Der deutsche Weg

Von Dietwart Kurz

In Folge 14 und in Folge 19 haben sich Erich Meinecke1) bzw. Rolf-Josef Eibicht2) mit der Zukunft unseres Volkes und der Frage beschäftigt, wie die derzeit bedrückende Lage gewandelt werden kann.

Meinecke glaubt dabei an die Notwendigkeit einer "Revolution der Denkungsart", die sich aufbauend auf die Philosophie des deutschen Idealismus in einer Bürgerbewegung zu manifestieren habe. Ausgehend von diesen philosophischen Einsichten müßten sich neue Impulse für die Beantwortung von Fragen des gegenwärtigen gesellschaftlichen Zusammenlebens ergeben.

Eibicht glaubt dagegen an die unbedingte Notwendigkeit einer neuen deutschen Rechtspartei, die über den Einzug in die Parlamente wirkt. Nationale Politik bedeutet für ihn auch ein klares Bekenntnis zu demokratischen Prinzipien, denn sie seien - in unverfälschter Form - die Garanten der Freiheit eines Volkes.

Zu beiden Beiträgen gibt es verschiedenes anzumerken.

I. Der deutsche Idealismus

Wenn Meinecke den deutschen Idealismus derart offensiv als philosophisches Fundament zur zeitgemäßen Erneuerung unseres gesellschaftlichen Denkens propagiert, muß ein kritisches Hinterfragen dieser Grundlagen erlaubt sein. Denn die erwarteten "fruchtbaren Wege in die Zukunft" können sich nur dort ergeben, wo die Aussagen dieser philosophischen Schule auch heute noch Bestand vor der Wirklichkeit haben.

Begründer waren neben Hegel, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Hölderlin und Friedrich Wilhelm Schelling, die am kritischen Idealismus des Königsberger Philosophen Immanuel Kant anzuknüpfen suchten. War der kritische Idealismus auf das Auffinden des Geltungsgrundes endlicher Erkenntnis gerichtet, so wollte der deutsche Idealismus darüber hinausgehend den Geltungsgrund absoluter Erkenntnis und damit das Absolute selbst offenlegen.3)

Hiermit hatte der deutsche Idealismus jedoch ein Gebiet betreten, vor dessen Ergründungsversuchen durch die Werkzeuge der Vernunft Immanuel Kant noch gewarnt hatte. Dieses Verbot stellte der Königsberger Philosoph nicht etwa aus dogmatischen Erwägungen auf, sondern weil seine verdienstvolle Arbeit den klaren philosophischen Nachweis geführt hatte, daß ein Erkennen dieses Absoluten durch die Vernunft nicht möglich ist.4)

Diese Erkenntnisse haben die Philosophen des deutschen Idealismus samt und sonders ignoriert. Von Fichte als Begründer des deutschen Idealismus wird in Verkennung der Kantschen Erkenntnisse "die Tatsache des Gegebenseins einer Welt von veränderlichen Eindrücken des inneren und äußeren Sinnes überhaupt unterschlagen, und es entsteht so eine Weltansicht, in der es schlechthin überhaupt nichts anderes gibt, als das erkennende Ich, das alle Erkenntnisgegenstände, ja, das sogar sich selbst in jedem Augenblicke von neuem erzeugt." 5) Für ihn war das Ich zugleich Träger und Gegenstand des Vorstellens, Vorstellendes und Vorgestelltes selber. "Einfacher konnte das große Unbekannte gar nicht aus der Welt geschafft werden. Das Ich erscheint sich selber." 6)

Schelling setzt diesen Weg fort und "tritt in die Fußtapfen Fichtes. Er macht sich dessen Lehre vom Ich als Erzeugerin des Kosmos zu eigen und weitet sie poetisch aus. Das Ich Schellings erzeugt nicht nur alles Seiende, gewissermaßen den ,Traum‘ dieser Welt, sondern ist auch mit diesem seinem Erzeugnis identisch." 7)

Auch hier wird also gegen die philosophische Grunderkenntnis Kant verstoßen.

