Von Karl Münch
Die Frage, wann und auf welche Weise das menschliche Bewußtsein entstand, gehört noch immer zu den ungeklärten Fragen der Entwicklungsgeschichte. In philosophischer Hinsicht ist die Frage nach dem Warum geklärt. Mathilde Ludendorff enthüllte das Bewußtsein als Ziel der Entwicklungsgeschichte.
Ihre Werke »Triumph des Unsterblichkeitwillens« und vor allem »Schöpfungsgeschichte« zeigen uns, daß ein bewußtes Erlebenkönnen der jenseits aller raum-zeitlichen Vernunfterfahrung liegenden Transzendenz den Sinn der Schöpfung ausmacht. Dieses Ziel war mit der Entstehung des Menschen und der ihm innewohnenden Fähigkeiten des bewußten Icherlebens erreicht. Er besitzt als einziges Lebewesen im Universum die Möglichkeit, durch sein Erleben in Freiheit zum Träger und Bewußtsein dieses »Absoluten« zu werden.
Die Wissenschaft geht heute davon aus, daß der moderne Mensch, der heute die Erde bevölkert, vor ca. 150.000 bis 200.000 Jahre auf dem afrikanischen Kontinent entstand. Etwa vor 100.000 Jahren begannen dann in mehreren Schüben die Abspaltungen von der in Afrika beheimateten Gruppe, die im wesentlichen zu der Entstehung der heutigen Menschenrassen führten.1)
Entwicklungsgeschichtlich sehr schwer einzuordnen ist die Frage, zu welchem Zeitpunkt innerhalb der Gattung homo jene Fähigkeit entstanden war, die den Menschen als einzigartig innerhalb der gesamten Schöpfung auszeichnet: das Bewußtsein. Durch die philosohische Erkenntnis wissen wir, daß mit dem Entstehen dieser Seelenfähigkeit das Ziel der Evolution erreicht war. Ein weiterer Fortgang der Entwicklungsgeschichte war und ist mit der Erreichung dieser Stufe der Evolution ausgeschlossen.
Einige Forscher glauben, bereits frühen Formen der Gattung homo Bewußtseinsfähigkeiten zusprechen zu können. Im Jahre 1960 fand man in der nordirakischen Shanidar-Höhle das etwa 60.000 Jahre alte Skelett eines Neandertalers. Die das Skelett umgebende Erde enthielt fossilierten Pollen, aus dem man auf ein Bestattungsritual, ein »Blumenbegräbnis« schloß. Ralph Solecki mutmaßte daraufhin: »Wir können dem Frühmenschen nicht länger das volle Ausmaß menschlichen Fühlens und Erlebens absprechen«.2) Mit anderen Worten: bereits der Neandertaler soll demnach über das volle Spektrum des menschlichen Bewußtseins verfügt haben. Einen handfesten Beweis, daß die Pollenfunde die Hinterlassenschaft eines Bestattungsrituals sind, gibt es indessen nicht. Diese Vorstellung bleibt im wesentlichen Fiktion.
Und aus philosophischer Sicht müssen wir uns fragen, warum sich nach einem Homo neanderthalensis - so dieser die Bewußtseinsfähigkeiten bereits hervorgebracht hätte - noch ein Homo sapiens entwicklen, ein Fortgang der Evolution vollziehen konnte. Das »Ziel« der Entwicklungsgeschichte wäre bereits mit dem Neandertaler erreicht gewesen.
Vor kurzem hat der renommierte Anthropologe Ian Tattersall einen Aufsatz3) veröffentlicht, der sich mit der Frage beschäftigt, warum von der Vielzahl der Menschenarten, die im Verlauf der Entwicklungsgeschichte die Erde bevölkert haben, allein der Homo sapiens überlebte. Tattersall zeichnet darin ein Bild von der Entwicklung unserer Menschenart, das interessante Überlegungen zur Beantwortung der Frage nach dem Entstehen des menschlichen Bewußtseins liefert.
