Multikulturelle Gesellschaft oder Völkervielfalt?


Ergebnisse aus Verhaltensbiologie und Philosophie


Von Karl Grampp

Einleitung

        1992 wurde der Vertrag über die Europäische Union in Maastricht unterzeichnet. Sein Kernstück, die Wirtschafts- und Währungsunion, beginnt am 1. 1. 1999. Helmut Kohl: »Mit dem Ergebnis von Maastricht ist der Weg zur Vollendung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion klar vorgezeichnet und unwiderruflich festgelegt.« (1) Immer mehr Staaten treten der Europäischen Union bei. Die Grenzkontrollen werden immer weiter abgebaut, Stichwort »Schengener Abkommen«, der Begriff »Globalisierung« ist in aller Munde. Die Anzahl der Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland beträgt rund 7 Millionen.

        Dies sind nur einige wenige Punkte, die stellvertretend für viele andere die allgemeine Entwicklung kennzeichnen: Die Abgrenzung der Völker und Staaten voneinander verringert sich immer mehr.

        Die politische Zukunft sieht nach Heiner Geißler, dem früheren Bundesminister und zeitweiligen stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der CDU, folgendermaßen aus: »An die Stelle der völkisch-nationalen Identität als Grund oder zumindest wichtiger Teilgrund des Selbstverständnisses unseres Staates sollte der gemeinschaftsstiftende Charakter der Grund- und Freiheitsrechte treten, ein ,Verfassungspatriotismus'... Der Verfassungspatriotismus ist in einer Fpoche, in der die Völker zusammenwachsen, die Konzeption der Zukunft.« (zit. in 2). In einem »Spiegel«-Gespräch meint er: »Wir müssen Einwanderer integrieren, aber nicht assimilieren oder germanisieren, was bei sieben Millionen Ausländern in Deutschland wohl ohnehin unrealistisch wäre.« (DER SPIEGEL, 14/1998). Mit anderen Worten: Er tritt für eine multikulturelle Gesellschaft ein.

        Diese grundsätzliche Entwicklung wird von allen maßgeblichen gesellschaftlichen Kräften angestrebt, auch wenn es im Kleinen unterschiedliche Auffassungen geben mag und Begriffe wie »Integration« und »multikulturelle Gesellschaft« z.T. mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden.

        Die Kritiker dieser Bestrebungen finden sich als einsame Rufer in der Wüste wieder. Es keimen Zweifel auf, ob diese Wenigen mit ihrer Einstellung nicht einem Wunschbild nachträumen, das längst der Vergangenheit angehört. Ist die heutige Entwicklung hin zu einer Vermischung der Völker, zu einer multikulturellen Gesellschaft, nicht der Beweis dafür, daß sich diese Absonderung der Völker voneinander nicht bewährt hat und daher sozusagen »natürlicherweise« aus der zukünftigen Geschichte der Menschheit verschwindet?

        Die gleichen Zweifel könnten einer Philosophie entgegengebracht werden, die solche mutmaßlich überholten Gedanken vertritt.

        In dieser Situation der Zweifel und Ungewißheit lohnt sich vielleicht ein Blick auf die Wissenschaft vom Leben, also auf die Biologie. Da es sich hier zweifellos um Lebenserscheinungen handelt, müßte die Biologie zur Klärung beitragen können (vgl. 2, S. 9). Umso überraschender ist es, daß gerade von dieser Seite so wenig zu hören ist.

        Leser der philosophischen Werke M. Ludendorffs sind gewohnt, sich mit biologischen Sachverhalten auseinanderzusetzen, da die Philosophin immer wieder Aussagen der Biologie heranzieht. An erster Stelle ist hier die Entwicklungsgeschichte, also die Evolutionsbiologie, zu nennen. Ich erinnere nur an den Satz aus dem »Triumph des Unsterblichkeitwillens« (3, S. 25):

          »Nicht das Sein gibt die Erkenntnis,
           nur das Werden birgt das Rätsel.«

        Die Evolutionsforschung ist die Grundlage für die Verhaltensbiologie. I. Eibl-Eibesfeldt ist einer der bekanntesten Vertreter dieser Forschungsrichtung. Er ist im deutschsprachigen Raum gleichzeitig einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige bekannte Verhaltensbiologe, der zu den einleitend angesprochenen Fragen eindeutig Stellung bezieht.

        Vor allem in Nordamerika hat sich ein neuer Zweig der Verhaltensbiologie, die »Soziobiologie« herausgebildet, die sich mit dem Sozialverhalten der Tiere und des Menschen beschäftigt. Sie hatte eine Fülle von bisher ungeklärten Erscheinungen im Gruppenverhalten verständlich gemacht.

        Schauen wir also, was uns diese Biowissenschaften zu sagen haben und vergleichen es mit den Aussagen der Philosophie.

Aussagen der Verhaltens- und Soziobiologie

Grundlegendes

        Der Ausgangspunkt der Soziobiologie ist derselbe wie bei Darwin. Drei Punkte sind hervorzuheben (vgl. 4, 1993): Die Individuen sind verschieden. (2) Sie stehen im Wettbewerb um nur begrenzt vorhandene Dinge wie Nahrung, Brutplatz, Paarungspartner usw., was die Fortpflanzungsmöglichkeiten begrenzt. (3) Die am besten angepaßten Individuen haben mehr Nachkommen, an die sie ihr Erbgut weitergeben können. Vereinfacht ausgedrückt ist das Ziel der Evolution eine bestmögliche Anpassung der Lebewesen, d.h. eine bestmögliche Weitergabe des Erbgutes.

        Stärker als bei der bisherigen Verhaltensbiologie steht bei der Soziobiologie das Erbgut (die Gene) und weniger das Individuum oder die Art im Mittelpunkt des Interesses. Verkürzt ausgedrückt dient das kurzlebige Individuum nur als eine Art Transportbehälter, um die potentiell unsterblichen Gene von Generation zu Generation weiterzutragen. Einziges Bestreben der Gene ist es, mit möglichst vielen Kopien ihrer selbst in der nächsten Generation vertreten zu sein. Der Forscher Dawkins (zu. in 4) prägte hierfür das Wort vom »egoistischen Gen«. Der Begriff »Egoismus« darf hier selbstverständlich nicht im umgangssprachlichen Sinne verstanden werden. Ein Gen kann überhaupt nicht selbst handeln, weder egoistisch (selbstsüchtig) noch altruistisch (selbstlos).

        Aus dieser Grundlage leitet sich eine zweite wesentliche Neuerung der Soziobiologie ab: Die »Verwandtenselektion«. Es war bisher nicht recht verständlich, wie altruistische Verhaltensweisen aus evolutionsbiologischer Sicht erklärt werden können. Unter Altruismus versteht man hier eine Verhaltensweise, die mit Nachteilen für die eigene Fortpflanzung verbunden ist und gleichzeitig die Fortpflanzung anderer fördert. Dies kann bis zum Einsatz des eigenen Lebens zugunsten anderer gehen (5). Hier liegt scheinbar ein Widerspruch zur Darwinschen Selektionstheorie vor, nach der nur die tauglichsten Organismen überleben und am meisten Nachkommen haben.