"Noch weiter entfernt sich Hegel vom Boden der ,gegebenen‘ Tatsachen und damit von den Einsichten Kants in das Wesen der Erkenntnis. Für ihn bleibt vom Ich, von seinen Erkenntnisfunktionen und von der gegebenen Welt überhaupt nur noch das absolute Denken übrig." 8)

Es bleibt also zu fragen, was die praktischen Lehren solcher Philosophen, die bereits in wesentlichen Grundeinsichten irrten und nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmten, in der heutigen Zeit noch (oder wieder) wert sein können.9) Der Politologe Bernard Willms hat 1986 den Versuch unternommen, diesen deutschen Idealismus einer "Reduktion" auf seinen politischen Kern10) zu unterziehen. Versuchen wir, exemplarisch einigen seiner Aussagen zu folgen:

Willms legt zunächst dar, daß der Idealismus im Kern nichts anderes als eine Philosophie der Freiheit sei, denn der Mensch sei von Natur aus weder gut noch böse. Er könne "Gott wie Wolf" sein. So würde der Idealismus nach einer lebbaren Regulierung dieser Freiheit suchen, also einer grundlegenden Ordnung. Dies sei im Kern nichts anderes als Politik. "Insofern der Staat als Ordnung der Freiheit unausweichlich die Durchsetzung dieser Ordnung gegen die unendliche Dynamik der Freiheit ist, ist er vom Einzelnen her, insofern dieser zunächst diese Ordnung als Einschränkung ,seiner‘ Freiheit erleben muß, nur ,Not- und Verstandesstaat‘. Im schlimmsten Fall sogar ,Feind‘ im Sinne der extremsten Individualposition des Anarchismus. Aber in der ständigen Auseinandersetzung mit dem Staat - nicht als blind empfundener ,Feind‘, sondern als Verwirklichung der Freiheit, erarbeitet sich das individuelle Denken ein Bewußtsein des Staates als der Wirklichkeit ,seiner‘ Freiheit... . Der Kern des Idealismus ist also die Idee des Vernunftstaates. Nehmen wir jetzt aber die ganze Dimension historischer Wirklichkeit, um die es dem Idealismus geht, hinzu, so muß dies bedeuten, daß nicht abstrakt, ,der Staat‘ als der meine angesehen werden kann, sondern daß dieser Staat, dessen Bürger ich bin, sein muß und will, der meine ist. ... Es gibt keine Möglichkeit, über ,Das Volk als Staat‘ - was hier, unter der Voraussetzung der ,sittlichen Idee‘, also der Freiheit - die Nation genannt wird, hinauszudenken. ... Politik kann nur von der Nation her gemacht und beurteilt werden. Insbesondere wehrt sich der Idealismus - und es muß immer wieder betont werden, daß ,Volk als Staat‘, die ,sittliche Idee‘, also Freiheit voraussetzt - gegen eine Unterordnung der Politik unter moralische Maßstäbe. ... Das ist die harte Sprache politischen Denkens, das keine Kompromisse mit dem Erbaulichkeitsbedürfnis schließen kann."11)

Ganz der aufklärerischen Tradition verhaftet, spricht Willms hier nicht vom Volk als Träger des Staates, sondern vom losgelösten, atomisierten Individuum ohne Grund, in dem er wurzelt: dem "Bürger"12) . Dem ist voll und ganz die Formulierung Eibichts entgegenzuhalten, der das Volk als Lebens-, Kultur- und Schicksalsgemeinschaft definiert, wobei man die weitere Klammer des gemeinsamen seelischen erbgutes im Unterbewußtsein nicht unter den Tisch fallen lassen sollte.

In einem solcher Staat, nach den Bedingungen Willms und in der Tradition des verkopften Idealismus stehend geformt, scheint in der Tat kein Platz für moralisch-sittliche Prinzipien. Ein solcher Staat ist weder Kulturträger noch sozialen Charakters. Er ist eine bloße Machtorganisation in machiavellistischem Sinne. Daß dies nicht alles sein kann, scheint Willms dann auch zu schwanen, denn er führt später aus:

"Idealismus als volle Identität ist aber auch möglich mit einem hohen Anteil an emotionaler Unter- und Einordnung; es ist nicht die geringste Leistung des Idealismus, als der philosophisch anspruchsvollsten Wirklichkeitserkenntnis, in politischen Verhältnissen auch jenen ,Idealismus‘ dort voll zu erkennen und anzuerkennen, wo eine im strengen Denken erfaßte Haltung nicht oder noch nicht möglich ist..."13)

