Vom Wesen und der Erscheinung
von Hans Kopp
Der sinnende Mensch sitzt in seinem Stuhl und blickt hinaus in die grüne Maiherrlichkeit. Es wird ihm die Vergänglichkeit dieser Schönheit bewußt, wie er überhaupt über die Vergänglichkeit aller Welt sich im klaren ist. Und doch entsteht immer wieder das, was er schließlich Erscheinung nennen muß, Erscheinung von etwas, was ohne diese Erscheinung die einzige Wirklichkeit ist; ein Wesen steckt in allem, das alle Kraft und Unsterblichkeit besitzt. "Wesen" ist das erscheinungsfernste Wort. Es kann der Mensch nicht denken und sich nicht vorstellen, denn jedes Vorstellen würde schon wieder Erscheinung sein, würde das "Ding" sein, Gegenstand, Gestalt.
"Des Menschen Seele ist ewiger Gott wie das Wesen aller Erscheinung", sagt Mathilde Ludendorff in "Des Menschen Seele" (Ausg. 1982, S. 71.)
Es sind also drei Ausdrücke gleichgesetzt: Seele – ewiger Gott – Wesen. Mathilde Ludendorff behält das Wort "Gott" bewußt bei, wie sie versichert (z. B. im "Triumph..." Ausg.1983, S. 98) ohne jedoch unter "Gott" eine menschliche oder sonstige Gestalt zu meinen.
Der Kernpunkt des Satzes ist "Wesen", also das jeder Erscheinung entzogene Wort. "Es muß etwas da sein, das einzige Wirklichkeit ist, und zwar vor aller Gestalt", sagt sich der Sinnende, und sein erlebendes Erkennen bejaht dies. Aber Erscheinung vergeht und erneuert sich immer wieder.
"Im Anfang war der Wille Gottes zur Bewußtheit", sagt uns die Philosophin in "Schöpfungsgeschichte", Ausg. 1954, S. 68.
Das Wesen, also das "vor" aller Erscheinung - die Menschen sagen "Gott" – notwendig Seiende, das es schließlich geben muß, sagt sich der Denkende und Erlebende, muß also fortwährend schaffend tätig sein, um das zu erzeugen, was der Mensch als Welt und Leben bezeichnet.
Und zwar kann sich der erlebende Geist Entstehung und das Werden der Welt, samt der Erde und samt den Menschen nur als stufenweisen Vorgang denken. Denn hier greift die Forschung in sein Denken ein. Sie stellt ja fest, daß es einmal eine Welt gab, die nicht in dieser Vollendung war wie die heutige, eine Welt ohne Menschen, ohne Tiere, ja ohne Berge und ohne Meere.
Es stellt sich also heraus, daß es im Anfang "nichts" gab als das Wesen selbst – die Gläubigen sagen: als Gott selbst –. Aber dies Wesen ist nicht so ausgeschmückt, wie sich die Gläubigen ihren Schöpfergott vorerzählen lassen.
Das Wesen bringt den Willen hervor, in dem schon "Bewußtheit" als Kern steckt. Aber der Weg bis zu diesem Ziel: Wesen und Bewußtheit des Wesens überwindet viele Stufen, die in dem Werk "Schöpfungsgeschichte" veranschaulicht sind.
Diese Stufen kann der erlebende Mensch als Tatsächlichkeit erkennen: der Schöpfungsweg muß notwendig mit dem Aufbau der Urwelten beginnen, d. h. Erscheinung muß erst in einem Zwischenzustand von Nichterscheinung und Erscheinung sein, den man Äther nennt – die letzte mögliche Erfindung des Denkens – eine Vorwelt, die wandelfähig ist und Vielheit in sich birgt. Raum wie Zeit und Ursächlichkeit sind nun die ersten Erscheinungen des Wesens. Erst viel später tritt Möglichkeit des sterbunfähigen Einzelwesens in Erscheinung (z. B. Kristall und flüssiger Kristall).
