Über den Umgang mit der Geschichte


von Hedwig Sachs

»Die Wahrheit siegt! Gewiß sie siegt!
Doch wann und wie sie dies vermag,
darüber bestimmst Du mit und Du allein,
nicht die Gegner.«


Mathilde Ludendorff

Anfang der 90er Jahre drangen krude Nachrichten aus Amerika zu uns: man soll Schwarze nicht mehr Schwarze nennen, sondern Afroamerikaner; Blinde nennt man jetzt »Anderssichtige«, Shakespeares »Othello« ist ein rassistisches Stück; sein »Richard III.« behindertenfeindlich. Mark Twains »Huckleberry Finn« wurde von den Leselisten amerikanischer Schulen gestrichen, weil das Wort »Nigger« darin vorkommt. Der Chef der CN-Nachrichten hat seine Sprecher angewiesen, das Wort »foreign« (=ausländisch, fremd) nicht mehr zu verwenden. (FOCUS (16) 1995, Artikel »Gesellschaft«: Die Guten auf dem Kriegspfad.)

Das Ganze ist einem Phänomen zuzuordnen, das sich »political correctness« nennt. Die »political correctness« verbreitete sich nach dem Ende des Kalten Krieges zuerst in den USA und hat nun auch bei uns Fuß gefaßt. Es ist die »vorschriftsmäßige Sensibilität gegenüber Minderheiten« (So die FAZ, zit. ohne Datum (o.D.) nach FOCUS ebd. ), die sich beseelt gibt von dem hehren Wunsch, die Welt ließe sich verbessern, Heilsbotschaften wie »Multikultur, Eine-Welt-Visionen« und »Feminismus« ließen sich noch schneller verbreiten, durch eine »Humanisierung« der Sprache.

Die Zeitschrift FOCUS brachte im April 1995 zum Ausdruck, was diese »Politische Korrektheit« kennzeichnet: »Die Guten (sind) auf dem Kriegspfad!« (ebd.) Der damit verbundene geistige Bürgerkrieg begann in Deutschland seit 1990 in vollen Zügen. Und wer genau sind die »Guten«? Man liest, der Wegfall des Eisernen Vorhangs habe diese »blinde Suche nach Feindbildern« ausgelöst. Wie in den USA so bildet nämlich auch in Deutschland die politische Linke den Motor dessen, was man kurz »PC-Bewegung« nennt. Kulturtheoretiker bezeugen: »PC« ist eine linksintellektuelle Bewegung. Es heißt, sie diene als Ausgleich für die Frustation nach dem Scheitern des Sozialismus.

Hinter der »Politischen Korrektheit« verbirgt sich ein »Credo«, das als nicht richtig alle Aussagen ansieht, »die nach einem linksliberalen Gutdünken anstößig wirken« und deshalb zu unterbleiben haben. (So der Berliner Tagesspiegel, zit. ohne Datum (o.D.) nach FOCUS, ebd.) Erklärtermaßen handelt es sich hier also um den Wunsch nach Denkverboten und Denkregeln, die durch einen »Terror der Gutwilligen« in die Gesellschaft getragen werden. (so die Frankfurter Literaturzeitschrift »Neue Rundschau«, zit. nach FOCUS, ebd.) Dabei ist das Prinzip als solches nicht neu: daß nämlich unter dem Deckmantel einer »sensiblen Moral« Druck ausgeübt und politische Gegner kaltgestellt werden können. Solche Attacken auf die Meinungsfreiheit sind typisch für Willkürherrschaften.

»Politisch Korrekte« kennzeichnen sich dadurch, daß sie überall nach »Unkorrekten« fahnden. Sie unterscheiden nicht nach wahr und falsch, sondern nach gut und böse, kennen weder Humor noch Ironie. Gefahndet wird nach Unworten, die seit 1991 sogar jährlich offiziell gekürt werden (Durch die »Gesellschaft für deutsche Sprache.«) und nach Unpersonen, indem man ihnen unterstellt, »Rassist«, »Faschist«, »Frauenfeind« oder »Ausländerfeind« zu sein. Diese Jagd veranstaltet die linkslastige, politisch-korrekte Medienöffentlichkeit. Konservative müssen heute gegen eine » Politik des Steckbriefes, des Prangers und der gesinnungspolitischen Fahndung« (So die FAZ, zit, o.D. nach FOCUS, a.a.O.) die Grundfreiheit der Meinung einklagen.

Seit das Phänomen jetzt so ironisch »political correctness« getauft wurde, wird die Öffentlichkeit durch Zeitungen und Bücher in letzter Zeit auf solche Scheinheiligen aufmerksam. Zum Beispiel durch das Buch »Politische Korrektheit in Deutschland. Eine Gefahr für die Demokratie« von Michael Behrens und Robert von Rimscha. (Michael Behrens/Robert von Rimscha, »Politische Korrektheit in Deutschland«, Bouvier Verlag, Bonn, 2. Aufl. 1995.)

Besonders interessant ist, daß in Deutschland die »political correctness« im Vergleich zu ihrem Ursprungsland Amerika eine Sonderform hat. Neben die amerikanischen Kerngebiete »Rasse« und »Geschlecht« tritt bei uns eine dritte: die eigene Vergangenheit, die »Geschichte«. Behrens und v. Rimscha beklagen, daß die »Wut- und Trauer«-Theoretiker unter uns sich an dem »Glaubenssatz laben, daß deutsche Verbrechen einzigartig seien«, am »Dogma der deutschen Gefahr« oder an der »gebetsmühlenartigen Wiederholung der Schuld«. In Deutschland ist die weitreichende Konzessionsbereitschaft gegenüber der »korrekten«, sog. »öffentlichen Meinung« bedingt durch einen herrschenden Konformitätsdruck. Dieser Drang, auf der moralisch richtigen Seite stehen zu wollen, deutet darauf hin, wie wenig gefestigt Moral und Werte bei uns sind. Die Zugeständnisse werden ausgelöst durch »ein hohes gesellschaftliches Potential latenter Schuldgefühle« angesichts der NS-Vergangenheit, sagt der Berliner Literaturprofessor Gert Mattenklott. »Existenzielle Schuldgefühle« entdeckte auch der Trierer Psychologieprofessor Leo Montada bei der Untersuchung der deutschen Seelenlage. (zit. nach FOCUS, ebd.)

Die »Politische Korrektheit« instrumentalisiert diese Schuldgefühle. Je schlechter das Gewissen ist, desto besser kann PC einsickern und Denkverbote und -blockaden auslösen, die schließlich nur noch die »politisch-korrekte« öffentliche Einheitsmeinung zulassen.