Mathilde Ludendorff hat in ihren philosophischen Werken14) dem Staat neben der rein aus sittlichen, also noch nicht moralisch begründeten, Erwägungen eine darüber hinausreichende Aufgabe zugewiesen. Sie erhebt den Staat über vorstehend ausgeführter Art. Der Staat hat die in ihm lebenden Volksgeschwister natürlich vor Bedrängung, Gefährdung und Behinderung zu schützen, aber nicht nur als Hüter der sittlichen Ordnung, sondern weil allein die Aufrechterhaltung dieser sittlichen Ordnung die eigentliche Erfüllung der menschlichen Aufgabe im Leben, nämlich sich zum "Träger des Gottesbewußtseins auf Erden" zu entwickeln, erst möglich macht. Die Bewahrung der Freiheit wird hier also anders als im Sinne eines rein vernunftmäßigen Zweckdenkens des Idealismus verstanden, sondern als Voraussetzung einer umfassenderen Aufgabe. "Gotterleben" bzw. "Gottesbewußtsein auf Erden" bedeutet dabei nichts anderes, als die reiche Entfaltung seelischen Tiefgangs, aus dem heraus gemütvolle Kultur im Gegensatz zu oberflächlichem Tand gestaltet wird. Die Förderung wahrer Kultur wird dabei nicht nur eine kraftvolle Stärkung für die Sinnerfüllung des einzelnen Menschenlebens sein, sondern auch den Willen zur Erhaltung des eigenen Volkes stärken, das als Träger der Gemütswerte wiederum so wichtig für die Sinngebung des Einzelmenschen ist.15) Ein solcher Staat muß aber durchaus "erbauliche" Ziele verfolgen und darf sich nicht auf die vernünftelnde Gestaltung und Ausübung von Macht beschränken.

So gesehen wäre zu Eibicht noch zu ergänzen, daß die gewollte mukltiethnische Auflösung nicht nur unseres Volkes, sondern aller Völker, nicht nur ein Verbrechen an den Völkern ist, sondern sich unmittelbar gegen den einzelnen Menschen richten wird. Der Alt-Linke und grüne Mutltikulturalist Daniel Cohn-Bendit hat dies einmal offen ausgesprochen, indem er (sinngemäß) feststellte, die multikulturelle Gesellschaft sei schnellebig, hart, brutal und grausam. In sofern hat Eibicht völlig recht, wenn er den "nationalen" Gedanken als den eigentlichen Träger von Humanität und sozialer Gerechtigkeit bezeichnet.

Was sollen uns Hegel & Co. In der heutigen Zeit also bringen. Hans Kopp stellt zutreffend fest: "Der deutsche Idealismus als Vernunftidealismus, wie er von der Aufklärung herkam, wurde vom Jahrhundert des Fortschritts überrollt".16)

II. "National" oder "deutsch"?

In Eibichts Artikel über die Lage und Zukunft des demokratischen Systems in Deutschland und die Folgen der Ausgrenzung volksverbundener Politikkräfte verwundert zunächst das Begriffswirrwar. Da ist von einer "deutschnationalen Weltanschauung" die Rede, von "Deutschnationalen" und "Nationalfreiheitlichen" und von der "Deutschen Rechten". Man findet auch die Bezeichnungen "national-konservativ", "deutscher Patriotismus" usw..

Das alles sind schöne Worte mit Bezug zu aktuellen parteipolitischen Strömungen, die es trotz allen Unkenrufen der Medien auch heute noch rechts von der CSU gibt. Mitunter mögen sie sogar einen gewissen historischen Bezug haben, den man nicht unter den Tisch kehren sollte. Insofern mag man Eibicht eine gewisse Berechtigung unterstellen, dieses Vokabular auch im Jahre 1999 zu benutzen. Die alles entscheidende Frage: führt es uns in der gegenwärtigen Situation weiter? ist damit jedoch noch nicht beantwortet.

