Vom November - zum November

Von Erich Ludendorff (1933)1)

Im Worte November liegt die Zahl 9. Sie ist die heilige Jahwehzahl im jüdischen und kabbalistischen Aberglauben.2) 9 ist die Quadratzahl von 3, d. h. drei mal drei. Der Kubus stellt in dem Aberglauben der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, jetzt "Deutschchristlicher Orden der Tempelherren"genannt, Jehowah, den Gott der Christen, dar. Der 9. November, der also die Zahl 9 im kabbalistischen Aberglauben zweimal enthält, gilt für alle Occulten und Kabbalisten Jahweh geweiht. So ist deren Aberglauben nicht etwa meiner. Aber dieser Aberglauben ist nun einmal für die Geschichtegestaltung bedeutungsvoll, denn die Juden und die christlichen Kabbalisten handeln gern an solchen Jahweh geweihten Tagen.

Am 26. Oktober 1918 war ich auf Drängen des Kriegskabinetts entlassen worden. Es jauchzte auf, als es die Mitteilung erhielt, daß der irregleitete Kaiser, der glaubend gemacht ward, sich mit Hilfe der Sozialdemokratie ... sein Reich neu aufbauen zu können, mich entlassen hatte und General v. Hindenburg geblieben war.

Nun konnte am 27.10. die vierte Note an Wilson gehen, die die bedingungslose Unterwerfung Deutschlands den Feinden anzeigte und den Triumph der Glaubensmächte und ihrer Helfershelfer, der Hochgradbrr und des occulten und satanistischen Anhangs vollendete:

"Die deutsche Regierung hat von der Antwort des Präsidenten der Vereinigten Staaten Kenntnis genommen. Der Präsident kennt die teifgreifenden Wandlungen, die sich in dem Deutschen Verfassungsleben vollzogen haben und vollziehen." (Der Kaiser war nämlich unter dem Druck Wilsons ... seiner Macht entkleidet, die konstitutionelle Monarchie abgeschafft und die "Demokratie" im vollen ausmaß in das deutsche Verfassungsleben eingeführt worden.) "Die Friedensverhandlungen werden von einer Volksregierung geführt, in deren Händen die entscheidenden Machtbefugnisse tatsächlich und verfassungsmäßig ruhen. Ihr sind auch die militärischen Gewalten unterstellt..." (Diese unterstanden bisher dem Obersten Kriegsherrn, dem Kaiser und König von Preußen, bzw. Landesfürsten.) "Die deutsche Regierung sieht nunmehr den Vorschlägen für einen Waffenstillstand entgegen, der einen Frieden der Gerechtigkeit einleitet, wie ihn der Präsident in seinen Kundgebungen gekennzeichnet hat.

Gez. Solf, Staatssekretär des Auswärtigen Amts."

Diese vierte Note an Wilson brachte mir, als ich sie las, die Schamröte ins Gesicht. Die deutsche Regierung wußte sehr wohl, wie der "Frieden der Gerechtigkeit" aussehen würde. Aber die "Revolution von oben" hatte ihr Ziel erreicht und Weiteres hoffte sie noch zu erreichen. "Gerechtigkeit" bedeutete...: Vergewaltigung freier Völker und freien Denkens.

Es folgten sehr bald die Matrosen-Meutereien. Aber es fand auch am 5. November jene Sitzung der Staatssekretäre statt, in der General Gröner nach den amtlichen Urkunden zur Vorgeschichte des Waffenstillstandes erklärte:

"Was wir von der Heimat fordern, ist nicht Kritik und Polemik, sondern Stärkung und Stählung von Herz und Seele, wenn nicht schleuniger Wandel geschieht, richtet die Heimat das Heer zu Grunde, das habe ich pflichtgemäß hier zu erklären. Ebenso hat mich der Generalfeldmarschall beauftragt in der Frage der Abdankung des Kaisers wörtlich zu erklären, daß er sich für einen Schuft hielte, wenn er den Kaiser dazu veranlassen würde, und so, meine Herren, denke ich und alle ehrliebenden Soldaten. Wie sollten die Tausende und abertausende von tapferen Offizieren und Soldaten den Entschluß zum Opfertode finden, wenn in ihre Herzen und Gewissen Zwiespalt hineingetrieben wird... Hört die hetze gegen den Kaiser nicht auf, so ist das Schicksal des Heeres besiegelt..."