        Genauere Untersuchungen zeigten nun, daß selbstloses Verhalten v.a. gegenüber verwandten Individuen gezeigt wird. Wie ist dies zu erklären? Die erste Kernaussage der Soziobiologie lautete vereinfacht, daß ein Individuum möglichst viele Kopien seiner Gene in die nächste Generation befördern will. Dies geschieht normalerweise, indem selbst Nachkommen gezeugt und aufgezogen werden. Die Wahrscheinlichkeit Kopien eigener Gene bei seinen Kindern zu finden, beträgt 50 v. H. Kopien eigener Gene befinden sich aber nicht nur in den eigenen Kindern, sondern in allen Verwandten. Je enger die Verwandtschaft, desto größer ist die Anzahl gemeinsamer Gene. Man kann also durch die Unterstützung von Verwandten indirekt Kopien eigener Gene verbreiten (nach Hamilton, zit. in 4).

        Aus erblicher Sicht wäre es z.B. gleich, ob das eigene Erbgut in der zukünftigen Generation durch zwei eigene Nachkommen vertreten ist oder ob 4 Neffen oder Nichten aus Todesnot gerettet werden (6).
        Das klassische Beispiel der Soziobiologie ist der Ameisenstaat: Die Arbeiterinnen und Soldatinnen arbeiten unermüdlich für den Ameisenstaat, ohne je eigene Nachkommen zu bekommen. Dies tun sie, da sie mit ihren Geschwistern 75 v. H. ihrer Gene gemeinsam haben, während sie mit ihren eigenen Kindern nur 50 v.H. gemeinsam hätten. 1) Es ist deshalb für die Arbeiterinnen »lohnender«, ihre Geschwister zu unterstützen, als eigene Kinder zu bekommen (4). Das vorgeblich altruistische Verhalten entpuppt sich also als eigennütziges Handeln!

        Man spricht in diesem Zusammenhang von »Verwandtenselektion«, einem Schlüsselbegriff der Soziobiologie.

        Es würde mich nicht wundern, wenn Sie bei diesen Ausführungen ein gewisses Unbehagen verspüren würden, angesichts dieses Materialismus, den die Soziobiologie hier anscheinend vertritt. Der Sinn des Daseins soll es sein, einen Transportbehälter für die Gene abzugeben, die wiederum nur das eine Interesse haben, sich möglichst stark zu vermehren? Selbstloses, uneigennütziges Verhalten soll jetzt plötzlich selbstsüchtig sein? Es erscheint vermessen, die starken Gefühle und Empfindungen, die sich um die »Liebe« zu einem Menschen ranken, auf die Weitergabe von Erbgut einzuengen.

        War also die Hoffnung verfrüht, aus der Biologie Hilfestellung für unsere Frage nach der Bedeutung der Völkervielfalt zu erhalten? Haben wir hier nur platten Materialismus zu erwarten?

        Ich glaube nein. Zum Problem werden diese soziobiologischen Aussagen in erster Linie dann, wenn man menschliches Verhalten auf diesen Punkt einengt im Sinne von »der Mensch ist nichts anderes als ...« z.B. ein Transportbehälter für Gene. Wenn man dagegen diesen soziobiologischen Ansatz als Modell betrachtet, mit dem man Teilbereiche menschlichen Verhaltens zu erklären versucht, dann verlieren die Aussagen von ihrem abstoßenden Charakter. Über das Wesen des Menschen ist damit nichts ausgesagt. Auf keinen Fall kann man aber diese biologischen Zusammenhänge einfach ignorieren. Sie sind zu gut durch eine Vielzahl von Studien untermauert.

        Die Frage ist also, wie man damit umgeht. Was ist denn z.B. die Weitergabe von Erbgut philosophisch betrachtet? Zunächst einmal doch die Verwirklichung des Willens »in Erscheinung zu verweilen« (7, S. 72)! Und dies ist wiederum eine wesentliche Voraussetzung zur Erreichung des Schöpfungszieles. Man sollte stets im Hinterkopf behalten, daß die Naturwissenschaft mittels der Vernunft die Welt der Erscheinung erklären will. Die Aufgabe der Philosophie ist es, das Wesen der Erscheinung zu erkennen und dadurch fähig zu werden, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu deuten.

Sozialverhalten einfacher Jäger- und Sammlerstämme

        Die Wirksamkeit der genannten soziobiologischen Mechanismen für das Sozialverhalten auf Familienebene ist sehr gut belegt. Wie aber sieht es mit den größeren Gemeinschaften aus? Einige amerikanische Wissenschaftler haben eine Erweiterung der Theorie der Verwandtenselektion vorgestellt. 2) Altruistisches oder fürsorgliches Verhalten kommt demnach nicht nur den Verwandten im engeren Sinne zugute, sondern allen Trägern von Kopien der eigenen Gene (5, 8).

        Damit steht eine soziobiologische Erklärung für den beobachteten Zusammenhalt menschlicher Gruppen wie Stämme, Rassen oder Völker zur Verfügung. 3) Die Grundaussage ist folgende: Zwei beliebige Menschen innerhalb einer ethnischen Gruppe sind einander im Durchschnitt erblich ähnlicher als zwei Individuen aus verschiedenen ethnischen Gruppen. Daraus ergibt sich eine größere Hilfsbereitschaft innerhalb der eigenen Gruppe.

        Untersuchungen, z.B. an Eskimostämmen (9), zeigten, daß das Sozialverhalten einfacher Jäger und Sammlerstämme gut mit den genannten soziobiologischen Aussagen übereinstimmt. Da Heiraten bevorzugt innerhalb des Stammes stattfinden, zeichnen sich diese Gruppen durch eine verhältnismäßig starke Inzucht aus. Mit anderen Worten: Ihr Erbgut ist recht einheitlich, der Verwandschaftsgrad relativ hoch. Aus Sicht der Verwandtenselektion ist es daher verständlich, daß fürsorgliches Verhalten v.a. den Stammesangehörigen gilt und nach außen hin eher gleichgültige oder feindliche Verhaltensweisen gezeigt werden. Selbstverständlich darf der Inzuchtgrad bei Paarungen nicht zu groß sein. Die Vetternheirat ist die äußerste Grenze, um Inzuchtschäden gerade noch zu vermeiden.