»... Die frühesten Vertreter von Homo kennen wir durch ein merkwürdiges Sammelsurium 2,5 bis 1,8 Millionen Jahre alter süd- und ostafrikanischer Fossilien. Üblicherweise rechnen Paläanthropologen diese Fossilien zwei Arten zu: H. habilis und H. rudolfensis. Wahrscheinlich waren es aber deutlich mehr. Außerdem leistete den Homo-Arten vor 1,9 bis 1,8 Millionen Jahren nicht nur der erwähnte allgegenwärtige P. boisei Gesellschaft, sondern auch der Homo ergaster, eine Kreatur mit schon sichtlich ,modenerem' Körperbau. (Früher nannten die Fachleute diese afrikanische wie auch bestimmte asiatische Linien H. erectus; der Name gilt heute allein für frühe asiatische Hominiden. (Siehe auch: ,Ein neues Modell der Homo-Evolution'. Von Jan Tattersall, Spektrum der Wissenschaft, 6/97, S. 64). Somit teilten sich damals wenigstens vier Hominidenarten denselben ostafrikanischen Lebensraum.
Als erstmals Menschen ihren Ursprungskontinent verließen, fanden sie reichlich neuen Raum vor, in dem sie sich entfalten konnten. Wahrscheinlich machte sich damals H. ergaster oder ein enger Verwandter von ihm auf den Weg fort aus Afrika. Leider wissen wir von dieser Wanderbewegung fast nichts, auch nicht über die Zeiträume. Immerhin haben wir Anzeichen dafür, daß Menschen bereits vor rund 1,8 Millionen Jahren China und Java erreicht hatten. Mindestens ebenso alt scheinen ein 1991 im georgischen Dmanisi gefundener Unterkiefer und zwei 1999 entdeckte Schädel zu sein, die einem frühen Homo erectus und Homo ergaster ähneln.
In Asien evolvierten die Menschen weiter. Vor einer Million Jahren hatte sich in Java und China die neue Art H. erectus etabliert. Möglicherweise lebte in Java neben ihr noch eine weitere, kräftiger gebaute Art.
Deutlich anders als diese ostasiatische Linie sahen die mutmaßlichen ersten Menschen ganz im Westen Eurasiens aus. Spanische Forscher entdeckten vor ein paar Jahren Fossilien der frühesten Europäer im Norden ihres Landes. Dieser Homo antecessor, wie sie ihn nannten, trat dort vor rund 800.000 Jahren auf.
Die Evolution des Neandertalers erfolgte in Europa und in Regionen Ostasiens (siehe auch ,Die Sonderevolution der Neandertaler', Spektrum der Wissenschaft, 7/1998, S.56). Als dessen früher Vorfahre gilt der Homo heidelbergensis, benannt nach einem Unterkiefer von Mauer bei Heidelberg. Die ältesten Fossilien dieser Menschenart stammen aus Nordafrika und sind rund 600.000 Jahre alt. Europäische Fundstätten ergaben ein Alter von 500.000 bis 200.000 Jahren; das Fossil von Mauer gehört zu den ältesten. Und möglicherweise lebte diese Menschenform auch in China. Allerdings wäre ich nicht überrascht, wenn weitere Forschungen im ,Ureuropäer' mehrere Arten erkennen würden.
In jedem Fall war der H. heidelbergensis - oder vielleicht ein Verwandter - in Europa Urahn des Neandertalers, Homo neanderthalensis, und ihm nahestehender Menschenformen. Die Evolution dieses Kreises beschränkte sich auf Europa und den Westen Asiens. Ihre Blütezeit erlebten die Neandertaler, die nach dem ersten Skelettfund im Neandertal bei Düsseldorf 1856 genannt sind, vor 200.000 bis 30.000 Jahren. In Afrika scheinen die Menschen damals eine eigene Evolution durchgemacht zu haben. Auch wenn die Funde bisher ziemlich dürftig sind, so spricht doch vieles dafür, daß dieser Kontinent, neben anderen Entwicklungen, den Homo sapiens hervorbrachte, den ,modernen' Menschen. Hierauf gehe ich später noch näher ein.
