Vom Dogma zur Erkenntnis

Von Karl Münch

      Es ist heutzutage wirklich kein leichtes Unterfangen, Menschen auf die »religiöse Frage« anzusprechen. Glaube und Weltanschauung werden nur zu gerne als nebensächliche Dinge mit wenig Beachtung gewürdigt. Oberflächlich betrachtet, spielen sie im Bewußtsein längst nicht mehr die Rolle, wie vielleicht noch vor 50 oder 100 Jahren. Der vergleichsweise hohe Wissensstand unserer Tage über den naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt in diesem Jahrhundert tut dazu sein übriges, werden dadurch doch die Widersprüche zu den wahrheitswidrigen Offenbarungsreligionen immer offenkundiger. Die christlichen Kirchen stehen heute vor der tiefsten Legitimationskrise seit Jahrhunderten. Die Mitglieder verlassen die Glaubensgemeinschaften in Scharen. Darüber vermag auch nicht der Massenzulauf vor allem jugendlicher Teilnehmer an den Kirchentagen hinwegtäuschen, entsprechen sie doch mehr dem Wunsch nach jugendlicher Gemeinschaftspflege als einem echten religiösen Bedürfnis, das die Kirche heute nicht mehr vermitteln kann. Vor allem die Dunkelziffer der allein auf dem Papier bekennenden Christen, die sich nur noch aufgrund gesellschaftlicher oder familiärer Konventionen, nicht aber aufgrund eines Glaubensbekenntnisses gebunden fühlen, dürfte heute enorm hoch sein.

      Den Zulauf, den Sekten, esoterische Zirkel und die fernöstlichen Religionen erleben, mag man ruhig als Pendelschlag dieser allgemeinen Abkehr deuten. Der Trend weg von Religion ist unübersehbar.

      Man könnte nun also getrost zu der Auffassung gelangen: Eine »religiöse Frage« gibt es nicht mehr. Durch wachsendes Wissen und die sich selbst überkommende christliche Lehre hat sie sich von selbst erledigt. Der Mensch von heute sehe die Welt endlich als das, was sie ist und nicht mehr als das, was er von ihr glaubt - oder um es mit Friedrich von Schiller zu sagen:

      »Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst! - Und warum keine? - Aus Religion.«

Weltanschauungen

      Und doch wird der aufmerksame Beobachter feststellen, daß diese Fragen alles andere als geklärt sind, sobald man an die Stelle des engen Wortes »Religion« den weiter gefaßten Begriff der »Weltanschauung« setzt. Hier findet sich sofort eine Fülle von Spielarten: Plötzlich vertritt man eine Weltsicht, die ist liberal, konservativ, materialistisch, marxistisch, idealistisch usw., vielleicht auch christlich. Diese bei weitem nicht abschließende Aufzählung könnte beliebig fortgesetzt werden, zumal sich die angesprochenen Grobrichtungen untereinander vielfach kombinieren und im Grad ihrer gegenseitigen Verzahnung variieren lassen. Auf dem Markt der Möglichkeiten gibt es heute nichts, was nicht angeboten wird.

      Allen diesen Sichtweisen ist jedoch eines gemeinsam: Nach Meyers Neuem Lexikon in acht Bänden ist eine Weltanschauung eine »einheitlich... formulierte Gesamtauffassung der Welt und des Menschen mit handlungsorientierter Intention.« Anders ausgedrückt bedeutet dies: Aus jeder weltanschaulichen Sicht leitet der Mensch eine Richtschnur für sein Handeln ab. Also prägen weltanschauliche Haltungen nicht nur das Denken, sondern haben auch ganz direkten Einfluß auf das Tun und Unterlassen ihrer Anhänger.

      Ein einfaches Beispiel soll dies belegen. Im Folgenden werden die Aussagen der christlichen Lehre, des Materialismus und schließlich der in den Werken Mathilde Ludendorffs niedergelegten Erkenntnisse über Arbeit, Besitz und die Sicherung der Existenz bzw. des Daseins miteinander verglichen.

Nach dem Matthäus - Evangelium lehrt Jesus seine Gläubigen:

      (Matthäus 6:25-32): »Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? Und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an, sie sähen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?«

Und weiter:

      »Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen, was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürfet.«

      Nun haben neuere theologische Ansätze den Versuch unternommen, diesem Teil der Bergpredigt eine sozialkritische Aussage anzudichten. Man müsse diese Worte in ihrem historischen Zusammenhang sehen. Jesus habe den materiell schwer Gebeutelten mit seinen Worten die existentielle Angst vor der Zukunft nehmen und damit Trost und Zuversicht spenden wollen. Selbst wenn dem so sein sollte, ist dies jedoch ein höchst bedenkliches Verhalten. Seine Worte sind dann nur ein Beschwichtigungsversuch, der seine Anhänger unter Ausnutzung seiner Autorität als Gottessohn in gefährliche Sicherheit wiegt, ohne an den tatsächlichen Zuständen jedoch etwas zu ändern.

      Tatsächlich fordert er seine Zuhörer jedoch auf, sich der Vorsorge für die Grundbedürfnisse des eigenen Lebens zu enthalten und von einer verantwortlichen Planung für die materiellen Grundlagen ihres Daseins abzulassen. Ein Umstand, der selbst zweitausend Jahre später noch von einem überwiegenden Teil der Menschen als falsch und unsittlich empfunden wird.