        Der Biologe Freedman (19) stellt nun die Frage, ob es eine entsprechende Grenze am entgegengesetzten Ende der Skala, also einen Grad der Verschiedenheit gibt, ab dem keine Heiraten mehr erfolgen. Mit anderen Worten so Freedman, stellt sich die Frage, ob Rassenmischung genetische Nachteile mit sich bringt. Dient das Zusammengehörigkeitsgefühl dazu, das richtige Ausmaß an Einheitlichkeit des Erbgutes zu erreichen?

        Allein durch eine Bevölkerungszunahme könnte das Erbgut zu unterschiedlich werden. Aus genetischer Sicht gilt eine Bevölkerungszahl von 500 Köpfen als geeignetste Größe (9, 10). Ein Wert, den z.B. die Stämme der australischen Aborigines, der arktischen Eskimos oder der Ureinwohner Neu-Guyineas hatten, ehe sie mit den Weißen in Berührung kamen. Überschreitet ein Stamm diese Grenze, teilt er sich.

Partnerwahl

        Voraussetzung für eine langfristige erbgutmäßige Gleichheit in der Gruppe ist, daß Heiraten nur innerhalb derselben stattfinden. Tatsächlich ist die Partnerwahl sowohl bei vielen Tiergruppen als auch beim Menschen nicht zufällig, sondern erfolgt gerichtet. Die Paarungspartner sind sich meist ähnlicher, als es bei einer rein zufälligen Partnerwahl der Fall wäre. Man spricht dann von (positiv) gerichteter Partnerwahl (»assortative mating«). Vermutlich hat dieses Verhalten eine erbliche Grundlage.

        Bei der Gattenwahl spielen Dinge wie Rasse, wirtschaftliche Stellung, körperliche Anziehung (Attraktivität), ethnischer Hintergrund, Religion, soziale und politische Einstellung, Bildungsgrad und Intelligenz-Quotient eine Rolle (5). Oft sind es Merkmale, die mehr erblich als umweltbedingt sind. D.h., beim gewählten Partner interessiert v.a. das Erbgut und weniger das gegenwärtige äußere Erscheinungsbild. So ist z.B. der sehr veränderliche Bizepsumfang weniger wichtig als die Handgelenkstärke (8).

        Verschiedene Studien zeigten, daß die Fruchtbarkeit von Paaren zunimmt, je ähnlicher sich beide sind. Selbstverständlich kehrt sich dies um, wenn die Verwandtschaft zu groß wird (5).

Erkennung des Verwandtschaftsgrades

        Wenn fürsorgliche Verhaltensweisen auf Personen mit einer bestimmten Menge »gleicher« Gene beschränkt werden sollen, ist es notwendig, deren Verwandtschaftsgrad zu erkennen. Dabei sind grundsätzlich zwei verschiedene Wege denkbar. Die Erkennung ist erblich festgelegt oder sie wird im Laufe des Lebens erworben.

        Bei vielen Tieren läuft die Erkennung über den ererbten Körpergeruch. Ob auch der Mensch Gene für die Erkennung des Verwandtschaftsgrades hat, ist umstritten. Für die geruchliche Erkennung der engeren Verwandtschaft gibt es aber mittlerweile starke Hinweise (6, 11).

        Bei höheren Primaten und beim Menschen spielt natürlich auch das persönliche Kennen eine Rolle. Unter den Bedingungen der Kleingruppe ist eine bekannte Person gleichzeitig eine verwandte Person. Dieser Sachverhalt müßte sich auch in der Kopfzahl der Sammler- und Jägerstämme niederschlagen. Sie beträgt wie erwähnt rund 500 (9, 10). Nach Eibl-Eibesfeldt (2) sind es selten mehr als 100. Bei dieser Größenordnung scheint ein persönliches Kennenlernen gerade noch möglich.

        In der Evolution entstanden wiederholt »künstliche« Merkmale (»Marker«), die erlernt werden müssen und mittelbar zur Erkennung der Erbgutähnlichkeit dienen (2, S. 219). Dazu gehören z.B. bestimmte Vogelgesänge, die nicht angeboren sind, sondern in jungen Vogeljahren erworben werden müssen.

        Beim Menschen können solche Kennzeichen auf »kulturellem« Wege entstehen und zu einer Markierung der Gruppenzugehörigkeit dienen. Dazu gehören z.B. Sprache, Kleidung, Kunst, Symbole, Rituale und Körperbemalung. Ganz besonders gilt dies auch für Formen, bei denen die Geschlechtsorgane beteiligt sind (z.B. bei der Beschneidung). 4)

        Daß z.B. sprachliche Unterschiede zwischen Völkern tatsächlich erbgutmäßige Unterschiede zwischen diesen widerspiegeln, zeigt ein Vergleich zwischen dem molekulargenetisch ermittelten Stammbaum der Völker mit einem Stammbaum der menschlichen Sprachen. Beide stimmen in weiten Bereichen überein (13).

        Gegenüber der genetisch festgelegten Erkennung von verwandtem Erbgut erscheinen die erlernten Formen als eine unsichere Angelegenheit. Warum haben sie sich trotzdem entwickelt? In diesem Zusammenhang möchte ich an die berühmte Gans »Martina« von Konrad Lorenz erinnern. Sie wählte Konrad Lorenz zur Mutter, weil er das erste sich bewegende große Etwas war, das sie in ihrem Leben erkannt hat. Aus der Sicht der Evolution ist es hier unnötig, die Erkennung der Muttergans erblich sicherzustellen, da unter natürlichen Bedingungen der erste Kontakt stets mit der leiblichen Mutter stattfindet.

        Ähnlich könnte man sich die Funktion der kulturellen Merkmale denken. Unter den Bedingungen einer kleinen Sammler- und Jägergruppe ist es sehr unwahrscheinlich, daß ein Stammesfremder die gleichen kulturell erworbenen Merkmale aufweist wie ein Stammesangehöriger. Fürsorgliches Verhalten wird also stets dorthin gelenkt, wo unter normalen Umständen mit hoher Wahrscheinlichkeit Kopien eigener Gene anzutreffen sind (14).

        Hier vermischen sich also die Einflüsse von Erbgut und Umwelt: Grundsätzlich beruht das Phänomen der Verwandtenselektion auf erblicher Grundlage. Die erbliche Veranlagung, genetisch Verwandte i.w.G. zu unterstützen, wird aber durch die genannten »kulturell« erworbenen, d.h. erlernten Faktoren verstärkt. Man spricht hier von einer »angeborenen Lerndisposition«. Das Erbgut legt sozusagen nahe, solche äußeren Merkmale zu entwickeln (vgl. 2).

Sozialverhalten heutiger menschlicher Großgruppen

        Bisher war stets von unmittelbar Verwandten oder von einfachen Sammler- und Jägerstämmen mit ihrem ebenfalls hohen Verwandtschaftsgrad die Rede. Solche Kleingesellschaften, in denen meist jeder jeden kannte, waren für etwa 98 v.H. der menschlichen Geschichte kennzeichnend. Der Mensch ist daher von seiner erblichen Ausstattung her an diese Bedingungen angepaßt (2).