Und dann kam am 9. November, an dem sich die Revolution in Berlin und im Großen Hauptquartier von Spaa durchsetze.

Das Volk wurde zu diesem Zweck in Berlin von Jahweh und Papst auf die Straße geführt. Das Volk muß ja immer herhalten, wenn diese Mächte ihre Ziele erreichen wollen. Der Hochgradbr Prinz Max von Baden benutzte nun die Lage und erklärte den Kaiser für abgesetzt, und im Hauptquartier in Spaa wurde dem Kaiser auf Grund einer Stellungnahme von einigen zusammengerufenen, schlecht unterrichteten Offizieren die Treue des Heeres aufgesagt und ihm von General v. Hindenburg der Rat gegeben, nach Holland zu gehen, wie das alles aktenmäßig feststeht. Nach der Einführung von Soldatenräten im Heere durch die Oberste Heeresleitung und die Einrichtung von Soldaten- und Arbeiterräten in der Heimat hatte nun die Revolution freie Bahn, die allein durch den Sozialdemokraten Ebert, dem sich Offiziere und Mannschaften, auch Zeitfreiwillige, zur Verfügung stellten, gehindert wurde, in das bolschewistische Fahrwasser zu münden und die nun die "Demokratie" gebar. ... Dieses Wirken von Jahweh und Rom liegt in voller Klarheit vor mir. Ich betone: auch Roms! Denn Rom wird ja nur zu oft zu nennen vergessen. Für Rom war die "Demokratie" allein der Übergang zum autoritären Gottesstaat, dem Königtum Christi und seines Stellvertreters, des Papstes, das es nun einzurichten galt.

Dieses furchtbare Ende der gewaltigen Anstrengung des deutschen Volkes und des deutschen Heeres war die Ursache, die mich dazu trieb, meine tiefen Einblicke in das weltgeschichtliche Geschehen zu gewinnen.

Damals zunächst war ich "national" und erhoffte von dem Kapp-Unternehmen eine Änderung unserer Lage. Heute weiß ich, daß das Kapp-Unternehmen diese Änderungen nicht gebracht hätte, und habe auch keinen Zweifel, daß es hervorgerufen wurde - nicht etwa von Herrn Kapp und seinen Freunden, sondern letzten Endes deshalb, um den nationalen Willen des deutschen Volkes zerschlagen zu können, was indes nicht gelang.

In München, wo ich seit August 1920 wohnte, lernte ich nun sehr bald das Treiben der Bayerischen Volkspartei und immer weitergehender des Zentrums kennen. Ich forschte in der Vergangenheit und gab mich keinem Zweifel über die Tatsache hin, daß beide Parteien in ihrer Politik einheitlich von Rom aus, d. h. vom römischen Papst und dem Jesuitengeneral, mit dem Ziel geleitet würden, die Deutschen in seinem "Gottesstaat" des römischen Papstes verschwinden zu lassen und dabei ihnen vollends ihre Eigenart und jede freie Entwicklungsmöglichkeit zu nehmen.

Mit schwerer Sorge erkannte ich, wie die irregeführten Norddeutschen in Bayern und in München die "deutsche Ordnungszelle" sahen, und wie sie blind waren, gegen die ungeheuerlichen Gefahren, die von dort aus den Bestand des Deutschen Reiches gefährdeten. In meiner Rede in dem völkischen Prozeß gegen Herrn Hitler und Genossen, unter denen ich mich ja damals befand, vom 29.2.1924 in München, ... habe ich die Gefahren geschildert, die durch Rom und seine Gefolgsleute in Deutschland, die durch ihren Glauben gezwungen sind, mit dem römischen Papst "zu fühlen", heraufbeschworen wurden. Es war ja letzten Endes nichts anderes, wie die ungeheuerliche Absicht, Hannover, Westfalen und die Rheinprovinz, Hessen, Baden, Stuttgart und Bayern, sowie Schlesien aus dem deutschen Reichsverbande zu trennen und mit Österreich zu einem katholischen Staat unter Frankreichs Gnaden zusammenzuschließen, das sich damals in römischen Händen befand. Ich führte dabei u. a. aus:

"Dazu traten immer wieder die separatistischen Bestrebungen unverhüllt auf. So schreibt die italienische Zeitschrift »Politica« im März 1923:

,Das Ziel Frankreichs und seiner Agenten war ein katholisches, monarchistisches Alpenreich unter dem Kronprinzen Rupprecht, bestehend aus Bayern, einem Teile Württembergs, der Pfalz und dem Rheinland. Damit wären etwa 15 Millionen Deutsche von Preußen getrennt worden.‘

Daß diese Angabe nicht so sinnlos war, geht schon aus dem Bisherigen hervor. Scharf wurde sie beleuchtet durch den Leoprechtingprozeß im Mai 1922 und vor allem durch den Landesverrat Fuchs-Machhaus-Kühles. (Das waren die armseligen, von Rom vorgeschobenen Verschörer.) Ich hatte im Februar 1923 verschiedenes unklar gehört, ich konnte nichts damit anfangen. Ich sah erst klar, als sich Kühles am 6. März erschoß, der gesagt hat, ein Franzose von hinten sei ihm lieber, als ein Preuße von vorn. Für mich war es tief erschütternd, mit welchen Ehren dieser Landesverräter beigesetzt wurde. Die katholische Geistlichkeit, die sonst gegen jeden Selbstmörder ihr Herz verschließt - begleitete diesen Mann - zur ewigen Ruhe kann man nicht sagen.

Das und die ganze Behandlung des ungeheuerlichen Landesverrates in der öffentlichen Meinung leißen in mir die Gewißheit entstehen, daß hinter den Landesverrätern andere Kräfte standen...

In dem Angebot, das Herr Richert (der französische Agent) gemacht hatte, kam wieder der teilweise Anschluß an Bayern und diesmal durch Schaffung eines europäischen Völkerbundes unter dem protektorat Frankreichs vor, das an der Ruhr stand und nun Bayern mit einbeziehen wollte. Bayern sollte Anlaß zum Einmarsch nach Mitteldeutschland gegeben werden, wo Frankreich einen bolschewistischen aufstand erregen wollte. Man zeigte damit Bayern, wohin es sich vergrößern könnte. Anfang Mai erschien in der Presse folgende Äußerung eines bayerischen Ministerialrates:

,Die Minister v. Knilling, Schweyer und Matt wären für einen Zusammenschluß Bayerns und Österreichs. Nur die Frage sei noch offen, ob ein bayerischer oder österreichischer Fürst den Thron besteigen solle. Minister Schweyer habe bei seiner Pfalzreise darüber mit dem französischen General de Metz verhandelt und die Zustimmung der Franzosen erhalten. Hinter diesem Plan stünden auch Kardinal Faulhaber und der Papst. ...‘

Der ,Bayerische Kurier‘ plädierte für eine gerichtliche Klarstellung. Der ,Völkische Beobachter‘ sprach die Erwartung aus, daß dieser Weg nie beschritten werde und so traf es auch ein.

Die Schaffung eines machtlosen Deutschlands, später unter Zerschlagung Preußens, war zugleich der Ausfluß ultramontaner Politik, wie man sie seit der Reichsgründung im Jahre 1871 verfolgen kann."

Mit dem Erkennen dieser aus dem Wesen Roms entspringenden und immerwährenden Gefahren war es selbstverständlich für mich, daß ich mich ihnen gegenüberstellte. In meiner Rede führte ich aus:
"In demselben Maße wie ich Einblick in die hier kurz skizzierten Vorgänge gewann, war es mir Pflicht, auf Abhilfe zu sinnen. Die Erscheinung des Weltkrieges und der Nachkriegszeit hatten mir gezeigt, welche volksfremden Elemente unseren Niedergang herbeigeführt hatten. Ich hatte die internationalen Kreise, ihr starkes, politisches Wollen kennenlernen und ihr erfolgzersetzendes Gebahren vorfolgen können. Ich hatte die Ansicht gewonnen, daß das Volk widerstandsfähig gegen die internationalen Einflüsse gemacht werden müsse. Das Mittel hierzu erkannte ich in der völkischen Freiheitsbewegung." ...