      Ein anderes Beispiel gibt die Einstellung der christlichen Lehre zur Arbeit und Daseinssicherung noch drastischer wieder:

      (Lukas 10:38-42): »Es begab sich aber, da sie wandelten, ging er in einen Markt. Da war ein Weib mit Namen Martha, die nahm ihn auf in ihr Haus. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich zu Jesu Füßen und hörete seiner Rede zu. Martha aber macht sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr fragst du nicht darnach, daß mich meine Schwester lässet allein dienen? Sage ihr doch, daß sie es auch angreife. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Martha, du hast viele Sorge und Mühe; Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählet, das soll nicht von ihr genommen werden.«

      Auch hier kommt wieder die Geringschätzung der Vorsorge und Arbeit zum Ausdruck. Mathilde Ludendorff schreibt dazu:

      »Die pflichttreue Martha steht also nach Jesu Meinung hinter der pflichtvergessenen Maria zurück, die in Eigensucht sich nicht darum kümmert, daß vielleicht auch Martha gern zu den Füßen Jesu sitzen möchte, sondern ihr einfach alle Haushaltspflichten dem Gast gegenüber aufbürdet, ja sogar getrost sitzen bleibt, als Martha auf den Unfug aufmerksam macht, ermutigt durch die seltsame Rechtsprechung des Gottessohnes.«1)

      Anders stellt sich der Materialismus zur Frage der Arbeit. Im Gegensatz zur christlichen Lehre, die dem Menschen ein Vernachlässigen der Pflichten im täglichen Leben als Heilsweg zum Einzug in das Himmelreich aufgibt, sieht der Materialismus im Streben nach materiellen Gütern und der Mehrung des eigenen Nutzens das Naturell des Menschen.

      Der englische Philosoph John Locke (1632 - 1704) vernünftelte: Wenn Gott per definitionem unerkennbar sei, wie die Aufklärung behauptete, so könne Religion auch nicht die Basis menschlicher Ordnungsprinzipien sein. Lege der Mensch all diese nutzlosen Gewohnheiten ab, so folge er mit seinen persönlichen Zielvorstellungen letztendlich nur einem Zweck. Dieser sei die Vermehrung des eigenen Eigentums und der Schutz seines Besitzstandes. Folglich sei jede Gesellschaft materialistisch und individualistisch. Als soziales Atom sei jedes Individuum aufgerufen, im Leben erfolgreich zu sein und seinen persönlichen Reichtum zu mehren. Dieses Streben sei amoralisch (also weder moralisch noch unmoralisch), da es dem Gesetz der Natur folge. Den Einwand, nach diesem Prinzip würden einige möglicherweise auf Kosten anderer mehr besitzen, verwirft Locke im Vorgriff auf darwinistische Theorien: Die Welt sei »dem Fleißigen und Vernünftigen zu Gebrauche« gegeben.2)

      Dieses Menschenbild hat der englische Nationalökonom Adam Smith (1723 - 1793) konsequent auf das menschliche Zusammenleben übertragen. Die Einengung materieller Egoismen durch soziale Barrieren sei nach seiner Auffassung ein Verstoß gegen die natürliche Ordnung.

      »Der einzelne ist stets darauf bedacht, herauszufinden, wo er sein Kapital, über das er verfügt, so vorteilhaft wie nur irgend möglich einsetzen kann. Und tatsächlich hat er dabei den eigenen Vorteil im Auge und nicht etwa den der Volkswirtschaft. Aber gerade das Streben nach eigenem Vorteil ist es, das ihn ganz von selbst oder vielmehr notwendigerweise dazu führt, sein Kapital dort einzusetzen, wo es auch dem Staat den größten Nutzen bringt.«3)

      Auch nach Meinung von Adam Smith ist dies keine Frage der Moral, da er ebenso wie Locke den materiellen Egoismus des Menschen als Naturgesetz betrachtet. Hier könne man so wenig eingreifen, wie in das Gesetz der Schwerkraft.

     Mit der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland einsetzenden industriellen Revolution begann die Hochzeit des ungezügelten Materialismus. Wie das Christentum läßt sich die materialistische Weltsicht rasch als Fehlgriff entlarven. Die Geschichte belegt dies auf reichhaltige Weise. Die schnell wachsenden Großstädte erlebten im Zuge der nach materialistischen Vorstellungen geprägten Industrialisierung alsbald eine große soziale Verelendung der neu entstandenen Arbeiterschicht. Arbeitszeiten von 12 bis 14 Stunden täglich, Nachtarbeit auch für Frauen und Kinder ab dem sechsten Lebensjahr zu Niedrigstlöhnen, die mitunter nicht einmal das Existenzminimum sicherten, waren keine Seltenheit.4) Diese unwürdigen Zustände forderten von den in ihnen lebenden Menschen alle verfügbare Kraft zur Erhaltung des Daseins.

      Die Unsittlichkeit solcher Zustände verursachenden Verhaltens hat auch Mathilde Ludendorff betont. Der Mensch, als einziges Lebewesen mit den Fähigkeiten des bewußten Erinnerns ausgestattet, kann sich mit Hilfe der Vernunft immer wieder der Schaffung von Lusterlebnissen möglich machen, ja bis hin zu einer fast gänzlichen Ausrichtung seines Tuns zur Mehrung erlebter Lust:

      »Dieser neue Daseinskampf nimmt bei den Menschen allmählich einen immer breiteren Raum ein, drängt sich ganz in den Vordergrund. Hierdurch kommt es ihm gar nicht zu Bewußtsein, wie sehr die Vernunftentwicklung den Kampf um das nackte Leben erleichtert hat, und die königliche Ruhe und Gleichgültigkeit des Tieres, die sich sofort einstellt, wenn das notwendigste für das Dasein gesichert ist, ist dem Menschen verloren. Aus dem Stillen des Hungers ist ein Schwelgen in den Genüssen des Geschmack- und Geruchsinnes, aus der Zeugung zur Erhaltung der Gattung ist vielen Lusthäufung ein Lebensinhalt geworden. Die Häufung von Besitz wird hierdurch von höchster Bedeutung, sie befreit von Arbeit, erleichtert die Lustbereitung und Lusthäufung, und so ist es ,begreiflich‘, daß man sich für dieses Ziel Jahrzehnte des Lebens ruhelos abmüht!«5)

      In einer Gemeinschaft von Menschen, einem Volk oder einem Staat muß diese mögliche Neigung weitergehende Folgen haben:

      »Da aber jeder ,Diener‘ dieses Staates erfüllt sein kann von jenem neuen Triebe im Menschen: der Häufung der Lust bzw. der Häufung materieller Güter zwecks Befreiung von dem Kampfe um das Lebensnotwendige, da ihn außerdem die Vernunft auch instand setzt, diesen Wunsch auf Kosten anderer zu erfüllen, so mußte selbstverständlich im Menschenstaat sofort die ungerechte Verteilung einsetzen. Eine Gruppe erfüllte sich die Wünsche, andere Gruppen aber mußten dadurch mit Daseinsarbeit überlastet werden und konnten den Wunsch zur Lust nur selten befriedigen. Die Staatsgesetze können diese Ungerechtigkeit unterstützen oder aber bekämpfen, niemals aber völlig ausschalten, wenn nicht die Menschen selbst sich seelisch anders auf das Dasein einstellen, wenn sie nicht aufhören, Lustjäger, oder wir können auch sagen, ,Glücksjäger‘ zu sein.«6)

      Eine Daseinsgestaltung, die, wie etwa im Falle der Martha oder marerialistischer Prinzipien, auf Kosten anderer geführt wird, ist unmoralisch und unsittlich. Sie nimmt dem durch die zusätzliche Bürde Überlasteten wertvolle Zeit für Stunden der Muße und Einkehr, die er braucht, um die Möglichkeit zu einer eigenen Lebensgestaltung und Sinngebung »jenseits« von Lustprinzipien und Besitzhäufung zu finden.

      Die vorstehenden Beispiele haben hoffentlich verdeutlichen können, daß weltanschauliche Grundhaltungen des einzelnen oder einer breiteren Masse sehr wohl mittelbaren oder unmittelbaren Einfluß auf die Lebensgestaltung jedes Menschen haben können. Sie erfährt man tagtäglich: am Arbeitsplatz, im Verhältnis der Kollegen untereinander - sucht der Kollege nur seinen eigenen Vorteil, zur Not auch auf Kosten anderer; wiegelt er lästige Arbeiten auf seine Kollegen ab, treibt der Chef zu immer mehr Überstunden an oder hat er Respekt vor dem wohlverdienten Feierabend seiner Mitarbeiter. Und schließlich: wie hält es der Staat mit der Gestaltung seiner Rechtsordnung? Schafft er durch Vorschriften die Rahmenbedingungen für eine humane Arbeitswelt? Wird der mißbräuchlichen Inanspruchnahme von Sozialleistungen Einhalt geboten?

Weltanschauung und Tatsächlichkeit

      Weltanschauungen nehmen also Einfluß. Nun können sich diese Einflüsse natürlich als positiver oder negativer Natur erweisen. Diese Bewertung hängt natürlich immer ganz vom Standpunkt des Betrachters ab. Ein gläubiger Christ wird es als gut ansehen, wenn etwa die Hausfrau und Mutter alle Zeit darauf verwendet, ja keinen Gottesdienst in der Kirche zu verpassen, ganz gleich ob die Kinder mit Essen, gewaschener Kleidung und dergleichen versorgt sind. Ein Materialist wird es als in Ordnung betrachten, wenn der Fabrikbesitzer seine Arbeiter zur Steigerung seines Gewinnes immer mehr Überstunden aufbürdet.

      Schwieriger wird es da schon beim christlichen Unternehmer. Er muß die Forderungen und moralischen Auffassungen Jesu über die Arbeit und Pflichterfüllung mit der Planung von und dem Streben nach wirtschaftlichem Erfolg für seine Firma in Einklang bringen. Keine christliche Glaubensrichtung hat dies wohl so perfekt verstanden wie Johannes Calvins Lehre von der Prädestination: Alles Geschick der Menschen und der Welt sei auf Gottes unerforschlichen Ratschluß zurückzuführen und Gott habe dieses Gesamtgeschehen ein für allemal festgelegt. Durch den Opfertod Christi sei es möglich geworden, daß die kraft der Erbsünde durch und durch verrottete Menschheit nicht völlig der Verdammung und der Hölle überantwortet sei. Gott habe nach ewigem unbedingten Ratschluß aber nur einen Teil für die ewige Seligkeit erwählt.7) Diesem wird göttlicher Beistand angetragen.8) Wenn es aber möglich sei, daß dieser oder jener zu den Verdammten gehöre, dann sei es mit der selben Wahrscheinlichkeit auch möglich, daß er zu den Erwählten gehöre.9) Erfolg - und nicht zuletzt wirtschaftlicher - galt somit als Zeichen der Erwähltheit. Gegenüber den Erfolglosen, also ohnehin Verdammten, Rücksicht zu üben, ist da nicht mehr notwendig.

      Eine meisterhafte Umdeutung christlicher Grundsätze der Nächstenliebe, die den Weg zu einer rücksichtslosen Ausbeutung im Namen Gottes freimachte!

      Aus der Weltanschauung selbst kann ihre Legitimation und der Beweis, daß sie richtig ist, also nicht kommen. Auch der Versuch, die eine Anschauung durch eine andere zu ersetzen, löst das Problem nicht. Woher stammt die Gewißheit, daß diese andere Weltsicht nun die richtige ist?

      Die großen Offenbarungsreligionen haben dieses Problem zu lösen versucht, indem sie ihre Herkunft aus einer überirdischen Instanz, einem allmächtigen Gott herleiteten, der als Herrscher über die Gesetze des Weltalls außerhalb jeder Möglichkeit zur Hinterfragung stehe. Ihre Lehren sind somit Dogmen, an denen zu rütteln sich verbietet, weil sie sich damit selbst in Frage stellen würden.

      Bei der materialistischen Weltsicht und ihren vielen Erscheinungsformen ist das Problem weitaus schwieriger. Berufen sie sich doch ausnahmslos darauf, die Welt eben so zu sehen, wie sie sei und daraus ihre Schlußfolgerungen zu ziehen. So behauptete der schon erwähnte John Locke, die menschlichen Antriebsfedern ließen sich auf den Wunsch nach Mehrung des materiell ausgerichtete Eigennutzes zurückführen. Seine größte wissenschaftliche Bestätigung glaubte der Materialismus ca. 150 Jahre später in den Entdeckungen Charles Darwins (1809 - 1882) erhalten zu haben. In seinem 1859 veröffentlichten Hauptwerk »Über den Ursprung der Arten« erklärt Darwin die Evolution, also die Entstehung der unzähligen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten durch den Konkurrenzkampf der Individuen untereinander, bei dem nur dasjenige von der Natur mit den nützlichsten Anlagen ausgestattete überlebt und durch Fortpflanzung die Möglichkeit zur Vererbung seiner Vorteile habe. Aus diesem Prinzip leiteten die materialistischen Weltsichten die Bestätigung für das von ihnen postulierte »Recht des Stärkeren« ab und fanden ihr Weltbild auf das wunderbarste durch naturwissenschaftliche Forschung bestätigt.