        Die ursprünglichen Kleinverbände wurden nun mit der Zeit zu größeren Gemeinschaften, da dies einen besseren Schutz bot (2). Es stellt sich nun die Frage, ob die genannten soziobiologischen Verhaltensweisen auch für die heutigen bevölkerungsreichen Gemeinschaften und die modernen Staaten gelten. Da wir nach wie vor mit demselben Erbgut ausgestattet sind, ist anzunehmen, daß sich diese Veranlagung zur Bevorzugung von Verwandten auch heute noch bemerkbar macht.

        Folgen wir dem Gedankengang Eibl-Eibesfeldts: Altruistisches Verhalten wird nun nicht mehr nur auf die nächsten unmittelbaren Verwandten angewandt, sondern auf eine größere Ethnie, die jetzt sozusagen zur Großfamilie wird. Nicht von ungefähr spricht man auch von Vaterland oder Nation. Der Begriff Nation bedeutet ursprünglich »das Geborenwerden, das Geschlecht, der Stamm, das Volk« (in diesem ursprünglichen Sinne wären z.B. die USA keine Nation, da hier das Verbindende der gemeinsame Staat und nicht die gemeinsame Abstammung ist).

        Nach Eibl-Eibesfeldt (2) handelt es sich auch bei den größeren Gemeinschaften in gewissem Sinne um Verwandtenselektion, da ja die Mitglieder einer Ethnie, die sich durch Sprache und Brauchtum von anderen abgrenzen, auch bevorzugt untereinander heiraten.

        Bei zunehmender Größe der Gemeinschaften werden aber die verwandtschaftlichen Beziehungen immer weiter, der innere Zusammenhalt und die Abgrenzung nach außen lockerer. Umso wichtiger werden die schon von den menschlichen Kleingruppen her bekannten »kulturellen« Merkmale. Sie betonen den Familiencharakter, also die gemeinsame Abstammung. Dieses Familien-Gefühl wird gestärkt, indem man die Ähnlichkeit, die normalerweise ein Ausdruck der Verwandtschaft ist, durch Kleidung, Brauchtum und natürlich Sprache betont. Es können auch verbindende Ideologien und Religionen entwickelt werden. Manchmal wird ein Staatsoberhaupt zur symbolischen Vaterfigur (Bsp.: Ministerpräsident als »Landesvater«). Nicht von ungefähr spricht man auch von »Brüdern« und »Schwestern« (2).

        Diese zusammengefaßten Aussagen von Eibl-Eibesfeldt sollen durch einige Beispiele der bereits genannten nordamerikanischen Autoren ergänzt werden.

        Auch nach Ansicht von Freedman (10) stellt man bei genauerem Hinsehen fest, daß in modernen Staaten Heiraten zwischen Personen mit ähnlicherem Erbgut ebenfalls häufiger sind als zwischen solchen mit unterschiedlicherem Erbgut. Trotz des erklärten Ideals eines »melting pot« gibt es in den USA weiterhin klar erkennbare, sich gegenseitig abgrenzende Gruppen. Die Rassengrenzen erweisen sich als überraschend wenig durchlässig.

        Rushton (8) zitiert Erbgut-Untersuchungen von Professor Bonné-Tamir von der Universität Tel Aviv. Diese zeigten, daß Juden trotz ihrer 2000jährigen Zerstreuung, in einem beträchtlichen Ausmaß genetisch ähnlich blieben. Juden aus Polen und dem Irak haben genetisch betrachtet mehr gemeinsam, als mit der übrigen polnischen bzw. irakischen Bevölkerung. Dies gilt auch für Juden aus so unterschiedlichen Ländern wie Deutschland und Sowjetunion auf der einen und Libyen auf der anderen Seite. Es trifft aber nicht auf die schwarzen äthiopischen Juden zu. Der Autor verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der jüdischen Religion, die im genetischen Interesse dieser Ethnie wirkt.

        Die Japaner werden von manchen als die moderne Industrienation mit dem einheitlichsten Erbgut betrachtet (seit 1700 Jahren gibt es keine oder nur eine geringe Vermischung). Dafür spricht z.B. die hohe Rate von Adoptionen zwischen Nicht-Verwandten. Dazu muß man wissen, daß Adoptionen erfolgreicher sind, wenn die erbliche Verwandtschaft zwischen Eltern und Pflegekind relativ hoch ist. Soweit der Amerikaner Rushton (8)


Schlußfolgerungen der Verhaltensbiologen

        Welche Schlußfolgerungen ziehen nun die genannten Wissenschaftler aus ihren Forschungsergebnissen? Wie stehen sie zur Volkserhaltung und Völkervermischung?

        Viele deutschsprachige Forscher äußern sich hier nur sehr zurückhaltend oder lehnen es überhaupt ab, Stellung zu nehmen. Voland (4) z.B. lehnt die Auffassung ab, »man könne mittels einer wissenschaftlichen Naturbeobachtung die richtigen Prinzipien und sittlichen Normen menschlichen Zusammenlebens ermitteln«. Wickler & Seibt (14) schreiben: »Die Begründung, der Mensch habe keine Aussicht, Zustände, herzustellen, die seiner Natur nicht entsprechen, übersieht, daß der Mensch durch Vernunft und Technik Ziele erreichen und Zustände verwirklichen kann, die rein biologisch für die natürliche Selektion unerreichbar sind. Dann aber ist es unklug, sich nur an den Ergebnissen der natürlichen Selektion zu orientieren, um zu beurteilen, was für Menschen gut und passend ist.«

        Die angeführten amerikanischen Autoren sprechen die Probleme offen an, ihre Stellung zur Rassenmischung ist allerdings in meinen Augen sehr bemerkenswert: Zuerst zu Freedman (10): Nachdem er feststellt,

schließt er folgende Aussage an (freie Übersetzung vom Verf.):

        »Bevor ich dieses Kapitel schließe, muß ich, aus meinem Gewissen heraus, meine persönliche Ansicht darlegen. Ich bin für Heiraten ,außerhalb` der Gruppe. Es ist spannend mit einer chinesischen Frau verheiratet zu sein 5) ... (Es) ... kommt bei solchen Heiraten eine Art Widerstand gegen die bürgerliche Gesellschaft und ein Votum für menschliche Brüderlichkeit hinzu.