Wie sehr meine Besorgnisse über die Zerstörung des Reiches durch Rom gerechtfertigt waren, geht jetzt aus den Schriften hervor, die F. Walter Ilges unter der Überschrift:

"Hochverrat von Zentrum und Bayerischer Volkspartei 1918-1933" in dem Sonderhefte: "Enthüllungen über die französisch-bayerischen Pläne zur Aufteilung des Deutschen Reiches und Errichtung eines Donaustaaten-Bundes" (mit einer Karte und Urkunden in Photographie) herausgibt.3)

Leider stellt Ilges den wichtigsten Tatbestand nicht fest, den ich in meiner Rede hervorhob, daß diese römischen ultramontanen Parteien durch ihre Führer lediglich den Weisungen des römischen Papstes gefolgt sind. Rom war der Urheber dieser reichszerstörenden Politik, die vollständig seinen Zielen entspricht und, wie ich nochmals feststelle, immer folgerichtigerweise entsprechen muß, es sei denn, daß sein "Totalitätsanspruch" durch uns Deutsche willig anerkannt wird.

Ich will aus der Schrift nur einen kurzen Abschnitt wiedergeben, der die Berechtigung zu meiner Stellungnahme von damals nachweist:
"Zahlreiche Besprechungen zwischen Oberst Richert und den damals Verschworenen hatten seit Herbst 1922 in München, Stuttgart, Mainz, Wiesbaden, Frankfurt/Main und Saarbrücken stattgefunden. Geplant war die künstliche Erregung eines Arbeiteraufstandes in Thüringen, der Frankreich den Anlaß geben sollte, die Linie: Weser, Langensalza, Würzburg, Nürnberg, Donaueschingen zu besetzen und damit Deutschland vom Norden zu trennen. Die Truppen hierfür waren ... im Griesheimer Lager schon bereitgestellt. Gleichzeitig sollten die Tschechen von Osten her in Deutschland einrücken, Sachsen besetzen und anmarschierende, norddeutsche Truppen binden. (Nach Zeitungsnachrichten sollen die Tschechen Anfang Februar 1923 tatsächlich schon einmarschbereit an der deutschen Grenze gestanden haben, und zwar auf Grund des französisch-tschechischen Geheimvertrages vom 8. November 1921, dessen Artikel 10 bestimmte, daß die tschechoslowakische Regierung im Einvernehmen mit Frankreich wirtschaftspolitische und militärische Schritte gegenüber Deutschland zu übernehmen habe, ,falls die Regierung der Republik Frankreich eine Gefährdung des mitteleuropäischen Friedens feststellen sollte‘.4)

Die Aktion, deren Ausbruch für den 20. Februar 1923 festgesetzt war (im Januar war der Einmarsch in das Ruhrgebiet erfolgt) sollte unter dem Vorwand einer abwehrmaßnahme gegen den Bolschwismus (dieser Trug sollte die geplante Maßnahme den Deutschen mundgerecht machen) die endgültige Abtrennung Süddeutschlands vom Reich durchführen."

Nein, ich hatte mich in meinen schweren Beschuldigungen gegen Rom in meiner Rede nicht getäuscht, sie waren nur zu wahr. Die ganzen Zusammenhänge zwischen den Glaubensmächten werden durch das Entrüstungstelegramm des früheren Stalin Preußens, Herrn Otto Braun, über meine Rede nach Rom voll beleuchtet, denn er war in diese Pläne ebenso wie Herr Stresemann als Reichsminister des Auswärtigen voll eingeweiht.5)

Ich kann nicht näher hierauf eingehen. Der Raum fehlt mir. Aber ausgesprochen kann werden, daß durch den 8. Und 9. November 1923 diese Pläne einen entscheidenden Rückschlag erhielten, zumal durch die Einführung der Rentenmark, die am 9. November abends unter dem Eindruck der Vorgänge in München von den erschreckten überstaatlichen Mächten beschlossen wurde, die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland sich besserten und die Gährung im Volke sich legte.