      Dabei hätte die Vertreter des materialistischen Weltbildes und insbesondere die sogenannten Neo-Darwinisten eine Entdeckung zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Biologen August Weismann (1834 - 1914) aufhorchen lassen müssen, da sie so gar nicht in das von ihnen vertretene Weltbild paßte. Ausgehend von der Sterblichkeit des Einzelwesens und der Unsterblichkeit lediglich der Arten sollte der Konkurrenzkampf als treibende Kraft für den Ausleseprozeß der Motor aller Entwicklung gewesen sein. Nun hatte Weismann jedoch entdeckt, daß nicht alle Lebewesen dem natürlichen Tod unterworfen sind. Mathilde Ludendorff beschreibt dies in ihrem Werk »Triumph des Unsterblichkeitwillens«:

      »Wir betrachten uns unseren ältesten Ahnen, das ,Protozoon‘10), ..., etwas näher. Wenn wir ihn aufmerksam beobachten, so zeigt es uns im Grunde alle die gleichen Zeichen des Lebens, die auch höher organisierte Lebewesen einem Beobachter bieten können. Er nimmt Nahrung auf, verarbeitet sie chemisch, scheidet das unbrauchbare wieder aus und wächst wie ein höheres Lebewesen. ... Noch tieferen Eindruck macht uns, daß der Einzeller auch empfinden kann, ,Irritabilität’ besitzt, d. h. in ganz bestimmter Weise auf Reize von Seiten der Umwelt antwortet. Trotz all dieses Könnens weist er im Gegensatz zu den vielzelligen Lebewesen eine denkbar einfache Bauart auf. Er zeigt als wichtigsten, niemals entbehrlichen Bestandteil einen Kern im Inneren eines Protoplasmaleibes, den wir als Träger jener unfaßlich großen Entwicklungsmöglichkeiten ansprechen müssen. Wenn ein solches Urtierchen eine gewisse Größe durch Wachstum erreicht hat, sehen wir meist sehr verwickelte und interessante Vorgänge im Zellkerne, die mit einer Zweiteilung desselben enden. Allmählich teilt sich dann auch der Zelleib in zwei Teile und schnürt sich mehr und mehr ab, so daß nunmehr zwei selbständige Tochtertierchen aus dem Muttertier entstanden sind - und beide weiterleben. ...

      Denn diese Teilung, diese Fortpflanzungsart, vollzieht sich bei den Einzellern nicht etwa eine Reihe von Malen, um dann allmählich alternde und schließlich sterbende Lebewesen zurückzulassen, sondern dieses restlose Aufgehen des Muttertieres in den Tochtertierchen ist ein immerwährendes, Ununterbrochenes. ... Das natürliche Altern, das auch ohne jedes äußere Unglück, ohne Hinzutreten von Krankheit, mit unerbittlicher Notwendigkeit zum ,natürlichen Tode‘ führt, kennen sie nicht, und der Einzeller, den wir heute zur Untersuchung auf dem Objektträger für die mikroskopische Beobachtung nehmen, ist ein unsterblicher Geselle, der schon vor Millionen von Jahren lebte. ... Diese Einzeller tragen in sich also die Kraft zum immerwährenden Leben oder, wie der Entdecker dieser erstaunlichen Tatsache dies nannte, ,die Potenz der Unsterblichkeit‘.«11)

      Das bedeutsame dieser Entdeckung liegt dabei weniger in der Tatsache der Entdeckung potentieller Unsterblichkeit selber als vielmehr in dem Umstand, daß der natürliche Tod als Todesmuß nicht von Anbeginn der Schöpfung in der Welt war, sondern erst im Zuge der Entwicklungsgeschichte entstanden ist oder, auch anders ausgedrückt: »eingeführt« wurde.

      Nun ist es eine auch von den Materialisten unbestrittene Tatsache, das alle Lebensformen - vom Einzeller bis hin zum Menschen - einem Selbsterhaltungstrieb folgen, also bestrebt sind, in Erscheinung zu bleiben und eben nicht zu sterben. Dieser Wille, Mathilde Ludendorff nennt ihn Unsterblichkeitswille, treibt natürlich auch den zwar potentiell unsterblichen, im Leben aber von den vielfältigen Gefahren eines Unfalltodes durch Nahrungsmangel, Gefressenwerden, feindliche Umwelteinflüsse oder anderes bedrohten Einzeller an. Das Streben nach bestmöglichem Schutz vor einem plötzlichen Unfalltod führt schließlich zur Bildung von Zellkolonien. Die Pandorina, eine Kugelalgenart, weist einen Zusammenschluß von sechzehn Zellen auf, bei der aber noch jede einzelne Zelle der anderen gleicht und die Fortpflanzung durch Teilung jeder einzelner der sechzehn Zellen erfolgt, bis dadurch schließlich ein vollständig neues Tochtertierchen neben dem Muttertierchen entstanden ist.