Politische und historische Korrektheit zusammen ergeben in Deutschland ein Koordinatengefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt. (ebd.) Das erste und berühmteste Opfer dieser linksintellektuellen Massenbewegung war schon 1988 Bundestagspräsident Philipp Jenninger, der zurücktreten mußte, weil er den politischen Triumphzug Hitlers der Jahre 1933 bis 1938 - historisch zutreffend, aber nicht »historisch korrekt« - in einer Rede als »Faszinosium« bezeichnet hatte. Es gibt zahllose andere, immer neue Beispiele für vergleichbare Attacken der »historischen Korrektheit«, die hier nicht angeführt zu werden brauchen. Die Gesinnungspresse ist schnell dabei, Maulkörbe zu verpassen, Selbstkritik zu befehlen (So in der Süddeutschen Zeitung, SPD und Grüne bezüglich Generalmajor Gerd Schulze-Rhondorf, weil er den Ausspruch »Soldaten sind Mörder« als ähnlich »absurd und ehrabschneidend« befand, wie einen »Vergleich des Bundesgerichtshofs mit dem Volksgerichtshof«, zit., o.D. nach FOCUS, a.a.O.), die »Manipulation an einer historischen Zäsur« (So die Frankfurter Rundschau bezüglich des Appells der Neuen Rechten zum 8.Mai (1995), es handle sich »nicht nur (um) das Ende der NS-Schreckensherrschaft, (sondern) auch (um) den Beginn von Vertreibungsterror und neuer Unterdrückung im Osten unseres Landes«, deshalb sei die Bezeichnung »Tag der Befreiung« einseitig. zit. o.D. nach FOCUS, a.a.O.) zu beargwöhnen, Verunglimpfungen auszusprechen (Der Regisseur Will Tremper wurde als Antisemit verunglimpft, weil er den Spielberg-Film »Schindlers Liste« als einen geschmacklosen »Indianer Jones in Krakau« bezeichnete, obwohl er hinzugefügt hatte, daß die Wirklichkeit viel schlimmer gewesen sei als im Film dargestellt; nach FOCUS a.a.O.) und unliebsame Bücher zu verreißen (So die Frankfurter Rundschau bezüglich des Buches »Auge um Auge - Opfer des Holocaust als Täter« von John Sack (wurde vom Piper-Verlag nicht ausgeliefert) sei eine »Infamie«. zit. o.D. nach FOCUS a.a.O.). Das alles unter dem angemaßten Vorwand, man könne in Deutschland keine »erdbebensichere Gefestigtkeit deutscher Demokratie voraussetzen« (So Die Zeit erfreut über die Absage einer Ausstellung (»Hoffmann und Hitler. Fotografie als Medium des Führer-Mythos«) im Dt. Hist. Museum, Berlin. zit. o.D. nach FOCUS a.a.O.).

Vom Historikerstreit zun Historikerschweigen?

Steffen Heitmann, der 1993 für das Bundespräsidentenamt kandidierte, wurde vom »Stern« vorgeworfen, er habe sich des »Reihenabwurfs verbaler Brandsätze« (zit. nach FOCUS, a.a.O.) schuldig gemacht. Heitmann war tatsächlich ungeübt in »Politischer Korrektheit« und wurde schließlich zu Fall gebracht, als Heribert Prantl von der »Süddeutschen Zeitung« Heitmann in einem Gesinnungstest die Frage stellte: »Auf welcher Seite des Historikerstreits stehen Sie?«

Das ist immer noch die Gretchenfrage in unserer »politisch-historisch-korrekten« Öffentlichkeit: Wie hält man es mit dem Historikerstreit? Der Befragte soll sich dann äußern zu der schwer überschaubaren Kontroverse der Jahre 1986/87 um die Einzigartigkeit, Vergleichbarkeit und Bewertung des Holocaust. (M. Peter u. H.-J. Schröder, Einführung in das Studium der Zeitgeschichte, Abschnitt »Historikerstreit«, Paderborn 1994, 84ff.) Das öffentliche Fazit des Historikerstreits lautete in etwa: »Du sollst deutsche Verbrechen nicht vergleichen, geschweige denn in Relation zu irgendetwas setzen!« Es war vor allem die Generation der 68er Historiker, die damals ihre Art der Geschichtsinterpretation vehement gegen einen Neuansatz verteidigte. (Allein die Titel einiger wissenschaftlicher Beiträge und Aufsätze geben einen kennzeichnenden Einblick, welche Form der Streit angenommen hatte: »Moralisierung der Geschichte - Historisierung der Moral«; »Ein europäischer Bürger namens Hitler. Ernst Noltes Entlastungsoffensive geht weiter«; »Das Vor-Urteil als strenge Wissenschaft«; »Zwischen Ideologie und Aufklärung«; »Der Historikerstreit. Ein unpolemischer Essay«; und schließlich »Vom Historikerstreit zum Historikerschweigen«. (vgl. Bibliographie zum Historikerstreit, in M. Peter und H.-J. Schröder, Einführung in das Studium der Zeitgeschichte, a.a.O., 41-67.) Der wissenschaftliche Ertrag des Historikerstreit im engeren Sinne wird von Zeitgeschichtsforschern als gering veranschlagt. (ebd. 84ff.)

Die Presse nahm sich aber der Debatte in einer Weise an, daß Einzelheiten der Standpunkte bis heute kaum der Öffentlichkeit bekannt sind: Schroffe Polarisierungen, Unterstellungen, unsachgemäße Fehlbewertungen, politische Verunglimpfungen und moralisierende Einschüchterungen, als gäbe es in wissenschaftlichen Kontroversen nur schwarz/weiß und gut/böse. Anfang 1989 war die Kontroverse tot.

Es ist typisch für »Politische Korrektheit«, daß einer Meinung zum Historikerstreit ungeachtet jeder Sachlichkeit sofort eine Gesinnungsschublade zugeordnet wird. Am Historikerstreit zeigte sich erstmals, wie sehr sich die deutsche Form der »political correctness« über die Geschichte hermacht und welche Wirkung sie selbst auf die wissenschaftliche Forschung haben kann, deren Ideal es eigentlich ist, unabhängig zu sein.

Der Journalist und Verfasser zahlreicher Bücher über das »Dritte Reich« Heinz Höhne meint: »Wenn (aber) Historiker mit ihren Forschungen diese manichäischen« (d.h. glaubensähnlich verfestigten) »Vorstellungen von Gut und Böse ankratzten, gerieten sie leicht auf ein Minenfeld der Tabus und Denkverbote, wo eine bizarre Koalition von Volkspädagogen, selbsternannten ,Oberrichtern über die Geschichte' und Tugendbolden der political correctness mißtrauisch über ihre Art der historischen Wahrheit wacht.« (Heinz Höhne, »Gebt mir vier Jahre Zeit.« Hitler und die Anfänge des Dritten Reiches, Frankfurt 1996, Vorwort, 8.

In der Frage nach den Aufgaben und Schwierigkeiten der zeitgeschichtlichen Forschung sind die Historiker in den Grundfragen ihrer Methode jedoch weitgehend einig: sie erkennen, daß ihr Fach in der Gefahr steht, im Dienste tagespolitischer Interessen zweckentfremdet zu werden; sie ärgern sich über die häufigen unsachlichen Wortmeldungen zu ihren Themen und beklagen mangelhafte Aufklärungsarbeit, die sie im Mißverhältnis sehen zur öffentlichen Sensibilität gegenüber der jüngsten Vergangenheit. Aufgabe der Zeitgeschichtsforschung soll sein, begriffliche Vorgaben zu überprüfen und zu berichtigen; die historisch-rationale Analyse soll Gegenpol sein zu Mythenbildung und subjektiver Betrachtung; und die Geschichtsforschung verlangt von sich selbst den strengen Verzicht auf jede Anbiederung an den Publikumsgeschmack. (vgl. »Methodische Besonderheiten der Zeitgeschichte«, in: M. Peter u. H.-J. Schröder, Einführung in das Studium der Zeitgeschichte, a.a.O., 41-67.) Ja, die Zeitgeschichtsforschung hat sogar das 20. Jahrhundert als »Zeitalter der Ideologien« erkannt. (M. Peter u. H.-J. Schröder, Einführung in das Studium der Zeitgeschichte, a.a.O., 34. - vgl. Karl Dietrich Bracher, Zeit der Ideologien. Eine Geschichte des politischen Denkens im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1982.) Allerdings fehlt wohl den meisten Forschern noch die Erkenntnis, daß auch der Zeitgenosse unserer jetzigen Gegenwart ideologisch geprägt und verbildet sein kann.

Die Schwierigkeiten sind offenkundig. Jedes Jahr werden über die Medien historische Debatten aufbereitet. Das Kriegsende jährte sich 1995 zum 50. Mal. Im Jahre 1996 brachte die Diskussion um Daniel Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« die Gemüter in Wallungen, 1997 die Diskussion um die Ausstellung namens »Verbrechen der Wehrmacht«. Dabei wurde meist weniger auf Fragen und Probleme der Geschichte hingewiesen, sondern politisch-ideologisierte Antworten wurden angemaßt.