Rückblickend steht heute in mir fest, daß den Schlag gegen die völkische Bewegung an erster Stelle Rom geführt hat. Auch zweifle ich rückblickend nicht mehr daran, daß auch hinter den im November 1923 handelnden Personen aus dem Verborgenen heraus und unkenntlich Kräfte wirkten, um dann wie 1920 die nationale, so im November 1923 die völkische Bewegung zu ersticken. Mit Recht aber konnte ich ausführen:

... "Wir wollen nicht einen Rheinbund von Frankreichs Gnaden, nicht einen Staat unter dem Einflusse marxistischer oder ultramontaner Gewalten, sondern ein Deutschland, das nur den Deutschen gehört, und darin nichts herrscht als deutscher Wille, deutsche Ehre und deutsche Kraft! Einen Hort des Friedens - so wie zu Bismarcks Zeiten."

Diesen Zielen bin ich nachgegangen. Sie wurden noch vertieft durch die Erkenntnisse, die mir meine Frau brachte. Ich habe sie dann später in "Meinen Kampfzielen" zusammengefaßt und damit aus dem Rasseerwachen des Volkes die letzten Schlußfolgerungen gezogen, daß jedes Volk als Rassepersönlichkeit sein arteigenes Gotterkennen und aus ihm und seinem Rasseerbgut sein Leben zu gestalten hat.

Der Bund, der für die politische Kampfdurchsetzung solcher Gedankengänge wirken sollte, ist indes im November 1933 im Deutschen Reich ebenso verboten wie der völlig unpolitische Bund "Deutschvolk", der bestimmt war, den Deutsch-Gottgläubigen verfassungsmäßige Rechte zu sichern, wie sie Christen als Mitglieder christlicher Kirchen und Juden als Mitglieder ihrer Religionsgemeinschaft genießen. Ich zweifle nicht, daß die gewaltige Idee von der Einheit von Rasseerbgut, Glaube, Recht, Kultur und Wirtschaft bestimmt sein wird, dem Volke Volkstum, Wehrhaftigkeit und Wohlfahrt zurückzugeben.

Andere Teile der völkischen Freiheitsbewegung des Jahres 1923 sind bisher andere Wege gegangen. Sie herrschen heute autoritär in Deutschland.

Rom indes hat seinen "Totalitätsanspruch" - so meint der Jesuit Ivo Zeiger in den "Stimmen der Zeit" - im Reichskonkordat auf das deutsche Volk aufrechterhalten.


Anmerkung der Schriftleitung:

Noch zweimal in diesem Jahrhundert sollte das Kubus-Datum des 9. November zu "Schicksalstagen" in der deutschen Geschichte werden:

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 befahl Goebbels der SA, wegen der Ermordung des deutschen Botschaftssekretärs von Rath durch den Juden Herrschel Grynspan einen "Volkszorn" gegen in Deutschland lebende Juden zu entfesseln. Jüdische Geschäfte, Privathäuser und Synagogen wurden zerstört. Die durch die Straßen tobenden, u. a. mit Brandsätzen bewaffneten Nationalsozialisten ermordeten zudem im Verlauf der Nacht 91 Menschen. Diese Nacht begründete die systematische Judenverfolgung in Deutschland, womit der nationalsozialistische Staat sich über die Normen des allgemeinen Sittengesetzes hinwegsetzte.

Wiederum an einem 9. November - des Jahres 1989 - öffnete die DDR-Führung die Berliner Mauer und anschließend die deutsch-deutsche Mordgrenze, die zuvor das Land geteilt hatte. Ohne Zweifel ein glücklicher Moment.

Bei aller Freude darf jedoch nicht übersehen werden, daß die Überwindung des Ost-West-Gegensatzes zur Verwirklichung des alten Traums der überstaatlichen Mächte führte, Europa zunächst nur bis zur Oder, in naher Zukunft jedoch noch weiter nach Osten, mit den Maastricht-Verträgen zu jenem "Paneuropa" umzugestalten, von dem diese seit Beginn des 20. Jahrhunderts träumen.

Die alten Mächte sind noch immer am Werk, auch wenn sie sich heute in andere Gewänder kleiden.