      Bei einer nah verwandten Gattung dieser Algenfamilie, der Volvox, ist nun erstaunliches zu beobachten: Hier weisen die Zellen zu ersten Mal eine Arbeitsteilung auf. Kleinere Zellen bilden die Wand zu einer Hohlkugel. Sie erfüllen die Aufgabe der Fortbewegung des Zellverbandes, sorgen für die Nahrungsaufnahme und scheiden schließlich die unbrauchbaren Teile wieder aus. Im Inneren der Zellkugel sind einige wenige Zellen eingelagert, die nicht mehr die Befähigung zur eigenen Fortbewegung oder Nahrungsbeschaffung haben. Sie sind für die Fortpflanzung zuständig, während die äußeren Zellen ihrerseits über diese Fähigkeit nicht mehr verfügen. Und nun geschieht etwas ganz sonderbares:

      »Wohl behütet und betreut liegen sie (die inneren Zellen) als köstlicher Schatz des Zellstaates im ,süßen Nichtstun’, bis eines Tages jede einzelne sich teilt und vermehrt, zu einem neuen Volvox wird. Dieser schwärmt dann mit der anderen so entstandenen neuen Jugend durch einen Riß der nun schlaffwerdenden Mutterkugel aus, und von neuem beginnt nun das gleiche Leben all dieser Tochterkolonien.
Was aber wird aus der zurückbleibenden klaffenden Hohlkugel? Sie sinkt zu Boden, verliert ihre kugelförmige Gestalt und stirbt. Sie stirbt nicht durch Ungunst des Geschickes, stirbt nicht wegen Nahrungsmangel oder durch Feinde, nein, sie stirbt, weil sie nicht weiterleben kann. Der Tod als Muß, als letzte Veränderung des Lebens, der natürliche Tod hat zum ersten Male sein Zepter geschwungen!«
12)

      Achtlos sind der Darwinismus und seine neodarwinistischen Vertreter über diese Entwicklung hinweggegangen, denn in ihrem Konzept von der Selektion der im Daseinskampf nützlichsten Eigenschaften hat das plötzliche Auftreten des Todesmuß keinen Platz. So stellt auch Mathilde Ludendorff die Frage:

      »Was aber war durch dieses unheimliche Opfer gewonnen?
Für jene Alge selbst, den Volvox, nicht das geringste. Er ist im Daseinskampfe nicht besser geschützt als die Pandorina und vermehrt sich weniger als diese. Für die Entfaltungsmöglichkeit neuer Arten war aber offenbar unendlich viel gewonnen.

      Durch die Aufgabe der Fähigkeit, Wesen gleicher Gattung entstehen zu lassen, wurden die Körperzellen nach Ausschwärmen der Tochterkolonien für die unsterbliche Gattung ganz bedeutungslos, und das war das Verhängnisvolle. Um ihrer selbst Willen werden sie nicht am Leben erhalten, und so müssen sie altern und endlich hinsterben. Aber welch unübersehbare Lebensmöglichkeit war gewonnen! Welch erstaunliche Kraft zur Höherentwicklung war in den dem Tode geopferten Zellen erwacht, eine Kraft zur Formenwandlung, wie sie die wunschgesättigten ewigen Keimzellen nie besaßen und besitzen.«13)

      Um es mit einem Wort des menschlichen Empfinden auszudrücken, wenngleich es hier sicherlich nicht in seiner Bedeutung als Bewußtseinsäußerung verstanden werden darf: Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit war es von nun an, der finale, also zielgerichtete Wille in Erscheinung zu bleiben oder auch Selbsterhaltungstrieb genannt, der die Entwicklung zu immer höher entwickelten Zellstaaten bis hin zum Menschen über die Abermillionen von Jahren nach vorne Trieb. Wie ganz anders stellt sich mit dem Wissen um diese Erkenntnis der materialistische Erklärungsversuch des Darwinismus dar, ein reiner Konkurrenzkampf habe eben zur Auslese und Fortpflanzung der im Daseinskampf jeweils nützlichsten Anlagen geführt.

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Glaube und Erkenntnis

      Das Beispiel des Darwinismus zeigt, daß die Heranziehung von Beobachtungen der Tatsächlichkeiten allein noch nicht ausreichend ist. So sehr Darwin auch mit gründlicher Forschertätigkeit und Naturbeobachtung den Konkurrenzkampf als grundlegendes Prinzip für die Entstehung der Arten zu begründen gesucht hat, so wenig treffen die daraus gezogenen Forschungsergebnisse die tatsächlichen Zusammenhänge. Mag man diese Irrtümer bei Darwin noch mit der fehlenden Entdeckung über die potentielle Unsterblichkeit einzelliger Lebewesen entschuldigen können, so muß doch den nach August Weismanns Entdeckung tätigen Forschern, die weiterhin Verteidiger des darwinistischen Prinzips sind, das Leugnen oder sogar die völlige Ignoranz dieser Tatsache vorgehalten werden.

      Ein nach Wahrheit Suchender wird sich daher nicht mit einer Weltanschauung zufrieden geben können, die in Teilaspekten vielleicht der Tatsächlichkeit entspricht, in anderen Bereichen wichtige Einsichten aber nicht berücksichtigt oder unterschlägt. Das aber ist es doch, was der Suchende erhofft, zu finden: einen Maßstab für sich und sein Verhalten, eine Weltanschauung, die ihre Gültigkeit nicht aus einem am Anfang stehenden Glaubenssatz, einem Dogma ableiten will. Sie soll in ihrem mit der Vernunft zu erfassenden Teil in allen Einzelheiten mit der vorgefundenen Erscheinung übereinstimmen und bis an die Grenzen der Möglichkeiten zur Vernunfterkenntnis nachprüfbar, also Wahrheit sein. Eine solche Sicht ist jedoch mehr als eine subjektiv getragene Anschauung; sie ist Erkenntnis!

      Nun ist es mit der Wahrheitsforschung und der Überprüfungen von Wahrheitsbehauptungen natürlich so eine Sache, vor allem wenn sie Weltanschauungen betreffen. Weltanschauungen wollen für alle Lebensgebiete, von den kleinsten Fragen der täglichen Lebensgestaltung angefangen, bis hin zu den großen philosophischen Fragen um die »letzten Dinge« eine gültige und wahre Aussage treffen. Heute existiert eine unübersehbare Fülle von Faktenwissen der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen, sodaß es dem Einzelnen nahezu unmöglich wird, gleich einem Universalforscher sämtliche Gebiete erschöpfend zu beackern. Der Physiker wird vielleicht noch in der Lage sein, ein Weltbild auf seine Übereinstimmung mit den Naturgesetzen zu überprüfen. Wenn er jedoch in das Feld der Biologie hinüberwechseln möchte, wird sich ihm die Erforschung des Wahrheitsgehaltes schon weit schwieriger erschließen. Und fast unmöglich kann es ihm werden, wenn er sich danach mit psychologischen Fragen konfrontiert sieht.