Die Überlagerung der wissenschaftlichen Debatten mit der politischen Dimension blockiert oft einen ganz normalen Vorgang in der Geschichtswissenschaft: Interpretation - Revision - Neuinterpretation. »Revision« meint zu deutsch: Wiederdurchsuchen der Quellen, Nachprüfen der Argumente - wird aber in Form von »Revisionist« zu einer bösen Verunglimpfung, die jenen Historikern vorgeworfen wird, die eine »Historisierung« der NS-Zeit fordern, d.h. die Einordnung in die deutsche Gesamtgeschichte unter Zurücklassung moralischer Wertungen, damit eine wissenschaftlich-sachliche Auseinandersetzung möglich werde.

Ernst Nolte, der sich im Historikerstreit als »Revisionist« beschimpfen lassen mußte, schrieb im Dezember 1994 einen Brief an die Herausgeber Behrens/Rimscha des genannten Buches über »Politische Korrektheit«. Nolte weist darin ausdrücklich auf die unbestreitbaren Verbrechen des Nationalsozialismus hin, auf die gebotene Kritik und das erforderliche Fragen und Nachdenken, und er schreibt zur »Politischen Korrektheit«: »Die Wurzel der spezifisch deutschen Frageverbote ist nicht die deutsche Vergangenheit als solche, (...) sondern die These vom ,absoluten Bösen' ...«. Nolte meint, daß dieser Absolutheitsanspruch, im Besitz der Wahrheit zu sein, eigentlich typisch ist für den historischen Materialismus des Marxismus. Seit dem Untergang der kommunistischen Regime habe sich dieses Urteil über den NS in Europa aber auf die gesamte Linke ausgeweitet.

»Von daher [von dieser Linken]«, so Nolte weiter, »rührt die heftige und nervöse Polemik gegen alle Versuche einer ,Historisierung' des Nationalsozialismus, obwohl doch die Historisierung immer auch die genauere Herausarbeitung von Differenzen bedeutet. Diese Grundeinstellung hat in den letzten Jahren durch große Kampagnen an Kraft gewonnen, die sich gegen eine angebliche ,Fremdenfeindschaft der Deutschen' richten, letzten Endes aber auf die Beseitigung der deutschen historischen Identität [abzielen] als eines für die erstrebte Weltgesellschaft ,ohne Klassen und ohne Nationen' (abzielen).« (Noltes Brief an Behrens/Rimscha vom 23. Dez. 1994, in Behrens/v. Rimscha, »Politische Korrektheit« in Deutschland, a.a.O. 25/26.) Nolte schreibt weiter, daß die »Historische Korrektheit« in Deutschland auf der anderen Seite die Revisionisten zu Märtyrern mache, und so indirekt gerade den sog. Revisionismus stärke.

Wie recht Nolte damit hat, sieht man an der Zerstörungswut rechtsradikaler Gruppen unserer Tage. Es ist vielleicht kein Wunder, daß der Rechtsextremismus gerade in der jungen Generation zunahm, die ihren Geschichtsunterricht in der DDR oder vornehmlich bei Alt-68ern genossen hat. Noltes Plädoyer für Meinungsfreiheit und Sachlichkeit gilt umsomehr für den Schulunterricht von Geschichte, der viel eher als die Wissenschaft verhindern könnte, daß Jugendliche geschichtsverdrossen werden oder sich neo-nazistische Propaganda aneignen. Das kann aber nur verhindert werden durch eine geschichtliche Erziehung ohne Denkverbote, Fragetabus und moralisierenden Druck.

Durch Daniel Jonah Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker - Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust« und die diesbezüglichen Kontroversen wurde erfreulicherweise deutlich, daß zumindest unter namhaften Historikern die Aufregungen des Historikerstreits offenbar abgeklungen sind und die Forschung sachlicher wird. Der Bonner Zeithistoriker Dieter Pohl (Dieter Pohl, Die Holocaust-Forschung und Goldhagens Thesen, in Vierteljahreshefte f. Zeitgeschichte (1) 1997, 1-48.) schreibt in seiner bemerkenswert sachlichen und ausführlichen Rezension zu Goldhagens Buch, die Hypothese von den »ganz gewöhnlichen Deutschen ...« (Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Siedler Verlag, Berlin 1996, Vorwort zur deutschen Ausgabe.), habe Goldhagen nicht überzeugend beweisen können. Die Auseinandersetzung mit Goldhagen brachte Historiker dazu, öffentlich zugeben zu müssen, daß man in diesen Fragen vielleicht tatsächlich weiterkäme, wenn man - wie Ernst Nolte schon in den 80ern gefordert hatte - Vergleiche herstellen könnte zwischen dem Holocaust und anderen Völkernmorden des 20. Jahrhunderts. Nicht um zu relativieren oder zu leugnen, sondern um dem Phänomen menschlicher Grausamkeit historisch näher zu kommen.

Die entscheidende Frage, die sich die Forschung stellt, ist: »Wie konnte der Antisemitismus (den es eben nicht nur in Deutschland gab) umschlagen in völkermörderisches Handeln?« (Dieter Pohl, Die Holocaustforschung und Goldhagens Thesen, in Vierteljahreshefte f. Zeitgeschichte (1) 1997, 1-48, bes. 16.)

Wenn man, wie auch Goldhagen einräumt, nicht ein spezifisch »Böses im Deutschen schlechthin« verantwortlich machen kann, dann zielt diese Frage auf ein Problem der allgemein-menschlichen Seele, auf die allgemeine Frage, wie eine Ideologie (gleich welcher Art) sich seelisch auswirkt, und zwar so auswirkt, daß sie in praktizierten Völkermord umschlagen konnte. Letzlich müßte man hier also endlich auf die Frage des Seelenmißbrauchs durch Ideologien kommen, eine Frage, die nur auf der Grundlage einer überzeugenden Psychologie beantwortet werden kann. Der modernen Psychologie scheinen jedoch Wissenschaftler anderer Forschungsgebiete nicht zu trauen. Gerade unter Historikern haftet nachträglich psychologischen Verhaltensdeutungen der Vorwurf der Unsachlichkeit an. Und das mit Recht! Denn den Wissenschaften fehlt eine zuverlässige Seelenkunde, die sich mit den seelischen Wirkungen von Ideologien und Wahnlehren auseinanderzusetzen vermag.

Der Frage des Entstehens von Völkermord historisch näherzukommen würde zunächst außerdem erfordern, was Nolte schon vor zehn Jahren ein Anliegen war: die Überwindung einer erkenntnishemmenden, »monumentalisierenden« Sicht der NS-Zeit und die vergleichende Forschung. (Ein Beispiel für vergleichen Forschung: Alan Bullock, Hitler und Stalin - parallel lives, London 1991, 1073. Bullock erklärt den historischen Vergleich als Methode auch für den NS explizit für legitim und notwendig!)

Aufgrund der zahlreichen Reaktionen der Historiker auf das Buch Goldhagens läßt sich jedenfalls eines hoffen: Daß die »political correctness« zumindest auf dem Gebiet der Wissenschaft neuerdings deutlich zurückgewiesen wird und unsere Historiker um Sachlichkeit bemüht sind.

Auch wenn die Historikerzunft also beklagen muß, daß ihre Forschungsergebnisse nicht hinreichend an die Öffentlichkeit dringen, von einem »Historikerschweigen« kann nicht mehr - wie Ende der 80er Jahre - die Rede sein. Ein guter Hochschullehrer ermahnt seine Studenten immer wieder dazu, sich allein und ausschließlich an den Fakten zu orientieren. Den Historiker interessiert zunächst nur die Frage: Was ist geschehen und warum? Zweitrangig weil höchst schwierig sollte die Frage der moralischen Beurteilung sein. Die Antwort sollte dem freien Urteil des einzelnen überlassen bleiben.

