Von der Symbolkraft des Ringes in den Götterliedern der Edda

Von Fritz Köhncke

      Aus den Helgiliedern der Edda und dem Atlilied geht hervor, daß der seit der älteren Bronzezeit nachweisbare Ring in vielerlei Hinsicht eine Rolle spielt. In der Studie »Von der historischen Aussagekraft der Heldenlieder der Älteren Edda – Ein Beitrag zur Kulturgeschichte der Germanen«, erschienen in der Festschrift für Franz Freiherrn Karg von Bebenburg, Pähl 2000; S. 41ff., konnte gezeigt werden, wie der dem Gott geweihte Ring als Unterpfand der Treue gilt, daß er jedoch im Zuge der Völkerwanderungswirren für den Fürsten Atli seine verpflichtende Kraft bereits verloren hat; denn Atli, der seinem Schwager Gunnar »bei der im Süden stehenden Sonne und bei Sigtys Fels … und beim Ring des Ull« (Akv 30) Eide schwor, wird wortbrüchig und hält sie nicht.

      In welches Zwielicht der den Lebenskreis umgreifende Ring gerät, wird ebenfalls deutlich in den Götterliedern der Edda, so in Hávamál 110, wo es nach Simrock heißt: »Den Ringeid, sagt man, hat Odin geschworen: Wer traut noch seiner Treue?« (Baugei∂ Ó∂inn hygg ek at unnit hafi: hvat skal hans trygg∂om trúa?) Das wiederum zeigt, wie mit Odin das Recht zerbricht und kein Verlaß mehr ist auf einen Gesetzeszustand, in dem Menschen friedlich miteinander leben, wie es ja eigentlich der Altarring im Altnordischen symbolisiert.

      So steht in der Strophe 34 des 3. Helgiliedes: »Allein waltet Odin über alle Meintat, denn unter Gesippen warf er Streitrunen.«
Nach der Völuspá, Strophe 24 hat Odinn den ersten Massentotschlag in die Welt gebracht, und noch im 13. Jahrhundert fragt Skule den Isländer Snorri: »Ist es wahr, wie ihr sagt, daß Odin, der in alter Zeit die Könige widereinanderhetzte, mit anderem Namen auch Gaut genannt wurde?«
Diese düstere Gottesgestalt zwischen Heidentum und Christentum findet ihre eingehende Würdigung in dem Buch »Gott, Odin, sein Chronist und sein Gefolge«, Zeven 2/1967 von Bernhard Kummer.

      In durchaus skandinavischer Manier gesteht der Mythos, der noch die Heiligkeit des alten Symbols kennt, dem Ring Draupnir Wunderkräfte zu. Im Skirnismál 21 erfahren wir nach Simrock unter Hinweis darauf, daß der Vater dem Sohn Balder diesen Ring auf den Scheiterhaufen legte: »Ich geb dir den Ring, der in der Glut einst lag mit Odins jungem Erben. Acht entträufeln ihm ebenschwere in jeder neuenten Nacht.« (Baug ek rér rá gef, rann er brendr var me∂ ungom Ó∂ins syni; átta ero iafnho˛fgir, er af driúpa ina niundo hveria nótt.)

      Skirnir, der diese Worte an Gerd richtet, bringt diesen Ring mit seiner wunderbaren Eigenschaft als Unterpfand der Liebe Freyrs, die dieser für die Riesentochter empfindet. Wie aus der Strophe hervorgeht, hat der Ring bereits seine Geschichte, wobei unklar bleibt, wie er in Freyrs Hände geraten ist.

      Nach Skáldskaparmál, Kap. 35 ist dieser Ring mit anderen Kostbarkeiten zusammen von Zwergen geschmiedet worden. All diesen Kleinodien wohnen wunderbare Kräfte inne. Loki, in dessen Auftrag die Dinge geschmiedet wurden, und der Zwerg Brokk erläutern bei der Übergabe der Kostbarkeiten die Zauberkräfte. Odin erhält den Ger Gungnir, der sich im Stoß nicht aufhalten läßt, Thor erhält das goldene Haar für Sif, das weiterwächst, sobald es auf das Haupt der Sif kommt, und Freyr erhält das Schiff Skidbladnir, das stets günstigen Wind hat.

