Ein Brief aus Dresden vom 18.2.1945

Wir leben! Was das heißt und bedeutet, haben wir durchgemacht. Wir haben die Hölle hinter uns. Meine Gedanken sind noch wirr, ich kann nicht mehr klar denken.

Dresden war einmal. Es steht nichts mehr, nichts, nichts, nichts. Du kannst fragen, was Du willst, es ist nichts mehr da. Was wir erlebt haben, hat noch keine Stadt getroffen. Das sagen alle Fremden, aus Köln, aus München, aus Hamburg, aus Bremen. Eine Stadt in einer Nacht vernichtet, vollkommen vernichtet.

Das Grauen war so: Ich hatte am Dienstag einen kleinen netten Abend bei mir. Gegen ½10 Uhr gingen die ersten Drei heim, die anderen blieben. ¾10 Uhr fing der erste Angriff an. Wir lagen im Keller auf der Erde. Unser Haus zitterte und dröhnte, die Fenster prasselten heraus, die Türen folgten. Über uns war die Hölle los. Schlag auf Schlag. Wir sahen rechts und links durch den Keller ins Freie. Es brannte lichterloh.

45 Minuten dauerte diese erste Grausen. Dann sind wir hinaufgerannt. Trümmer, Schutt, aber das Haus stand noch. Meine anderen Gäste sausten nach Hause. Da kam eine Frau und rief: »Oben brennt alles!« In Ihre Wohnung konnten wir nicht mehr hinein, dann gab es kein Wasser mehr.

Jetzt hieß es, zu retten, was zu retten war. Federbetten, Kleider, man nahm das, was man gerade liegen sah und was die Minute eingab. Vieles hat man vergessen. Da ging draußen der Feuersturm los. Wir mußten die Sachen wegschaffen. Schnell an den Zirkus vor. Der stand noch. Wir rannten in einen kleinen Raum neben dem Haupteingang hinein. Die Ministerien brannten, gegenüber die Schule und das Lazarett, überall Flammen. Da ging der zweite Angriff los. Und das war Sodom und Gomorra, das war Weltuntergang. Unser Haus zu ebener Erde hatte zwei Riesentüren, die nicht mehr schlossen und die wir zuhalten mußten. Wir glaubten, dies sei unsere letzte Stunde. Da riß ein Schlag uns eine Tür heraus. Nun waren wir im Freien. Wir sahen am Himmel taghell die »Christbäume«, die Bomben heulten, die Straße brannte grün von Phosphor. Man kann es nicht leicht beschreiben.

Plötzlich brannte ein Unterbett in unserem Raum. Das brennende Bett in die Hand genommen und hinausgeworfen, das sind alles Handlungen, die mechanisch in der Gefahr getan werden, ohne zu denken, daß es dein Tod sein kann. Plötzlich sehe ich draußen Flammen und schaue hoch: über uns brennt der Zirkus.

Noch jetzt kommt uns das Grauen beim Denken an jene Sekunden und Minuten. Wir griffen nach unseren Habseligkeiten, einem kleinen Koffer, zwei Taschen, Rucksack und Beutel. Alles andere mußten wir den Flammen überlassen. Dann hinaus auf die brennende Straße. Auch hier dachten wir nicht, lebend davonzukommen.

Durch Funken und brennende Holzstückchen liefen wir zur Elbe. Wie tot haben wir uns dort hingelegt. Dann schleppten wir uns noch bis zur Albertbrücke, haben uns unter einen Bogen gesetzt und dort die Nacht des Grauens und der Vernichtung verbracht.

Gegenüber - alles Flammen. Das Terrassenufer von der Albert- bis zur Carolabrücke - jedes Haus Flammen, Flammen, Flammen. Jede Kuppel in Flammen. Nichts als Feuer und Rauch. Die Augen tränten und schmerzten. Sturm fegte über die brennende Stadt.

Und doch wurde es Tag. Verlassen, obdachlos, heimatlos, saßen wir zwei auf unserem kleinen geretteten Hab und Gut. Wohin nun? Wir wollten noch einmal zu unserer Wohnung, aber alles ringsum brannte noch. Da gaben wir's auf. Schließlich nahm uns nach vielen Bitten ein Lastwagen mit, und wir sind bei einer netten Lehrersfrau in Bühlau untergekommen.

Am Donnerstag gingen wir voller Wehmut an unser Haus. Nichts als ausgebrannte Mauern. Das Weinen kam uns an. Dann sind wir noch einmal in den ausgebrannten Zirkus hinüber, und wir trauten unseren Augen nicht: der kleine Raum ist unversehrt und unsere zwei Koffer, die Steppdecken und ein Kleidersack noch da. Die Betten sind leider verbrannt.

Chemnitz hat wohl ein ähnliches Schicksal erfahren - doch vielleicht nicht ganz so grauenhaft wie Dresden. Hier steht kein Stein mehr auf dem anderen. Nur Trümmer. Du kannst es Dir nicht furchtbar genug vorstellen, es ist tausendmal schlimmer. Das Rathaus ist ausgebrannt, den Georgiplatz erkenne ich nicht mehr. Ich gehe die Bürgerwiese vor und weiß rechter Hand von Anfang bis Ende nicht, wo eine Querstraße war. Die Lüttichstraße ist nur ein Trümmerfeld. Das ganze Viertel, die Wiener Straße bis zum Ende - kein Haus, das nicht ausgebrannt ist. Der Große Garten soll ein umgepflügtes Leichenfeld sein. Weil sich viele dorthin geflüchtet hatten, ist Meter um Meter mit Brand- und Phosphorbomben beworfen worden. Die Augustusbrücke ist getroffen und stückweise nur 3 bis 4 Meter breit, ohne Geländer, nur für Fußgänger passierbar. Die Kultur ist vernichtet: Schloß, Hofkirche, Zwinger, Sophienkirche und unsere herrliche Frauenkirche. Ihr schöner Bau, das Wahrzeichen Dresdens, liegt auf dem Neumarkt in Trümmern. Und ich gehe durch die tote Stadt, ich erkenne sie nicht meh. »Was war eigentlich mal hier?« so frage ich mich.
Das war Dresden!

Geschrieben von Gretel Weitfeld.