      Wahrheiten und Erkenntnisse existieren aber auch unabhängig davon, ob der Suchende nun in alle Einzelheiten der ihnen zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten forschend eingedrungen ist. Obwohl ein von allen zivilisatorischen Erkenntnissen abgeschnittener, in den Tiefen der Urwälder Südamerikas steinzeitlich lebender Indio sicher noch nichts von Newtons Gravitationsgesetz gehört hat, wird er genauso von diesem auf der Erde festgehalten wie ein Forscher, der gerade an einer Doktorarbeit über dieses Problem schreiben mag. Ganz genauso ist es auch um eine weltanschauliche Erkenntnis bestellt. Ist sie Wahrheit, wirkt sie für und gegen jedermann, egal ob sie der Einzelne nun für wahr erkannt hat, an ihr zweifelt, sie ablehnt oder sich gar nicht mit ihr beschäftigt hat. Dabei besteht der Unterschied zwischen den herrschenden Naturgesetzen und weltanschaulichen Wahrheiten darin, daß sich der Mensch den ersteren nicht entziehen kann (der Flugzeugkonstrukteur »überwindet« die Schwerkraft ja nicht, sondern er findet unter Zugrundelegung ihrer Gesetze eine Lösung, ihr zeitlich begrenzt entgegenzuwirken). Aufgrund seiner Willensfreiheit und den Fähigkeiten seines Bewußtseins kann der Mensch weltanschaulichen Erkenntnissen durchaus zuwiderhandeln. Freilich läßt sich damit nicht die Bedeutung der Erkenntnis außer Kraft setzen, denn die Folgen seines erkenntniswidrigen Verhaltens bekommt er, in vielen Fällen jedoch auch andere, zu spüren. Als Beispiel sei hier an die materialistischen Auffassungen von John Locke und von Adam Smith erinnert, die mit ihrer Deutung, die Einengung materieller Egoismen verstoße gegen die natürliche Ordnung, zu dem unendlichen Leid der sozialen Verelendung im Zeitalter der industriellen Revolution beigetragen haben.

      Also wird sich der Wahrheitssuchende in den allermeisten Fällen zunächst einmal darauf beschränken müssen, nach Teilerkenntnissen eines ganzen Gedankengebäudes zu suchen, die er mit seinem Wissensstand und seinen Erfahrungen nachvollziehen kann.

      Zunächst mag der Vorschlag einer anfänglichen Beschränkung der Wahrheitssuche auf ein vertrautes Wissensgebiet oder den erworbenen Erfahrungsschatz als ein Rückschritt hinter die Forderung nach einer Erkenntnis wirken, deren Wahrheitsgehalt allumfassend sein soll. Dieser Widerspruch ist jedoch nur scheinbar, denn die Wahrheitssuche ist ihrem Charakter nach ein ganz anderer Weg als die am Beginn stehende Annahme eines Glaubenssatzes. Im Gegensatz zu der religiös oder ideologisch motivierten Forschung, die bei ihrer Arbeit nur zu oft dem Grundsatz folgt: I>»Weil nicht sein kann, was nicht sein darf!«, geht die Warheitssuche stets mit einer offenen Fragestellung vor, an deren Ende kein vorher festgelegtes Ergebnis steht.

      Mit jedem weiteren Forschungsergebnis, das eine Bestätigung bringt, wird dann die Annahme, daß die Erkenntnis der Wahrheit entspricht, größer und größer. So wird aus der Annahme schließlich eine hohe und höhere Wahrscheinlichkeit bis sie schließlich bis zur Gewißheit reifen kann. Der Unterschied zur Annahme eines Dogmas wird deutlich: Der Suchende hält sich alle Möglichkeiten offen, bisher Geglaubtes zu verwerfen oder in dem Erforschten eine Bestätigung zu finden, anstatt im Glauben an ein starres Dogma zu verharren.

Erkenntnis und Wahrheit

      Mit der Widerlegung, daß allein die Fortpflanzungs- und Vererbungsmöglichkeit der Tauglichsten im Daseinskampf und damit allein der Konkurrenzkampf unter den einzelnen Lebewesen, zur Entwicklung vom mikroskopisch kleinsten Einzeller bis hin zum Menschen geführt haben soll, ist das wesentlichste Grundprinzip nicht nur des Darwinismus, sondern aller sich daraus ableitenden materialistischen Weltsichten erschüttert. Wie Mathilde Ludendorff zeigte, hat vielmehr der jedem Lebewesen innewohnende Wille in Erscheinung zu bleiben, oder wie sie es nennt: Unsterblichkeitswille entscheidenden Anteil am Aufstieg der Lebensformen im Laufe der Evolution.

      Dies ist, bei aller Beschränkung auf das im Rahmen eines kleinen Vortrages darzustellen Mögliche, eine von der Vernunft nachvollziehbare Erkenntnis, die nicht im Gegensatz zur heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnis über die Entwicklungsgeschichte steht, ja sogar über die allgemein vertretenen Theorien hinausgreift, da sie im Gegensatz zu diesen die Tatsache der potentiellen Unsterblichkeit einzelliger Lebewesen in ihre Schlußfolgerungen mit einbezieht. Es wäre also bei der Anerkenntnis dieser Tatsache zu folgern, daß es sich somit für einen nach Wahrheit suchenden Menschen lohnt, der Philosophie Mathilde Ludendorffs zunächst einmal insoweit Vertrauen zu schenken, als sie hier in einem wesentlichen Punkt Erkenntnis, nämlich Übereinstimmung der vertretenen Ansicht mit dem Tatsächlichen geben konnte. Hiermit sei natürlich nur das Prinzip gemeint, denn in der Wirklichkeit wird es für den Suchenden doch mehrerer Felder der Bestätigung bedürfen als nur der einen hier herausgegriffenen naturwissenschaftlichen Frage. Nach einem ganz ähnlichen Prinzip gehen Menschen doch Tag für Tag vor, ohne sich von vornherein Dogmen preisgegeben zu wähnen.