        Ich habe eine Schwägerin in Ägypten. Wie könnte ich, ein Jude, Ägypter hassen, da sie jetzt Teil meiner Selbst sind? (...). Kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen beiden, weiß man nie, wohin man gehört und dies ist in Kriegszeiten gefährlich. Auf der anderen Seite liegt in solchen Verwandschaften und der damit verbundenen Abneigung zu Hassen, eine Hoffnung auf Frieden. Mischlinge, in Stammesauseinandersetzungen von beiden Seitens verachtet, sind nichtsdestotrotz die Hoffnung, Feindschaft in Freundschaft zu verwandeln. Sie sind die Brücke zwischen Schwarz und Weiß, Arabern und Juden, besonders wenn sie aus intakten bikulturellen Familien kommen.«

        Und zum Schluß, gleichsam als ob er wüßte, daß dies eine Utopie ist, folgt der Satz: »Es müßte schon eine Invasion vom Weltall geben, bevor wir unser Stammesbewußtsein, unseren Regionalismus und unseren Nationalismus für die Abstraktion, die wir Menschheit nennen, aufgeben.«

        Zu einem ähnlichen Schluß kommt der Amerikaner Irwin (9). Er zitiert eine Studie, in der 780 Kriege zwischen 1820 und 1952 untersucht wurden. Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei beliebige Gruppen gegeneinander kämpfen ist umso größer, je größer die Unterschiede (bezüglich Sprache, Religion, Rasse und Kultur) zwischen ihnen sind. Dem könne folglich durch kulturellen Austausch, Studentenaustausch, gegenseitige Heiraten, Arbeiteraustausch, gegenseitiges Kennenlernen der Sprache und der Bräuche entgegengewirkt werden.

        Eibl-Eibesfeldt bezieht im Gegensatz zu den anderen deutschsprachigen Autoren klar Stellung: »Selbst wenn es problematisch sein sollte, Ethik wissenschaftlich zu untermauern, so kann ich als Biologe doch meinen Standpunkt empirisch begründen und damit meine Schlußfolgerungen nachvollziehbar machen. Ich kann z.B. feststellen, ob ein Verhalten eignungsfördernd oder eignungshemmend ist, das heißt, ob es zum Überleben beiträgt oder nicht.«(2)

        Er widerspricht der Meinung, man müsse das Nationalbewußtsein aufgrund der Kriege zwischen den Nationen zugunsten eines Verfassungspatriotismus auflösen: »... die geschichtlich gewachsene, durch Sprache und Brauchtum ausgezeichnete sozial-kulturelle Gemeinschaft ist eine Gegebenheit, die sich nicht ohne weiteres ans der Welt schaffen läßt«.

        Wichtig sei, daß das individuelle Selbstgefühl von einem »Wir«-Gefühl abgestützt werde, das man von unten her über Familie, Kleingruppe, Stamm und Nation wachsen lassen müsse. »Denn es ist das familiale Ethos ... das uns emotionell einbindet.«

        Er ist nicht der Ansicht, Nationalstaaten seien aufgrund ihres Nationalbewußtseins potentiell kriegerischer als multiethnische Staaten. Ein Blick auf die USA und die Sowjetunion widerlegten diese Behauptung. Gerade solche Staaten versuchten häufig, ihren inneren Zerfall durch ein Zusammenschweißen gegen einen angeblichen äußeren Feind aufzuhalten. »Sind in einem Staat zu viele miteinander konkurrierende Interessengruppen ,vereint`, dann können die inneren Rivalitäten die größere Gemeinschaft schwächen. Traditionelle Nationalstaaten, sollten daher eher bestrebt sein, ihre ethnische Einheitlichkeit zu erhalten.«

        Er bezeichnet Vielfalt als Basisstrategie des Lebens. Dank dieser Vielfalt habe sich das Leben auf der Erde trotz kosmischer Katastrophen bis heute erhalten. »Vielfalt ist eine Strategie des Lebens zum Überleben. Sie hat sich an der Selektion bewährt.« (S. 124)

        Diese Vielfalt zeigt sich auch beim Menschen. Menschengruppen grenzen sich wie beschrieben voneinander ab und »experimentieren« sozusagen mit verschiedenen Formen der Alltagsbewältigung, um mit der Umwelt am besten zurecht zu kommen. »Mit ihren unterschiedlichen Wirtschaftssystemen, geistigen Grundlagen (Ideologien), Regierungsformen usw. konkurrieren sie mit anderen solchen Gruppen.«

        »Eine gewisse Abgrenzung zur Bewahrung der Identität und damit zur Selbsterhaltung ist eine Vorausssetzung zu Erhaltung und Weiterentwicklung ethnischer Vielfalt, die als Wert heute ja international anerkannt wird.«

        Er nennt in diesem Zusammenhang einen weiteren Faktor, den ich bisher unterschlagen habe und der eine Voraussetzung für das Bestehen einer solchen Vielfalt ist: das »territoriale« Verhalten. Selbstverständlich lassen sich Stämme und Völker als solche normalerweise nur erhalten, wenn sie sich auf einem bestimmten geographischen Gebiet gegen andere abgrenzen können. Auch diese Territorialität hat biologische Wurzeln, auf die ich aber nicht näher eingehen möchte.

        Nachdem wir nun einige soziobiologische Grundlagen und die Schlußfolgerungen der Naturwissenschaftler gehört haben, können wir uns der Philosophie M. Ludendorffs zuwenden.

Aussagen Mathilde Ludendorffs

Vorbemerkung

        Zunächst eine kurze Vorbemerkung: M. Ludendorff schreibt in »Die Volksseele und ihre Machtgestalter« - »Ob er (der Philosoph) aber auf dem Boden der Tatsächlichkeit steht, muß sich ... dadurch erweisen, daß er überall im Einklang mit den Tatsachen steht.« (15, S. 8). Die in ihren Werken herangezogenen Beispiele aus der Forschung sollen dem Leser das Erfassen der philosophischen Aussagen erleichtern und eine gewisse Möglichkeit zur Prüfung ihres Wahrheitsgehaltes geben. Nach ihrer Ansicht ist aber zur Gewinnung der philosophischen Erkenntnis die Naturwissenschaft nicht notwendig. Daraus folgt: Sollte sich in Zukunft eine der angeführten naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse als falsch erweisen, ist damit nicht zwangsläufig auch die Philosophie hinfällig (vgl. 15, S. 9). Tritt jedoch bei einer gut belegten naturwissenschaftlichen Aussage ein Widerspruch zu einer Philosophie auf, sind Zweifel an letzterer angebracht.

Grundlegendes

        Entscheidend ist für M. Ludendorff die seelische bzw. religiöse Ebene der Völker und Rassen (vgl. 15, S. 19). Wichtig sind daher u.a. die seelischen und weniger die körperlichen Unterschiede zwischen diesen. Das Erbgut einer Rasse, das »Rasseerbgut« oder die »Volksseele«, wie sie es auch nennt, zeichnet sich durch »... das ererbte Gotterleben und ganz bestimmte, mit ihm innig verwobene Rassecharaktereigenschaften« aus (15, S. 59).