Ganz anders ist das aber innerhalb der Medienöffentlichkeit. Während naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse von den Medien weitaus sachlicher aufgegriffen werden, werden historische Erkenntnisse meist daran gemessen, ob sie geeignet sind, ein bestimmtes Weltbild oder eine ganze Gesinnung moralisch zu untermauern. Hier wird meist nach dem Motto verfahren, daß nicht sein kann, was nicht sein darf - was nicht »politisch korrekt « ist. Ein trauriges Vorbild in dieser Hinsicht bietet der sog. ZDF-Fernsehhistoriker Guido Knopp, der zwar wertvolles Filmmaterial aus den Archiven buddelt, um es aber dann mit oft unsachgemäßen, reißerischen Kommentaren zu unterlegen, die das Bildmaterial gar nicht hergibt. Diese Art des Umgangs mit der Geschichte ist dem ernsthaften Historiker ein Graus.

»Politische Korrektheit« als Mittel einer Integrationsideologie

Die Frage, ob man die»veröffentlichten Meinungen« zu historischen Fragen teilen kann, muß dem einzelnen belassen bleiben. Anstößig ist aber die Art und Weise, wie heute mit Meinungsfreiheit verfahren wird.

In den USA finden bereits Stimmen Gehör, die das Grundrecht der Redefreiheit zugunsten »politisch korrekter« Inhalte beschränken wollen. (Der republikanische Kongreßabgeordnete Jim Imhofe: »Es kommt die Zeit, da die Redefreiheit nicht mehr den Interessen unseres Landes dient, und diesen Punkt haben wir nun erreicht.« zit. nach Behrens/v. Rimscha, »Politische Korrektheit in Deutschland«, a.a.O., 19) Erste Symptome für einen entstehenden, vermeintlich gutmütigen, moralisch sich aufplusternden Totalitarismus staatlicherseits. Wird auch dieser Trend aus den USA Deutschland erreichen?

Bei uns herrschen noch ungeschriebene Meinungs- und Denkverbote, die kritisches Denken - gleich welchen Inhalts - in den Bereichen »Rasse, Geschlecht und Geschichte« unterdrücken. Dabei werden Recht, Freiheit und Wahrheit in ihr Gegenteil verkehrt. Wenn solche Verkehrungen einsickern, können gesetzliche Rechtsverdrehungen auch bei uns widerstandslos gefordert werden.

Da erweisen sich gerade die Ideale »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« des Humanismus als scheinheilig, denn: Wo »Gleichheit« geradezu zu einem Gebot wird, kann keine »Freiheit« herrschen, und die vielgerühmte »Brüderlichkeit« ist dann nicht mehr als eine traurige Selbstpreisgabe. In dieser Form ist der Humanismus ein Angriff auf das individuelle Bewußtsein. (vgl. Gunther Duda, Deutscher Freiheitskampf - heute. Was ist zu tun? Was können wir tun? Pähl o.J.)

Ein aufmerksamer Leser der Zeitschrift FOCUS weist in einem Leserbrief daraufhin, daß es bei der Bewegung der »political correctness« doch eigentlich gar nicht um eine verbesserte, sondern um eine »gleichgeschaltete« Welt geht - und nennt als Veranschaulichung George Orwells Roman »1984« (FOCUS (18) 1995, Leserbrief betrf. den vorausgegangenen Artikel »Die Guten auf dem Kriegspfad« (FOCUS 16/95).)

Das ist in der Tat ein denkwürdiger Hinweis. In Orwells Anti-Utopie haben nämlich die Diktatoren drei Leitsätze aufgestellt, die heißen: »Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke.« Interessant ist dieser Vergleich vor allem deshalb, weil Orwell als linksgerichteter Autor gilt und diesen Roman als eine Kritik an faschistischen Herrschaftssystemen verfaßte. Wir sehen aber heute an der »Politischen Korrektheit«, daß eine derartige faschistoide Gleichschaltung auch von politisch links und von einem zur Ideologie gewordenen Humanismus herrührt. Ideale werden in ihr Gegenteil verkehrt - ganz wie Orwell es beim Faschismus beschreibt, denn »Krieg ist Frieden«, wenn man heute an die sog. UN-Friedenstruppen denkt, »Freiheit ist Sklaverei«, wofür sich zahllose Beispiele in der nordamerikanischen Eroberungsgeschichte finden oder jetzt bei den Überlegungen zur Beschränkung der Redefreiheit zum »Schutz und Wohle« der Vereinigten Staaten. Und »Unwissenheit ist Stärke« - das gilt wohl gerade in Deutschland für den Umgang mit der Geschichte. Ein Beispiel aus jüngster Zeit:

Am 2. März 1997 konnte man in der ARD-Sendung »Presseclub« eine fünfköpfige journalistische Diskussionsrunde verfolgen, die sich um die Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht« in München rankte. (Die folgenden Angaben beruhen auf eigenen Notizen, die die Verfasserin sich während der Ausstrahlung der Sendung gemacht hat.) Auch die Fragestellung dieser Sendung: »Die deutsche Wehrmacht - Hitlers willige Vollstrecker?« deutet darauf hin, daß der Titel von Goldhagens Buch einen meinungsmachenden Eindruck in der Öffentlichkeit hinterlassen hat. Und wenn dann der Diskussionsleiter der Sendung »Presseclub« zwischendurch einwirft: »Aber es waren ja ganz normale Deutsche«, dann wird deutlich, daß die öffentlichen Medien die Thesen Goldhagens bereits als gegeben hinnehmen, bevor eine wissenschaftliche Auseinandersetzung anerkannter Historiker mit diesen Thesen überhaupt abgewartet wird.

Diskussionsteilnehmer beim »Presseclub« war jener Heribert Prantl von der »Süddeutschen Zeitung«, der einst Steffen Heitmanns öffentliche Diskreditierung eingeleitet hatte. Als in der Sendung der Historiker Günther Gillessen von der FAZ auf die erheblichen methodischen Mängel der Ausstellung hinwies und erklärte, daß man auf einer solchen pauschalisierenden und legendenbildenden Ebene nicht mit historischen Problemen umgehen dürfe, (Diesen Standpunkt bezog auch ausführlich der Geschichtsprofessor Franz G. Seidler im FOCUS (10) 1997, »Pauschale Verurteilung verunglimpft einzelne",« Die Wehrmachtsaustellung hinterläßt methodische Zweifel, 82) bot Prantl ein Lehrstück »politisch-historischer Korrektheit«. Er sagte: »Wir sind hier nicht in einem historischen Oberseminar!« und unterstellte Gillessen, den NS zu beschönigen und zu verleugnen. Prantl wollte von Forschung und Methoden nichts hören. Mit tränenerstickter Stimme und ergriffener Gestik erklärte er, es sei doch angesichts der anrührenden Fotos ganz unmöglich, sich jetzt auf eine Kragenspiegeldebatte einzulassen.

Die Argumentation Prantls bestätigt beispielhaft den Leitsatz aus George Orwells »1984«: »Unwissenheit ist Stärke«. Sogar Wissenschaftlichkeit an sich wird verunglimpft, wenn sie die gewünschten, passenden Erkenntnisse nicht bestätigen kann. Schon auf die Einforderung sachlicher Forschungsmethoden hin wird Verleumdung unterstellt. Keine Fragen, kein kritisches Denken, nur Empfindungen gelten als angebracht - und selbst die müssen auf Betroffenheit und Ergriffenheit eingepolt sein. Schon wer denkt und fragt, macht sich verdächtig, nicht zu empfinden. Allein die Forderung nach wahrheitsgemäßen Beweisen wird mit der Einimpfung eines schlechten Gewissens beantwortet, mit dem Ergebnis ein Denkverbot und Fragetabu aufzustellen.

Nicht nur einheitliches Denken, sondern auch einheitliches Empfinden soll also durch »political correctness« in Gang gesetzt werden; damit ist aber das gesamte Bewußtsein, die ganze menschliche Seele Ziel der Meinungsmache. Und das bedeutet: »Politische Korrektheit« ist letztlich auch Seelenmißbrauch!