      Ein leicht nachzuvollziehendes Beispiel mag dies verdeutlichen: ein Student der Mathematik sitzt an seinem Schreibtisch über einer schwierigen aufgegebenen Gleichung aus dem Lehrbuch, die es zu lösen gilt. Wieder und wieder nimmt er vergebliche Anläufe, doch die Gleichung geht nicht auf. Obwohl er sich aller ihm bekannten mathematischen Regeln und Gesetze bedient hat, kann er das Ergebnis nicht finden. Schließlich lehnt er sich zurück und gibt auf. Natürlich wird er aus dieser von ihm ungelösten Aufgabe nicht den Schluß ziehen, daß alle Mathematik damit als falsch bewiesen sei und sämtliche mathematischen Gesetze damit ungültig seien, nur weil er die Lösung zu diesem einen Problem nicht gefunden hat. Er weiß: selbstverständlich muß es einen mathematisch korrekten Lösungsweg geben. Wahrscheinlich hat er eine bestimmte Umstellung der Gleichung oder eine Ableitung übersehen. Und er weiß auch, daß ob dieses Mißerfolges die mathematische Aussage: »1 + 1=2« ihre Wahrheit und Gültigkeit nicht verloren hat. In der nächsten Uuml;bungsstunde wird der Professor mit seinen Studenten die Lösung erarbeiten und der Student wird dabei wohl erkennen, welchen Punkt er bei seinem Ansatz übersehen hat.

      Ganz ähnlich verhält es sich mit der Philosophie Mathilde Ludendorffs. Auch hier geht es um eine Fülle von Erkenntnissen, die der Suchende nicht in einem Augenblick umfassen kann. Und doch muß dieser Umstand weder den Wahrheitsgehalt, noch die Anwendbarkeit ihrer Ergebnisse schmälern. In ihrer Schrift »Und du, liebe Jugend?« hat die Philosophin dies auf eine Art und Weise dargestellt, die ebensogut für jeden suchenden Menschen gelten kann:

      »Die Jugend weiß es, wie oft z. B. die Physik und die Chemie bei ihren Erforschungen Tatsachen entdeckten, die eine unendlich große Bedeutung auch für das praktische Leben haben. Die Jugend weiß aber auch, daß solche lebenswichtigen Ergebnisse allen Menschen zugute kommen können, auch denen, die niemals Zeit oder Sehnsucht hätten, die Naturwissenschaften zu studieren und die Gesetze kennen zu lernen, die von dem Forscher entdeckt wurden. Es kann jemand z. B. einen elektrischen Küchenherd praktisch sehr wohl verwerten, der niemals die Gesetze der Physik studiert hat. Die Hausfrau liest die Gebrauchsanweisung, die dem elektrischen Küchenherd beigegeben ist, führt die angegebenen Anweisungen und Griffe aus und sieht nun, daß alles, was die Gebrauchsanweisung voraussagt, auch eintrifft. Genau das gleiche gilt von der Philosophie, die weit ab vom praktischen Leben steht und bleibt, wenn sie nicht zur Wahrheit findet. Entdeckt sie aber Wahrheit, dann hat sie ein Ergebnis, das bedeutsamer ist, als die der Naturwissenschaft sind. Denn sie forscht nach Wesen und Sinn der Schöpfung und so kann sie auch über Wesen und Sinn Eures eigenen Lebens und des Volkslebens dann eine Antwort geben, die Euch in die Lage versetzen kann, Euer Leben sinnvoll zu gestalten. Solcher Segen kann Euch zuteil werden, auch wenn Ihr die Werke, in denen die Beweise für die Euch übermittelten Erkenntnisse erbracht sind, und in denen noch tausend andere wichtige und bedeutsame Antworten auf Fragen zu finden sind, noch nicht durchforscht. Eines aber ist dabei Notwendigkeit. Die Gebrauchsanweisung würde die Hausfrau wohl schwerlich treu befolgen, wenn sie nicht das feste Vertrauen zur Wissenschaft hätte, daß alles richtig ist und stimmt, was man ihr sagt. Genau das gleiche gilt für die Jugend, die noch nicht die gesamten Werke studieren kann, sondern die sich mit einigen wenigen Ergebnissen begnügen muß; dasselbe gilt auch für jeden Erwachsenen, der diesen Weg wählt. Sie müssen das Vertrauen haben, daß in den Werken die Beweise für alle Ergebnisse erbracht sind. Und wiederum ist es ihnen so leicht gemacht: denn genau so wie bei jener Frau, die den Herd benutzt, sich beim Kochen die in der Gebrauchsanweisung gemachte Voraussage bestätigt, genau so ergeht es dem Menschen, der die wahren Ergebnisse der ... Gotterkenntnis aufnimmt. Das gesagte erweist sich als wahr, das Vorausgesagte trifft zu. Aus diesem Zutreffen des Vorausgesagten kann er das Vertrauen schöpfen, daß der gründliche Nachweis schon in den Werken erbracht worden ist.

      Lebenswichtige Ergebnisse der Gotterkenntnis stehen also allen Menschen offen, auch denen, die niemals zu den Werken greifen.« 14)

      Also auch hier findet sich trotz allem Vertrauen in das Werk, das gefordert wird, nicht der strenge Glaubenssatz eines Dogmas. Auch hieran knüpft sich die Möglichkeit zur Überprüfung, nämlich an den tatsächlichen Ergebnissen getroffener Vorhersagen.

Gotterkenntnis

      Zum ersten Mal taucht im letztgenannten Zitat ein neuer Begriff auf, dem Geneigten wohlbekannt, dem kritischen oder unbedarften Leser aber sicherlich ein Dorn im Auge: Gotterkenntnis! »Kann man Gott erkennen?«, wird die berechtigte Frage sein, denn alle Offenbarungsreligionen nehmen dies für sich in Anspruch und nicht zuletzt wegen der scheinbaren Unmöglichkeit dieser Behauptung haben sich viele Wahrheitssuchende von ihnen abgewandt.