        Was hat es mit diesem gemeinsamen Erbgut auf sich? Der Einzelmensch neigt dazu, in einer »anderen Welt« zu leben, für die Welt des anderen mehr oder weniger blind zu sein, wodurch das gegenseitige »Sichverstehen« der Menschen schwer bedroht ist (15, S. 17). »Das einheitliche Rasseerbgut überbrückt diese trennende Mauer des Mißverstehens.«

        Bei starken Schicksalsschlägen oder starkem seelischem Erleben kann das Rasseerbgut im Unterbewußtsein mitschwingen, wie der »... Resonanzkörper einer Geige, wenn ein Ton angeschlagen ist« (16, S.146; 15, S. 61). Einen solchen Vorgang erlebt der Mensch als tiefe Gemütserschütterung. Dadurch erfährt der Einzelmensch eine seelische Bereicherung, was letztlich auch volkserhaltendes Verhalten fördert (15, S. 61).

        Das Rasseerbgut kann aber auch im Alltag, wenn keine außergewöhnlichen Ereignisse stattfinden, mitschwingen. Dies ist immer dann der Fall, »wenn das Erleben im Bewußtsein ein artgemäßes ist... «, (15, S. 62), wenn also das Erleben im Bewußtsein mit dem Rasseerbgut übereinstimmt. Dieses Erbgut kann z. B. mitschwingen beim Hören der Muttersprache, bei der Pflege der Volkstänze und der Musik, bei artgemäßen Feiern und allen Sitten und Gebräuchen.

        Alle diese Dinge wurden bei der Besprechung der soziobiologischen Grundlagen schon einmal erwähnt. Es sind die »kulturell« erworbenen Merkmale, die als äußerliche Kennzeichen die Einheit einer Gemeinschaft betonen (wenn hier von »kulturell« erworben gesprochen wird, so heißt das nur, daß z.B. ein bestimmtes Volkslied nicht angeboren ist, sondern gelernt werden muß. Dem steht nicht entgegen, daß der Stil oder der Charakter des Liedes durch das jeweilige Rasseerbgut beeinflußt wird).

        Philosophie und Soziobiologie messen diesen Merkmalen also gleichermaßen eine volkserhaltende Wirkung bei. Noch einmal M. Ludendorff: »Ja wir erkannten dieses gemeinschaftliche und einheitliche seeleninnige Erleben rasseähnlicher Sitten, Feiern und Kulturwerke als ein unendlich wertvolles Gegengewicht gegen die traurigen Gesetze der Absonderung und des Mißverstehens der einzelnen Menschenseelen.«(15, S. 17)

        Halten wir fest: Menschliche Populationen oder Völker zeichnen sich jeweils durch ihr Erbgut aus. Die Soziobiologen betonen den Verwandtschaftsgrad, die Philosophin spricht von Rasseerbgut bzw. Volksseele. Ohne beide Begriffe gleichzusetzen, läßt sich zumindest feststellen, daß ersteres eine Voraussetzung für letzteres ist.

        Daß es erbliche Unterschiede zwischen den Rassen gibt, erscheint als eine Binsenweisheit. Daß sich aber dieses unterschiedliche Erbgut unmittelbar im Sozialverhalten des Menschen auswirkt, unterscheidet den soziobiologischen Ansatz von der bisherigen Rassenkunde und bestätigt die Ansicht M. Ludendorffs.

        Daher kann ich dem Genetiker Cavalli-Sforza (17) nicht folgen, wenn er betont, die erbgutmäßigen Unterschiede zwischen den Rassen seien äußerst gering und daher ohne Bedeutung. Nach seinen Untersuchungen unterscheidet sich die relative Häufigkeit bestimmter Gene zwischen verschiedenen Rassen kaum. Dabei vernachlässigt er die angeführten Ergebnisse der Soziobiologie, die klar belegen, daß selbst innerhalb der genetisch sehr einheitlichen Stämme das Ausmaß fürsorglichen Verhaltens vom Verwandtschaftsgrad abhängt. Aus den von Cavalli-Sforza festgestellten geringen quantitativen Unterschieden läßt sich meines Erachtens nicht zwingend auf eine geringe Bedeutung dieser Unterschiede schließen.

Partnerwahl

        Als eine soziobiologische Voraussetzung für einen hohen Verwandtschaftsgrad innerhalb der Gemeinschaft und damit für deren Zusammenhalt wurde die bevorzugte Heirat innerhalb der Gruppe genannt. Die Partnerwahl erkannten wir als nicht zufällig, sondern als gerichtet, wobei erbliche Faktoren eine große Rolle spielen.

        Diesen Gedanken finden wir auch bei M. Ludendorff wieder. Sie schreibt: »... die Volksseele verwebt das Schönheitserleben der Minne bei beiden Geschlechtern innig mit den Grundmerkmalen der Rasse. So sichert sie den rassereinsten Vertretern des Volkes das Wohlgefallen.« (15, S. 84). Mit anderen Worten: Erbliche, eine Rasse kennzeichnende, Merkmale spielen beim Heiratsverhalten eine wichtige Rolle. Grundlage dieses Verhaltens ist das erwähnte Phänomen der gerichteten Paarung.

Ursachen der Völkervermischung

        Warum kommt es überhaupt zu einer Vermischung der Völker, wo doch die Mechanismen der Verwandtenselektion eine Volkserhaltung begünstigen müßten? Ist dies nicht ein Widerspruch?

        Es wurde erwähnt, daß selbstloses Verhalten umso mehr nachläßt, je geringer der Verwandtschaftsgrad ist. Bei den heutigen Großgemeinschaften muß das Zusammengehörigkeitsgefühl zwangsläufig geringer sein als bei den sich untereinander persönlich kennenden Kleingruppen.

        Im Vergleich zu den Tieren, denen ihr Erbgut kaum Handlungsspielraum beläßt, kennzeichnen den Menschen sogenannte »offene Programme«. Diese sichern dem Menschen die weitgehende Freiheit seines Handelns. Aus philosophischer Sicht muß dies so sein, damit sich der Mensch aus eigenem Entscheid für oder wider Gott entscheiden kann. Diese Willensfreiheit darf auch durch das Rasseerbgut bzw. die Volksseele nicht gefährdet werden. Es macht sich deshalb auch nur in Ausnahmefällen mit Macht im Bewußtsein bemerkbar und wirkt im Alltag, abgesehen von dem schon erwähnten Mitschwingen, nur als ein beratendes Mahnen, das vom Unterbewußtsein ins Bewußtsein aufsteigt (15, S. 74).

        Dies ist der Grund dafür, weshalb z. B. die Ameisen ausnahmslos für das Wohlergehen ihres »Staates« sorgen, während bei menschlichen Gemeinschaften der Zusammenhalt viel geringer ist (15, S. 42f).