Eine der Schwächen der Weimarer Zeit ist es gewesen, daß sich im damaligen Parteiensystem keine Kraft etablieren konnte, die ausschließlich den Interessen unseres Volkes verpflichtet war und diese kompromißlos vertrat.17) Aus dieser Erfahrung heraus hatte Erich Ludendorff schon 1927 das Wort "Nationalismus" abgelehnt. 1932 beklagte er, "der Brocken ,national‘ wird zeitgemäß ,deutsch‘ aufgeputzt, so mit ,Deutschgetue‘, Hakenkreuzfahnen, Sippenbüchern, den üblichen Rasseüberheblichkeiten und äußerlichem Radauantisemitismus. ... Der Nationalismus wird damit zum Grabe der Freiheit jeden Volkes, er unterscheidet sich von dem Internationalismus nur recht wenig. Er ist nach vieler Richtung hin noch verderblicher, weil er edlere Gefühle des Volkes vortäuscht als dieser.

Wir kennen nicht das Wort ,Nationalismus‘. Wir kennen nur das Wort: Deutsch" 18) An die Stelle der Nation hatte nach seiner Ansicht das Volk zu treten.19)

Die Verwendung des Begriffes "deutsch" für politische Zwecke ließe sich noch anders begründen. Der Volksname "deutsch" ist sprachgeschichtlich nie ein Stammes- oder Landesname gewesen. Vielmehr rührt er etymologisch über althochdeutsch diutisc und mittelhochdeutsch diutisch vom germanischen Substantiv thiot ("Volk") her. Neutral gesehen bedeutet es also lediglich "was zum Volk gehört". 20) Genau das ist es aber, was wir wollen! Schließlich geht es um nichts anderes, als die politischen Bestrebungen auf diesen Kern zurückzuführen.

Die Zersplitterung in parteigebundene Kürzel, in denen sich der eine oder andere vielleicht aus den Bedürfnissen einer grüppchenbezogenen Kuschelromantik geborgen fühlen mag, kann nicht das Ziel einer volksübergreifenden Erneuerungsbewegung sein. Parteipolitische Erkennungssignale - und mögen es nur selbstkreierte Bezeichnugen für die verfolgte politischen Richtung sein - sind nicht geeignet, eine das Volk erfassende Identifikation zu schaffen.

Was soll das also, von "nationalfreiheitlich", "nationaldemokratisch" oder "national-konservativ" zu reden? Hier werden künstlich Trennungen, nämlich von der Volksgemeinschaft absondernde Gruppenidentifikationen, geschaffen. Eine volksnahe Bewegung kann nur eines sein: deutsch, dem Volk zugehörig - und nichts anderes! Zudem verkörpert dieser Begriff besser als jedes Fremd- oder Lehnwort, was eine solche Bewegung will. In unserem ideologieüberladenen Jahrhundert ist es ohnehin nicht mehr möglich, frei denkende Menschen für irgendwelche neuen Programme oder Ismen zu begeistern. Man will mit Recht zurück zum Wesentlichen.

Solange in diesem Land und in diesem Volk noch Menschen leben, die ein deutsches Erbe in sich tragen und sich diesem Erbe verpflichtet fühlen, wird die Ansprache dieser Werte - ohne die üblichen ideologischen und parteipolitischen Abgrenzungswehen - der einzige Weg sein, die deutschbewußten Menschen in unserem Volke zusammenzuführen.

III. Parlamentarismus

Der Feststellung Eibichts, daß es zur Demokratie als Staatsform keine Alternative gibt, ist vorbehaltlos zuzustimmen. Die Erfahrungen unseres Jahrhunderts mit den totalitären Systemen haben dies bestätigt. Zu hinterfragen ist jedoch, ob für eine deutsche Bewegung Politik erst wirklich in dem Augenblick wirksam wird, wo eine so geartete Parteiformation in den deutschen Bundestag einzieht.

Eibicht beklagt, durch das Fehlen einer "rechten" Partei würden mehr als 10 % unseres Volkes vom politischen Willensbildungsprozeß ausgegrenzt, weil dieser Teil des Volkes keine politische Stimme habe, die sich über das Parlament Gehör verschaffen zu können. Deshalb meint Eibicht: "Nur in der Erreichung dieses Zieles (Einzug in den Bundestag; d. Verf.) kann dann vom Beginn einer politischen Wirksamkeit national-freiheitlicher Politik gesprochen werden." Genau dem soll hier entschieden widersprochen werden!

