Weltall in all seinen Erscheinungen bewußt wahrnehmen, die Naturgesetze des Geschehens erforschen und mit Hilfe seiner Vernunft begreifen kann. Der Mensch ist aber auch das einzige Lebewesen, das göttliche Wesenszüge« (wie das Schöne, Gute, Edle, Würde) »bewußt in sich erlebt, göttliches Wollen in sich spürt und erfüllen kann, und somit bewußten Anteil an dem unsterblichen Göttlichen vor seinem Tode hat. Aber nur bis zur Stunde seines Todes, dem ewigen Schwinden seines Bewußtseins und seiner Persönlichkeit ist er hierzu fähig.«

     Aus dieser neuen philosophischen Erkenntnis: Der Sinn unseres Lebens liegt vor dem Tode, nicht nach ihm, erwächst selbstredend ebenfalls »neue Verantwortung«. Schon das grundlegende Werk der Gotterkenntnis: »Triumph des Unsterblichkeitwillens« weiß von diesem Verantwortungsbewußtseins:

     »Das Reich der Genialität (Göttlichen) jenseits von Ursache und Wirkung, Raum und Zeit, welches der Vernunft unfaßbar ist, wurde von Menschen bisher ,Gott‘, oder das ,Wesen der Dinge‘ oder ‚Ding an sich‘ genannt. Doch selten schritt nun von diesem Erfassen des Göttlichen im Weltall der Mensch hinauf zu der Einsicht in das hehre Amt der wachsten Seele im Weltall. Nie wagte ein Mensch, sich die gewaltige Verantwortung auf die Schulter zu laden, die Tatsächlichkeit einzugestehen und auszusprechen. Nur das Wissen, das uns die Tatsachen der Entwicklungsgeschichte boten, gibt im Verein mit dem Erleben des Göttlichen uns den Mut, diese Gewißheit zu künden. Wenn das Ich der Seele in dem Wesen der Dinge bewußtes Erleben findet, so ist es Bewußtsein Gottes, so wie es, wie Kant bewiesen hat, durch die Vernunft Bewußtsein der Erscheinungswelt ist...

     Diese Einsicht, daß der Mensch das Bewußtsein des ,Wesens aller Erscheinung‘, des Göttlichen sein kann, unterscheidet unsere Einsicht von allen Abarten des Pantheismus und Deismus, die ja auch das Weltall als gottdurchseelt erkennen, das Göttliche nicht als Person dem Weltall gegenüberstellen, aber die gewaltige Verantwortung des Menschen in diesem Weltall verkennen. Sie aber ist der fruchtbare Kern unseres Erkennens, der uns den Sinn unseres Menschenlebens, der uns eine sehr ernste, klare, kraftvolle, unerbittliche Moral schenkt und alle herrschenden Werte, alle Gebiete der Kultur umwertet. Doch noch ahnen wir nur einen Teil des hehren Amtes des Menschen. Er kann nicht nur Bewußtsein Gottes werden, sondern er ist das einzige Lebewesen, das hierzu fähig ist, womit denn die unerhörte Wucht der Verantwortung auf ihm liegt, vor seinem Tode Bewußtsein Gottes zu werden. Dies beweisen uns die Tatsachen der Entwicklungsgeschichte.«

     Eng mit dem göttlichen Sinn des Menschenlebens verbunden ist die menschliche Unvollkommenheit. Wie das Todesmuß war sie unweigerliche Voraussetzung für das Schöpfungsziel. Warum?

     Nun, »der Mensch soll Wesenszüge des Göttlichen bewußt erleben, göttliches Wollen erfüllen und in Worten, Taten und Werken auf Mit- und Nachwelt ausstrahlen können. So muß er denn auch unweigerlich die Freiheit haben, solches im Leben zu tun, zu unterlassen oder ihm zuwiderzuhandeln.«

     »Das Wesen alles Gottlebens ist Freiwilligkeit; Zwang erstickt es. Wenn also der Sinn des Menschenlebens, das Göttliche bewußt zu erleben, zu erfüllen und auf Mit- und Nachlebende auszustrahlen, verwirklicht werden soll, dann muß der Mensch unvollkommen geboren und dadurch befähigt sein, diesen Lebenssinn zu erfüllen, ihn gänzlich unbeachtet zu lassen oder gar ihm zuwiderzuhandeln. Der freie Entscheid muß hierzu dem Menschen belassen sein.«

     Der philosophische Nachweis dieser inneren Freiheit - der moralischen Willensfreiheit - als notwendige Voraussetzung, Würde, Schönheit, Wahrheit, Gutsein erleben zu können, schafft wiederum »neue Verantwortung«. Denn sie fordert überall diese absoluten Werte zu schützen. Und das durch das Sittengesetz. Dieses hat jede Schädigung des Menschen und seiner Gemeinschaft in körperlicher wie in seelischer Hinsicht zu verhindern und zu ahnden. Überdies hat es die Freiheit der »Moral des Lebens" zu schützen. Aus diesen Einsichten ergeben sich die Pflichten und die Verantwortung jedes einzelnen, sei er Erzieher, Richter, Wirtschafter, Forscher oder Politiker...