        »Die Volksseele der Menschen verhüllt sich dem Betrachtenden also mehr als die der staatenbildenden 6) Tiere. An Stelle der Zwangsinstinkte tritt die bewußte und freiwillige Einordnung unter das Volkswohl. Daraus ergibt sich ganz ohne weiteres, daß die Zusammengehörigkeit der Menschen eines Volkes sehr gelockert ist.« (15, S. 44)

        Trotz zahlreicher Übereinstimmungen zwischen tierischem und menschlichem Verhalten sind viele Verhaltensbiologen vorsichtig, ihre Forschungsergebnisse ohne weiteres auf den Menschen zu übertragen. Darin werden sie also durch die Philosophie bestätigt.

Folgen der Vermischung

        Welche Folgen hat die Rassenmischung oder modern ausgedrückt: Welche Auswirkungen hat es, wenn der Verwandtschaftsgrad in einer menschlichen Gemeinschaft sinkt, das Erbgut also immer uneinheitlicher wird?

        »Vor allem wird sich die Triebentartung sehr stark bemerkbar machen. Im übrigen lebt jeder Einzelne, da das Volksbewußtsein ermattet ist, sich selbst. Der eine sorgt für die eigene und der Kinder Erhaltung, der andere folgt seinem Lustwollen, der andere wiederum seinem persönlichen Seelenheil, der Dritte lebt ausschließlich seinem Schaffen, was kümmert sie alle das Volk?« (15, S.366).

        Zum Vergleich Eibl-Eibesfeldt (2), zwar in »moderner« Sprache, aber inhaltlich in die gleiche Richtung weisend: »Der hedonistisch motivierte (auf Sinneslust und Genuß gerichtete) Egozentrismus wird als Selbstverwirklichung verbrämt.«
        »Unterricht und Öffentlichkeitsarbeit vernachlässigen es, ein übergreifendes Gemeingefühl zu vermitteln, das auch das Nationale einschließt, und ohne Gemeingefühl zerfällt ein Staat.« (2)

        M. Ludendorff schreibt: »Tatsächlich ,erträgt`, wie man sich ausdrückt, ein stark blutgemischtes Volk keine außergewöhnlichen Proben, die ihm das Schicksal in der Pflicht der Abwehr der Feinde auferlegt.« (15, S. 360). Dies ist aus soziobiologischer Sicht verständlich: Wenn der Verwandtschaftsgrad mit den Mitmenschen nur noch gering ist, besteht kein Anlaß, sich altruistisch zu verhalten und z. B. im Krieg sein Leben für die Mitmenschen aufs Spiel zu setzen. Daraus folgt zwanglos: Wer über die Völker herrschen will, muß deren erbliche Einheit und die alten Sitten und Gebräuche bekämpfen, weil er damit ihre Widerstandskraft schwächt.

        Wie sind diese Folgen seelenkundlich zu erklären? Da ein Mischling verschiedenartiges Erbgut in sich trägt, ist der Einklang zwischen Rasseerbgut im Unterbewußtsein und rassetümlichem Erleben im Bewußtsein gestört. Ein Mitschwingen des Rasseerbgutes ist nur bedingt möglich (15, S. 363), die beratende, mahnende Wirkung der Volksseele fehlt (15, S. 361). Ein solcher Mensch kann sich nicht mehr rassetümlich verhalten und wird für seine Mitmenschen unzuverlässig, weil sein Verhalten nicht mehr vorhersagbar ist (15, S. 362). Gibt es viele Mischlinge im Volk, wird das religiöse Gemütserleben im Volk seltener und die Entartung im Lusterleben wahrscheinlicher.

        Noch ein Wort zur »Assimilation«, also zur Anpassung der Ausländer an die Sitten und Gebräuche des Gastlandes. Man muß hier zwischen der Auswirkung auf den Einzelnen und den Folgen für die Gemeinschaft unterscheiden.

        Wenn Eibl-Eibesfeldt fordert, daß es in der gegenwärtigen Situation am besten scheint, »... jenen Einwanderern, die sich auf die Dauer in unseren Ländern Europas niederlassen wollen, die volle Assimilation nahezulegen« (2), dann mag dies für die heimische Bevölkerung annehmbar sein, sofern die Anzahl der Ausländer nur klein ist. Übersehen werden dabei aber die nachteiligen Folgen der Assimilation für den einzelnen Ausländer. Das Rasseerbgut im Unterbewußtsein kann wie erwähnt nur dann mitschwingen und seine segensreiche Wirkung entfalten, wenn Artgemäßes im Bewußtsein erlebt wird (vgl. 15, S. 362). Wie aber soll der Assimilierte Artgemäßes inmitten eines fremden Volkes erleben? Diese Gefahr ist natürlich umso größer, je geringer der Verwandtschaftsgrad zwischen beiden ist.

Bedeutung der Religionen für die Volkserhaltung

        An einigen Stellen wurde bereits die Rolle der Religion für die Volkserhaltung erwähnt. So verwies Rushton (8) auf die Bedeutung der jüdischen Religion für die Erhaltung des jüdischen Volkes über 2000 Jahre Zerstreuung hinweg. Auch nach Eibl-Eibesfeldt kann ein gemeinsamer Glaube als ein »künstliches« Merkmal die Verwandtschaft der Gruppe betonen und damit ähnlich wie die Sprache, die Kleidung oder das Brauchtum das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken (2).

        M. Ludendorff mißt dem Einfluß der Religionen auf die Völker eine sehr hohe Bedeutung bei (15). Sie unterscheidet zwischen Volks- und Weltreligionen. Erstere lehren einen oder mehrere Nationalgötter und wirken im Sinne der Volkserhaltung (es soll hier unberücksichtigt bleiben, inwieweit die Volksreligion in sonstiger Hinsicht Wahrheit und Irrtum vertritt). Auch M. Ludendorff betont die volkserhaltende Wirkung des mosaischen Glaubens für das jüdische Volk.

        Eine gegenteilige Wirkung haben die Weltreligionen. Diese richten sich gleichmäßig an alle Völker der Erde und stehen der Volkserhaltung entweder weitgehend gleichgültig gegenüber (wie z.B. der Buddhismus) oder streben sogar gezielt die Auflösung der Völker an (wie z.B. das Christentum).

        Die Folgen einer Weltreligion sind ähnlich wie bei der Rassenmischung: Durch ihre Lehren wird das gemeinsame völkische Erleben erschwert (15, S. 421). Die Einzelmenschen können nicht mehr durch artgemäße Sitten und Feiern in Kunst und Natur aus den Niederungen des Alltages herausgehoben werden (15, S. 422). »Ein unter Weltreligion stehendes Volk flattert dann völlig auseinander in Millionen Einzelseelen, die gar nichts miteinander zu tun haben, es sei denn, daß wirtschaftliche oder Berufsrücksichten sie aufeinander anweisen.«

Schlußbetrachtung und Ausblick

        Am Beginn meines Vortrages bezeichnete ich die Wenigen, welche die allgemeine Entwicklung hin zur Auflösung der Völker ablehnen, als einsame Rufer in der Wüste, die angesichts ihres einsamen Standpunktes von Selbstzweifeln befallen werden könnten. Zweifel, die auch einer Philosophie gelten müßten, die eine solche Außenseitermeinung vertritt. Mein Vortrag hat seinen Zweck erfüllt, wenn er mithilft, solche Zweifel zu zerstreuen.