Angesichts der von Eibicht selber beschriebenen Mechanismen, mit denen seit Bestehen der Bundesrepublik 21) der Einzug einer konsequent deutsch orientierten politischen Kraft in die Parlamente verhindert wird, scheint es derzeit und auf absehbare Zukunft nicht realistisch zu glauben, daß ein Aufbrechen dieser Pressionsstrukturen gelingen kann. Dies auch, zumal sich sämtliche annähernd deutsch orientierten politischen Kräfte, die in den vergangenen 50 Jahren in der Bundesrepublik entstanden sind, innerhalb kurzer Zeit wieder von selbst verflüchtigt haben. Eibichts Appelle an Geschlossenheit und Einsicht sind ja nicht neu. Schon andere haben diese vor ihm ins Feld geführt - genützt hat es freilich nichts.

Die innere und äußere Zerstrittenheit der deutschen Rechtsparteien über NPD, DVU, Republikaner, Liga, BFB undsoweiterundsofort liegt zum Teil auch als Charakterschwäche im deutschen Wesen begründet. Der Deutsche ist grundsätzlich kein Anhänger der Masse und wenn es für ihn um letzte Fragen geht - und darum geht es in der Politik der letzten 50 Jahre für einen deutsch Denkenden und Fühlenden leider allzu häufig -, dann läßt er sich nicht gerne Vorschriften machen oder auf Parteilinien zwängen. Er bleibt Individualist. Der Gegner weiß diese Schwäche nur zu gut auszunutzen.

Und dann: Was wäre durch eine parlamentarische Präsenz gewonnen? Funktioniert die Schweigespirale der Medien nicht auch da, wo rechte Gruppierungen vertreten sind, etwa in den Landesparlamenten? Es wäre ein fataler Trugschluß zu glauben, in dem Augenblick, wo man im Bundestag vertreten sei, würde sich an der Berichterstattung etwas ändern. Die gewählten Abgeordneten würden genau so zu personae non gratae erklärt, wie es die heute in den Landesparlamenten vertretenen Abgeordneten dieser Parteien schon sind.

Erich Ludendorff, der selber von 1924-1928 Reichstagsabgeordneter war, hat sich über die parlamentarischen Arbeit sehr ernüchternd geäußert: "Ich habe das parlamentarische Leben aus tiefster Seele verabscheut. Für einen an Tätigkeit gewöhnten Menschen war das Herumsitzen in den Speiseräumen, auf den Stühlen der Wandelhalle oder das Zuhören langer Reden, die nur für die Parteipresse gesprochen wurden, und das Erleben des ganzen Getriebes ,im Plenum‘ ... eine Strafe. Die Sitzungen waren zumeist Theateraufführungen. In ihnen machte es den Fraktionsführern viel Freunde, dem Gegner Fallen zu stellen und sie zu überlisten, wobei aber schließlich nichts herauskam, da ja alles vorher völlig abgekartet war. Ebenso war das Auftreten der Fraktionen ... nur auf Wirkung nach außen berechnet." 22)

Diese Beschreibung könnte ebenso gut für die Verhältnisse im Bonner Wasserwerk oder im Berliner Reichstag abgefaßt worden sein und die mediale Wirklichkeit seit Beginn des Fernsehzeitalters hat diese Wirkung nur noch verstärkt.

Eine deutsche Erneuerungsbewegung, die eine moralisch-sittlich begründete Veränderung der Verhältnisse erstrebt, kann sich meines Erachtens nicht über diesen Weg der institutionalisierten Unaufrichtigkeit im deutschen Volk etablieren, geschweige denn glaubwürdig machen. Schon vor mehr als 60 Jahren stellte Erich Ludendorff fest, daß die Bestrebungen selbst einer Partei, die sich für die Freiheit des Volkes einsetze, umgebogen und ihre Absichten durch Staatsorgane sabotiert werden. "Hieraus ergab sich, durch allmähliche Aufklärung des Volkes, das aufgeklärte Volk sozusagen neben ,den Staat‘ und seine Bürokratie zu stellen und dieses aufgeklärte Volk so zahlreich zu machen, daß eine Regierung sich nach seiner Opposition zu richten hätte! Dieser Weg zur Volksrettung schien ein sehr weiter Weg zu sein, er war aber schließlich immer noch der nächste, ja einzige, zu ihr." 23)

An dieser Erkenntnis führt auch und gerade heute kein Weg vorbei. Heute wie damals ist es Illusion zu glauben, man könne aus dem Parlament heraus jenen erforderlichen Wandel herbeiführen, der zu Lösung der Probleme unseres Volkes führt. Heute wie damals kann dies nur gelingen, wenn das Bewußtsein des Volkes ein anderes wird. Dann werden sich die Parteien ganz von selbst auf die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Wählerklientel einstellen - nicht umgekehrt.