Urteilsfähige, freiheitsliebende Menschen erkennen die »Politische Korrektheit« als ein Mittel einer Integrationsideologie, denn: Denk- und Frageverbote schränken Selbständigkeit und Verantwortungsbewußtsein ein. Moralische Absolutheitsansprüche stülpen der Gesellschaft künstliche Werte über. Gerade von politisch Links, wo man sich immer so streitbar für diese Demokratie in die Bresche wirft, wird massiv reguliert und das demokratische Subsidiaritätsprinzip verletzt - nach welchem die Lösung von Problemen und die Wahrnehmung von Verantwortung - d.h. Selbständigkeit und Freiheit - möglichst den untergeordneten Ebenen im Staat überlassen werden sollen.

Da die »political correctness« in Deutschland schnelle Verbreitung und Wirkung zeigt, muß man wohl leider sagen, daß wir Deutschen - ganz wie man uns nach der NS-Zeit vorwirft - tatsächlich immer wieder Gefahr laufen, regulierungssüchtig zu sein; außerdem haben wir offensichtlich ein ziemlich zerstörtes Selbstbewußtsein, weil wir es nicht fertigbringen, ehrlich mit den eigenen Gedanken zu verfahren.

Wir sehen eine besonders verzwickte Seelenlage, denn: Der zu erwartende Zustand der menschlichen Seele wäre ja der, daß Unlustbereitendes gemieden wird. Bei dem oben gezeigten Umgang mit der Vergangenheit sehen wir aber das Umgekehrte: Wut- und Trauerrhetoriker ergötzen sich an Schuldgefühlen und verschließen sich gegen Sachlichkeit und Wahrheit, die solche Selbstkasteiung unnötig machen könnten. Das ist also die Seelenlage der »Politisch Korrekten«: Regulierungssucht, Schuldgefühle und Gedankenscheue.

Diese Seelenlage steht in der Neurologie unter dem Verdacht auf Schizophrenie. Auch die übermäßige Störung des Selbstwertgefühls wird in der medizinischen Fachsprache als »manisch-depressiv« behandelt, gekennzeichnet durch rastlose Aktivität, Ideenflucht und den Drang viel und laut zu sprechen im Wechsel mit Gefühlen der Trauer, Wertlosigkeit und Schuld. (vgl. Philip G. Zimbardo, Psychologie, hg. S. Hoppe-Graff u. B. Keller, Berlin u.a., 5. Aufl. 1992, 515f.)

Und noch etwas ließ sich sich anhand der »Presseclub«-Sendung finden: Als Michael Inacker (Welt am Sonntag) in der Diskussion darauf hinwies, mit der Ausstellung werde doch eine historische Debatte zu politischen Zwecken instrumentalisiert, fragte die (freie) Journalistin Gabriele von Arnim, was für eine Verschwörungstheorie er denn dahinter vermute? Inacker war konsterniert und wußte keine Antwort.

Mit dem Schlagwort »Verschwörungstheorie« wird etwas abgetan, was heutzutage den meisten Menschen als abwegig gilt: daß die als menschenfreundlich geltenden Einwelt- und Multikulturvisionen letzlich ein Mittel ideologischer Gleichschaltung sein könnten. Dabei ist sehr wahrscheinlich, daß ein Totalitarismus wie in Orwells »1984« Realität wird, wenn weiterhin so mit der Geschichte umgegangen wird. Ein solcher Totalitarismus muß nicht einmal unbedingt von einer machtgierigen Gruppe von Mensch verschwörerisch initiiert sein, um als Bedrohung wahrgenommen zu werden. Regulierungssucht, Gedankenscheue und Verantwortungsverlust - wenn sie verbreitet sind - genügen, um Prozesse in Gang zu setzen, die eine freiheitliche Ordnung schnell ins Wanken bringen. Wir wünschen uns einen reiferen Umgang mit der Geschichte.

Gotterkenntnis als Wegweiser für den Umgang mit der Geschichte

In der Vorbetrachtung der Philosophie der Geschichte »Die Volksseele und ihre Machtgestalter« (M. Ludendorff, der Seele Wirken und Gestalten, 2. Teil: Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine Philosophie der Geschichte. Erstauflage 1933 (Seitenangaben im Folgenden nach Ausgabe: Pähl 1955).) von M. Ludendorff heißt es: »wer die Gesetze der Völkergeschichte schauen und anderen übermitteln will, muß von einer klaren, einheitlichen, alles Werden und Vergehen umfassenden philosophischen Erkenntnis ausgehen (...). Ob er auf dem Boden der Tatsächlichkeit steht, muß sich (...) dadurch erweisen, daß er überall im Einklang mit den Tatsachen steht.« (ebd.)

Auch die Geschichtswissenschaft hat zwar Geschichtsphilosophen hervorgebracht, aber nirgends findet sich - wie bei M. Ludendorff - eine umfassende Begründung der Bedeutung von Geschichte an sich für den einzelnen Menschen, für jedes Volk und für die Verständigung unter den Völkern.

Ohne den Hintergrund dieses philosophischen Gesamtgebäudes zerfällt unser Weltbild in tausend und abertausend zerflatternde Einzelgebilde, die unsere Vernunft höchstens nach folgerichtigen Grundsätzen in Gruppen zusammenraffen kann. Das Ergebnis ist die immer größere Zersplitterung in Teilwissenschaften im 20. Jahrhundert.

M. Ludendorff: »Mögen nun aber die Fachwissenschaften nicht wieder denken, ich wollte ihnen in ihre Gebiete reden, ohne die entsprechende Semesterzahl in ihrem Fach studiert zu haben! Der Philosoph muß mehr als irgendein anderer Wissenschaftler in die anderen Gebiete der Wissenschaft hinübergreifen, ohne diesen Gebieten dabei etwas anderes sein zu wollen als eine Anregung, nach diesem philosophischen Gesichtspunkte nun das große Fachwissen zu verwerten und hiernach neu die Forschungsgebiete zu betrachten.« (M. Ludendorff, Die Volksseele und ihre Machtgestalter, Pähl 1955, 225)

Über ihre Grundlagenwerke (Mathilde Ludendorff hat im Rahmen ihres philosophischen Gesamtwerkes diese »Philosophie der Geschichte« verfaßt, der aber grundlegende Werke vorausgehen: »Triumph des Unsterblichkeitwillen« und das dreiteilige Werk: »Der Seele Ursprung und Wesen«: Teil 1: »Schöpfungsgeschichte«, Teil 2: »Des Menschen Seele«, Teil 3: »Selbstschöpfung«.) sagt die Philosophin: »Die Weltanschauung vom göttlichen Willen des Wesens aller Erscheinung aus, die ich in meinen Werken niedergelegt habe, wurde nur möglich, weil in dem Werke ,Triumph des Unsterblichkeitwillens' der weite Weg der Entwicklung vom Einzeller bis zum Menschen hin - von der Seele des Einzelwesens aus nacherlebt wurde. Dann half das Gotterleben in der eigenen Seele den Sinn dieses ganzen Werdens zu erkennen, und dies gab uns Grunderkenntnisse von unerhörter Bedeutung. Wir erkannten den Sinn des Todesmuß des Menschen, seiner eingeborenen Unvollkommenheit, seiner Kraft zur Selbstschöpfung, d.h. des dauernden Einklangs mit dem Göttlichen. Durch diese Grunderkenntnis (...) wurde erst der Standort erreichbar, von dem aus die danach folgenden Werke geschaffen sind (S. 59).«