Beim folgenden sterbfähigen Einzelwesen tritt das ein, was man Tod nennt: Wahlkraft und Mannigfaltigkeit des Erbes, Wandel und Verweilen der Zelle. Im vergänglichen Einzelwesen tritt zum Todesmuß der irrfähige Verstand, treten Lust und Leid, Haß als Wächter. Erst im bewußten Einzelwesen kommen Tugenden wie Gottesstolz und Mutterliebe zur Erscheinung und schließlich tritt das Ich als Brennpunkt der Schöpfung in Erscheinung und der Einklang mit dem Wesen ist bewußt möglich; d. h. das ganze Gebäude der Schöpfungsgeschichte hat im Menschen die Möglichkeit der Verwirklichung, wobei sich der somit schöpferische Mensch inmitten einer Wirklichkeit findet, die er selbst wählend erkennen kann, bzw. ihr völlig entgehen kann.
Das alles setzt voraus, daß wir ein Wesen erleben – ein "göttliches" –, das als Wille erlebt wird, das drängt, aber nicht weiß, was der Inhalt des Drängens ist. Der "Wille Gottes", den wir erleben – denn wie sollte sonst darüber gesprochen werden können – ist vorerst ein Drängen, das sich seine Aussagen dann selbst macht. Was wiederum dem Menschen ursachlose Schöpferkraft zusagt, bzw. ursachlose Erklärungskraft, die aber vom erkannten Ziel eher rückschauend Ursachenketten aufbaut, bzw. Ursachenabschnitte nachweist, die selbst nicht ursächlich zusammenhängen, sondern selbst wieder ursachlose Stufen sind.
Der Orionnebel – Das Gas wird durch das Licht heißer, junger, vor kurzem entstandener, vielleicht erst 25.000 Jahre alter Sterne erregt
Und wie diese Welt wurde, so schwindet sie auch. In einfachen großen Sätzen wird uns das Schwinden dargestellt, ein Schwinden, das mit der Todesstunde der Einzelwesen beginnt und schließlich mit dem Schwinden des Äthers endet.
"Vollendet ist das Schwinden der Seelen im All" ("Schöpfungsgeschichte" S. 56) und schließlich schwindet auch der Äther (ebd. S. 159). Der Prosateil dieses Werkes verliert in seinen letzten Sätzen kein Wort vom Schwinden und Sterben der Seelen. Nach diesem irdischen Schwinden aber findet er andere Worte:
"Dann aber wird auf anderem Sterne ein Werden andersartiger Geschlechter. Denn wieder wird der Wille zur Bewußtheit erwachen und ein Werden und Wandeln der Wesen wirken." (S. 158)
Dies freilich spielt sich alles in der Welt unserer Gestirne ab. So lauten die letzten Worte der "Schöpfungsgeschichte" (Prosateil):
"Nun will auch der Gott Erscheinung nicht mehr, und lautlos wird der Urstoff zu Äther. Äther allein erfüllt das All, wie ehedem. – Dann schwindet auch dieser, des Weltalls Ende ist vollendet, und der vollkommene Gott ist wieder jenseits aller Erscheinung wie ehedem. ---" (S. 159)
Es fragt sich der Leser: Wie kann der schöpferische Geist dies schauen und aussagen, ist das alles nicht bloße Dichtung? Dichterische Erfindung? Als Antwort gibt aber dem Miterlebenden nur sein eigenes Erleben das Ja zu dieser Schau: wir befinden uns auf dem Gebiet des ursachlosen Erkennens. Wo die Seele auch "ewiger Gott wie das Wesen aller Erscheinung ist", so ist sie doch als Individualität vergänglich. Wir müssen also das Wort in einem doppelten Sinn verstehen: als sterbliche Einmaligkeit Ausdruck des Ewigen und zugleich Ewiges selbst wie sein Erlebniskern.