      Weiterhin bekommen Odin den Ring Draupnir, von dem jede neunte Nacht acht gleiche Ringe abtropfen, Freyr den Eber Gullinbursti, der schneller als ein Pferd über Luft und Meer rennen kann, und Thor den Hammer Mjölnir, der sein Ziel nie verfehlt und stets in die Hand des Gottes zurückkehrt. Mit Recht sind diese Kleinodien, die uns in der altnordischen Literatur immer wieder begegnen, als Attribute der Götter bezeichnet worden.

      Nach Gylfaginning, Kap. 49 legt Odin den Ring Draupnir auf Baldrs Scheiterhaufen (vgl. Skirnismal 21); m. E. ein Zeugnis für den Schmerz des Vaters um den verlorenen Sohn, dem das kostbare Kleinod gerade recht ist, um den Toten zu ehren. Doch durch den Bruder Hermod läßt Baldr den Ring aus der Hel an Odin zurücksenden.

      Die wunderbare Eigenschaft des Ringes Draupnir kehrt als Motiv wieder, so z.B. in der rjalar-Jóns-saga oder bei Saco Grammaticus. Man wird gut daran tun, den Draupnir und ähnliche Ringe nicht zu eng nur als

      Attribut Odins anzusehen. Sijmons-Gering halten dafür, daß dieser Ring, der wohl als Symbol der Fruchtbarkeit zu verstehen sei, eher als Attribut Freyrs denn als Attribut Odins zu gelten habe. Dieser Ring wird bei der Werbung um Gerd von Skirnir im Auftrage Freyrs angeboten, wie er es vorher mit den verjüngenden Äpfeln der Idun getan hat (s. Skirnismál 19). Und sowohl die Äpfel der Idun als auch den Ring Odins meinend, schreiben Sijmons-Gering: »Vielleicht war er, der Gott alles Gedeihens und Wachsens (Freyr) in einer älteren Form des Mythus selbst Eigentümer der Träger und Symbole der Fruchtbarkeit.« (s. Sijmons-Gering I; S. 224 – dort auch weiterführend)

      Jede neunte Nacht träufeln acht neue Ringe aus dem alten. »Die Neun galt auch den Germanen als eine bedeutungsvolle, mystische, heilige Zahl.« (Sijmons-Gering). In der Völuspá 2 erfahren wir von neun Welten, in SnE, Gylf. 27 und Skaldsk. 8 u.a. von neun Müttern oder neun Schwestern, nach Hav. 138 hängt Odin neun Nächte am Baum, nach Skm. 39 muß Freyr neun Nächte auf seine Braut warten.

      Zur Bedeutung der Zahl »Neun« im Germanischen vermerkt Jan de Vries, daß sie zusammenhänge mit den Mondjahren der alten Zeitrechnung. So fährt er fort (Altgermanische Religionsgeschichte, Bd. I 1956; § 394; weitere Literatur ebendort): »Draupnir wäre also Symbol der neuntägigen Woche und wäre also nachträglich mit der Odin-Mythologie in Verbindung getreten.«

      Sijmons-Gering halten den Draupnir ursprünglich für ein Fruchtbarkeitssymbol, Jan de Vries glaubt mehr an ein jahreszeitliches Symbol. Beide Meinungen stimmen darin überein, daß die Verbindung dieses Ringes mit Odin – wie aus der Edda hervorgeht – relativ jung sei.

      Im Grunde dienen diese Aussagen der Bestätigung dessen, was Wilhelm Grönbech vor weit mehr als einem Menschenalter geschrieben hat: »Alles deutet darauf hin, daß er (Odin) von Süden her in den Norden gekommen und niemals über die Königshöfe hinaus ins Volk gedrungen ist, wie das vollständige Schweigen auf Island zeigt, und seine Geschichte im Norden liegt darin angedeutet, daß er vornehmlich an den ländersammelnden Fürstenhöfen verehrt wird.«