Von diesem Standort aus erhält also auch der Umgang mit der Geschichte seinen Sinn, er wird erst durch Erkenntnis des Schöpfungszieles in seiner ganzen Tragweite deutlich. Das Ziel der Schöpfung und ihre Erhaltung, liegt in der freiwilligen Verantwortung des einzelnen Menschen, in der Entfaltung der moralischen, »göttlichen« Seelenkräfte des Ichs. Diese sind Mut, Freiheitswille, ernste Verantwortung, Elternliebe, das Gute, Wahre, Schöne und edles Fühlen von Liebe und Haß. Hier liegt die tiefere Bedeutung dessen, was unter menschlicher Würde verstanden wird: Würde als Ausdruck des Gottesstolzes im Ich der Menschenseele entspringt der eigenverantwortlichen Selbstschöpfung des einzelnen Menschen zur Gottnähe (oder selten zum Gotteinklang). Würde ist verinnerlichtes Verantwortungsbewußtsein für die Gotterhaltung im Menschen- und Völkerleben und für die Schöpfung selbst als ihr zugrundeliegendes Ziel. (vgl. Gunther Duda, »Warum Volkserhalung heute?«, Pähl o.J., 19)

Mathilde Ludendorff zeigt in dem dreiteiligen Werk »Der Seele Ursprung und Wesen«, daß aber Gotterhaltung unmöglich würde, wenn nicht zunächst die Erhaltung des Volkes, in das der einzelne hineingeboren wird, sichergestellt ist. Die Erhaltung jedes Volkes ist unverzichtbar für die Schöpfung, weil jede Volksseele unverzichtbarer Helfer zur Gotterhaltung ist. Keine Gotterhaltung ohne Volkserhaltung.

Denn ohne das Rasseerbgut im Unterbewußtsein wäre das Bewußtsein allen Einflüssen widerstandslos preisgegeben. Ein insofern entwurzelter Mensch wählt hilflos bald dieses, bald jenes philosophische und ethische Ideal, er ist - so M. Ludendorff - »eigentlich die Klaviatur, auf der die Umwelt mit ihren Willenssuggestionen und ihrem ,Wissen' spielen kann.« (M. Ludendorff, Selbstschöpfung, a.a.O., 126.) Das Weiterbestehen jedes Volkes sichert ein Gotterleben in den Menschen der Zukunft und eine Gottesbewußtheit der Vollkommenen in der Eigenart jedes Volkes. Deshalb hat die Volkserhaltung eine unverzichtbare Bedeutung auch für den Sinn jedes einzelnen Menschenlebens. Der Einfluß fremder Kulturen ist nur dann abzulehnen, wenn er so weit geht, das arteigene Gotterleben zu verschütten, denn die Begegnung mit anderen Kulturen regt ja die Fähigkeiten des Bewußtseins an und kann Mittel sein zur Erkenntnis der Gesamtaufgabe des Menschengeschlechtes und des tiefen Sinns der Unsterblichkeit der Rassen. (vgl. M. Ludendorff, Selbstschöpfung, a.a.O., 128/129.)

Durch die Notwendigkeit der Erhaltung der Völker kommt dem geschichtlichen Wissen eine Bedeutung zu, die dem Forscher eine große Verantwortung auferlegt und ihm das ständige Bewußtsein des möglichen Irrtums abverlangt. Wie leicht kann die Wahrheitssuche getrübt werden durch den heimlichen Wunsch, bestimmte Vermutungen bewiesen oder widerlegt zu finden, damit sie Weltbild und Gesinnung des Forschers nicht erschüttern, damit ihm die unlustbereitende Aufgabe erspart bleibe, seine bisherigen Überzeugungen neu überdenken zu müssen. Die Liebe zum eigenen Volk mag dazu verleiten, die Vergangenheit zu beschönigen. Schuldgefühle verleiten in das genaue Gegenteil. Wie leicht kann auch das unterbewußte Gemütserleben, das naturgemäß ein ungewisses, vieldeutiges Erleben ist, von der Vernunft fehlgedeutet werden.

Dazu nennt M. Ludendorff ein Beispiel, das vielleicht außerdem veranschaulicht, warum gerade die junge Generation so zögernd zu ihren Werken greift:

»Starker Gottesstolz und das Erkennen, daß Gott in der eigenen Brust lebt, sind sieghafte Wegführer zur Vollkommenheit, aber sie werden im Zwielicht des Bewußtseins oft zu verhängnisvollen Hindernissen des Selbstwandels. Der Norde, und oft gerade der Begabte, schließt sich in früher Jugend leicht der Weisheit der Vorzeit und Mitwelt gegenüber ab. ,Erleuchtung ist in mir', so spricht und glaubt er nur zu leicht in eigenbrödlerischer, vorzeitiger Einsamkeit seiner Vernufterkenntnis über Gott! ,Ich selbst muß mich schaffen', so spricht sein Gottesstolz nur zu wahr, aber die Vernunft geht nur falsche Wege, um dies zu erreichen. Er sperrt sich ab von allem, was nicht selbstgewonnen ist. Fast feindselig steht er jeder im anderen Kopf geborenen Weisheit gegenüber, erschrickt, wenn sie ihn angreift, zieht sich wie gefährdet zurück. Sein Stolz möchte es nicht dulden, einem anderen so viel zu danken!« (M. Ludendorff, Selbstschöpfung, a.a.O., 102/3)

Jedes Rasseerbgut bringt für Wandel und Schöpfung bestimmte Gefahren und bestimmte Erleichterungen mit sich. Insgesamt bleibt also unabhängig von der Art des Rasseerbguts dem Ich freie Wahl zu jeder Art der Selbstschöpfung belassen. Auch diese Kenntnis von den vielfältigen Unterschieden, durch die Menschen und Völker geprägt sind, kann zu einem tieferen Geschichtsverständnis beitragen.

So ergibt sich ein tieferer Sinn für die Geschichtsbetrachtung, der den Weg weist für den Umgang mit der Geschichte. Und dafür muß notwendigerweise erkannt werden, was Geschichte ihrem Wesen nach eigentlich ist. (Also:)

Vom Wesen der Geschichte

Die Menschheitsgeschichte berichtet von verschiedenen Arten der Machtgestaltung und sie lehrt, daß die Volkserhaltung bedroht ist, wenn nicht auch eine entsprechende Machtentfaltung der Völker den Erfahrungen Rechnung trägt und dem entarteten Machtwillen fremder oder eigener Machthaber wehren kann.

Ursache für Machtentartung ist der unvollkommene Selbsterhaltungswille der einzelnen Menschenseele, der schnell begreift, wie sich Lust häufen und Leid meiden läßt, ohne an den sittlichen Grenzen der Rechte und Freiheiten anderer innezuhalten. Im Sinne des Schöpfungszieles muß das Ziel der Machtgestaltung der Völker sein, die Volkserhaltung frei von Gewaltgier oder Selbstpreisgabe und innerhalb sittlicher Grenzen zu gewährleisten. (vgl. M. Ludendorff, Abschnitt: Warum ist Geschichte Machtgestaltung?, in Die Volksseele und ihre Machtgestalter, a.a.O., 189-197)

Und die Selbsterhaltung der einzelnen Völker wird nicht nur durch eine jeweilige Machtentfaltung gesichert, sondern auch durch wichtiges, sinnvoll verwertetes Wissen. Denk- und Urteilskraft müssen als Ersatz für die vollkommenen Erbinstinkte dienen, die den Tieren ihre Arterhaltung sichern.

Machtentfaltung und Wissen sichern die Selbsterhaltung eines jeden Volkes.

Wie das Handeln Willensausdruck des Handelnden ist, so ist Geschichte Willensausdruck der Geschichtegestalter. Deshalb ist die Kenntnis davon, wie verschieden der Wille der Machgestalter seinem Wesen nach beschaffen sein kann, unerläßlich für ein tiefes Verständnis von »Geschichte«. Über die unterschiedlichen Willensbeschaffenheiten der Einzelseele läßt sich nachlesen in M. Ludendorffs Werk »Des Menschen Seele«, und die Anwendung dieses Wissens für das Verständnis von Geschichte findet sich in »Die Volksseele und ihre Machtgestalter« und sei zur Lektüre nicht nur jenen ans Herz gelegt, die sich mit Geschichte befassen.