IV. Die deutsche Freiheitsbewegung

Zugegeben: Ein solcher Wandel wird nicht von heute auf morgen erreicht werden. Und er ist mit Sicherheit schwerer zu erreichen, als es für eine deutsche Rechtspartei sein würde, vielleicht sogar - trotz medialer Ausgrenzung - bei einer der nächsten Bundestagswahlen die 5-%-Hürde zu überspringen. Sicher wird es auch einfacher sein, für "nationale" Montagsdemonstrationen eine gewisse Zahl von Menschen zu mobiliesieren. Das alles mögen dann schöne Erfolge sein, die aber nur durch die Illusion des Augenblicks über den Wert ihrer Nachhaltigkeit hinwegtäuschen.

Eine deutsche Freiheitsbewegung muß mehr wollen, als nur den augenblicklichen Erfolg, der so schnell wieder zerrinnen kann, wie er eingetreten ist. Sie muß den ganzen Menschen von Grund auf erfassen. Diese Ganzheitlichkeit - um dieses Modewort zu gebrauchen - fordert für das Leben unseres Volkes die Einheit von Erbe24) und Weltanschauung und aus dieser Übereinstimmung entspringend, die Gestaltung von Recht, Kultur und Wirtschaft. Diese Forderung ist weder weltfremd noch utopisch. Sie ist die einzige und umfassende Form, in der "deutsche" Politik gedacht werden kann.

"Wir führten die größte Revolution, die die Welt seit Jahrtausenden sah", stellte Erich Ludendorff in seinem politischen Testament fest. Sein Ziel war es, die seelische Geschlossenheit dem deutschen Volk, ja allen Völkern, zurückzugeben, denn sie "... allein kann Spaltungen im einzelnen Menschen und in den Völkern verhindern". Aus diesem Erkennen forderte er: "Es muß sich die Revolution, die wir führen, auch nach meinem Tode durchsetzen, damit der deutsche Mensch, das deutsche Volk, damit Deutschland lebt in langer Geschlechterfolge der Volksgeschwister. Einen anderen Weg, als wir weisen, gibt es nicht." 25) Das ist die politische Erfahrung eines Mannes, der nicht nur im I. Weltkrieg in zwei Jahren die Verantwortung für Volk und Vaterland auf seinen Schultern trug, das ist auch die Erfahrung eines Mannes, der das Unglück "Hitler" früher durchschaut hatte, als so mancher andere.26)

Die deutsche Freiheitsbewegung muß also nicht erst werden, sie ist da - seit nunmehr fast 75 Jahren. Auch sie mag in der Medienöffentlichkeit totgeschwiegen oder - wo dies nicht geht - verleumdet werden. Und dennoch hat diese geistige Bewegung siebeneinhalb Jahzehnte überstanden. Das ist mehr als (fast) jede der auf dem politischen Parkett aktiven Parteien. Gewiß, an dem gemessen, was man landläufig als "politischen Erfolg" wertet, hat sie wenig aufzubieten. Und dennoch ist durch sie unendlich viel gegeben worden. Allein diese Zeitschrift und ihre Vorläufer haben es seit ihrem Bestehen auf über 1.100 Ausgaben mit über 52.000 Druckseiten gebracht. Wer will ermessen, welche geistige und schöpferische Leistung hinter diesen nackten Zahlen steht? Eine Bewegung, die nichts zu sagen hätte, wäre zu dieser Leistung nicht im Stande gewesen!

Dieser deutschen Bewegung kann sich jeder anschließen. Es bedarf dazu keines Parteibuches, keiner Mitgliedschaft, keines Abzeichens. Ja, er muß nicht einmal wissen, daß es diese Bewegung gibt! Er muß sich nur in seinem Innersten freimachen von Ideologien und Parteiungen und sich auf das besinnen, was den Kern seines Wesens ausmacht, sein "Deutschsein". In diesem Sinne sei ein Wort Schillers an den Schluß gestellt:

"Ob er vollende oder unterliege - ihm einerlei.
Er lege Hand an!"