     Von schöpfungssinnerhaltender und damit verantwortungsweckender Bedeutung ist auch die Erkenntnis, daß die Völker eine eigene Seele mit Lebenskräften und Werterlebnissen im Unterbewußtsein ihrer Angehörigen besitzen. Man wird sich vielleicht wundern, daß Mathilde Ludendorff in ihrer Einführungsschrift neben der Frage, ob der Leser nichts als die Erkenntnis der Wahrheit will, zugleich von der »ernsten Verantwortung für das Volk« spricht. War das zeitbedingt? Nein, keineswegs! Diese Verantwortung für die eigene Lebensgemeinschaft ist nämlich nicht minder eine unersetzliche Voraussetzung der Erfüllung des Schöpfungszieles.. Hierzu: »Aus der Gotterkenntnis meiner Werke«:

     »Schlimm stünde es um Menschen und Völker, wären die Menschen allein auf das mehr oder minder unklare Ahnen des Göttlichen, auf ihre Unvollkommenheit... und auf den Mißbrauch unvollkommener Menschen mit ihrer Fähigkeit, sich Erfahrung zu übermitteln, angewiesen, müßten sie sich nur von Religionen, die überreich an falschen Antworten auf die Grundfragen des Lebens sind, daher auch falsche Sittengesetze und Scheintrost und Scheinhalt den Menschen anraten und Wissen vorenthalten, beraten lassen! Eine segensreiche Hilfe wohnt den Menschen in der Seele, die wir noch nicht betrachtet haben.

     Es lebt... in ihren Seelen ein Erbgut, das Erbgut ihrer Rasse, das ihnen weit öfter ein weiser Berater war, als das Wissen, das die Menschen sich mit Irrtum durchsetzen und oft in bewußt verfälschter Form von Geschlecht zu Geschlecht weitergeben...

     Das Erbgut birgt das arteigene Gotterleben und die hiermit innig verwobenen Charaktereigenschaften einer Rasse und ihrer Völker. Mit beiden verbunden ist der wahrhaft vollkommene Selbsterhaltungswille der Volksseele, der wie der tierische Selbsterhaltungswille nur auf die Erhaltung gerichtet ist. Die Eigenart des Gotterlebens eines Volkes ist also dem Menschen eingeboren, wie der Blume die Eigenart der Blüte. Der... (Volks)charakter ist aus dieser Eigenart des Gotterlebens geworden, also innig damit verwoben. Den tiefen göttlichen Sinn erfährt die Erhaltung... der (Völker) und der seelischen völkischen Eigenart dadurch, daß jedes Volk bestimmte Wesenszüge des Göttlichen besonders innig erlebt. Sein Gottlied in Worten, Taten und Werken klingt daher anders als jenes eines anderen Volkes. Geht ein Volk unter, oder wird es aus seiner seelischen Eigenart entwurzelt, so schwindet hiermit ein Gottlied aus dem Chor der Völker. Es verarmt die Welt an Mannigfaltigkeit des Gotterlebens...

     Doch noch eine andere Bedeutung hat die Erhaltung der Eigenart der Völker durch die Pflege des arteigenen Gotterlebens. Sie ist Voraussetzung der Gotterhaltung in dem einzelnen Menschen und den Völkern.«

     Erhaltung der seelischen Eigenart des Gottlebens, seiner Kultur, Erhalt der Mannigfaltigkeit der Völker, das ist die unersetzliche Aufgabe des Erbwerte in der Menschenseele. Wohin sein Ersticken und Zerstören führt, zeigt unser Jahrhundert mit nie dagewesener Verwahrlosung der Menschen, mit furchtbarsten Massenmorden der Völker, Greueln und Versklavung.

     Die genannten Beispiele von Verantwortung erweckenden Neuerkenntnissen sollen hier genügen. Sie künden davon, wie sich Verantwortung immer wieder segensreich ausgewirkt hat und auswirkt. Wenn Erich Ludendorff einmal von der »der größten geistigen Revolution, die die Weltgeschichte sah« sprach, dann könnte dieses Wort Außenstehenden als größenwahnsinnig erscheinen. Doch das nur deswegen, weil sie nicht wissen, welche rettende Neuerkenntnisse und welche Verantwortung hinter dieser stolzen Feststellung stehen.