      Natürlich kann man Gott nicht im Sinne einer der von den Religionen vertretenen Dogmen als in die Kategorien Raum, Zeit und Ursächlichkeit einortbares Wesen der Erscheinungswelt, einen Gott namens Jahwe, Allah, Buddah oder ähnliches erfassen. Schon der große Philosoph Immanuel Kant (1724 - 1804) hat bewiesen, daß es Übergriffe der beschränkt möglichen Vernunfterkenntnis sind, wenn der Blick auf das »Ding an sich« oder das »Wesen der Erscheinung« mit den Denkkategorien der Vernunft versucht wird. Wenn die Philosophie Mathilde Ludendorffs von »Gott« spricht, so meint sie nicht eine in den Lauf der Welt oder das Schicksal eingreifende Gottesperson, sondern die bewußte Teilhabe des Menschen am »Wesen der Erscheinung«, das sich als »Jenseits« hinter der stofflich faßbaren Erscheinung der seelischen Erlebniswelt erschließt. Dieses Erhabene wurde von jeher als »Gott« oder »göttlich« bezeichnet und mit dieser Berechtigung behält Mathilde Ludendorff in der schriftlichen Gestaltung ihrer philosophischen Erkenntnisse diese Wortfamilie bei.

      Erkenntnisse über das Göttliche sind es also, die hier gegeben werden. Nicht etwa Bilder oder Beschreibungen des Göttliche an sich, sondern Beschreibungen von dessen Wesenszügen und welche Gesetzmäßigkeiten sich hieraus für die Psychologie der Menschenseele ergeben. Daraus folgert kein »du sollst an dieses glauben!« oder »du darfst an jenes nicht glauben!«, sondern es ergibt sich für jeden Menschen die freie Wahl des Entscheides, allein begrenzt von sittlichen Gesetzen, durch die eigene getroffene Wahl im Daseinskampf die Rechte des anderen nicht zu verletzen oder zu schädigen.

      Ein weiterer gewaltiger Unterschied zu allen übrigen Weltanschauungen besteht darin, daß die Philosophie Mathilde Ludendorffs für sich in Anspruch nimmt, Erkenntnis zu sein, also in völliger Übereinstimmung mit der Wirklichkeit aller Lebensbereiche zu stehen. Hieraus erwächst ihre Bedeutung, denn sie gibt damit mehr als die Teileinsichten anderer religöser oder philosophischer Gedankengebäude vor und nach ihr. Erich Ludendorff hat dies als die größte Revolution der Weltgeschichte seit dem Bestehen aller Religionen bezeichnet.15) Natürlich ist dies ein gewaltiger Anspruch und man wird schwerlich erwarten können, daß er bei dem Unkundigen widerspruchslos hingenommen wird. Dessen war sich die Philosophin durchaus bewußt:

      »Doch eine solche, mit der Naturforschung und der Erfahrung des Lebens im Einklang stehende, zusammenhängende Einsicht ist etwas so Neues, etwas so Unerwartetes und bringt die Empfangenden in eine so völlig ungewohnte Lage, daß sie dem Irrtum verfallen können: Weil aus diesem geschlossenen Erkenntnisbau keine Einzeleinsicht, eben wegen des inneren Zusammenhanges, herausgerissen werden kann, weil es ihm gegenüber nur ein Ablehnen oder ein Überzeugtsein geben kann, so ist das also doch wieder ein Dogma, das uns die Freiheit in der religiösen Überzeugung bedroht und die Selbständigkeit sogar raubt! Und wenn zudem noch der, der es geschaffen hat, am aller klarsten und tiefsten den inneren Zusammenhang sieht, und sagt: ,Wenn ihr das herausreißt, um es abzulehnen, so müßt ihr folgerichtig sein; damit fällt auch fast alles Übrige’, warum sollte es da verwundern, wenn jener, der die Klarheit der intuitiv gewonnenen Erkenntnis eben nicht in sich erfahren hat, solche Worte ,päpstlich‘ nennt?« 16)

      ber gerade weil die Gotterkenntnis die Freiheit der eigenen Überzeugung betont und nicht die geringsten Vorschriften für das persönliche Gotterleben macht, steht sie allen Dogmen nicht nur denkbar fern, sondern bringt sich zu diesen sogar in den größten Gegensatz. Auch wenn die Erkenntnis als solche ja feststeht: ob und inwieweit sich der einzelne Mensch den Inhalt der Werke der Gotterkenntnis erschließt, bleibt ihm überlassen. Die Werke können ihm allenfalls Beistand sein, vor Irr- oder Umwegen bewahren helfen. Er selbst entscheidet, wie stark Gotterkenntnis in ihm und seinem Leben zu gestaltender Entfaltung gelangt.

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Fußnoten


  1. Ludendorff, Mathilde, Erlösung von Jesu Christo, Pähl 1957, S. 292
  2. Rifkin, Jeremy, Entropie - ein neues Weltbild, Hamburg 1982, 1. Aufl., S. 36
  3. aaO., S. 28
  4. Buchner, Rudolf, Deutsche Geschichte im europäischen Rahmen, Göttingen 1981, 2. Aufl., S. 355 ff.
  5. Ludendorff, Mathilde, Triumph des Unsterblichkeitwillens, Pähl 1959, S. 311 f.
  6. aaO., S. 312 f.
  7. Diwald, Hellmut, Geschichte der Deutschen, Frankfurt a. M. 1979, 4. Aufl., S. 586
  8. Glasenapp, Helmuth v., Die fünf Weltreligionen, München 1993, 2. Aufl., S. 323
  9. Diwald, aaO.
  10. tierischer Einzeller
  11. Ludendorff, Mathilde, Triumph des Unsterblichkeitwillens, S. 152 f.
  12. aaO., S. 166 f.
  13. aaO., S. 168 f.
  14. Ludendorff, Mathilde, Und du, liebe Jugend?, München o. J., S. 28 ff.
  15. Ludenorff, Erich, Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung, II. Band, Stuttgart 1951, 2. Aufl., S. 17
  16. Ludendorff, Mathilde, Vom wahren Leben, Pähl 1972, S. 40 f.