Auch Ostasien hatte offenbar eine lange gesonderte Geschichte. Gerade erst wurden Fossilien von Ngandong auf Java, die möglicherweise vom Homo erectus stammen, neu auf ein Alter von nur 40.000 Jahren datiert.
Somit stellt sich die Evolution des Menschen keineswegs als relativ geradlinige, zielstrebige Entwicklung dar: vom Australopithecus africanus über den Homo erectus zum Homo sapiens, wie die Forscher sie sich vor vierzig Jahren meist dachten. Daß wir heute viel mehr Fossilien kennen als damals, macht die Diskussion unter den Experten allerdings nicht leichter. ...
Und doch: Homo sapiens verkörpert zweifellos etwas Einzigartiges. Dies zeigt sich deutlich darin, daß wir heute die einzige Menschenart sind. Was immer Besonderes uns auszeichnen mag - es hat damit zu tun, wie wir uns mit der Außenwelt auseinandersetzen. Dieses Einzigartige betrifft also unser Verhalten, und das bedeutet, daß hier vor allem archäologische Funde weiterhelfen müssen. Die Archäologie blickt ungefähr zweieinhalb Millionen Jahre zurück. Damals fertigten Menschen die ersten erkennbaren Steinwerkzeuge: einfache scharfkantige Abschläge, die sie mit anderen Steinen von Rohlingen absplitterten. Welche Hominiden diese Technik erfanden, wissen wir nicht genau. Manches spricht dafür, daß sie zu den Australopithecinen gehörten.
Auf jeden Fall bedeutete diese Erfindung einen beträchtlichen geistigen Sprung. Den Benutzern brachten die einfachen Klingen und Schaber zukünftig viele Vorteile im täglichen Leben. Die Archäologen sprechen bereits von einer wenn auch einfachen regelrechten Steinwerkzeug-Industrie. Eine Million Jahre lang stagnierten die Artefakte mehr oder weniger auf dieser Stufe. Dann erfanden Menschen - vermutlich der H. ergaster - vor eineinhalb Millionen Jahren den Faustkeil. Diese technologische Neuerung erforderte erstmals, daß der Hersteller sich die symmetrische Form vorstellte, ehe er begann, sie aus dem großen Kiesel herauszuschlagen. Bis zur nächsten bahnbrechenden Werkzeugerfindung verstrichen wiederum eine Million Jahre, oder sogar mehr Der H. heidelbergensis oder ein verwandter Hominide kam auf die Idee, einen Steinkern so geschickt vorzuformen, daß ein gezielter Schlag plötzlich das fertige Werkzeug zum Schneiden oder Schaben hervorbrachte.
In dieser Technologie erwiesen sich die Neandertaler als besonders geschickt. Von diesen Menschen mit ihrem großen Gehirn, flachen Schädel und großen Gesicht, die Europa und Westasien bis vor rund 30.000 Jahren bewohnten und dann plötzlich von modernen Menschen verdrängt wurden, kennen wir unzählige hervorragende Dokumente An ihnen können wir recht gut ermessen, was denn H. dem Neandertaler wohl anders machte. Mit seinen Steinwerkzeugen beeindruckt H. neanderthalensis durchaus auch wenn sie etwas stereotyp erscheinen. Aus anderen haltbaren Materialien fertigte er allerdings selten wenn überhaupt, Werk zeuge. Viele Archäologen halten ihn überdies für keinen besonders geschickten Jäger.