        Selbst bei vorsichtiger Deutung der genannten Forschungsergebnisse läßt sich meines Erachtens folgender Schluß ziehen: Die Forderung nach der Erhaltung der Völker kommt der erblichen Veranlagung des Menschen entgegen. Das Erbgut innerhalb einer Gemeinschaft darf nicht zu verschiedenartig werden, soll nicht fürsorgliches (altruistisches) Verhalten und damit der Zusammenhalt der Gemeinschaft gefährdet werden.

        Mit dieser grundlegenden Aussage bestätigt die Verhaltensbiologie die philosophisch begründete Auffassung M. Ludendorffs, soweit dies eben allein mit der Vernunft möglich ist.

        Ich habe mit meinen Ausführungen nur einige wenige Aussagen der Philosophie herangezogen und bin mir bewußt, daß ungeheuer viel Wesentliches unerwähnt blieb. Unerwähnt bleiben mußte, v.a. der Zusammenhang zwischen Volkserhaltung und Gotterhaltung bzw. Volkserhaltung und Kultur und damit der tiefere Sinn der Völker. Von entscheidender Bedeutung ist hier die Frage, inwieweit Kultur vom Erbgut beeinflußt wird. Die vorgestellten Zuammenhänge sind aber die Grundlage für diese weiterführenden Gedanken. Lassen Sie mich diesen Ausblick und damit meinen Vortrag mit den Worten M. Ludendorffs schließen:

        »Den tiefen, göttlichen Sinn erfährt die Erhaltung der Rassereinheit und der seelischen völkischen Eigenart dadurch, daß jedes Volk bestimmte Wesenszüge des Göttlichen besonders innig erlebt. Sein Gottlied in Worten, Taten und Werken klinkt daher anders als jenes eines anderen Volkes. Geht ein Volk unter oder wird es aus seiner seelischen Eigenart entwurzelt, so verschwindet hiermit ein Gottlied aus dem Chor der Völker. Es verarmt die Welt an Mannigfaltigkeit des Gotterlebens. Und nur in dieser Mannigfaltigkeit bewußten Gotterlebens ist diesem die Gottweite erhalten und der köstliche Sinn des Weltalls voll erfüllt.« (19)




Fußnoten


  1. Ursache dafür ist der einfache Chromosomensatz der Ameisenmännchen gegenüber dem doppelten Chromosomensatz der meisten anderen Tierarten.
  2. »genetic similarity theory«
  3. in der Fachliteratur als ethnischer »Nepotismus« (Vetternwirtschaft auf der Grundlage ethnischer Zusammengehörigkeit) oder als »Ethnozentrismus« (das Bezogensein auf die eigene Gruppe) bezeichnet.
  4. Ob ein äußeres Merkmal zur Erkennung der Gruppenzugehörigkeit dient (und) oder nur eine Anpassung an bestimmte Umweltbedingungen ist, muß im Einzelfall geprüft werden (9).
  5. Freedman ist mit einer Chinesin verheiratet.
  6. In »Wunder der Biologie« spricht sich M. Ludendorff dafür aus, den Begriff »Staat« für Tierverbände zu meiden (18, S. 192 f.)



Schrifttum

  1. Bundesministerium der Finanzen (1996): Der Euro stark wie die Mark. - Leipzig: 71 S.
  2. Eibl-Eibesfeldt, I. (1997): Wider die Mißtrauensgesellschaft. Streitschrift für eine bessere Zukunft. - München, Zürich: Piper, 255 S.
  3. Ludendorff, M. (1973): Triumph des Unsterblichkeitwillens. - Pähl: Hohe Warte. 327 S. Erstauflage 1922.
  4. Voland, E. (1993): Grundriß der Soziobiologie. - Stuttgart, Jena: Fischer. 289 S.
  5. Rushtan, J. P., Russel, R. J. H., Wells, P. A. (1984): Genetic Similarity Theory: Beyond Kin Selection. Behaviour Genetics Vol. 14, No. 3: 179- 193.
  6. Leupold, H. (1996 a): Gibt es beim Menschen erbliche Anlagen für die Erkennung verwandten Erbgutes? - Die Deutsche Volkshochschule: 1 - 12.
  7. Ludendorff, M. (1954): Schöpfungsgeschichte. - Pähl: Hohe Warte. 159 S. Erstauflagc 1923.
  8. Rushton, J. P. (1986): Gene-Culture Coevolution and Genetic Similarity Theory: Implications for Idiology, Ethnic Nepotism, and Geopolitics. - Politics and the Life Sciences Vol. 4, Nr. 2: 144- 148.
  9. Irwin, C. J. (1987): A Study in the Evolution of Ethnocentrism. - In: The Sociobiology of Ethnocentrism. Evolutionary Dimensions of Xenophobia, Discrimmation, Racism and Nationalism. Ed. by Reynolds, V., Folger, V. and Vine I. 131 - 156.
  10. Freedman, D. G. (1979): Human Sociobiology. A holistic approach. - New York: 136- 163.
  11. Leupold, H. (1996 b): Aussprache zu: Erbanlagen und Erkennung verwandten/verschiedenen Erbgutes. - Die Deutsche Volkshochschule 104: 19-21.
  12. Cavalli-Sforza L. (1992): Stammbäume von Völkern und Sprachen. - Spektrum der Wissenschaft 1/1992: 90-98.
  13. Wickler, W. & Seibt, U. (1977): Das Prinzip Eigennutz. Ursachen und Konsequenzen sozialen Verhaltens. - Hamburg: Hoffmann und Campe. 373 S.
  14. Ludendorff, M. (1933): Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine Philosophie der Geschichte. - München: Ludendorffs Verlag. 459 S.
  15. Ludendorff, M. (1982): Des Menschen Seele. - Pähl: Hohe Warte. 302 S., Erstauflage 1923. 302 S.
  16. Cavalli-Sforza, L. & Cavalli-Sforza, F. (1992): Verschieden und doch gleich. - München: Knaur. 445 S.
  17. Ludendorff, M. (1954): Wunder der Biologie im Lichte der Gotterkenntnis meiner Werke. - 2. Bd. Pähl: Hohe Warte. 260 S.
  18. Ludendorff, M. (1987): Der Volksseele Wirken in der Menschenseele und ihre Verschüttung durch Fremdlehre und Rassenmischung. - In Herzog, Duda, v. Bebenburg: Rassen und Völker. -Pähl: Hohe Warte: 78-88.
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