Die Philosophin zeigt ausführlich die Wirkung der verschiedenen Kraftquellen des Willens: den »unvollkommenen Selbsterhaltungswillen« des Bewußtseins, durch den der Machtwillen folgenschwer entartet; den »vollkommenen Selbsterhaltungswillen der Volksseele«, der segensreiche Hilfe zur Volkserhaltung ist; den »Charakter«, der als dauernde Willensausrichtung jedes Handeln prägt; und das »gotterfüllte Ich«, das dem vielen Unmoralischen in der Geschichte den Reichtum an göttlichem Gehalt edelster, heldischer Taten entgegensetzen kann. (M. Ludendorff, Abschnitt: Der Wille als Schöpfer der Geschichte, in: Die Volksseele und ihre Machtgestalter, a.a.O., 198ff.)

Je nachdem, aus welcher Kraftquelle Geschichte gestaltete wurde, zeigt die Geschichte dann entsprechende Merkmale: den entarteten Machtwillen als »Imperialismus« oder »Pazifismus«, oder selbstverständliche sittliche Wehrhaftigkeit und Friedensliebe; die Rasseverherrlichung oder ihre Unterschätzung, oder gegenseitige Achtung und Verständigung unter den Völkern.

Vor allem der Seelenmißbrauch ist als Mittel zur Macht wohl die meistangewandte Quelle der Geschichtegestaltung gerade im 20. Jahrhundert. Und gerade da wird der Umgang mit der Vergangenheit ungemein bedeutsam. Sie dient der Beurteilung der gegenwärtigen Lage, sie zeigt dem Volk seine Feinde im Inneren und Äußeren, sie hält ihm seine Schwächen und Stärken vor Augen, sie lehrt aus den Erfolgen und Mißerfolgen. Der Umgang mit der geschichtlichen Erfahrung in jedem Volk ist sein Wegweiser in das zukünftige Schicksal.

Ganz unheilvoll muß sich das Verfälschen oder Vergessen der Geschichte auswirken. Unverantwortlich handelt eine Staatsregierung, die das Fach Geschichte in den Schulen vernachlässigt oder gar aus den Lehrplänen streicht. Und bedrohlich ist der Zustand, in dem geschichtliches Wissen nicht mehr selbstverständlich der Allgemeinbildung des Staatsbürgers abverlangt wird, sondern in dem Geschichte zum bloßen Hobby Einzelner verkommt. Es genügt durchaus nicht, wenn nur einzelne aus besonderem Interesse über geschichtliches Wissen verfügen, denn die entsprechende Machtgestaltung des Volkes, die aus diesem Wissen geboren werden soll, muß von der Gemeinschaft entschieden und einsichtig getragen werden.

Seelenmißbrauch als Geschichtegestalter

Im Umgang mit Geschichte genügt es also auch nicht, über bloßes Fachwissen zu verfügen. Unerläßlich für die Volkserhaltung ist die Beurteilung des Vergangenen, die Auswertung der Erfahrung. Die Frage, warum etwas geschehen oder getan worden ist, ist ja immer die drängenste und auch schwierigste in der Geschichtsforschung. Häufig bleibt sie gerade deshalb unbeantwortet, weil die Einsicht in die verschiedenen Willenswesenheiten fehlt, die Geschichte gestaltet haben und vor allem: die sie weiterhin gestalten werden. Ohne eine Kenntnis von den Gesetzen der menschlichen Seele, ist eine Einschätzung und Beurteilung der überlieferten Tatsachen erschwert.

Außerdem fehlt der Geschichtsforschung die Einsicht, daß gerade im 20. Jahrhundert, im Zeitalter der Ideologien, Seelenmißbrauch ein wesentlicher Geschichtegestalter war und ist. Ideologien werden selten von ihren Zeitgenossen, sondern immer erst von der Nachwelt als solche erkannt. Faschismus und Stalinismus wurden entlarvt, selbst dem Sozialismus kann heute mehr denn je gewwehrt werden. Aber die verbreitete Unkenntnis über die Seelengesetze verhindert die Einsicht, daß immer wieder neue Ideologien entstehen und immer wieder neue Spielarten des Seelenmißbrauchs die Völker zu entarteter Machtgestaltung verführen.

Die Erkenntnisse über die menschliche Seele führten dagegen Mathilde und Erich Ludendorff zu dem Wissen, daß hier schreckliche Mittel und Wege offenstehen, die Völker zu verleiten und zu beherrschen. M. Ludendorff schrieb über die Räterevolution 1919: »Blind war ich schon lange nicht mehr, war aber ebenso wie andere Deutsche geradezu besessen von einer stets wieder neu zweifelnden Gewissenhaftigkeit, die so Schreckliches, so Hinterlistiges nicht glauben kann, die immer wieder neue Beweise verlangt, ehe es ihr wirklich zur Tatsache wird.« (zit. nach: Franz v. Bebenburg, Abwehrkampf gegen religiösen Irrwahn und Durchbruch zum Sinn der Schöpfung, in: »Hoch über der Zeit und dem Raume« (Vorträge über die Philosophie Mathilde Ludendorff und ihre Bedeutung für Gegenwart und Zukunft, gehalten anläßlich des 100. Geburtstags der Philosophin), Pähl 1978, S. 25.) Diese »zweifelnde Gewissenhaftigkeit« im Umgang mit der Geschichte ist es, die anhand der Seelengesetze beide Ludendorffs zu der schwerwiegenden Einsicht führte, daß der schrecklich entartete menschliche Machtwille dazu fähig ist, hinter den Kulissen eine Art von Geschichtegestaltung zu betreiben, die sich das zarte Geflecht der Menschenseele mißbrauchend, freiheitsverachtend zunutze macht.

Mittel und Wege solchen Seelenmißbrauchs beschrieb M. Ludendorff in ihrem Buch »Induziertes Irresein durch Okkultlehren«. Und Erich Ludendorff zeichnete in »Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren« diese Art von Geschichtegestaltung im Einzelnen nach.

Überall wo Machtentfaltung nicht an den sittlichen Grenzen innehält, überall wo die Politik sich nicht die natürlichen Grenzen des Sittengesetzes auferlegt, überall wo man die Wahrheit zu bestimmten Zwecken beugt und wo ein unheilvolles Sendungsbewußtsein im Namen einer »höheren Kultur« fremde Werte daherbringen will, überall wo Dogmen die Gedankenfreiheit in die Knie zwingen - überall dort findet Seelenmißbrauch statt, wo Völker und Menschen sich nicht in freier Selbstbestimmung seelisch entfalten dürfen.

In die Reihe der Mittel zum Seelenmißbrauch gehört auch die heutige »politische Korrektheit«, die ja Anlaß zu dieser Gesamtüberlegung war. Sie ist als Seelenmißbrauch erkennbar, daß sie in Form von Suggestionen Worte und Werte einbleut und durch Formung des Gewissens mit Schuldgefühlen die Gedankenfreiheit beschneiden will. »Politische Korrektheit« zerstört die innere Harmonie des Handelns und Denkens, denn gehandelt und gedacht werden soll entweder nach der Fremdethik (wobei das dumpfe Gefühl bleibt, dabei die eigene Seele zu zerbrechen) oder mit »schlechtem Gewissen«, weil die gelehrte Ideologie das Handeln zum Wohle des Volkes tadelt. »Politische Korrektheit« ist ein Mittel der Eine-Welt-Ideologie, den Irrtum zu lehren, daß das Volkstum zu überwinden sei, weil der »Fortschritt« nur noch einander gleichende und rührselig »sich verstehende Menschen« kenne. Suggestion ist dabei z.B. die dauernde Vor- und Nachbetung des Schlagwortes von den »ganz gewöhnlichen Deutschen« als »Hitlers willige Vollstrecker«.