Daß die Neandertaler Riten vollzogen etwa ,Bärenkulte', haben Wissenschaftler zwar früher vermutet, doch fanden sich nie wirklich Beweise. Auch symbolische Gegenstände stellten sie vermutlich nicht her - mit Sicherheit nicht bevor sie zu modernen Menschen Kontakt bekamen. Wohl begruben sie manchmal ihre Toten, aber vielleicht nur, damit ihnen Hyänen nicht lästig wurden. Auch andere profane Erklärungen für diese Praktik sind denkbar. Zumindest gaben sie den Verstorbenen keine Gaben mit ins Grab die davon gezeugt hätten, daß sie Beerdigungszeremonien ausübten oder an ein Weiterleben nach dem Tode glaubten. So bewundernswert die Neandertaler in vielerlei Hinsicht waren - immerhin kamen sie mit den harten, wechselvollen klimatischen Bedingungen der späten Eiszeit lange sehr gut zurecht, - so fehlte ihnen doch jenes Fünkchen Kreativität des Homo sapiens, die dieser nach Europa mitbrachte.
Wann und wo der Homo sapiens entstand, wissen wir aufgrund von Fossilien nicht völlig sicher. Am meisten spricht für einen afrikanischen Ursprung vor vielleicht 150.000 bis 200.000 Jahren. Moderne Verhaltensmuster traten allerdings erst viel später auf. Hiervon stammen die besten Belege aus Israel und Umgebung. In dieser Region lebten Neandertaler schon vor mindestens 200.000 Jahren. Vor rund 100.000 Jahren dann gelangte auch der anatomisch moderne Homo sapiens in dieses Gebiet.
Bemerkenswerterweise verwendeten beide Arten die gleichen Werkzeuge, und auch die hinterlassenen Plätze wirken völlig identisch. Soweit wir dies beurteilen können, verhielten sich beide Menschenarten also trotz aller anatomischen Verschiedenheit offenbar gleich. Und solange beide dabei blieben, gelang es ihnen auch, diesen Lebensraum im Nahen Osten miteinander zu teilen.
Die Situation in Europa könnte keinen schärferen Kontrast dazu abgeben. Der H. sapiens drang erst vor rund 40.000 Jahren dorthin von Und nur 10.000 Jahre später waren die vorher überall gegenwärtigen Neandertaler verschwunden. Das Entscheidende, worin die neuen Einwanderer sich auszeichneten, war ihr ,modernes' seelisch-geistiges Empfinden. Zahlreichen Zeugnissen zufolge hatte der H. sapiens diesen nie dagewesenen Wesenszug voll ausgebildet, als er nach Europa kam. Zum einen fertigten diese Menschen Steinwerkzeuge, die wir bereits dem Jungpaläolithikum zurechnen: Sie wußten aus einem zylindrisch zugehauenen Steinkern sehr effektiv viele lange schlanke Klingen zu gewinnen. Auch stellten sie Werkzeuge aus Knochen und Geweihen her, mit einem ausgezeichneten Gespür für die Materialeigenschaften.
Noch bezeichnender: Diese Menschen kannten Kunst. Sie schnitzten kleine Skulpturen, ritzten Bilder und bemalten Höhlenwände, manchmal mit lebhaften Szenen. Auf Knochen und Steinplättchen verzeichneten sie Wichtiges. Auch schnitzten sie sich kleine Flöten und bastelten wunderschöne persönliche Schmuckstücke. Offenbar unterschieden sie zwischen sozialen Schichten, denn manche Toten erhielten besonders reiche Grabbeigaben. Demnach glaubten sie an ein Leben nach dem Tode. Sie strukturierten ihre Wohnstätten hochgradig, und sie müssen geschickte Jäger und Fischfänger gewesen sein. Zum ersten Mal in der Geschichte der Hominiden bedeuteten technologische Neuerungen für die Menschen einen Anreiz, das Können immer mehr zu verfeinern. Der lange Abschnitt diskontinuierlicher, über lange Phasen stagnierender kultureller Weiterentwicklung war nun vorbei. Von jetzt an wuchsen die Fertigkeiten stetig. Kurz:
Diese Menschen waren wie wir!