Anhand der Erkenntnisse M. Ludendorffs können wir mit Sicherheit sagen, daß die Entartung Einzelner hin zu einem grausamen Vollstrecker nationalsozialistischer Verbrechen ihre seelengesetzlichen Ursachen in der seelenverderblichen NS-Ideologie hatte, keinesfalls aber notgedrungen im Volkscharakter des Deutschen schlechthin angelegt ist. Das Verständnis der Seelengesetze durch die Werke M. Ludendorffs kann zweierlei für den Umgang mit der Geschichte beitragen: Es bewahrt den Betrachter der Geschichte vor der bloßen bestürzenden Lähmung angesichts grausamer Verbrechen, einer Lähmung, die sich mit der »Politischen Korrektheit« breitmacht und in Schuldgefühlen verharrt, ohne sich an die Ursachenforschung heranzuwagen. Denn die NS-Verbrechen sind durchaus erklärbar, und moralisch nichtsdestoweniger verabscheuungswürdig. Der Nationalsozialismus ist eines der aufrüttelndsten Beispiel dafür, wie vernichtend und verheerend ideologischer Seelenmißbrauch geschichtlich wirken kann - und eine dringende Mahnung, wie unentbehrlich gesunde Seelenkräfte in einem Volk sind. Es ist umso erschütternder, daß die Warnungen und Sorgen beider Ludendorffs bei ihren Zeitgenossen so wenig Gehör fanden, da sie doch fundierte Erkenntnis boten, aufgrund derer jeder den Schrecken hätte voraussehen können.

Befinden wir uns nicht heute in einer ähnlichen Lage? Was ist wohl von einer okkult-ideologischen Heilslehre zu erwarten, die lehrt, daß die menschliche Seele wie ein Stein behauen und geformt werden und in eine Paßform gebracht werden müsse, die sich in eine einheitliche Welt fügen läßt? Seelenmißbrauch gehört geradezu zum Grundrezept der humanistischen Ideologie von »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«. Ihre »Freiheit« bedeutet Sklaverei; denn sie will die rührselige Utopie von der »Brüderlicheit aller Menschen« erreichen, indem sie die sittlichen Grenzen der Selbstbestimmung verletzt. Völker und Menschen, die sich in Freiheit selbst bestimmen, würden niemals in Gleichheit, sondern in Vielfalt miteinander leben. Der »humanistische« Aberglaube bringt alles andere als »Weisheit und Frieden«, sondern ist reinster Seelenmord, denn: zwanghafte »Gleichmacherei« bedeutet Abtötung notwendiger Denk- und Urteilskraft, die die Seele allen Arten von Suggestionen hilflos ausliefert und mit wahrer »Freiheit« rein gar nichts zu tun hat, und das hat auch wahrlich nichts von »Brüderlichkeit«, denn es bedeutet Preisgabe aller Willenskräfte im Ich: Preisgabe sittlicher Freiheit, Selbstbestimmung und Verantwortung, Preisgabe von Gottesstolz und schöpferischer Kraft, kurz: die Aufgabe aller Menschenwürde. Die Ein-Welt-Ideologie beruht auf dem naiven und unheilvollen Irrtum, daß die Vielfalt der Kulturen und Lebensgestaltungen Ursache sei für den Unfrieden in der Welt. Ein Irrtum, der zudem den tiefen Sinn der menschlichen Unvollkommenheit völlig verkennt. Solange die Menschheit in diesem Unwissen verharrt - auch das zeigt die Geschichte bis in unsere Gegenwart hinein - werden immer wieder Ideologien, Religionen, werden also Utopien entworfen werden, die lehren wollen, daß die Völker Frieden und die Menschen Vollkommenheit erreichen könnten, wenn sie nur alle auf die eine bestimmte Weise dächten, glaubten und handelten. Erich Ludendorff schrieb 1936:

»Kriegshetze und Völkermorden ... werden weitergehen, so lange nicht die Völker die überstaatlichen Mächte, ihr Wollen und Wirken, ihre Hilfsmittel und vor allem das Unheil der Christenlehre, sowie anderer Religionen und der auf christlichen Grundlagen vollzogenen Lebensgestaltung und Wirtschaftsordnung der Völker und der seelischen Vergewaltigung des einzelnen Menschen erkannt haben und nun das Große annehmen, das meine Frau ihnen (...) gab. Nur so können Menschen und Völker sich selbst zurückgegeben werden, und die Völker ihre eigene Geschichte gestalten in Achtung vor den Lebensrechten anderer Völker. Gewiß hat das Durchsetzen dieser Gedanken noch weite Wege. Auf lange Zeit hinaus herrschen noch die überstaatlichen Mächte, stehen in den Völkern die Volksgeschwister sich erbittert gegenüber und in der Welt die Völker. Lange noch werden die Einflüsse [der Überstaatlichen] entscheidend in die Geschichte eingreifen, aber einmal müssen die Völker beginnen, zu sich selbst zurückzufinden, oder - alle Menschen und Völker verderben im (...) Kollektiv (...) okkulter Wahnlehren.« (Erich Ludendorff, Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren, München 1936, 171/72.)

Immer wieder ergibt sich aus den Werken beider Ludendorffs, daß die dringendste Aufgabe war, ist und bleibt: die Bekämpfung des Seelenmißbrauchs und die Stärkung der seelischen Widerstandskräfte.

Die Geschichte bietet in dieser Hinsicht ein weites Feld an Lebenserfahrung. Wenn die Geschichte als die »Krone der Geisteswissenschaften« bezeichnet wird, dann liegt darin wohl eine Ahnung von der heilsamen Weisheit, die sie den Völkern zukunftweisend mitgeben möchte. Wenn nur der Forscher nicht von der unermüdlichen Wahrheitssuche abirrt, wenn nur die Menschenwürde sich Gedankenfreiheit erkämpft und nicht abläßt von der wohltuenden, »zweifelnden Gewissenhaftigkeit« im Umgang mit der Geschichte.

Auch im Umgang mit der Gegenwart ist diese zweifelnde Gewissenhaftigkeit gefragt. Denn die Geschichte lehrt durch die Jahrhunderte, daß zwar die Zeiten sich ändern, aber nicht die Seelengesetze, nach denen die Menschen handeln, denken und fühlen. Und deshalb wissen wir: daß die Welt zwar nie gut ist, aber daß sie - ohne Seelenmißbrauch - besser werden könnte! Für die Geschichte gilt, was Schiller über Wissenschaften und Künste schrieb: »Der politische Gesetzgeber kann ihr Gebiet sperren, aber darin herrschen kann er nicht. Er kann den Wahrheitsfreund ächten, aber die Wahrheit besteht.«

Denn so schreibt Mathilde Ludendorff: »Erhaben über die Zeit, die es währt, bis auch die Gotterkenntnis an der Geschichte der Völker mitgestaltet, macht sie die Träger der Idee so verantwortungsbewußt für die Schicksale ihres Volkes, daß sie sich wahrlich nicht am Selbsterleben der Erkenntnis genüge tun oder sich am erlittenen Leid für die Überzeugung berauschen, sondern erfüllt mit dem heiligen Willen zur Macht wider das Gemeine. Das aber wiederum bewirkt es, daß jeder Träger der Überzeugung belastet ist mit der Verantwortung, durch sein Verhalten und sein Tun die Zeit, bis die Erkenntnis siegt, abkürzen oder verlängern können.

Die Wahrheit siegt! Gewiß sie siegt! Doch wann und wie sie dies vermag, darüber bestimmst du mit und du allein, nicht die Gegner!« (Mathilde Ludendorff, »Wie siegt die Wahrheit?«, wiedergedruckt anläßlich ihres 104. Geburtstages in Mensch und Maß, 9.10.1981, 865ff.)

Zum Seitenanfang