Von den Neandertalern unterschieden sich die frühen Jungpaläolithiker in all diesen Aspekten kraß. Zwar scheinen einige der europäischen ,Ureinwohner' manche Verhaltensweisen von den Neuankömmlingen abgeschaut zu haben. Über konkrete Hinweise dazu, wie die beiden Arten miteinander umgingen, verfügen wir allerdings nicht. Wenn wir trotzdem vermuten, daß die Neandertaler oft den kürzeren zogen, dann deswegen, weil sie so schnell verschwanden und weil H. sapiens nun überall seine Spuren hinterließ. Die archäologischen Zeugnisse sagen deutlich immer wieder das gleiche: Der moderne Mensch machte sich an Orten breit, wo noch vor kurzem der Neandertaler gelebt hatte. Dieser aber war von dort verschwunden. Daß die beiden Menschenarten sich in Europa jemals biologisch vermischt hätten, können Anthropologen nicht überzeugend belegen.«
Nach neueren Forschungsergebnissen kann mittlerweile sogar als sicher gelten, daß eine Vermischung zwischen dem Neandertaler und Homo sapiens nicht stattgefunden hat. So belegen die Untersuchungen einer internationalen Forschergruppe um William Goodwin von der Universität Glasgow an der mitochondrialen DNA (mtDNA). Das Forscherteam analysierte die Erbsubstanz eines 29.000 Jahre alten, im Kaukasus gefundenen Neandertaler-Skelettes. Die Untersuchungen kommen zu dem klaren Ergebnis, daß dieser mtDNA-Typ nicht zum mtDNA-Pool des modernen Menschen beigetragen hat.4)
»... Im Nahen Osten hatten Neandertaler und H. sapiens rund 60.000 Jahre lang nebeneinander existieren können. Doch damit war ziemlich genau vor 40.000 Jahren Schluß, als dort die ersten jungpaläolithischen Werkzeuge aufkamen. Jetzt plötzlich mußte der H. neanderthalensis - wie dann in Europa auch - einem modernen Menschen weichen, der nun vermutlich zu einer hochwertigen Kultur gefunden hatte.
Wieso hielten es die beiden Menschenarten im Vorderen Orient zunächst lange nebeneinander aus und wieso in Europa von vornherein nicht? Den entscheidenden Unterschied machte höchstwahrscheinlich aus, daß der H. sapiens in Vorderasien vor 100.000 Jahren noch nicht auf dem gleichen geistig-kulturellen Niveau stand wie die Eroberer Europas 60.000 Jahre später. Anatomisch gesehen repräsentierten diese Menschen zwar längst den modernen Typ, doch im Verhalten blieben sie noch lange eher den alten Mustern verhaftet. Die ,modernen' Denk- und damit auch Verhaltensmuster erwarben sie erst viel später. Sinnvollerweise darf man wohl das Erscheinen dieser neuen - modernen - Kognition mit dem Auftreten symbolischen Denkens gleichsetzen. Und da plötztlich duldete Homo sapiens den Nebenbuhler nicht mehr neben sich, der ihm vielleicht schon immer verhaßt gewesen war.
Wie kam diese geistige Revolution zustande? Ein Evolutionsprozeß erfolgt nach bestimmten Regeln. Vor allem kann Neues nur innerhalb einer vorhandenen Art auftreten - wo sonst? Außerdem entstehen Neuheiten nicht selten dadurch, daß bereits (oft lange) Vorhandenes in einen anderen Zusammenhang gestellt wird. Zum Beispiel besaßen die Hominiden schon seit einigen hunderttausend Jahren einen grundsätzlich modernen Stimmapparat. Sie scheinen ihn aber noch lange nicht zum vollartikulierten Sprechen benutzt zu haben, denn dafür liefert ihr Verhalten keinerlei Anzeichen.
Wichtig ist aber auch das Phänomen Emergenz: Aus mehreren Komponenten, die zufällig zusammenkommen, kann etwas grundsätzlich Neues, mitunter völlig Unerwartetes, entstehen. Das klassische Beispiel dafür ist Wasser, dessen Eigenschaften aus denen von Wasserstoff und Sauerstoff nicht vorhersagbar sind.
Dies alles zusammengenommen, war der Vorgang gar nicht so ungewöhnlich, durch den symbolisches Denken entstand - auch wenn die Folgen davon unser Verhalten revolutionierten. Bisher haben die Neurowissenschaftler zwar keine Ahnung, wie unser Gehirn mit elektrischen und chemischen Prozessen das Erleben von Bewußtsein hervorbringt. Doch irgendwie muß bei unseren Ahnen der Übergang aus einem Vorstadium zum symbolischen Denken stattgefunden haben. Plausibel erscheint einzig, daß schon vorhandene Merkmale zufällig mit eher geringen genetischen Neuerung verknüpft wurden und daß daraus ein nie dagewesenes Potential erwuchs. Die muß geschehen sein, als der anatomisch moderne Homo sapiens erschien.
Doch reicht diese Erklärung längst nicht aus, denn schließlich verhielt sich der anatomisch moderne Mensch noch sehr lange Zeit archaisch. Nun wäre zwar denkbar, daß später eine weitere genetische Veränderung erfolgte, die Gehirnprozesse betraf und ein den fossilen Knochen nicht ablesbar ist. Allerdings müßten Menschen mit dieser Neuerwerbung sozusagen blitzschnell alle bisherigen Homo-sapiens-Populationen der alten Welt verdrängt haben, und dafür gibt es keine Anzeichen.
Für sehr viel wahrscheinlicher halte ich, daß die neue Fähigkeit des H. Sapiens lange brach lag. Der moderne Mensch besaß sie zwar von Anfang an - oder entwickelte sie sehr früh -, doch erst ein wie auch immer gearteter kultureller Anstoß aktivierte diese Kapazität schließlich. Alle Populationen, die das entsprechende Potential besaßen, konnten die Verhaltensweisen übernehmen. Dazu genügte der kulturelle Kontakt. Eine Bevölkerungsverdrängung war nicht notwendig.
Welches die entscheidende Neuerung war, können wir nicht mit Sicherheit feststellen. Gegenwärtig spricht am meisten für die Sprache. Sprache dient ja nicht nur als Medium, um Gedanken und Erfahrungen auszutauschen. Sie bildet die Basis des Denkens. Dazu gehört, Objekte und Empfindungen der Innen- und Außenwelt zu kategorisieren und zu benennen und zwischen dem resultierenden mentalen Symbolen zu assoziieren. Denken, so wie wir es kennen, können wir uns ohne Sprache nicht vorstellen. Unsere Kreativität beruht darauf, daß wir mentale Symbole zu schaffen vermögen. Erst die Kombination symbolischer Inhalte nämlich ermöglicht Fragen wie: ,Was ist, wenn...?' ...«
Tattersalls Modell liefert eine plausible Erklärung für die von der Archäologie vorgelegten Fakten. Demnach könnten wir die Entstehung des menschlichen Bewußtseins auf einen Zeitraum von vor etwa 40.000 bis 60.000 Jahren datieren. Daß der »moderne Mensch« schon viel früher die Bühne betrat, muß dem nicht entgegenstehen. Die von Tattersall beschriebenen Vorgänge, d. h. die Freisetzung von brachliegenden, aber im Erbgut schon lange angelegten Fähigkeiten und Verhaltensmustern, sind in der Wissenschaft seit rund 20 Jahren bekannt. Sie wurden von Charles J. Lumsden und Edward O. Wilson als »Gen-Kultur-Koevolution« ausführlich beschrieben.5) Tattersalls Überlegungen würden auch erklären, warum nach der Entstehung der Gattung homo mit seinen frühen Arten die Entwicklungsgeschichte noch bis zur Entstehung des homo sapiens voranschritt. Denn erst als dieser moderne Mensch seine Fähigkeiten voll entwickelt hatte, war das Schöpfungsziel, die Entstehung eines Ich-bewußten Einzelwesens erreicht.
Die neuere Primatenforschung bietet im übrigen reichhaltiges Anschauungsmaterial, das diese These stützt. Doch dazu an anderer Stelle in einiger der künftigen Folgen mehr.